Spieglein, Spieglein an der Wand, zeige mir Teddys Wunderland

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Summary

Ein Mann, eine Vergangenheit. Und ein Spiegel der nicht mehr schweigt. Marc Wexler ist ein gefeierter Immobilienmogul - kontrolliert, skrupellos, erfolgreich. Sein Leben wirkt wie aus Glas gebaut. Makellos und undurchdringlich. Doch ein vertrauter Geruch reicht, um feine Risse in der Fassade entstehen zu lassen. Ein Name. Ein Ort. Ein Spiegel. Und irgendwo tief darin, der Schatten eines Teddys, den niemand je vermisst hat.

Status
Excerpt
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Der Regen prasselte dumpf an das kleine Fenster des Wohnwagens, als Marc an diesem Morgen die Augen öffnete. Neben seinem dreckigen Bett mit der löchrigen Bettdecke stand ein kleiner Blechbehälter, der aussah wie eine alte Milchkanne, in die der Regen unaufhörlich tropfte. Auch sonst war die Einrichtung des mobilen Hauses eher zweckerfüllend, als einladend.

Als er versuchte, leise aus dem Bett zu steigen, knarzte das alte Rollgitter erbärmlich und Marc zog erschrocken die Luft durch die Zähne. Einen Moment verharrte er bewegungslos und lauschte. Er hörte das leise Schnarchen seiner Mutter, die nebenan auf der Couch lag und sich stöhnend auf die andere Seite rollte. Marc hielt seinen Teddy fest im Arm und schlich vorbei. Tappte mit nackten Füßen über den modrigen alten Teppichboden und bemühte sich, unversehrt an den Dingen, die darauf verteilt waren, vorbeizukommen. „Gleich geschafft Teddy“, flüsterte er seinem kleinen Freund zu und beeilte sich die Toilette zu erreichen. Es war kalt. Das Gas für die Heizung war schon lange ausgegangen. Für Zigaretten und Bier schien es allerdings immer zu reichen. Nachdem er leise die Tür geschlossen und in die Toilette blickte, überkam ihn Ekel. Der Deckel war schon lange kaputt. Also hatte seine Mutter diesen einfach vor den Wohnwagen geworfen. Marc erinnerte sich noch gut an den Ärger, den er dafür bekommen hatte, obwohl er unschuldig gewesen war. Mit ein wenig Toilettenpapier versuchte er das Erbrochene seiner Mutter wegzuwischen. Es glitt wie eine matschige Welle in die vor Dreck und Fäkalien stinkende Schüssel, die ihr Mahl gierig verschlang. „Das ist so eklig Teddy“, jammerte er und bemühte sich leise zu sein. Nachdem Marc sich erleichtert hatte, setzte er Teddy an den Rand des Waschbeckens und wusch sich mit eisigem Wasser das Gesicht. Marc war sechs Jahre alt und ein zierlicher kleiner Junge. Sein kurzes, dunkelblondes, strubbliges Haar war wild und nicht zu bändigen und seine blauen strahlenden Augen glichen dem eines Engels. So zumindest behauptete es Mrs. Johnson, die mit ihrer Familie ein paar Wagen weiter wohnte. Insgesamt waren die Menschen hier in diesem Trailer Park, der sich in Apache Junction im Bundesstaat Arizona befand, freundlich und hilfsbereit. So zumindest empfand es Marc.

Einen Spiegel gab es nicht. Nur ihre Mutter besaß einen, auf den sie mit dicken Buchstaben ihren Namen gekritzelt hatte – Camila. Marc war es verboten, diesen anzufassen. Als er es mal versucht hatte, schrie seine Mutter aus vollem Halse und schlug ihm auf die Finger. „Kleine Jungs brauchen so was nicht“, hatte sie gekeift.

Marcs Magen knurrte und er hielt sich die Hände vor den Bauch. Dabei fiel ihm auf, dass seine Nägel dreckig waren. Er schämte sich dafür, nachdem Elizabeth, Mrs. Brown, einmal gesagt hatte: „Du meine Güte Marc! Das ist doch widerlich! Wäschst du dir denn nie die Hände?“ Er wusch sich die Hände, doch wollte er nicht gestehen, dass es so gut wie nie Seife gab. Und wenn, dann verwendete sie ihre Mutter für andere Zwecke, über die Marc nicht sprechen durfte. „Wenn du das jemandem erzählst, reiße ich Teddy auch das andere Ohr ab! Verstanden?“ Diese Warnung hallte auch jetzt, zwei Jahre später, durch Marcs Kopf. Das erste Ohr verlor Teddy, nachdem er sich den Spiegel borgen wollte.

Leise öffnete er die Toilettentür und warf einen Blick auf das Sofa. Camila schlief noch. Der Wohnwagen bot nicht viel Platz. Außer einer Essecke, einer kleinen Kochnische, dem Sofa und Marcs kaputtes Bett gab er nicht viel her. Irgendwann war er mal weiß gewesen, doch der Zahn der Zeit hinterließ eifrig seine Spuren und kleidete den Trailer in ein zartes grün. Gegenüber der Toilette, neben der Kochnische, befand sich ein kleiner Kühlschrank. Er öffnete ihn in der Hoffnung, den schmerzenden Hunger stillen zu können. Neben alter Wurst und ranzigem Käse fand er noch eine Flasche Milch.Toll, dachte er, nahm eine Schüssel und die Cornflakes aus dem Schrank darüber und schlich zurück zu seinem Bett. Es war bereits hell draußen und der Wind peitschte die Regentropfen gegen den Wohnwagen. Er wackelte und schien sich schütteln zu wollen, als seine Mutter die Augen öffnete. „Was eine Scheiße“, raunte sie und hielt sich die Hände vor das Gesicht. „Marc, hol mir einen Eimer!“ Er tat, was seine Mutter befahl und stürmte los.Eimer, wo ist denn ein Eimer?, dachte er und lief wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Wohnwagen. „Beeil dich gefälligst man!“ Marc rannte in die Toilettenkabine und suchte hektisch nach einem Eimer. „Ich finde keinen Mommy“, sagte er ratlos. Tränen stiegen ihm in die Augen und die Kehle begann zu schmerzen, als er versuchte die Verzweiflung herunterzuschlucken. Er hörte ein Poltern, als sein Blick auf den Waschbeckenrand fiel. „Teddy, entschuldige, ich habe dich vergessen“, sagte er sanft und wollte ihn an sich nehmen, als er einen harten Ruck an der Schulter spürte. Marc flog zurück und krachte gegen den Kühlschrank, aus dem er eben noch eine Flasche Milch geholt hatte. „Verschwinde!“, brüllte seine Mutter und knallte die Tür zu. Er hörte, wie sie sich übergab. Das trockene Würgen, gefolgt von lautem Geplätscher tobte durch Marcs Ohren und er begann zu weinen. Er hasste diese Momente, in denen der Ekel so groß wurde, dass er Gefahr lief, die Beherrschung zu verlieren. Als er sich aufrappelte, durchfuhr ihn ein stechender Schmerz im Rücken. „Aua“, jammerte er und suchte mit der Hand nach der schmerzenden Stelle. Sein Glücksbärchis-Schlafanzug, den er bereits monatelang nachts trug und der mittlerweile aussah, als sei er hunderten von Motten erlegen, offenbarte Male, die stille Zeugen waren. „Mommy“, sagte er und wischte die Tränen aus dem Gesicht. Das strähnige, ungewaschene Haar stand ihm zu Berge, als er sich aufrappelte. Seife wurde eben für andere Dinge missbraucht. „Mum!“, wiederholte er und klopfte an die Tür. „Verschwinde endlich!“, antwortete sie, gefolgt von einem trostlosen Würgen aus den Tiefen ihres Leibes. „Mum, ich will Teddy haben. Ich will ihn jetzt haben!“, tobte Marc und hämmerte gegen die Tür. Anders, als seine Mutter Camila, war Teddy stets zur Stelle, wenn Marc in brauchte. Viele seiner Tränen verschwanden in der Wolle, unter Teddys schrumpeliger Stoffhaut. „Mommy!“ Im nächsten Moment flog die Tür auf und Camila schleuderte ihm einen wütenden Blick entgegen, während sie zitternd vor der Kloschüssel hockte. „Ich habe gesagt du sollst verschwinden! Nimm deinen scheiß Teddy und verpiss dich!“ Marcs Herz trug schwer an den Worten seiner Mutter und er spürte, wie die Trauer, um die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben, sich durch sein innerstes fraß. Ein Leben, wie Oliver, der Sohn der Johnsons, es leben durfte.

In dem Moment, als Marc nach seinem Teddy griff, brach der nächste Schwall aus Camila. Es roch dieses Mal süßlich.Nicht wie vergammelte Milch, dachte er. Nachdem Teddy wieder in Marcs schützenden Armen war, kroch er traurig zurück in sein kaltes Bett. Er hatte keinen Hunger mehr und überlegte, wie gern er etwas fernsehen würde. Nicht zuletzt, damit er die Geräusche aus der Kabine übertönen konnte. Allerdings war der Fernseher, genau wie viele andere Dinge, kaputt. Also hielt er sich die Ohren zu und summte ein Lied. Es war kein bestimmtes Lied. Einfach nur eine Melodie aus seinem Herzen heraus, die er anstimmte, wenn die Realität sich wie ein Raubtier auf ihn warf und ihre gefletschten Zähne in seine noch so junge Seele rammte. Mit geschlossenen Augen und den kleinen Bären im Schoß, saß er auf dem Bett und summte sanft schaukelnd die Melodie, welche die Welt um ihn herum still werden ließ.Wenn ich die Augen wieder aufmache, ist alles wieder gut, dachte er und nahm all seinen Mut zusammen. Als er vorsichtig blinzelte, sah er seine Mutter, die auf wackligen Beinen aus der Kabine trat und sich den Mund an ihrem T-Shirt abwischte. Schweißperlen liefen ihr über die Stirn und ihr Gesicht sah müde und verbraucht aus. Eines Abends, als Camila einen guten Moment hatte, saßen sie zusammen auf dem verdreckten Sofa, das voller Brandflecken ihrer Zigaretten war, und sahen sich ein altes Fotoalbum an. Es gab nicht viele Fotos von Marc, wohl aber die seiner Mutter. „Du bist schön Mommy“, hatte er gesagt, als die Kälte des Winters sie zueinander trieb. „Das war einmal“, hatte Camila geantwortet. Marc erinnerte sich gut an das Bild, als seine Mutter ungefähr 25 Jahre gewesen war. Es zeigte sie in einem hübschen Sommerkleid. Es war gelb wie eine Zitrone und mit vielen bunten Blumen verziert. Es passte nahezu nahtlos zu dem langen schwarzen Haar seiner Mutter und schmeichelte ihrem schönen, schlanken Körper. Sie lachte auf dem Bild und sah glücklich aus. Ein Moment, den Marc nur von diesem Bild kannte. Heute waren nichts mehr davon übrig. Außer dem rabenschwarzen Haar, dass nun schulterlang war. Auch ihr Körper war noch immer schön, fand Marc, aber die grünen Augen seiner Mutter hatten stets etwas Vernichtendes, wenn sie Marc damit ansah.

„Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst verschwinden Marc? Wieso kannst du nicht einfach mal auf das hören, was man dir sagt?“, fauchte Camila und kniete vor dem Kühlschrank. „Wieder nichts drin. So eine verfluchte Scheiße!“ Marc beobachtete sie still und klammerte sich an seinen Teddy. Schuldbewusst schielte er auf die Flasche Milch, die neben ihm auf dem Bett lag. „Zaubermittel“, hatte es seine Mutter früher genannt. Immer dann, wenn sie die Milch trank, um das Gift der Sucht aus ihrem Körper zu spülen. „Hast du etwas wieder alles aufgegessen Marc? Denkst wohl nur an dich! Genau wie der Mistkerl, der mir den Braten in die Röhre geschoben und wegen dem ich dich an der Backe hab“, fauchte Camila und sah Marc scharf an. „Na sag schon!“ „Nein Mum, habe ich nicht. Wirklich nicht“, antwortete er mit belegter Stimme. „Mum, Mommy immer dieses Wort Mommy. Ich kann es nicht mehr hören!“ keifte Camila und warf die Hände in die Luft. Plötzlich war es still. Selbst der Regen schien zu weichen, als sich die Luft in dem Trailer bedrohlich auflud. „Aha und was ist das dann neben dir?“, fragte Camila und verzog die Augenbrauen. „Nichts, ehrlich. Ich wollte nur ein bisschen für die Cornflakes haben. Nicht alles Mum.“ Camila stürzte auf ihn zu. „Ist mir scheißegal wie viel! Du hast die Finger davon zu lassen! Wie oft soll ich dir das noch sagen?“ Wie eine Furie schmetterte sie die Flasche von Marcs Bett. Gewaltig krachte sie zu Boden und zersplitterte in tausende von Einzelteilen, während die Milch still in dem alten Teppich versickerte. „Das ist alles deine schuld! Jetzt habe ich gar nichts mehr!“ kreischte Camila und blanke Wut loderte in ihren Augen. „Es tut mir leid. Ehrlich, es tut mir leid“, keuchte Marc und versuchte seine Angst zu verstecken. Schützend umklammerte er seinen Teddy, der vor seiner Brust ruhte, um sich mutig gegen die Verachtung zu stellen, die ihm entgegenschlug. „Davon habe ich jetzt auch nichts mehr! Na warte, dass kriegst du wieder!“ Camila stürzte zu den zwei Haken, neben der schmalen Tür des alten Trailers und schleuderte Jacken und ihre Handtasche zu Boden. Marc wusste, was dies zu bedeuten hatte und kauerte sich in die hinterste Ecke seines knarzenden Bettes. Ganz nah unter das kleine Fenster, dass durch den Regen den Blick nach draußen verwährte. Er zog die Knie an die Brust und vergrub sein kleines Gesicht in Teddys flauschigem Bauch.Ich weiß Teddy, nicht weinen, dachte er und entschied sich dazu, so tapfer zu sein, wie die Ritter in den Geschichten, die er so liebte, wenn Oliver sie ihm erzählte. „Steh auf!“ schrie Camila. Marc fühlte, wie die Angst seinen Körper lähmte. Sei Herz hämmerte mit voller Wucht gegen die Rippen und das Atmen fiel ihm schwer. „Nein“, flüsterte er tapfer in Teddys Bauch. „Was hast du gesagt? Du tust gefälligst, was ich dir sage! Steh auf!“Ich bin ein Ritter und glänzender Rüstung. Es wird nicht so weh tun, sagte er sich und hob vorsichtig den Kopf. Camila stand vor seinem Bett und ihre Augen funkelten vor Wut. Ihr Gesicht war kantig und angespannt und ihre Lippen zitterten vor Zorn. Viel schlimmer, als die Tatsache, dass sie augenscheinlich dem Wahnsinn verfallen war, war das Werkzeug, welches sie in der rechten Hand hielt. Das Ende der dünnen, giftgrünen Leine baumelte zufrieden zu ihren geschwollenen Fußknöcheln. Sie war ein Andenken, an Struppi, der von einem Auto überfahren worden ist, als der Sommer das Land zum ersten Mal fest in die Arme genommen hatte. „Mum, bitte. Es war nicht meine Schuld. Bitte nicht!“ „Du mieser kleiner Scheißer! Jetzt behauptest du auch noch, ich würde lügen? Was glaubst du eigentlich wer du bist?“ „Niemand“, antwortete er zögerlich. Seine Mutter beugte sich zum ihm hinunter und fixierte ihn mit den Augen. „Ganz genau. Ein Niemand und jetzt steh verdammt noch mal auf!“ Zögerlich setzte Marc seinen Teddy neben sich auf die dreckige Decke und stand auf. Kälte kroch ihm die Wirbelsäule hoch und seine Zähne klapperten. Er traute sich nicht seine Mutter anzusehen. „Das ist es dir also wert, ja? Du trinkst meine Milch und zwingst mich dazu, dir wehtun zu müssen. Warum machst du das Marc? Willst du, dass ich mich schlecht fühle? Hast du mein Leben nicht bereits genug ruiniert?“ Marc stand mit gesenktem Kopf vor der Frau, die ihm einst das Leben geschenkt hatte und schluchzte leise.Tut mir leid Teddy. Ich bin ein schlechter Ritter,dachte er und beobachtete seine dreckigen Füße. „Sieh mich gefälligst an und hör auf zu heulen! Was bist du nur für ein Jammerlappen. Also, wieso machst du das?“ Marc nahm allen Mut zusammen und blickte Camila in die Augen. Blanke Wut loderte hinter ihren Augäpfeln und Marc hätte schwören können, dass sie ihn umbringen würde, wenn sie nicht solche Angst vor der Strafe hätte, würde sie erwischt werden. Wobei er sich auch fast sicher war, dass niemand nach ihm fragen würde. Er war ein Niemand in einer Welt, die ihn nicht haben wollte. „Ich wollte doch bloß einen kleinen Schluck Mommy. Wirklich nur einen kleinen Schluck“, sagte er mit dem Klang von Bitterkeit in seiner Stimme. Tränen liefen ihm über die heißen Wangen und hilflos knetete er seine kleinen Finger. „Du sollst endlich deine Finger von meinem Kram lassen! Nicht ein wenig! Nicht ein bisschen! Nichts! Rein gar nichts hast du das verstanden?“ Er nickte still. „Ob du das verstanden hast, habe ich gefragt, also antworte mir, wie es ein Mann tun würde!“ Marc versuchte tief Luft zu holen, um ihr die Antwort entgegenzubrüllen. Nicht jene, die sie erwartete. Viel lieber wollte er ihr sagen, wie sehr er sie hasste. Und auch, wie sehr er sie liebte. Unvergessen die stillen, wenigen Momente, in denen sie ihn nicht zu hassen schien. Es waren kleine Inseln der Glückseligkeit, die ihn daran glauben ließen, dass ein Leben mehr bereithalten konnte als das trostlose Dasein eines kleinen Jungen, der sich nach der Liebe seine Mutter sehnte. Er hätte alles dafür getan und wenn er dachteAlles, dann meinte er damit auch wirklich alles. Doch diesen Mut brachte er nicht auf. Keines der Male, als sein Herz sich verkrampfte und sein Körper diesem Schmerz folgte. Es war dieser dicke Kloß im Hals, der ihm die Stimme raubte und nichts als ein kehliges Krächzen seinen Hals verließ. „Ja, ich mache es nicht mehr. Versprochen Mommy“, sagte er leise. „Schon wieder dieses Wort. Ich kann es nicht mehr hören!“ kreischte Camila und im nächsten Moment hörte Marc ein pfeifendes Sausen durch die Luft. Er sah noch, wie sich der Arm seiner Mutter in die Luft erhob und nur einen kurzen Augenblick später spürte er einen brennenden Schmerz auf seiner Wange. Schützend hielt er sich die Hände vor das Gesicht, stolperte rückwärts und fiel rücklings aufs Bett. „Mum, nicht. Hör bitte auf!“ Immer und immer wieder spürte er die giftgrüne Verachtung auf seinem zitternden Körper. Mutig, wie ein Ritter, krabbelte er zu seinem Teddy, nahm ihn fest in den Arm und kauerte wie ein kleines Knäuel in einer Ecke seines alten Bettes. „Du wirst mir nie wieder widersprechen! Und du wirst mir nie wieder ins Gesicht lügen! Weder du noch sonst einer von euch Dreckskerlen!“ Marc schwieg. Er wusste, dass es besser war, still zu ertragen. Er wollte nicht sterben, noch nicht. Die Hoffnung verriet ihm, dass es noch mehr in dieser großen weiten Welt, außerhalb des Wohnwagens, zu erleben gab. Der gellende Schmerz, der ihn immer und immer wieder durchfuhr, schrill, durchdringend, fast schneidend, sollte ihn nur vorbereiten auf das, was das Leben ihm lehren würde. Die giftgrüne Schlange, die ihn mit ihren reißerischen Fängen immer und immer wieder quälte, war ein todbringender Lehrer. „Ich will das wirklich nicht tun, aber du zwingst mich dazu. Das verstehst du doch, oder kleiner Mann?“ fragte Camila keuchend und außer Atem, als sie sich zu ihm auf das Bett setzte. Marc nickte und versteckte sein Gesicht hinter dem großen Kopf seines Teddys, an dem ein trauriges einzelnes Ohr baumelte. „Na komm schon. So schlimm war das doch nicht. Was hälst du davon, wenn wir zusammen eine neue Milch kaufen und etwas essen? Wäre das nicht schön?“, fragte Camila sanft und streichelte ihm durch das zerzauste Haar. Er schielte mit einem Auge zu ihr herüber. Sie lächelte sanft. Fast so, wie eine richtige Mutter. „Okay“, antwortete er schüchtern, wagte sich aber nicht aus seinem Versteck. „Wunderbar! Dann ziehe ich mich an und wir können los, ja?“ Als sie aufgestanden und in die Toilettenkabine gegangen war, sah ihr eine kleine Seele aus weinenden Augen nach. Behutsam berührte Marc seine Wange und stellte fest, dass ein wenig Blut in seiner Handfläche kleben blieb. Manchmal fragte er sich, ob sein Vater auch solch ein Monster war. Ob er ihn vielleicht haben wollen würde. Er hatte auch schon mal überlegt, einfach wegzulaufen. Doch die Angst, seine Mutter würde ihn wieder einfangen war zu groß. Er war sich sicher, dass er dann eines grausamen Todes sterben würde. „Teddy, kannst du uns nicht von hier wegzaubern? So wie Merlin damals? Ich gebe dir alles, was du willst, versprochen!“ Hoffnungsvoll sah er dem Teddy in die toten Knopfaugen. Er antwortete nicht. „Teddy, bitte. Sonst wird sie dir dein anderes Ohr auch noch abreißen oder schlimmer noch, deinen Kopf. Dann bin ich ganz allein. Du darfst mich nicht allein lassen!“ Er weinte hemmungslos in den Bauch seines kleinen flauschigen Freundes. Sein Körper zuckte und bebte unter den Wellen seiner schmerzenden Hilflosigkeit. „Ich wünschte, ich wäre tot!“, sagte er bitterlich weinend und kauerte sich um das Stofftier zu einem Knäuel zusammen. „Abgemacht mein kleiner Freund“, hörte er plötzlich eine Stimme sagen. Sie klang rau, dunkel und irgendwie grollend. Marc musste an ein Gewitter in weiter Ferne denken. Augenblicklich versiegten sie Tränen und er setzt sich auf. „Wer ist da? Mum?“ Er konnte niemanden entdecken und dem Geräusch des laufenden Wasserhahnes zu urteilen, war seine Mutter beschäftigt. „Hallo? Wer ist da?“ Stille breitete sich in dem Trailer aus und bedeckte die Realität wie eine Decke aus Blei. Marc war, als hörte er das Pochen seines wild schlagenden Herzens in den Ohren. Es rauschte und blubberte. Teddy, den er fest umklammerte, saß in seinem Schoß und sah aus stummen Augen zu ihm auf. Als Marc ihn ängstlich mit den Händen umklammerte, spürte er ein Vibrieren. Wie in einem Nest Bienen, das eifrig dabei war, süßen Honig zu produzieren. Aber es war leichter, kaum wahrnehmbar.Er fühlte sich warm an, aber die Wärme war anders als die seines Körpers. Fast so, als würde er einen heißen Kessel anfassen, an dem die Haut kleben blieb, wenn man ihn berührte. Erschrocken ließ er den braunen Teddy fallen. „Mum?“, rief er leise. „Mommy? Kannst du kommen?“ Sie antwortete nicht, sondern summte ein fröhliches Lied vor sich hin. Als er wieder zu seinem Stofftier sah, saß es aufrecht vor ihm auf den Boden. Das Rauschen in Marcs Ohren wurde lauter und übertönte das Summen seine Mutter, bis es nur noch ein dumpfes Kreischen war. Die Umgebung, um den kleinen Teddy verzerrte und verschob dich ineinander. Und die Luft, die Marc zu atmen versuchte, fühlte sich an, als würde er ertrinken. Dick, wie klebriger Schleim, der seine Lungen zu fluten versuchte. Er umfasste seinen Hals und versuchte die Angst herunterzuschlucken. Immerhin war es Teddy, sein bester Freund. Sein einziger Freund. Doch, als er ihm in die matten Augen sah, glaubte er etwas zu erkennen. Sie schimmerten wie die Wut hinter den Augäpfeln seiner Mutter. Brodelnd, trügerisch und doch fast schon liebevoll schienen sie ihm direkt ins Herz zu sehen. Je länger er den pelzigen Freund anstarrte, desto glühender erschienen ihm diese kleinen schwarzen Perlen.Wie glühende Kohle, dachte er. „Du machst mir Angst. Hör auf damit Teddy!“, sagte er und kroch unter die Decke. Er hielt sie sich vor die Augen, als er auf der Seite lag und still nach seiner Mutter rief. Als er mit einem Auge hervor lugte und sich konzentrierte, auf die Tür der Toilettenkabine zu sehen, erkannte er aus dem Augenwinkel, dass Teddy seinen Kopf zu bewegen schien. Langsam, ganz langsam drehte er ihn mit nur einem Ohr zu Marc, bis er abrupt erstarrte. Marc atmete so schnell er konnte. Er hatte das Gefühl, seinen Lungen füllten sich nicht mehr so, wie noch vor ein paar Minuten. „Teddy, hör auf!“ blaffte er und versteckte sich abermals unter der löchrigen Decke.Das ist nicht echt! Das ist nicht echt,wiederholte Marc immer und immer wieder in seinem Kopf. Bis plötzlich nichts mehr da war, dass er denken konnte. Sein Kopf schien wie leergefegt. In diesem Moment hielt er den Atem an und das Gewitter in der Ferne grollte erneut durch seine Gedanken. Das Donnern schien Formen anzunehmen. Es formte sich zuerst nur zu Bruchstücken von Worten. Marc schien es, als könnte er die Sprache nicht verstehen. Doch dann, einen kurzen Augenblick später, als er seine Mutter verfluchte, weil sie ihn wieder allein ließ in einem Moment, in dem er sie wirklich brauchte, erkannte er die raue durchdringende Stimme wieder. „Abgemacht, kleiner Freund.“ Marc schloss die Augen und begann unter seiner Decke zu beten. In seinen Gedanken hoffte er auf Hilfe, als er plötzlich die Toilettentür hörte. „Marc? Was machst du da? Du solltest dich doch anziehen! Machst du überhaupt irgendwas von dem, was ich dir sage du lausiger Bengel?“ keifte Camila und trampelte durch den Wohnwagen.Ich hasse dich. Dich und alle anderen deiner Sorte! Wenn ich groß bin, werde ich anders sein, dachte Marc und wagte sich nicht unter der Decke hervor. „Abgemacht, kleiner Mann“, grollte es wieder durch seinen Kopf. „Wieso liegt dieses bescheuerte Stofftier vor dem Bett? So gehst du also mit Dingen um, die ich dir schenke, ja?“ und im nächsten Moment spürte Marc, wie der braune Teddy zu ihm auf das Bett geworfen wurde. Als seine Mutter nach draußen vor den Wohnwagen ging, um eine Zigarette zu rauchen, wollte Marc ein Ritter sein. Langsam schob er seinen Kopf unter der Decke hervor und blickte umher. Teddy saß über ihm in der Ecke, in der sie noch kurz zuvor zusammen gekauert hatten, als Camila ihrer Wut freien Lauf ließ. Das Glühen in den kleinen Knopfaugen war verschwunden. Er sah aus wie immer. Auch die Luft war wieder leichter und das Sausen in Marcs Ohren schien verschwunden zu sein.

Es war ein Tag im Februar 1981, als der kleine braune Teddy zum ersten Mal zu Marc sprach.