Jeanny by Conny J. Gross & Malaike Lucas at Inkitt
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JEANNY

Summary

Jeanny glaubt, sie geht wie jeden Abend allein nach Hause. Doch jemand folgt ihr seit Tagen und weiß, wohin sie geht. Weiß, wie sie riecht. Weiß, dass heute der letzte Abend sein wird, an dem sie wirklich allein ist.

Status
Complete
Chapters
1
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
16+

Jeanny

Ich muss mich beeilen. Zumindest sollte ich es. Menschen haben so eine absurde Angewohnheit, ständig irgendwo hinzumüssen, ständig auf die Uhr zu sehen, als hinge ihr Leben davon ab. Jeannys Leben hängt von nichts mehr ab. Nicht jetzt. Nicht heute.

Und schon gar nicht von der Uhr.

Sie hat bald Feierabend, und ich müsste mich wahrscheinlich sputen, wenn es irgendeine Bedeutung hätte. Hat es aber nicht. Denn ich weiß etwas, das sie noch nicht weiß: Ich werde bei ihr sein. Bald. Für immer.

Heute ist der Tag. Ja. Ganz sicher. Heute.

Mein Atem bildet kleine Wolken in der kalten Luft, während ich an der Haltestelle stehe. Dieselbe Haltestelle wie jeden Abend. Dieselben Neonlichter. Dieselbe dunkle Seitenstraße, in der der Wind durch die Pfützen streicht, als wolle er heimlich zuhören. Als wüsste er, was passieren wird.

Der Bus biegt um die Ecke und seine Scheinwerfer schneiden wie zwei gleißende Augen durch den Regen. Und dann… ja. Da bist du. Jeanny.

Mein Herz schlägt schneller. Ich spüre es überall, als würde es sich unter meiner Haut ausbreiten, pulsierend, gespannt, sehnsüchtig.

Du steigst aus. Du gehst an mir vorbei. Mechanisch, als wäre ich eine Laterne oder ein Straßenschild, das keine Beachtung verdient. Aber du bemerkst mich. Ich weiß es. Du spürst mich, auch wenn du mir keinen Blick schenkst.

Du trägst diesen Duft – den zarten, fast schwebenden Ton aus Vanille und etwas Blumigem. Ich hab herausgefunden, welcher es ist. Ich habe ihn gesehen, einst, in deiner Tasche. Ich habe ihn in dem Laden gerochen, in den du viel zu oft gehst. Es ist wie ein Code, der nur für mich existiert.

Ich folge dir. Nicht zu nah, nicht zu weit entfernt. Genau richtig.

Du hast mich darum gebeten. Du weißt es bloß nicht.

Jeanny, ich folge dir immer.

Wir gehen denselben Weg wie immer. Dein Weg. Mein Weg. Der einzige Weg, den es geben kann. Ich kenne jeden Stein, jede Ritze, jedes flackernde Fensterlicht in dieser Straße. Du hast es mir gezeigt. Jeden Tag ein Stück mehr. Du hast mich nie weggeschickt. Nicht wirklich. Deine Worte vielleicht, aber Worte lügen. Augen nicht.

Du sagst immer, du wohnst alleine. Sagst es beiläufig, wenn du über irgendwas redest. Ich höre zu. Ich höre alles. Und ich verstehe zwischen den Zeilen. Du bist alleine, ja. Aber nicht mehr lange.

Bald wirst du nicht mehr alleine sein. Bald wirst du bei mir sein.

Heute.

Der Regen wird stärker. Er trommelt gegen die Dächer, gegen die Fenster der vorbeigehenden Geschäfte. Du ziehst die Kapuze enger. Dein Mantel ist zu dünn. Du frierst leicht, das weiß ich. Du bist empfindlich, zart.

Das ist es, was ich so sehr an dir liebe. Du brauchst jemanden wie mich. Einen, der sich um dich kümmert.

Wir kommen an dem kleinen Kiosk vorbei, dessen Scheiben immer beschlagen sind. Du bleibst kurz stehen. Natürlich. Du betrachtest dein Spiegelbild in der schmalen Metallkante zwischen den Fenstern.

Ich sehe dich. Ich sehe dich immer.

Du streichst dir über die Wange. Dein Make-up hat durch den Regen etwas gelitten. Du seufzt leise und ziehst den Lippenstift aus deiner Tasche. Diesen Roten, den du neulich gekauft hast. Ich stand hinter dem Regal, erinnerst du dich? Du hast mich damals ignoriert, aber du hast gespürt, dass ich da war. Du hast extra langsam den Lippenstift eingepackt.

Für mich.

Jetzt ziehst du deine Lippen nach. So vorsichtig, so konzentriert. Der Regen macht alles schwerer, doch du gibst dir Mühe. Für wen denn auch sonst?

Oh, Jeanny.

Du lebst in deiner eigenen Welt. Du tust immer so, als sei sie stark, gefestigt, unabhängig.

Aber das stimmt nicht. Ich sehe deine Verletzlichkeit. Ich sehe, wie du manchmal nach Hause eilst, als würdest du verfolgt werden. Wie du über die Schulter blickst, als wäre etwas hinter dir. Etwas wie ich. Und trotzdem drehst du dich nie um.

Du hast mich einmal weggeschubst, weißt du noch? Vor drei Tagen, als ich dir den Regenschirm anbieten wollte. Deine Hände haben gezittert. Deine Stimme war scharf, zu scharf. Ein Mensch spricht nicht so, wenn er wirklich jemanden ablehnt. Das war Angst. Und Angst ist nur eine Vorstufe von Nähe.

Deine Augen haben mir damals gesagt, was deine Lippen verschwiegen haben: Du wartest auf mich. Du wirst immer auf mich warten.

Heute.

Ja… heute ist der Tag.

Du gehst weiter. Und ich folge dir, Schritt für Schritt. Wir biegen in einen Parkweg ein. Nicht heim. Nicht zu deiner Wohnung. Ich runzle kurz die Stirn.

Warum gehst du in den Park? Um diese Uhrzeit? Es ist dunkel, leer, gefährlich. Willst du wirklich testen, ob ich da bin? Willst du sehen, ob ich dich beschütze?

Der Regen fällt dichter, und die Straßenlaternen werfen geisterhafte Kreise um ihre Basen. Du betrittst den Spielplatzbereich, der tagsüber von Kindern erfüllt ist, jetzt aber verlassen daliegt. Nur die Schaukel bewegt sich im Wind. Du bleibst kurz darunter stehen.

Und dann… du weinst. Ich sehe es. Selbst durch den Regen sehe ich deine Tränen.

Oh, Jeanny.

Die Welt ist zu hart für dich. Zu laut, zu kalt, zu groß. Aber du hast mich. Du wirst immer mich haben.

»Jeanny …«, flüstere ich, so leise, dass der Wind es kaum trägt. Du hörst mich nicht. Noch nicht.

Du machst ein paar Schritte nach rechts, suchst wahrscheinlich wirklich einen Unterstand. Du zitterst. Deine Hände klammern sich an deine Tasche. Dein Atem geht unruhig.

Du bist so wunderschön, wenn du Angst hast. Nicht wegen der Angst, sondern wegen der Echtheit. Angst ist ehrlich. Und du bist endlich ehrlich.

»Komm«, murmele ich, ein bisschen lauter. »Es regnet… wir brauchen einen Unterschlupf. Du wirst sonst ganz nass.«

Du drehst dich nicht um, aber ich sehe deine Schultern zucken. Du hörst mich. Endlich.

Ich mache ein paar Schritte näher.

»Ich bin bei dir«, sage ich sanft. »Ich werde immer bei dir sein.«

Die Worte fallen in den Regen, schwer wie Blei. Sie gehören nicht zur Welt. Sie gehören nur dir.

Du machst plötzlich einen Schritt nach hinten und stolperst leicht. Dein Schuh löst sich vom Fuß und fällt in den schlammigen Sand.

Ich lächle.

So vertraut.

So vorhersehbar.

»Warte«, flüstere ich, während ich mich bücke und deinen Schuh aufhebe. »Ich helfe dir. Ich helfe dir immer, Jeanny.«

Du gehst ein paar Schritte rückwärts. Langsam. Bedächtig. Wie ein Reh, das merkt, dass der Wald sich um es schließt.

Ich folge dir – nicht mehr versteckt, nicht mehr im Halbschatten.

Du siehst mich jetzt.

Endlich.

Deine Augen weiten sich. Schock. Angst. Erkenntnis.

»Nicht weinen«, sage ich leise. »Diese Welt da draußen ist nichts für dich. Sie hat dir wehgetan. Viel zu oft. Ich weiß das.«

Ich mache einen Schritt. Du einen zurück. Ich mache zwei. Du stolperst.

»Ich bin bei dir«, wiederhole ich. »Ich bin immer bei dir.«

Die Schaukel quietscht im Wind, während du versuchst, die Kontrolle zu behalten. Dein Atem geht schneller und dein Blick huscht nach rechts, dann nach links.

Ich sehe, du suchst einen Ausweg. Es gibt keinen.

»Komm zu mir«, sage ich. »Ich verspreche dir… es wird nicht mehr wehtun.«

Du kreischst. Zum ersten Mal. Laut, schrill, verzweifelt. Es geht mir durch Mark und Bein – aber nicht so, wie du denkst. Es ist der Klang, der bestätigt, dass du mich endlich siehst. Wirklich siehst.

Ich greife nach deinem Arm. Nicht grob. Nur fest genug, dass du nicht entkommst. Du schlägst um dich. Triffst mich. Mir tut es nicht weh. Nichts, was du mir gibst, tut weh.

»Schsch…«, hauche ich. »Jeanny, bitte. Ich tue dir nichts. Nicht wirklich. Ich rette dich nur.«

Du windest dich noch, aber deine Kräfte sinken. Du bist nass, zitterst und atmest hektisch.

Du bist so klein in meinen Armen.

»Du einsames kleines Mädchen in dieser großen, kalten Welt«, flüstere ich dir ins Ohr. Du weinst wieder. Du sagst Worte, die der Regen verschluckt. Ich verstehe sie trotzdem.

»Lass mich«, flüsterst du.

Aber deine Augen sagen: Warum bist du da? Warum immer du? Warum verfolgst du mich? Warum kannst du mich nicht in Ruhe lassen? Aber ich weiß, du meinst es anders.

Ich streiche dir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dein Lippenstift ist verschmiert.

»Du konntest nicht warten, hm?«, frage ich leise. »Du hast extra so viel aufgetragen. Für mich.« Du schüttelst den Kopf. Ich lächle. Ich erkenne deine Lügen. Ich sehe sie.

Du bist jetzt ganz nah. Ich spüre deinen Herzschlag wie ein zweites Echo in meinem eigenen Körper.

»Niemand«, sage ich langsam, deutlich, ruhig, »niemand kann dich mir wieder wegnehmen.«

Du erstarrst.

Deine Atmung setzt für einen Moment aus.

Und dann… ganz leise… brichst du zusammen.

Ich fange dich auf. Natürlich tue ich das. Ich lasse dich niemals fallen. Ich lege meinen Arm um dich, hebe dich langsam hoch. Dein Kopf fällt an meine Schulter. Du bist so leicht. So… perfekt.

Der Regen legt sich wie ein Schleier über uns. Es ist, als würde die Welt den Atem anhalten und uns mitteilen – ja ihr gehört zusammen.

Ich trage dich den Weg zurück, den wir gekommen sind. Deinen Schuh halte ich fest in der anderen Hand.

Keine Sorge. Ich bewahre alles für dich.

Vor deiner Haustür bleibe ich stehen. Du atmest noch. Schwach. Sanft. Aber du atmest.

Ich lächle.

»Siehst du«, flüstere ich, während ich den Schlüssel aus deiner Tasche nehme, »jetzt bist du bei mir.«

Ich öffne die Tür. Es ist warm drinnen. Trocken und Still. Ich sehe, wie einsam du lebst.

Ich gehe hinein.

»Für immer«, murmele ich.

Hinter uns fällt die Tür ins Schloss. Und die Welt bleibt draußen.


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