One
Rishiana:
Wie so oft fand man mich am großen, dunklen Esstisch des Palastes, wo der Kerzenschein matte Schatten über die hohen Wände warf. Ich sehnte mich nach einem Augenblick Ruhe, doch der Frieden, den ich mir wünschte, war wie immer nur eine Illusion.
„Ich habe für dich einen neuen Verlobten gefunden“, erklang die Stimme meines Vaters, so kalt und bestimmend wie Stahl. Ohne seine Zeitung ganz sinken zu lassen, hob er den Blick und traf mich mit Augen, die so leer waren, dass sie an Tote erinnerten. Ein unsichtbares Gewicht legte sich auf meine Brust. Innerlich seufzte ich, äußerlich aber zwang ich meine Lippen in ein sanftes, gehorsames Lächeln.
„Das freut mich, Vater“, erwiderte ich mit einer Freundlichkeit, die mir fast selbst weh tat. Mein Bruder Artheon, stets der Erste, wenn es galt, Gift zu verspritzen, lachte auf, scharf wie ein Messerhieb. „Meinst du nicht, es reicht langsam? Vielleicht ist meine arme Schwester einfach nicht heiratstauglich.“ Seine Stimme triefte vor Hohn, und sein Blick bohrte sich in mich wie eine Klinge, die er nur zu gern ins Herz gestoßen hätte.
„Deine Schwester wird ihren perfekten Verlobten finden“, schnitt mein Vater kühl zurück. „Immerhin ist sie die Prinzessin von Branovar und trägt den stolzen Namen Morvain.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, doch es erreichte seine Augen nicht. Es war das Lächeln eines Mannes, der lacht, weil es erwartet wird nicht, weil er es empfindet. „Vater hat Recht“, sagte ich, das Lächeln unverändert auf den Lippen. „Ich werde Ehre für unser Königreich bringen.“
Doch hinter meinen Zähnen kochte der Hass. Ehre? Was für eine leere, lächerliche Hülle. Ich würde jeden dieser lächerlichen Bewerber in den Wahnsinn treiben, bis sie selbst darum baten, die Verlobung zu lösen, so wie ich es immer tat. Ich hob die Teetasse, nippte langsam, so als sei das Heißgetränk die einzige Wahrheit inmitten all dieser Lügen. Genau in diesem Moment trat unser Butler ein. „Eure Majestät, der Prinz von Veyrathis ist nun eingetroffen.“
„Ausgezeichnet!“, rief mein Vater, und ein seltenes Aufblitzen von Zufriedenheit huschte über sein Gesicht. Er klatschte in die Hände, wie ein Kind, das sich auf ein Geschenk freut. Ich aber verharrte reglos, tat so, als interessiere mich das alles nicht, und kostete den Tee, als hätte er mir gerade ein Geheimnis anvertraut.
Die Tür öffnete sich. Schritte hallten über den Marmorboden. Ein Mann trat ein, groß gewachsen, die Schultern breit, das Kinn stolz erhoben. Goldene Strähnen lagen wie ein Kranz um sein Haupt, und seine Augen leuchteten grün wie ein Wald im Sommerlicht.
„Eure Majestät“, sprach er ehrerbietig und verbeugte sich vor meinem Vater. Doch noch während er sich neigte, blitzte sein Blick zu mir hinüber, als wolle er prüfen, wie schwer es wäre, mich zu erobern. „Ach, lasst das Förmliche sein“, lachte mein Vater, plötzlich ungewohnt heiter. „Da sitzt sie, unsere kleine Rishiana, die zukünftige Königin von Veyrathis!“ Stolz klang in seiner Stimme, doch auch darin schwang jener Unterton, der mir verriet, dass ich hier nichts weiter war als eine Münze im großen Handelsspiel der Macht. Der Prinz trat näher, umrundete den Tisch mit langsamen Schritten, die in der Stille wie Donnerschläge hallten. Schließlich blieb er vor mir stehen, und ohne Zögern sank er auf ein Knie. Ich stellte die Tasse so leise wie möglich ab, doch der Klang des Porzellans auf dem Holz schien unnatürlich laut.