Angst
Er will dieses Ding in mich hineinstecken.
Was mache ich hier?
Der Abend war jung und ich saß, wie immer, in meinem Gamersessel vor der Kiste. Mein Tor zur Welt. Das Paradies! Der einzige Ort, wo ich mich zeigen konnte, wie sein wollte. Viele Orte. Wo ich mich nicht zeigen musste, um jemand zu sein. Dort war ich gutaussehend, genial, interessant. Selbsthilfeforen. Datingseiten. Verschwörungszeugs und Pornografie. Insta und FB hatte ich durchgespielt. Langweilig. Aufbauspiele als Zeitfüller zwischen den Masturbationsattacken. Dort kam ich leicht ins Gespräch. Im Reallife ging nichts. Niemand interessierte sich für mich. Mein Sexleben stand komplett auf Autopilot. Nur ich, meine Spielzeugsammlung und der Monitor. Das Bett kannte nur meinen Arsch. Keinen sonst. Ich war glücklich.
Gestern. Ich schwebte durch den Raum. Meine Farm benötigte eine Erweiterung. Ein paar Klicks später, war ich wieder der Größte. Das Psychoportal. Ein Troll, wie nett. Alles voller Spam. Katzenfilmchen und Titten. Die Bielefeld-Verschwörung und Chuck Norris. Ein Schachrätsel lösen. In einem Reel macht einer 1000 Liegestütze, der nächste haut sich mit der Schaufel auf die Eier, eine hübsche Lady packt einen Lockenstab aus, Amy singt, Vogelscheiße im Cocktail … ich scrolle, also bin ich. In meinem Zoo wurden seltene Affenbabys geboren. Das bringt Punkte und Neid. Keine Kommentare unter meinen Kurzgeschichten. Geschreibsel. Datingpool meldet einen Match. Später. Erst noch die Affen füttern. Mais und Kartoffeln anbauen. Ein paar Likes. Den Kandidaten checken. Heißes Fahrgestell. Hab ihm eine Nachricht geklöppelt. Die Farm, die Farm und immer die Farm. Ständig ist da was zu tun. Punkte sammeln. Also klicke ich mir die Finger wund und baue meine Führung aus. Piep. Hä? Piep! Ahja, das Fahrgestell hat geantwortet. Der Mais ist reif. Die Ziegen melken, Käse machen. Er will mich sehen? Mich? Mich sehen? Was hat der denn geraucht? Gunny erklärt eine Großmeisterpartie. Piep. Ob ich noch da wäre. Matt in Drei. Krass! Wo wohnt er denn? Nicht weit weg. Treffen? Wann habe ich mich das letzte Mal mit jemandem getroffen? Ich erinnere mich nicht. Die Affenbabys brauchen Milch. Das Handy quiekt. Der Chef. Das kann warten. Liza Minnelli singt „the day after that“. Ich kann nicht weg, die Farm!
Er lässt nicht locker. Kann das sein? Ich fühle mich unsicher.
Warum? Bin ich computersüchtig? Abhängig von der Anonymität im Netz?
Nein, ich bin hier der Chef. Das Netz ist nur – ja was?
Ich reiße mich los.
Fahre los.
Das Gewerbegebiet, der Parkplatz. Scheinwerfer. Piepsen.
Ich wache auf.
Ein neuer Tag.