Eine magische Kurzgeschichte
Amalia und Violett waren seit über dreizehn Jahren unzertrennlich. Obwohl sie sich erst spät im Leben begegnet waren, fühlten sie beide tief in ihrem Inneren, dass das Universum sie genau im richtigen Moment zusammengeführt hatte. Manchmal sagten sie scherzhaft, sie hätten sich in einem früheren Leben schon einmal die Hände gereicht – und ganz selten, wenn der Abend besonders ruhig war, meinten sie es fast ernst.
Ihre Freundschaft war nicht einfach nur Nähe; sie war Heimat. Und irgendwo, verborgen zwischen ihren Gedanken und ihren Träumen, hatten sie eine Welt geschaffen, die nur ihnen gehörte. Eine geheime Welt, die weder Anfang noch Ende zu haben schien, ein Ort voller Magie, den niemand sonst je betreten würde.
Ein Tor, das nur durch Vertrauen existiert
Der Eingang zu dieser Welt war unscheinbar: ein schmaler, silbriger Riss in der Luft, der sich nur zeigte, wenn beide gleichzeitig daran glaubten. Für andere war er unsichtbar – für Amalia und Violett jedoch war er so klar wie ein aufgehender Mond.
Sobald sie hindurchtraten, verwandelte sich alles um sie herum. Die Luft wurde wärmer, der Wind weicher, und irgendwo im Wald begann ein Chor aus schimmernden Nachtfaltern zu singen. Die Bäume leuchteten leicht, als hätten sie kleine Sterne im Inneren, und das Gras unter ihren Füßen fühlte sich an wie ein lebender Teppich, der sich an ihre Schritte schmiegte.
In dieser Welt brauchte niemand Erklärungen. Die Magie war einfach da.
Das Heim im Herzen des Waldes
Ihr gemeinsames Haus lag in einer Lichtung, umgeben von alten, weisheitsvollen Bäumen, die ihre Äste wie schützende Arme ausbreiteten. Das Haus bestand aus dunklem Holz, das im Sonnenlicht golden schimmerte, und im Inneren knisterte fast immer ein Kaminfeuer – egal, ob die Nacht warm oder kühl war.
Violett kümmerte sich liebevoll um die farbenprächtigen Blumenbeete, die bis in die Baumwipfel wuchsen, denn in dieser Welt ignorierten Pflanzen jede Regel. Überall blühten Rosen, die ihre Farbe wechselten, sobald man sie berührte, und kleine Lichtwesen krochen in den Blütenkelchen hervor, nur um neugierig zuzusehen, wie Violett neue Samen pflanzte.
Amalia hingegen liebte das Jagen und Kochen. Doch selbst das Jagen war hier anders: Die Tiere waren nicht zum Töten bestimmt. Stattdessen halfen sie Amalia, essbare Kräuter zu finden oder führten sie zu Bäumen, die ihre Früchte freiwillig fallen ließen. Amalia bereitete daraus warme Eintöpfe, süße Kuchen und Getränke zu, die das Herz wärmer machten, als jedes Feuer es könnte.
Abenteuer im Schatten der Glimmerberge
Eines Morgens, als der Himmel wie flüssiges Gold aussah, beschlossen Amalia und Violett, tiefer in die Welt zu reisen, als je zuvor. Sie hatten gehört – oder vielleicht hatten sie es geträumt –, dass hinter den Glimmerbergen ein See lag, in dem die Sterne schliefen.
Der Weg war voller Überraschungen: Einmal begegneten sie einem Fuchs mit smaragdgrünen Augen, der ihnen wortlos den richtigen Pfad zeigte. Ein anderes Mal mussten sie an einem Bach warten, bis die Wassergeister ihre silbrigen Schleier eingesammelt hatten, um die Strömung freizugeben.
Doch nichts konnte sie aufhalten. Sie lachten, erzählten Geschichten, hielten einander an den Händen, wenn der Nebel dichter wurde, und genossen die Stille, wenn die Welt um sie herum für einen Moment stehenzubleiben schien.
Schließlich erreichten sie den legendären See. Er lag still da, so klar, dass der Himmel darin wie eine zweite Welt wirkte. Als sie sich näherten, glitten die Sterne auf der Wasseroberfläche sanft auseinander – als hätten sie auf die beiden gewartet.
Violett kniete sich ans Ufer und ließ ihre Finger durch die glänzenden Lichter gleiten. „Glaubst du, das hier ist echt?“, flüsterte sie. Amalia setzte sich neben sie, berührte ihre Schulter und lächelte. „Vielleicht ist das hier genau das, was echt sein sollte.“
Ein Herz, in dem zwei Welten Platz haben
Am Abend kehrten sie zurück zu ihrem Haus, erschöpft, glücklich und erfüllt von einem Tag, der sich wie ein Traum anfühlte. Sie legten sich vor den Kamin, eingehüllt in eine weiche Decke, während draußen die Waldgeister kleine Lichter über die Lichtung streuten.
In dieser Welt durften Amalia und Violett einander lieben, ohne Grenzen, ohne Erwartungen, ohne Rechtfertigung. Es war eine Liebe, die Platz fand neben all den anderen Menschen in ihrem Leben. Eine Liebe, die nicht störte, sondern ergänzte – so wie sie selbst einander ergänzten.
„Egal wie weit wir voneinander entfernt sind“, sagte Violett leise, „ich trage dich immer hier drin.“ Sie legte ihre Hand auf ihre Brust. Amalia tat es ihr gleich und lächelte. „Und ich dich auch.“
Magisch. Geheim. Für immer.
Ihre Welt blieb ein Ort, den niemand sonst kannte. Ein Ort, erschaffen aus Vertrauen, Hoffnung und dem festen Glauben, dass Seelenverwandtschaft mehrere Formen haben darf.
Ob diese Welt wirklich existierte oder nur in ihren Herzen lebte – das wissen nur Amalia und Violett selbst.
Und vielleicht, ganz vielleicht, ist es besser so.