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Derry kennt deinen Namen

Summary

Derry vergisst nicht. Und Derry vergibt nie. Als Liv nach Jahren in ihre Heimatstadt zurückkehrt, spürt sie es vom ersten Atemzug an: etwas hat mit der Geduld eines Raubtiers auf sie gewartet. Die Straßen liegen wie versteinerte Adern da, zu still, während die Schatten sich wie neugierige Finger nach ihr recken. Und überall kriecht eine Stimme ihren Namen durch die Ritzen der Realität — aus den Wänden, die wie trockene Kehlen flüstern, aus Rohren, die ihren Namen wie Gift durch die Eingeweide der Stadt pumpen, aus dem Atem der Stadt selbst, der nach altem Blut und vergessenen Tränen schmeckt. Während unheimliche Zeichen in ihrem Elternhaus wie schwarze Blüten aus den Wänden sprießen und fremde Menschen sie mit Augen anstarren, die wie Fenster in eine andere Zeit blicken — als hätten sie sie ihr Leben lang wie ein Insekt unter Glas beobachtet —, entdeckt sie eine Wahrheit, die wie geschmolzenes Blei in ihren Knochen brennt: Derry sucht nicht zufällig wie ein blinder Jäger. Derry wählt mit der Präzision eines Chirurgen. Und es hat sie schon lange ausgewählt, wie eine Spinne ihr Opfer markiert. Tief unter den Straßen, in den vergessenen Eingeweiden der Stadt, lauert ein Wesen, das nicht nur von Angst lebt wie ein Vampir vom Blut, sondern von Identität — von dem süßen, metallischen Klang eines Namens, der wie eine Glocke durch die Dunkelheit läutet. Um zu überleben, muss sie den uralten Zyklus der „Namensrufer“ wie eine rostige Kette zerschlagen. Doch jeder Schritt hallt wie ein Herzschlag durch die schlafenden Straßen, jeder Gedanke wird zu einem Leuchtfeuer in der Dunkelheit, jede Entscheidung schneidet sie wie eine Klinge auf und macht sie verwundbarer… und lockt das Wesen näher, wie Blut die Haie. Als die Stadt sich gegen sie erhebt wie ein gigantisches, erwachendes Tier, ihre Gebäude zu Zähnen werden und ihre Straßen zu Schlingen, bleibt ihr nur eine grausame Wahl, scharf wie eine Scherbe: Opfere jemanden. Oder werde selbst geopfert. Doch selbst wenn man Derry entkommt wie ein Vogel dem Käfig — manche Rufe kleben wie Teer an der Seele und verstummen nie.

Status
Complete
Chapters
27
Rating
n/a
Age Rating
16+

Prolog - Die Stimme unter der Straße

Die Nacht über Derry kroch heran wie ein verwundetes Tier, schwer und atemlos, ihre schwarzen Schwingen legten sich über die Straßen wie nasser Leichenstoff. Ein fahler Mond hing am Himmel wie ein totes Auge, zu schwach und blind, um den Nebel zu durchdringen, der aus den Abwasserkanälen quoll wie das Röcheln einer sterbenden Stadt und sich in den Vorgärten der kleinen Häuser sammelte wie giftige Träume. Die Luft schnitt scharf nach Metall und Regen, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte – als hätte die Stadt selbst begonnen zu bluten. Timothy Harper, gerade einmal elf, ein zerbrechlicher Vogel im Käfig der Nacht, lief den Gehweg entlang und kickte einen Stein vor sich her, der über den Asphalt hüpfte wie ein gebrochenes Herz. Seine Mutter hatte ihm gesagt, er solle vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein, aber der letzte Rest kindlichen Trotzes hielt ihn noch draußen wie ein unsichtbarer Faden, der ihn in die Finsternis zog. Das Licht der Laternen flackerte und zuckte, als würde jemand mit einem gigantischen, unsichtbaren Finger an den Stromleitungen spielen – oder als würde die Nacht selbst mit den Lichtern kämpfen und sie eine nach der anderen verschlingen. Er blieb stehen, als er das Rascheln hörte – ein Geräusch wie Knochen, die über Stein kratzen. »Hallo?« rief er in die Stille, die ihn umschlang wie eine kalte Umarmung. Seine Stimme hallte an den Häuserwänden wider, dumpf und fremd, als würde sie ihm nicht mehr gehören. Er trat einen Schritt näher an die Bordsteinkante, wo ein runder Gullydeckel lag wie ein geschlossenes Auge der Unterwelt, alt, rostig, mit kleinen Ritzen, die in die Tiefe führten wie Narben in der Haut der Erde. Ein Windstoß wehte ihm feuchte Luft ins Gesicht, die nach Verwesung und vergessenen Schreien schmeckte. Dann hörte er es. Zuerst nur ein Kribbeln im Ohr, kaum wahrnehmbar, wie Spinnen, die über sein Trommelfell liefen.

›Tim…‹

Er blinzelte, und die Welt schwankte.

»Wer ist da?«

Der Nebel wogte und tanzte wie ein lebendiges Wesen. ›Tim-o-thyyy…‹ Es war kein Flüstern wie von einer menschlichen Stimme. Es war zu weich, zu langgezogen, zu sehr ein Laut, der sich um ihn schmiegte wie Seide aus Schatten, als würde er aus allen Richtungen gleichzeitig kommen, aus der Erde selbst geboren. Timothy machte einen Schritt zurück, das Herz hämmerte ihm gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel, der sich die Flügel blutig schlug. »Hör auf…« Seine Stimme brach wie dünnes Eis. Unter ihm vibrierte der Boden, nur schwach, aber spürbar, als würde etwas Großes, Hungriges unter der Straße erwachen. Ein dumpfer Laut wie ein Lachen – tief, kehlig, erstickend wie Wasser in den Lungen – stieg durch die schmalen Schlitze des Gullydeckels an die Oberfläche wie eine Blase aus der Hölle. ›Komm… Spiel mit mir…‹ Timothy rannte los, seine Füße flogen über den Asphalt wie die eines Rehs vor dem Wolf. Seine Schuhe klatschten auf den Boden, der Nebel zerrte an seinen Beinen wie kalte, gierige Hände, die ihn zurück in die Dunkelheit ziehen wollten. Er bog in die nächste Straße ein, stolperte, rappelte sich hoch wie ein zerbrochenes Spielzeug. Sein Atem ging stoßweise, heiß und scharf wie Glasscherben in seiner Lunge. Er schaffte es bis zur Einfahrt seines Elternhauses, griff nach der Klinke – doch die Tür war verschlossen, kalt und unerbittlich wie ein Grabstein. »Mama!« Er schlug dagegen, seine kleinen Fäuste trommelten gegen das Holz wie Regentropfen vor dem Sturm. »Mach auf! Bitte!« Eine Stimme antwortete. Aber nicht aus dem Haus. Sie kam von hinten. Von der Straße. Von unter der Straße, aus den Tiefen, wo die Finsternis zu Hause war. ›Timothy Harper.‹ Dieses Mal war es kein Flüstern mehr, sondern ein klar ausgesprochenes, genüsslich gedehntes Rufen, das seinen Namen kostete wie süßen Wein. Der Klang wanderte durch die Nacht wie eine Erinnerung, die nicht sterben wollte, wie ein Echo aus einem Alptraum, der niemals enden würde. Timothy drehte sich um, sein kleiner Körper bebte wie ein Blatt im Herbstwind. Sein Blick verlor sich im Nebel, der die Straße verschluckt hatte wie ein hungriges Maul. Nur ein schwacher, roter Schein schwebte darin – ein runder, unheimlich ruhiger Ballon, der direkt über dem Gullydeckel hing wie ein blutendes Herz am Himmel der Verdammten. ›Ich kenne deinen Namen.‹ Das Licht der Laterne über ihm erlosch mit einem letzten, sterbenden Zucken. Und Timothy Harper verschwand spurlos, als hätte die Nacht ihn einfach verschluckt.

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