1. Kapitel - Hailey
Die Sonne ist gerade dabei, hinter den Hügeln von Riverside Heights zu verschwinden, und wirft lange, goldene Schatten über die makellosen Vorgärten. Ich laufe die breite Straße entlang, die von alten Eichen gesäumt ist, deren Blätter wie kleine Fahnen im leichten Herbstwind tanzen. Rechts von mir stehen die Reihenhäuser der Nachbarn – alle perfekt gepflegt, alle so, als wäre das Leben hier geordnet, übersichtlich und sicher. Ich will, dass mein Leben auch so aussieht. Aber innen drin fühle ich mich wie ein Kartenhaus, das jeden Moment zusammenfallen kann. Ich ziehe die Schultern hoch, presse die Hände in die Taschen meines Sweatshirts und versuche, die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Es ist absurd,Ich wohne in einem dieser perfekten Vororte, in einem schönen Haus, in dem es an nichts fehlt. Und trotzdem kann ich nicht aufhören, die Leere zu spüren, die meine Schwester hinterlassen hat. Jeder Schritt fühlt sich schwerer an als der vorherige. Ich will nur, dass jemand mich versteht – wirklich versteht, ohne dass ich erklären muss, wie viel Angst und Traurigkeit in mir stecken. Aber wie soll das gehen, wenn alles um mich herum so hell, ordentlich und makellos aussieht, während ich innen drin zerbrochen bin?
Als ich die Türe zu unserem Haus aufstoße höre ich nichts. Es ist still in unserem Haus. Wie seit Wochen. Kein Radio, kein Fernseher, keine Unterhaltungen. Einfach Stille. In dem langen Flur ist es kalt als würde am Ende des Flures die Terrassentüre aufstehen. Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und schleiche durch das Haus. Meine Mutter sitzt am Küchentisch und schaut aus dem Fenster, eigentlich schaut sie nicht sondern starrt hinaus. Hinaus in denn Garten, auf denn Lieblingsplatz meiner Schwester. Damals als wir klein waren hat mein Vater uns ein Baumhaus in denn Garten gebaut. Meine Mutter wollte den alten Baum fälle lassen um Platz zu schaffen doch eines morgens sind wir aufgewacht und ein wunderschönes Baumhaus schmückte denn alten Baum. Es strahlte in einem hellen Pink, was jetzt eher einem rosa gleicht und überall leuchteten Lichterketten. Dort saßen meine Schwester und ich immer. Wir saßen dort Stunden, haben zusammen gespielt, gelesen oder einfach gequatscht. „ Mama?!“ frage ich leise und komme näher. Sie reagiert nicht. Sie nimmt mich nicht mal wahr, vor dem Tod meiner Schwester war sie Ärztin, sogar Oberärztin in einem großen Krankenhaus, doch seit meine Schwester Lila nicht mehr Lebt- ist sie nicht mehr die selbe. Ich seufze leise und gehe langsam hinauf in die obere Etage. Gegenüber von meiner Türe ist die Zimmertüre von Lila, seit 6 Wochen war ich nicht mehr in ihrem Zimmer. Ich habe mich nicht getraut. Die Angst ist zu groß. Doch trotzdem legt sich meine Hand um denn Drehknauf der Türe. Langsam öffne ich die Türe. Es dauert etwas bis ich mich traue aber dann trete ich ein und schließe hastig die Türe hinter mir.
Das Zimmer riecht immer noch nach ihr.Nach Vanille, frischer Farbe und diesem Shampoo, das Lila so geliebt hat. Ich bleibe in der Tür stehen, die Hand am Griff, als würde ich einbrechen – dabei ist es mein eigenes Haus. Ihr Zimmer. Nur dass es sich nicht mehr so anfühlt. Seit Lila gestorben ist, war ich nicht mehr hier. Mama hat gesagt, sie wolle den Raum so lassen, bis wir bereit sind. Aber ich glaube nicht, dass man jemals bereit sein kann, den Ort zu betreten, an dem man zum letzten Mal mit seiner Schwester gelacht hat.Der Staub tanzt im Licht, das durch die halb geschlossenen Jalousien fällt. Auf dem Schreibtisch liegen noch ihre Skizzenbücher, ein halbfertiges Armband aus bunter Wolle, ihr altes Handy – der Akku leer, wie ihr Bett seit Monaten. Ich setze mich auf ihre Decke, die immer noch leicht nach ihrem Parfüm riecht. Als ich mich vorbeuge, fällt mir ein Notizbuch auf, halb unter dem Kopfkissen versteckt – kariert, mit eingerissenem Einband und abgegriffenen Ecken. Ich zögere kurz. Dann ziehe ich es heraus. Ich blättere es etwas durch, immer mal wieder verharre ich auf einer Seite etwas länger und lese was sie geschrieben hat. Immer wieder bleibe ich etwas länger auf einer Seite, es gibt ein paar Tagebuch Einträge die mir Tränen in die Augen jagen- grade die letzten. Sie hat Gott gebeten sie zu erlösen. Gott Lila… aber ich finde auch Zitate, Gedichte , Sprüche alles mögliche. Als ich es grade wieder weglegen will sehe ich eine lose Seite ein Stück heraus schauen am Ende des Buches. Ich ziehe sie heraus und klappe sie auf. Auf der Seite steht in ihrer unordentlichen, vertrauten Schrift:
„Dinge, die ich tun will, bevor ich 18 bin.“
Ich starre auf die Worte, bis sie verschwimmen.Darunter steht eine Liste. Von einem Wasserfall springen. Nackt baden. Einen Song für jemanden singen. Das erste Mal erleben. Ich kann nicht anders, als zu lächeln – und gleichzeitig spüre ich, wie sich meine Kehle zuschnürt. Das ist so typisch Lila. Immer träumend, immer mit einem Fuß im nächsten Abenteuer. Ich schaue weiter, suche nach einer Erklärung, aber es gibt keine. Kein Datum, keine Notizen. Nur diese Liste.Ein Stück von ihr. Ein Stück Leben, das sie nie bekommen hat. Ich streiche über die Schrift, über jeden Buchstaben, als könnte ich sie dadurch noch einmal berühren. Und plötzlich weiß ich, dass ich das Blatt nicht einfach wieder hierlassen kann. Denn irgendwo zwischen all diesen Zeilen steht nicht nur, was Lila tun wollte – sondern vielleicht auch, was sie wollte, dass ich tue.