Das Cafe
„Ami?“
Wie das Wochenende mit ihm wohl verlaufen ist? Mit Sicherheit hatte er wunderbare Tage gehabt und ich hatte ja auch erst gestern Abend, bevor er zu Bett gegangen ist, kurz mit ihm gesprochen. Er wollte mir eine Gute Nacht wünschen. Sie lieben sich. Was sollte da nicht gut laufen?
„Ami? Hallo?“
Natürlich wusste ich es. Aber auch nach drei Monaten hatte ich mich immer noch nicht daran gewöhnen können, von meinem Sohn getrennt sein zu müssen. Ich vermisse ihn.
„Amelia Warner? Wo sind sie mit ihren Gedanken?“ Ich zucke zusammen, als die Hand meiner besten Freundin wild vor meinem Gesicht hin und her wischt. Der Geruch von Kardamon und Teig steigt mir in die Nase. Ich liebe dieses Café einfach. Klein, gemütlich und man bekommt den besten Café der Stadt. Außerdem kennen Maxi und ich mittlerweile das komplette Personal, inklusive der Betreiberin. Silvia. Eine sehr fleißige und immer zu gut gelaunte Frau mittleren Alters.
„Mmmh?“ Fragend starre ich meine beste Freundin an.
„Du denkst doch nicht schon wieder an Liam und Henry?“ Maxi stöhnt und rollt dabei entnervt mit den Augen.
„Hör mal, du hast noch zwei Stunden Zeit bis du ihn abholen sollst. Genieß lieber noch die freie Zeit!“
Ich nicke abwesend. Sie hat ja Recht. Andauernd bin ich mit den Gedanken bei Liam, obwohl es überhaupt gar keinen Grund gibt, sich zu sorgen. Wenn Henry alles richtig gemacht hat, dann bei seinem geliebten Sohn. Er würde alles für ihn geben. Alles. Es gab während unserer Ehe nicht viel, worauf ich mich bei ihm hatte verlassen können, aber neben seiner Gleichgültigkeit für mich, war es mit Sicherheit die Fürsorge und Liebe zu unserem gemeinsamen Sohn.
„Ja. Ich werde mich bessern, versprochen.“, erwidere ich nachsichtig und halte dabei meine gekreuzten Finger in die Höhe.
Meine beste Freundin grinst mich ungläubig an und spitzt anschließend verschwörerisch ihre vollen, rosigen Lippen.
„Du meinst es ernst? Dann beweise es!“ Über das Funkeln in ihren hübschen, grünen Augen muss ich lächeln.
„Was meinst du? Beweisen…“ Ich atme scharf ein, denn ich weiß, dass jetzt wieder einer ihrer zahlreichen Versuche kommt, mich entweder aus dem Haus zu locken, oder in eine Liebschaft mit irgendeinem Typen zu schubsen.
Noch bevor sie ihrem geschmiedeten Plan ausspricht, nimmt sie einen großen Schluck ihres Matcha Latte und leckt sich dann genüsslich über den Mund, so als ob sie den Moment noch etwas länger auskosten möchte.
Ich stöhne innerlich, als ich Maxis Gesichtsausdruck wahrnehme. Dieser leicht schräge, funkelnde Ausdruck, den sie immer dann bekommt, wenn sie einen Plan hat. Einen, den ich im Normalfall ablehnen würde.
„Du brauchst frische Luft. Menschen. Inspiration. Oder wenigstens Alkohol mit intelligenten Gesprächen.“
Genervt ziehe ich die Augenbraue nach oben. „Du meinst, ich soll mit dir auf eins dieser Pseudo-kreativen Netzwerktreffen, bei dem alle so tun, als ob sie sich mögen, während sie sich eigentlich nur gegenseitig übertrumpfen wollen?“
„Es ist ein nur ein Event vom Verlag!“, erwidert Maxi trocken. „Und ja, genau das meine ich.“
Mein nachdenklicher Blick fällt auf die großen, beschlagenen Ladenfenster und den Nieselregen, der sachte an ihnen herab perlt.
„Maxi, du weißt, wie ich bin. Ich kann Small Talk nur in medizinischen Kontexten, und selbst da hab ich Schwierigkeiten.“
„Du musst ja nicht reden. Du kannst einfach nur gucken. Und dich fragen, wie diese Leute es schaffen, sich so wichtig zu nehmen.“
„Das klingt verlockend.“, scherze ich.
Meine beste Freundin grinst siegessicher. „Also?“
Schwer seufzend und mit einem Augenrollen gebe ich nach. „Wann ist es?“
„Morgen Abend. Ich hol dich ab.“
„Maxi, ich kann Liam nicht schon wieder alleine lassen und morgen ist der Geburtstag meiner Mom. Du weißt, das wird die Hölle für mich…“
„Genau deswegen meine Liebe. Du wirst die Ablenkung gebrauchen können. Du kannst Henry gleich fragen und er wird sich sicher freuen, einen zusätzlichen Abend mit seinem Sohn zu verbringen.“
Zu gerne möchte ich ihr etwas entgegenbringen, aber Maxi kann alleine durch Blicke ziemlich überzeugend sein. Außerdem habe ich keinen Nerv noch weiter zu diskutieren. Alleine bei dem Gedanken an das morgige Familienfest, wird mir übel. Sie wird da sein. Er wird da sein. Vielleicht könnte ich dann schon etwas früher weg vom Geburtstag?
„Also gut. Ich werde Henry zumindest fragen und dann sehen wir weiter.“ Genervt lasse ich einen tiefen Seufzer los und verziehe angestrengt die Mundwinkel. Bereits seit kurz nach der Scheidung von Henry, liegt sie mir damit in den Ohren, endlich mit ihr auszugehen. Und was hält dich davon ab?
Mir ist klar, das es dieses Mal keinen Ausweg geben wird. Sie wird nicht locker lassen. Ein letzter Versuch.
„Wir könnten uns doch auch einfach was von unserem Lieblingsitaliener holen und einen schönen Weinabend machen?“ Verzweifelt ziehe ich meine Augenbrauen nach oben und lege viel Hoffnung in meine Stimmlage.
„Am, wir machen seit Wochen nichts anderes als Weinabende. Es ist jetzt an der Zeit, mal wieder etwas Spaß zu haben!“
„Willst du damit sagen, du hattest keinen Spaß die letzten Male?“
Ich lege mir eine meiner haselnussbraunen Haarsträhnen an den Mund und fahre immer wieder mit den Fingern durch sie hindurch, wie immer, wenn ich mich in einer unliebsamen Situation befinde.
„Du weißt genau, wie ich das meine! Aber jetzt sollten wir Spaß Spaß haben!“
Selbstbewusst zwinkert sie mir mit ihrem rechten Auge zu.
„Spaß Spaß?“, hake ich ungläubig bei ihr nach und nippe nervös an meinem Ice Coffee.
„Du weißt genau was ich meine, Ami!“, behutsam legt sie ihre Hand auf meine.
„Ein bisschen flirten, sich mal wieder Bestätigung holen, all das Zeug!“ Klar meinte sie das. Aber ich bin nicht bereit dazu. Kann ich überhaupt flirten? Noch mit zweiundzwanzig befand ich mich bereits in einer Ehe mit Henry, nachdem ich unseren Sohn zur Welt brachte.
„Fühlt es sich immer noch falsch an?“
Ich weiß, dass es sie zur Weißglut bringt. Weil sie endlich möchte, dass ich mit dem Thema abschließe. Mich frei mache, von all den Erinnerungen, den schlechten Gedanken. Aber so einfach ist es nicht, mein Herz gehört nach wie vor ihm. Kaum merklich nicke ich und auf der Stelle gleitet meine beste Freundin neben mich auf den Ledersessel und zieht mich in ihren Arm.
„Oh Amelia Warner, du musst ihn endlich vergessen! Du musst weiter machen, weiterleben!“ Sie seufzt, während ich versuche, mich zusammenzureißen und nicht loszuheulen.
„Sag meinen Nachnamen nicht andauernd!“, schniefe ich an ihrer Schulter.
„Dann hättest du den Namen ablegen sollen. Ich verstehe sowieso nicht, wie du den Namen dieses Arschloches behalten kannst!“, setzt sie noch hinterher. Wir lösen uns aus der Umarmung und ich gucke mich nervös in dem kleinen, süßen Café um. Hat uns jemand beobachtet? Die Journalisten, die sich tatsächlich für unsere Scheidung interessiert hatten, sind mittlerweile nicht mehr an einer Schlammschlachtstory dran und sowieso haben Henry und seine Anwälte dafür gesorgt, dass nur die nötigsten Informationen durchgingen. Trotzdem kann es immer sein, dass jemand ein interessantes Foto an irgendwelche Journalisten weiterverkauft. Ein Foto zum Beispiel, dass die Exfrau eines über Landesgrenzen hinaus bekannten Unternehmers weinend in einem Café zeigt. Ich schiebe den Gedanken beiseite und atme tief durch, während Maxi sich wieder zurück auf ihren Platz begibt und mich mit voller Sorge durchdringt.
„Weil ich nicht anders heißen möchte, als mein eigener Sohn.“, versuche ich ihr, wie schon oft zu diesem Thema, eine Erklärung zu bieten. Manchmal ist es nicht leicht, Kinderthemen, mit einer kinderlosen, unabhängigen Frau zu besprechen. Dennoch ist sie einfach die beste ‚Tante‘ der Welt, wie Liam sie immer nennt. Er liebt sie abgöttisch. Und sie ihn ebenfalls. Seine richtige Tante kennt er ja kaum.
„Versprichst du es? Ich meine, dass du Henry fragen wirst?“ Maxi starrt mit mich ihrem fest entschlossenen, durchdringenden Blick an, obwohl sie weiß, dass sie doch längst gewonnen hat.
Ich nicke zustimmend, bevor wir durch das Vibrieren ihres Handys abgelenkt werden.
„Mein Verlag, da muss ich ran!“, entschuldigt sie sich und läuft auf ihren Pumps ein paar Schritte an das Ladenschaufenster, während sie den Anruf entgegennimmt.
Grinsend beobachte ich meine Freundin ein paar Sekunden und beneide sie, wie so oft, um ihre weiblichen, aber schlanken Körperbau und ihr selbstbewusstes Auftreten, dass ihr schon einige Toren und Türen geöffnet hat. Sich in einem renommierten Verlag vom Außenseiter zu einer der Top Autorinnen zu arbeiten, war die Erfüllung eines ihrer größten Träume. Ich hingegen, agiere lieber im Dunklen und im Hintergrund.
Etwas gelangweilt scrolle ich gerade durch Social Media, als Maxi endlich wieder an unseren Platz zurückkehrt.
„Ami, ich muss leider los. Mr Nice Guy hat wohl einen Kontakt zu einem befreundeten Verleger eines Magazin hergestellt und sie wollen spontan eine Story über mich abdrucken. Nicht nur drucken, sondern auch groß im Media Bereich bewerben.“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht schnappt Maxi sich ihre schwarz matte Lederhandtasche, die mit Sicherheit sündhaft teuer war und breitet ihre Arme zur Verabschiedung aus.
Tut mir leid, wir holen das nach!“, versichert sie mir, aber ich winke ab.
„Ich bin so stolz auf dich! Zeig‘s ihnen Girl! Ich will die erste sein, die den Artikel lesen darf!“ Erneut drücke ich sie fest an mich und sehe ihr beim Verlassen des Cafés hinterher.
Mein Blick fällt auf meine kleine, goldene Armbanduhr. Mein einziges Geschenk von Henry während unserer Ehe, zur Geburt von Liam. Zu Geburtstagen, oder Weihnachten schob er mir meistens seine Kreditkarte entgegen mit dem Spruch „Kauf dir was schönes“. Niemals, in all den Jahren, habe ich mir was davon gekauft.
Eine Stunde noch, bis ich Liam bei meinem Ex abholen soll. Wenn ich langsam fahre, bräuchte ich eine halbe Stunde. Vielleicht könnte ich ihn dann schon mitnehmen. Um nach Hause in unser kleines Häuschen, ganz am Ende der Stadt zu fahren, war die Zeit zu knapp. Henry wird bestimmt nicht begeistert sein.
Maxi
Am, ich hab ganz vergessen
zu bezahlen. Übernimmst du
für mich? Ich zahl die nächste
Runde. Küsschen
Unwillkürlich muss ich grinsen. Ja, auch sie hat Schwachpunkte, wenn auch nicht viele. Aber ihre große Zerstreutheit und Unorganisation ist eine davon. Natürlich ist es für mich eine Selbstverständlichkeit die Rechnung zu übernehmen, denn ich weiß, dass Maxi es bei nächster Gelegenheit wieder ausgleichen wird.
Sowieso. Und jetzt
hau sie gefälligst um!
Kisses
Entschlossen hebe ich den Arm und suche dabei nach Silvias Blick, die sogleich versteht, dass ich gerne bezahlen möchte. Lächelnd nickt sie mir zu, aber ich bin mit meinen Gedanken schon wieder nur bei einem Thema. Ist doch völlig egal, ob Henry sauer sein wird. Er hasst dich, ob du jetzt früher oder später kommst.