Kapitel 1
May
Ich drücke die Glastür der Teeküche auf, meine Pumps klappern auf den polierten Bodenfliesen, während ich meinen Lederkalender und mein Telefon jongliere.
Mir schlägt der Geruch von Kaffee entgegen – stark und leicht verbrannt. Das bedeutet, dass Logan bereits hier ist. Und wie erwartet steht er an der Theke, mit diesem leicht vorwurfsvollen Blick.
»Zehn Minuten zu früh. Du bist früh dran«, sagt Logan. Er sieht auf und mustert mich mit seinen ruhigen braunen Augen.
Ihm entgeht nichts – das war schon immer so. Schon mit siebzehn wusste er, dass ich geweint hatte, noch bevor ich den Mund überhaupt aufmachte. »Entweder steht die Apokalypse bevor, oder du hast wieder nicht geschlafen.«
»Die Apokalypse«, erwidere ich und streiche dabei die Vorderseite meines Blazers glatt, um Zeit zu gewinnen. »Schlaf wird überbewertet, wenn Abgabetermine fällig sind.«
Er schiebt mir eine saubere Tasse hin – die blaue mit dem Chip am Henkel, die ich immer benutze.
»Team A hat gestern alle laufenden Projekte eingereicht«, sagt er nicht ganz selbstgefällig, aber fast, sodass ich spüre, wie sich mein Rücken aufrichtet.
»Team B wird nach der zusätzlichen Überarbeitung besser sein.« Ich gieße heißes Wasser über einen Teebeutel und beobachte, wie die Farbe herausläuft. »Zudem solltest du inzwischen wissen, dass Qualität vor Geschwindigkeit geht, Mercer.«
»Rede dir das nur weiter ein, Maddison.«
Das ist unser üblicher Morgentanz. Team A gegen Team B, Logan gegen May. Alte Freunde und ewige Rivalen seit dem ersten Tag.
Logan fährt sich mit der Hand durch sein dunkles Haar und lässt es dabei absichtlich leicht zerzaust zurück. »Hast du die E-Mail von Gregory gesehen? Whitmore will, dass beide Teams bei der Statusaktualisierung dabei sind.«
»Echt? Warum denn …«
Die Küchentür schwingt mit solcher Wucht auf, dass ich zusammenzucke und der Tee in meiner Tasse gefährlich nah am Rand schwappt.
»Guten Morgen, Unternehmenssklaven!«, verkündet Brooke mit einer so lauten Stimme, dass sie die Warnsirenen ersetzen könnte. Sie stürmt herein – ein Wirbelwind aus kupfer-goldenen Locken, die wild ihr Gesicht umspielen, und einem Kleid in einem leuchtenden Blaugrün, das mir in den Augen wehtut.
Logan greift sofort an seine Nasenwurzel – sein universelles Signal für ›Brooke ist zu laut für diese Uhrzeit‹.
»Innere Stimme, Dawson.«
»Innere Stimme«, schnaubt Brooke, lässt ihre riesige Tragetasche mit einem dumpfen Schlag auf die Theke fallen und fährt fort. »Und wie soll ich dir dann sagen, dass es langsam widerlich ist, dass du drei Tage hintereinander dasselbe blaue Hemd trägst?«
»Er hat gewechselt«, werfe ich ein, während ich mein Lächeln hinter meiner Tasse verstecke. »Montag war es marineblau. Dienstag war es azurblau. Heute ist es …« Ich blinzele Logan an. »Kornblumenblau?«
»Verräter«, murmelt Logan, aber ich sehe, wie sein Mundwinkel zuckt.
Brooke jedoch auch. Sie grinst triumphierend und wendet sich dann der komplizierten Kaffeemaschine zu. Dieses Gerät ist einzig und allein für sie gemacht, zumindest wirkt es so, denn außer ihr kann es niemand richtig bedienen. »May, du siehst heute besonders zugeknöpft aus. Heißes Date mit dem Stevenson-Kunden?« Ihre Finger tanzen über die Knöpfe und die Maschine beginnt, alarmierende gurgelnde Geräusche zu machen.
»Budgetüberprüfung«, korrigiere ich und zupfe selbstbewusst an meinem Blazerärmel. »Und ich ziehe mich immer so an.«
»Mmh, nein«, widerspricht Brooke. »Das Kleid von gestern? Das war Business und heiß – was bedeutet, dass du heute sehr wohl mit dem Stevenson-Kunden sprechen musst, aber nur per Videochat – deswegen der Rock – und du hast Angst, dass er dich wieder nach deiner privaten Handynummer fragt.«
Logan schnaubt in seinen Kaffee − wofür ich ihm am liebsten den Kaffee auf seine Stoffhose kippen würde.
»Na gut«, gebe ich zu. »Aber der Stevenson-Auftrag ist wichtig. Wenn er mich obenrum so sieht, wird er wenigstens nicht versuchen, auf meine Brüste zu schauen, und damit ist es für alle erträglicher.«
»Du könntest ihm auch einfach sagen, er soll nicht glotzen«, meint Brooke und deutet mit ihrem Kinn in meine Richtung. »Denn dieses Outfit geht gar nicht. Ich hoffe, du hast Ersatzkleidung dabei.«
»Das habe ich«, stelle ich klar, »und das würde ich ja gerne tun. Aber ich kann so kurz vor Abschluss nicht riskieren, den Kunden zu verlieren, denn wenn wir ihn verlieren …«
»Dann werden die Zahlen von Team B kurz vor der Budgetverteilung einen Einbruch erleiden«, beendet Logan meinen Satz, wobei sein Ton etwas weicher wird.
»Schon gut, ich verstehe«, meint Brooke und holt eine beängstigende Mischung aus Espresso und Sirup aus der Maschine. »Was nichts an der Tatsache ändert, dass ich es absolut bescheuert finde. Stellt euch das doch einfach mal andersherum vor. Was meint ihr, was ich mir von der Personalabteilung anhören müsste, wenn ich jedem Mann demonstrativ auf den Schritt schauen würde, um zu prüfen, ob er groß oder klein ist? Um euch die Illusion zu nehmen – je mächtiger die Typen, desto kleiner …«
Sie deutet mit ihrer freien Hand eine winzige Größe an und ich spüre, wie mir die Hitze in den Nacken steigt. »Brooke …«
»Brooke«, mahnt Logan leise, »wir sind auf der Arbeit.«
Logan und mein Blick treffen sich, wir ertragen es im Stillen – wir kennen es nicht anders. Brooke ist unverbesserlich.
Sie beobachtet diesen Austausch, und trotz ihres chaotischen Äußeren sind ihre blauen Augen scharf. »Ihr verhaltet euch wie Rentner.«
»Brooke!« Ich verschlucke mich fast an meinem Tee.
Logan rollt so heftig mit den Augen, dass ich mich wundere, dass sie nicht hängen bleiben. »Wir hatten das Thema doch schon. Wir wollen während der Arbeitszeit nicht darüber reden. Was, wenn wir belauscht werden? May und ich leiten Teams. Wir haben eine Vorbildfunktion.«
»Ich korrigiere mich«, trällert Brooke unbeeindruckt fröhlich. »Ihr verhaltet euch wie spießige, alte Rentner.«
Wieder tauschen Logan und ich einen Blick, doch im Gegensatz zu Logan bin ich gewillt, Frieden zu schließen.
»Du weißt, was wir meinen«, versuche ich es an Brooke gewandt. »Aber meintest du nicht gestern Abend, dass du etwas Wichtiges zu erzählen hast? Was ist passiert?«
Brooke scheint kurz zu überlegen, ob sie noch auf der Welle der Dramatik surfen oder direkt nachgeben soll, und entscheidet sich schließlich für Letzteres. »Ihr wisst noch, was mit dem Tattoo-Typen aus Barley’s passiert ist?«
Ich stöhne auf und bereue meine Worte von zuvor. »Oh nein! Bitte sag mir, dass du nicht mit ihm nach Hause gegangen bist. Er hatte ein Tattoo von einem Wolf im Nacken.«
»Das Herz will, was das Herz will«, seufzt Brooke und zuckt mit den Schultern, bevor sie auf die Theke hüpft. »Und mein Herz wollte herausfinden, ob … ob er noch mehr Tattoos hat.« Sie wackelt vielsagend mit den Augenbrauen.
Logan stöhnt. »Es ist noch zu früh für deine Berichte über sexuelle Anthropologie.«
»Und?«, frage ich, obwohl meine Vernunft mir sagt, dass ich das nicht tun soll. »Hatte er noch mehr?«
Brookes Grinsen wird breiter. »Oh ja. Sagen wir einfach, dass der Vollmond an sehr interessanten Stellen aufgeht.«
Ich presse die Finger auf die Lippen, kann das Lachen bei der Vorstellung aber nicht unterdrücken.
»Das Beste daran«, fährt sie fort und beugt sich dabei verschwörerisch vor, »ist, was passiert ist, als ich ihn zu mir nach Hause gebracht habe. Wir knutschen also an meiner Tür, okay? Und er macht diese Sache, bei der Männer versuchen, sexy zu sein, indem sie dich gegen die Wand drücken …«
»Ich gehe«, verkündet Logan, bewegt sich dabei aber nicht in Richtung Tür.
»… und plötzlich hält er inne und bekommt diesen seltsamen Ausdruck im Gesicht. Ich dachte, vielleicht hat er kalte Füße bekommen oder will mir sagen, dass er eine Freundin hat, aber nein. Er sieht mir direkt in die Augen und sagt: ›Bevor wir weitermachen, solltest du wissen, dass ich meinen Körper dem großen kosmischen Wolfsgeist verschrieben habe und manchmal beim Sex beiße.‹«
»Ich habe Angst, zu fragen«, beginne ich, aber ich muss lachen. Brooke hatte schon immer ein Talent dafür, denjenigen in der Bar zu finden, um den alle einen großen Bogen machen. »Hat er dich gebissen?«
»Ich schwöre bei Gott«, sagt Brooke feierlich und hebt die Hand. »Ich habe schon einige seltsame Vorwarnungen vor dem Sex gehört, aber das war selbst für mich Neuland.«
Logan gibt den Versuch auf, nicht zuzuhören, vergisst seinen Kaffee und starrt Brooke an. »Sag mir, dass er dich nicht gebissen hat. Ist dir klar, wie viele Krankheiten dabei übertragen werden können?«
»Bitte«, spottet Brooke. »Stell dich nicht so an. Es hat nicht einmal wehgetan. Aber darum geht es ja nicht einmal.«
Ich spüre, wie mein Gesicht immer wärmer wird, aber ich kann meinen Blick nicht von dieser katastrophalen Geschichte abwenden. »Was ist genau passiert?«
»Und dann kommen wir in mein Schlafzimmer, alles läuft gut, die Kleider fallen und ich entdecke, dass er – zusätzlich zu dem Wolf und einigen wirklich fragwürdigen Tribal-Motiven – das gesamte Sonnensystem um seinen …«
»Nein«, unterbricht Logan sie und knallt seine Tasse auf den Tisch. »Das ist die Grenze.«
Brooke ignoriert ihn völlig. »Also jedenfalls kommen wir endlich zum guten Teil. Wie er mich gewarnt hat, beißt er mich. Und nicht nur ein bisschen. Sondern direkt in die Halsbeuge. Er nennt mich seine Gefährtin und behauptet, dass ich ab jetzt ihm gehöre. An diesem Punkt entschied meine Katze, die, wie ihr wisst, Männer ohnehin schon hasst, dass dies eine direkte Herausforderung war, und sprang von der Oberseite des Bücherregals auf den nackten Hintern von Wolf Boy.«
Damit kann ich nicht anders, als in schallendes Gelächter auszubrechen.
»Es gab Blut«, fährt Brooke fort und genießt sichtlich ihr Publikum. »Es gab Geschrei. Es gab einen nackten Mann, der versuchte, eine wütende Katze von seinem Hintern zu entfernen, während er gleichzeitig versuchte, seine Würde zu bewahren. Und das, Kinder, ist der Grund, warum ich mir jetzt immer, bevor jemand in meine Wohnung kommt, den Personalausweis zeigen lasse. Denn nachdem Wolf Boy mir eine Macke in die Wand gehauen hat und natürlich ohne seine Kontaktdaten zu hinterlassen abgehauen ist, habe ich daraus gelernt.«
Sogar Logan muss lachen, und ein seltenes, strahlendes Lächeln verwandelt sein sonst so ernstes Gesicht.
»Deshalb können wir dich nirgendwohin mitnehmen«, sagt er, doch die Zuneigung in seiner Stimme ist unverkennbar – genauso wie damals, als wäre Brooke seine kleine Schwester.
»Korrektur«, sagt Brooke und zeigt auf ihn. »Deshalb müsst ihr mich überallhin mitnehmen. Wer sonst bietet Unterhaltung dieser Qualität? Mays Vorstellung von Abenteuer ist es, in ihrem Kalender einen andersfarbigen Textmarker zu verwenden.«
»Hey!«, protestiere ich, noch immer außer Atem. »Ich war letzten Sommer paddeln.«
»Das ist fast ein Jahr her. Zudem bist du nach dreißig Sekunden ins Wasser gefallen und hast den Rest des Nachmittags damit verbracht, mein Gewürzregal alphabetisch zu ordnen«, erinnert mich Brooke. »Sei ehrlich, Maddison, du bist die Verantwortungsbewusste der Gruppe. Logan ist der Mürrische. Ich bin die Lustige. Das ist unsere Dynamik, und sie funktioniert.«
Sie hat recht. Unsere über zwanzigjährige Freundschaft hat uns so sehr in diese Rollen hineingewachsen lassen, dass ich sie kaum noch wahrnehme. Logan hält uns auf dem Boden, Brooke drängt uns aus unserer Komfortzone heraus und ich vermittle zwischen ihren gegensätzlichen Kräften. Es funktioniert.
»Apropos Verantwortung«, sagt Logan und schaut auf die Uhr. »Das Meeting beginnt in zehn Minuten. Whitmore wartet nicht gerne, vor allem nicht auf …«
»Team B«, beende ich seinen Satz und hole meinen Terminkalender. »Danke.«
Brooke springt vom Tresen herunter, ihr Kleid wirbelt um ihre Knie. »Gott, die Art und Weise, wie diese Firma euch beide gegeneinander ausspielt, ist so ungesund. In normalen Unternehmen arbeiten die Abteilungen doch zusammen, anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen, oder?«
»Willkommen bei der Ashmore Group«, sagen Logan und ich unisono. »Wir machen das Beste daraus«, füge ich hinzu und glätte meinen Blazer. »Außerdem macht ein bisschen Konkurrenz das Ganze interessanter.«
»›Interessant‹ ist nicht das Wort, das ich verwenden würde«, murmelt Brooke, während wir zur Tür gehen. »Vielleicht eher giftig. Unnötig stressig. Künstliche Spannung.«
»Es ist in Ordnung«, behaupte ich, obwohl ich bei dem Gedanken an den Stevenson-Auftrag ein Kribbeln im Bauch bekomme. »Wie auch immer, gilt das mit heute Abend noch? Sushi und Sake?«
Logan hält uns die Tür auf. »Ich reserviere einen Tisch im Tanuki. Um halb acht?«
»Perfekt«, trällert Brooke begeistert. »Sollen wir danach noch in die Karaoke-Bar gehen? Das letzte Mal war so großartig!«
Bei dieser Erinnerung zieht sich mein Magen unangenehm zusammen. Beim letzten Mal, als der Sake zu gut geschmeckt hat, haben Logan und ich zugestimmt, mit Brooke noch für einen einzigen Tequila-Shot in eine Bar zu gehen.
Das Ganze endete damit, dass ich beim Karaoke Whitney Houston nachgemacht habe – Brooke hat die Aufnahme bis heute auf dem Handy –, Logan hat irgendwie eine Socke verloren und ein Hannah-Tattoo auf der Schulter bekommen.
»Kein Karaoke!«, warnt Logan, als könnte er meine Gedanken lesen.
»Und bloß kein Tequila!«