Prolog - Die Stimme unter der Straße
Die Nacht über Derry kroch heran wie ein verwundetes Tier, schwer und atemlos, ihre schwarzen Schwingen legten sich über die Straßen wie nasser Leichenstoff. Ein fahler Mond hing am Himmel wie ein totes Auge, zu schwach und blind, um den Nebel zu durchdringen, der aus den Abwasserkanälen quoll wie das Röcheln einer sterbenden Stadt und sich in den Vorgärten der kleinen Häuser sammelte wie giftige Träume. Die Luft schnitt scharf nach Metall und Regen, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte – als hätte die Stadt selbst begonnen zu bluten. Timothy Harper, gerade einmal elf, ein zerbrechlicher Vogel im Käfig der Nacht, lief den Gehweg entlang und kickte einen Stein vor sich her, der über den Asphalt hüpfte wie ein gebrochenes Herz. Seine Mutter hatte ihm gesagt, er solle vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein, aber der letzte Rest kindlichen Trotzes hielt ihn noch draußen wie ein unsichtbarer Faden, der ihn in die Finsternis zog. Das Licht der Laternen flackerte und zuckte, als würde jemand mit einem gigantischen, unsichtbaren Finger an den Stromleitungen spielen – oder als würde die Nacht selbst mit den Lichtern kämpfen und sie eine nach der anderen verschlingen. Er blieb stehen, als er das Rascheln hörte – ein Geräusch wie Knochen, die über Stein kratzen. »Hallo?« rief er in die Stille, die ihn umschlang wie eine kalte Umarmung. Seine Stimme hallte an den Häuserwänden wider, dumpf und fremd, als würde sie ihm nicht mehr gehören. Er trat einen Schritt näher an die Bordsteinkante, wo ein runder Gullydeckel lag wie ein geschlossenes Auge der Unterwelt, alt, rostig, mit kleinen Ritzen, die in die Tiefe führten wie Narben in der Haut der Erde. Ein Windstoß wehte ihm feuchte Luft ins Gesicht, die nach Verwesung und vergessenen Schreien schmeckte. Dann hörte er es. Zuerst nur ein Kribbeln im Ohr, kaum wahrnehmbar, wie Spinnen, die über sein Trommelfell liefen.
›Tim…‹
Er blinzelte, und die Welt schwankte.
»Wer ist da?«
Der Nebel wogte und tanzte wie ein lebendiges Wesen. ›Tim-o-thyyy…‹ Es war kein Flüstern wie von einer menschlichen Stimme. Es war zu weich, zu langgezogen, zu sehr ein Laut, der sich um ihn schmiegte wie Seide aus Schatten, als würde er aus allen Richtungen gleichzeitig kommen, aus der Erde selbst geboren. Timothy machte einen Schritt zurück, das Herz hämmerte ihm gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel, der sich die Flügel blutig schlug. »Hör auf…« Seine Stimme brach wie dünnes Eis. Unter ihm vibrierte der Boden, nur schwach, aber spürbar, als würde etwas Großes, Hungriges unter der Straße erwachen. Ein dumpfer Laut wie ein Lachen – tief, kehlig, erstickend wie Wasser in den Lungen – stieg durch die schmalen Schlitze des Gullydeckels an die Oberfläche wie eine Blase aus der Hölle. ›Komm… Spiel mit mir…‹ Timothy rannte los, seine Füße flogen über den Asphalt wie die eines Rehs vor dem Wolf. Seine Schuhe klatschten auf den Boden, der Nebel zerrte an seinen Beinen wie kalte, gierige Hände, die ihn zurück in die Dunkelheit ziehen wollten. Er bog in die nächste Straße ein, stolperte, rappelte sich hoch wie ein zerbrochenes Spielzeug. Sein Atem ging stoßweise, heiß und scharf wie Glasscherben in seiner Lunge. Er schaffte es bis zur Einfahrt seines Elternhauses, griff nach der Klinke – doch die Tür war verschlossen, kalt und unerbittlich wie ein Grabstein. »Mama!« Er schlug dagegen, seine kleinen Fäuste trommelten gegen das Holz wie Regentropfen vor dem Sturm. »Mach auf! Bitte!« Eine Stimme antwortete. Aber nicht aus dem Haus. Sie kam von hinten. Von der Straße. Von unter der Straße, aus den Tiefen, wo die Finsternis zu Hause war. ›Timothy Harper.‹ Dieses Mal war es kein Flüstern mehr, sondern ein klar ausgesprochenes, genüsslich gedehntes Rufen, das seinen Namen kostete wie süßen Wein. Der Klang wanderte durch die Nacht wie eine Erinnerung, die nicht sterben wollte, wie ein Echo aus einem Alptraum, der niemals enden würde. Timothy drehte sich um, sein kleiner Körper bebte wie ein Blatt im Herbstwind. Sein Blick verlor sich im Nebel, der die Straße verschluckt hatte wie ein hungriges Maul. Nur ein schwacher, roter Schein schwebte darin – ein runder, unheimlich ruhiger Ballon, der direkt über dem Gullydeckel hing wie ein blutendes Herz am Himmel der Verdammten. ›Ich kenne deinen Namen.‹ Das Licht der Laterne über ihm erlosch mit einem letzten, sterbenden Zucken. Und Timothy Harper verschwand spurlos, als hätte die Nacht ihn einfach verschluckt.
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