Kapitel 1 - Die Ankunft
Das Automobil roch nach Schnaps.
Der wortlose Fahrer, der zerknittert und windschief hinter dem Lenkrad hing, dünstete den Restalkohol gleich mehrerer durchzechter Nächte aus. Wim kannte diesen Gestank. So hatten die meisten seiner altern Lehrer am Internat gerochen.
»Auch eine?« Der Jüngere der beiden Uniformierten steckte sich eine Zigarette an und hielt seinem Kollegen über Wim hinweg ein Silberetui unter die Nase.
»Ne, lass mal.« Der Ältere wischte sich mit einem fleckigen Taschentuch über das Gesicht. Es war Spätherbst, doch der Kerl schwitzte schon die gesamte Fahrt über so stark, dass man meinen könnte, es wäre mitten im Hochsommer. »Wir sind gleich da und diese Irren geiern nur darauf, dass irgendwer mit ner’ Kippe auftaucht. Für Tabak tun die alles.«
Der Raucher sah von seinem älteren Kollegen zu seiner Zigarette, dann zog er kräftig an dem Glimmstängel und drückte ihn anschließend auf dem Etui aus.
»Scheiße. Hättest du mir auch vorher sagen können.«
Das Automobil erwischte ein Schlagloch und sämtliche Insassen wurden kräftig durchgeschüttelt. Wim wurde zwischen den massigen Körpern der Uniformierten fast zerquetscht.
»Herrgott!« Der Jüngere schlug kräftig gegen den Sitz des Fahrers. »Mach doch die Augen auf beim Fahren, du alter Besoffski!«
Der Fahrer schwieg, den Blick stur geradeaus. Die behandschuhten Finger des Mannes erinnerten Wim an lange Spinnenbeine, die bei jeder Kurve der schmalen Waldstraße über das Lenkrad krabbelten.
Kurve nach links. Krabbel, krabbel, krabbel. Kurve nach rechts. Krabbel, krabbel, krabbel.
Der Wald, durch den sie schon eine halbe Ewigkeit fuhren, wurde immer dichter. Die knorrigen Bäume griffen langfingrig nach allem, was ihnen zu nah kam. Äste kratzten über das Dach und die Fenster des Automobiles und Wim konnte zwischen den Bäumen graue Mauern erkennen, die langsam immer größer wurden.
Schloss Ebenstein.
Willkommen am Arsch der Welt.
Die letzte Ortschaft, die Wim gesehen hatte, bevor man ihn wenig zärtlich in das Automobil befördert hatte, hatte aus nichts weiter als einem winzigen Bahnhof bestanden, wo der nahezu leere Zug aus Amsterdam ihn und seine beiden Begleiter ausgespuckt und sie ihren Schicksalen überlassen hatte.
Ich bin sicher, die Kur wird dir guttun, hatte Margold gesagt. Wir haben doch nur dein Bestes im Sinn.
Wir. Noch keine sechs Monate verheiratet und schon waren diese Schlange und Wims Vater ein WIR. Wir dies, wir das. Und dabei war das verdammte Baby noch nicht mal auf der Welt. Das Baby, von dem sein Vater so sehr hoffte, dass es ein Junge wurde. Ein kräftiger und gesunder Junge. Keine Heulsuse mit Wahnvorstellungen und Anfällen. Wim war vielleicht klein für sein Alter, aber er war nicht naiv. Da konnten sein Vater und Margold noch so oft seine Epilepsie als Grund für seine Verbannung ins Nirgendwo nennen, er wusste es besser. Das hier war keine Kur für seinen fragilen Geist.
Das hier war eine Bestrafung.
Sein Vater und Margold glaubten vielleicht, dass geschlossene Türen Geheimnisse daran hinderten, gehört zu werden; aber Wim hatte gute Ohren. Er war ein Meister im Belauschen von Dingen, die Erwachsene leise murmelten. Dinge, die nach dem dritten Weinglas vor dem Kamin gesagt und geflüstert wurden. Geschäfte, die gemacht, Lügen, die erzählt und Entscheidungen, die getroffen wurden. Wim hatte die letzten Monate besonders aufmerksam gelauscht und jedes Wort gehört, was die Erwachsenen in der falschen Sicherheit des Arbeitszimmers besprochen hatten. Was für Dinge sie über Wim gesagt hatten.
Lügner.
Hysteriker.
Fantast.
Ein Hirsch sprang vor den Wagen.
»Ein Jammer wegen dem Rothirsch.«
Professor De Groot schenkte Wim großzügig Kakao ein.
Wim hatte gar keinen Kakao gewollt.
»Wirklich ein Jammer.« De Groot stellte die Kanne zurück auf ihren Platz und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches, ein gigantisches Ungetüm aus dunklem Holz. Das gesamte Arbeitszimmer des Professors roch nach Benzin und Kaminfeuer, obwohl im Kamin gar kein Feuer brannte. »Das Rotwild ist erst kürzlich wieder hier ansässig geworden. Der Krieg hat viele Tiere vertrieben. Wusstest du das?«
Wim schüttelte den Kopf. Erwachsene wurden seiner Erfahrung nach in der Regel zornig, wenn man als “Halbstarker” so tat, als wüsste man irgendwas über die Welt. Es war selten den Ärger wert.
»Hirsche bedeuten Frieden.« De Groot zupfte mehrmals an dem engen Kragen seines braunen Pullovers. »Wie Vögel. Wenn das Wild und die Vögel fliehen, sollte man sich auf Ärger gefasst machen.«
Wim sah von dem Professor zu einem der hohen Buntglasfenster, vor dem lässig ein Junge lehnte. Er trug Chinohose, ein Polohemd und ein viel zu breites Grinsen. Er war älter als Wim, vermutlich sechzehn oder siebzehn und bis jetzt mit keinem Wort erwähnt oder vorgestellt worden.
»Ich liebe Hirsche.« De Groot klopfte mehrmals auf den Schreibtisch. »Aber genug davon. Das war ja mal eine Anreise, was? Unser lieber Herr Kuipers hat zwar eine ausgeprägte, ähem, Leidenschaft für Liköre, jedoch hatte er noch nie einen Unfall. Wirklich Pech, was da heute passiert ist. Aber die Hauptsache ist, dass es dir gut geht. Keinen einzigen Kratzer. Unglaublich!«
Wim schwieg, den Blick immer noch auf den blassen Jungen beim Fenster gerichtet, der eindeutig zu viel Pomade im Haar hatte.
»Na dann, legen wir mal los.« De Groot klatschte laut in die Hände, ehe er sich von der Tischkante erhob und sich auf eine halbe Weltreise zu seinem Stuhl begab. »Willem Van Leeuwen. Was ein Name und was erst für eine Akte! Wutanfälle und Neigung zur Hysterie. Die Häufigkeit deiner epileptischen Anfälle hat sich laut deinem Vater im letzten Jahr fast verdoppelt. Ist dem so?«
Wims Blick wanderte vom Professor erneut zu dem Fremden, der Dinge mithörte, die ziemlich sicher nur im Vertrauen besprochen werden sollten. An geschlossenen Türen zu lauschen war eine Sache. Einfach so blöd grinsend in einem Raum herumzuhängen und alles mitzubekommen eine ganz andere.
»Der Junge soll gehen.«
De Groot sah von seinen Unterlagen auf.
»Wie bitte?«
»Der Junge beim Fenster.« Wim spürte, wie es in seinem Nacken kribbelte. Kribbeln war nie gut. So fing es immer an. Erst kam das Kribbeln, dann die verstörten Blicke und schließlich der Ärger. Das eine jagte stets das andere. »Der steht hier schon die ganze Zeit herum. Ich will, dass er geht.«
De Groot sah Wim mehrere Minuten lang schweigend an, dunkle Augen hinter runden Brillengläsern, dann drehte sich der Professor samt seines Stuhls langsam in Richtung Fenster und sah zu der besagten Stelle. Er pfiff kurz eine Melodie, ehe er sich mit seinem Stuhl in die Ausgangsposition zurückbewegte und einen Füllfederhalter zur Hand nahm. Er notierte sich etwas.
Das Kribbeln in Wims Nacken wurde zu einem Brennen. Nicht schon wieder. Nichtschonwiedernichtschonwieder …
»Alfons«, sagte De Groot, den Blick immer noch auf seine Notizen gerichtet. »Könntest du vielleicht die Güte besitzen und uns alleine lassen?«
Der Fensterjunge salutierte spöttisch, stieß sich von der Wand ab und schlenderte aus dem Raum. Die Tür schloss sich mit einem Klicken.
Der Junge war echt gewesen. Keine Einbildung. Aus Fleisch und Blut. Mit Knochen und einem Herzschlag.
Als De Groot sich jedoch weiterhin kommentarlos Notizen machte, überwog Wims Ärger die Erleichterung.
»Machen Sie sich über mich lustig?«
»Nichts läge mir ferner.« De Groot sah endlich von seinen Notizen auf. Er lächelte. »Alfons hat ein Talent dafür, immer an den Orten zu sein, an denen er absolut nichts verloren hat. Am Besten ignoriert man ihn einfach. Er verliert dann recht schnell die Interesse und begibt sich von selbst an den Ort, wo er eigentlich hingehört. Und das ganz ohne Bestrafung.«
Wim starrte den Professor an.
»Du meine Güte! Dieser Blick. Hast du etwa geglaubt, wir schlagen unsere Schützlinge? Ich kenne das Internat, auf dem du zuvor gewesen bist. Himmel, nein. Man kann vielleicht einen Löwen mit einer Peitsche dazu bringen, durch einen Feuerring zu springen, aber sicher keinen jungen Mann mit Verstand und Seele.« De Groot lächelte. »Du wirst schnell verstehen, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Glaub mir, ehe du dich versiehst befindest du dich als eine gesunde Bereicherung für die Gesellschaft wieder auf dem Nachhauseweg.«
De Groot warf einen Blick auf seine Unterlagen.
»In der Regel informieren wir die Eltern regelmäßig über die Entwicklung ihrer Söhne, aber laut deinem Vater wird ausdrücklich kein Kontakt während deines Aufenthalts gewünscht. In dringenden Fällen sollen wir den Familienarzt benachrichtigen. Vertraust du diesem Doktor Mulder?«
Wim brauchte einen Moment, um die Frage zu verstehen. So etwas hatte man ihn noch nie gefragt.
»Weiß nicht«, murmelte Wim. Er ballte seine Hände zu Fäusten und schob sie unter seinen Hintern. In der Regel beruhigte ihn sein eigenes Gewicht auf seinen Händen. Das Gefühl von seinen Fingerknöcheln, die schmerzhaft in das harte Holz des Stuhls unter ihm gedrückt wurden, ließ ihn besser denken. »Glaub schon. Er ist alt. Uralt. Er riecht nach Kernseife und hat Haare in den Ohren.«
De Groot stützte sein Kinn auf beide Hände und musterte Wim.
»Nun, meiner Erfahrung nach kann man alten Männern mit Haaren in den Ohren vertrauen. Bei der Nase muss man jedoch aufpassen.«
»Und bei Haaren auf den Fingern?«
»Da sollte man laufen. So schnell einen die Füße tragen.« De Groot lachte, als hätte er den besten Witz aller Zeiten gerissen. Er schob ein paar Blätter auf seinem Schreibtisch scheinbar sinnlos hin und her. »Laut diesem Doktor Ohrenhaar-Mulder ist deine Stiefmutter wegen einem kleinen Zwischenfall äußerst erschüttert und dein Vater sehr aufgebracht.«
Wim versuchte, sich auf seinen Händen sitzend noch schwerer zu machen und seine Fingerknöchel noch fester gegen das Holz zu pressen.
»Ich habe sie nicht geschubst.«
De Groot hob eine buschige Augenbraue.
»Wer dann?«
Das Ding mit den Krallen und Löchern statt Augen.
»Sie ist gestolpert.«
De Groot lächelte.
»Verstehe. Nun, es war eine lange Reise und du bist sicher nach all der Aufregung müde. Wir werden morgen in Ruhe über die ersten Therapiestunden sprechen. Kein Grund, das Personal noch länger auf dich warten zu lassen. Du bist nach der Sache mit dem Hirsch quasi das Gespräch im Schloss.«
De Groot nahm den Telefonhörer von der Gabel und wählte eine Nummer.
»Fräulein Hoekstra, guten Abend. Unser Neuzugang wäre nun so weit. Seien Sie doch so gut und holen Sie ihn ab, ja?« Der Professor lauschte kurz der Stimme auf der anderen Seite des Hörers, während er immer noch lächelte. »Natürlich. Könnten Sie später auch nach den zwei Beamten sehen? Der Junge ist unversehrt, aber die zwei Herrschaften hatten weniger Glück. Eine gebrochene Nase und jede Menge schlechte Laune, soweit ich im Bilde bin.«
Erneut lauschte der Professor.
»Selbstverständlich, meine Liebe. Ohne Sie wäre ich verloren.«
Der Professor knallte den Hörer auf die Gabel.
»Dein Koffer wurde bereits auf dein Zimmer gebracht. Das beste Zimmer von allen. Wunderschöne Aussicht. Man kann bis zum See schauen.«
De Groot schob Wim ein Blatt Papier zu. Auf dem Blatt drängten sich auf einer Schreibmaschine getippte Buchstaben bis zum letzten Millimeter dicht aneinander. Kein einziger Wortzwischenraum war zu viel.
Willkommen auf Schloss Ebenstein. Die Einhaltung folgender Hausregeln ist für alle verpflichtend: 1. Der Konsum von Alkohol ist streng verboten. 2. Die Kleiderordnung ist stets einzuhalten. (Das gilt auch für dich, Boris!) 3. Alle Gäste haben sich den gebräuchlichen Sitten nach zu verhalten. 4. Die Haltung von Tieren jeglicher Art ist streng untersagt. (Käfer SIND Tiere!!!)
Es klopfte. Dreimal. Hörbar scharf und ungeduldig.
De Groot sprang so enthusiastisch auf, dass Wim in seinem Stuhl zurückzuckte. »Ah, da ist sie ja auch schon. Das Triebwerk von Ebenstein. Das Herz und die Lunge! Immer nur herein, Fräulein Hoekstra!«
Eine dürre Frau mit Haaren so kurz wie ein Mann rauschte in das Arbeitszimmer. Sie verzog missmutig den Mund, über dem sich ein Muttermal befand.
»Wie oft denn noch, Professor? Kein Herumtrödeln bei der Spätschicht. Toter Hirsch hin oder her. Für Umstände habe ich keine Zeit.«
Fräulein Hoekstra musterte Wim grimmig, dann schnippte sie zweimal. Zwei Riesen schoben sich in den Raum. Es waren Frauen, gigantisch und breit.
»Nun denn, junger Herr Van Leeuwen. Wir wollen ja wohl ungern die Nachtruhe bereits am ersten Abend verletzen. Mein Name ist Fräulein Hoekstra, Hausdame. Hocherfreut. Das sind Frau Blum und Frau Moll. Und nun hurtig, hurtig.«
Frau Blum hatte kurze und blonde Locken und wirkte wie die Karikatur eines fetten Engels, nur mit mehr Kinn und ohne Hals. Frau Moll trug einen dunklen Bob und hatte tätowierte Fingerknöchel. Wim hatte noch nie eine tätowierte Frau gesehen.
»Bewegung, junger Mann.« Fräulein Hoekstra rauschte so schnell aus dem Arbeitszimmer, wie sie hereingeweht war.
Wim musste fast rennen, um mit dem langbeinigen Fräulein Hoekstra Schritt zu halten. Frau Blum und Frau Moll folgten mit verstörend leisen Schritten.
»Ab einundzwanzig Uhr herrscht absolute Nachtruhe.« Fräulein Hoekstra beschleunigte ihren Schritt. Wim stolperte ihr nach. Zwischen seinen schwitzigen Fingern löste sich das Blatt mit den Hausregeln nahezu auf. »Jeder Verstoß wird mit dem Entzug von Privilegien bestraft. Ab zwanzig Uhr ist das Verlassen des zugeteilten Zimmers untersagt. Toilettengänge sind die Ausnahme, müssen jedoch von der zuständigen Aufsichtsperson genehmigt werden.«
Die Hausdame führte sie über den dunklen Innenhof hinweg zu einem anderen Teil der Burg, durch unzählige Gänge und eine Wendeltreppe aus rauem Stein empor. Wim drehte sich immer wieder nach Frau Blum und Frau Moll um, überzeugt davon, dass sie jeden Moment mit ihren massigen Körpern steckenblieben, wurde jedoch enttäuscht. Die zwei Frauen folgten ihm auf Schritt und Tritt.
»Das Frühstück beginnt um sieben und endet um acht. Aktivitäten und Therapien finden von halb neun bis siebzehn Uhr statt. Das Mittagessen wird von dreizehn bis vierzehn Uhr im Speisesaal eingenommen. Abendessen um neunzehn Uhr. Ein Zuspätkommen oder Fernbleiben wird nicht akzeptiert. Jeden Abend findet eine Zählung statt. Fragen?«
Wim öffnete den Mund, doch Fräulein Hoekstra winkte energisch ab.
»Keine Fragen? Wunderbar. Es herrscht eine strenge Kleiderordnung, sowie Hygienepflicht. Der Tag Ihrer Ankunft ist die einzige Ausnahme. Verstöße in irgendeiner Form werden mit dem Entzug von Privilegien bestraft. Das Verlassen des Anwesens ist nur unter genehmigter Aufsicht in Notfällen gestattet.«
Die gefühlt endlose Wendeltreppe endete in einem schmalen Gang, an dessen Ende hinter einer schweren Holztür eine weitere Treppe lauerte. Das Schloss war ein Labyrinth aus Gängen und Treppen und Wim wusste vor lauter Stufen schon bald nicht mehr, wo oben und wo unten war.
Sie gelangten schließlich in einen runden Raum ohne Fenster, aber dafür doppelt so vielen Türen. Der Steinboden war mit Teppichen übersät und ein Feuer brannte in einem mit Gitterstäben gesicherten Kamin. Ein glattrasierter Mann saß in einem Sessel davor und las. Er sah auf, als sich Fräulein Hoekstra räusperte.
»Alles ruhig, Fräulein.« Der Mann wand sich wieder seinem Buch zu. »Jungs sind still wie tote Kätzchen.«
Sein Niederländisch klang hart wie das der abgerissenen Hilfsarbeiter in den Lagerhallen von Wims Vater. Ehemalige Kriegsgefangene, die keine Papiere besaßen, ein paar Finger oder Ohren vermissten und Kette rauchten, während sie mit viel zu dürren Armen schwere Kisten schleppten.
Fräulein Hoekstra räusperte sich. »Ich habe auch nichts anderes erwartet. Boris, darf ist vorstellen? Unser Neuzugang. Tür drei.«
Boris nickte, ohne den Blick vom Buch zu heben. Er hatte jegliche Interesse an ihnen verloren.
»Nun, junger Herr Van Leeuwen« Fräulein Hoekstra deutete auf die dritte Tür von links. »Sind Sie so weit?«
Wim nickte hektisch. Nicht, weil er bereit war, was auch immer das hier heißen mochte, sondern weil er spürte, wie sich die zwei Ungeheuer näherten. Wie konnten so große Frauen nur so leise sein? Er rechnete jeden Moment damit, dass ihn tätowierte Finger von hinten packten.
Frau Hoekstra entriegelte die Tür. Das Zimmer dahinter war sporadisch eingerichtet. Zwei schmale Holzbetten, zwei Holztruhen und ein massiver Kleiderschrank. Es gab im Raum zwei schmale Buntglasfenster, die ohne eine Leiter außerhalb jeglicher Erreichbarkeit lagen.
Weit und breit war kein See zu sehen.
Fräulein Hoekstra räusperte sich erneut. Dieses Mal ungeduldig und hörbar gereizt. Wim trat rasch über die Türschwelle. Sein Koffer lag auf dem linken Bett, geöffnet und sichtlich durchwühlt. Auf dem rechten Bett lag ... etwas. Das Etwas regte sich.
»Gute Nacht, Herr Van Leeuwen. Und vergessen Sie nicht; Boris hat seine Augen und Ohren überall.«
Fräulein Hoekstra schloss die Tür und Wim blieb mit den blöden und zerknitterten Hausregeln in den Händen zurück. In einem Raum, in dem es eisigkalt war und mit seinen wenigen Sachen, an denen sich jemand vergriffen hatte.
Margold und ihr blödes Baby hin oder her.
Er wollte nach Hause.