Kapitel 1
Versprechen der Ache
Asher Grimshaw
Der Geruch von Deliah war eine Provokation. Er lag nicht auf ihr, er hing in der Luft des Rudelhauses wie ein zarter, aber unmissverständlicher Schleier, der selbst durch die dicken Mauern des Trainingsbereichs drang. Sie schlief tief, vier Tage vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Vier Tage, bis die Unkontrollierbarkeit begann.
Asher Grimshaw schlug mit der Faust gegen den Sandsack. Ein dumpfer, knochenbrechender Aufprall. Der Sack schwang einmal, zweimal, und pendelte dann unbeweglich. Asher hasste Unruhe. Er hasste alles, was nicht der strikten Kontrolle der Grimshaw-Alpha-Linie unterlag.
Und dieser Duft war eine Unruhe, die er nicht unterdrücken konnte.
„Sie ist nah“, knurrte eine raue, glühende Stimme tief in seiner Brust.
Es war Phönix.
Asher atmete scharf durch die Zähne ein. „Schweig, Wolf. Es ist Deliah Harkon. Die Tochter des Beta. Ein Kind, mit dem wir aufgewachsen sind.“
„Du lügst. Der Schleier fällt ab. In vier Nächten wird sie erwachsen sein, und der Instinkt weiß, was die Asche verlangt. Unsere Gefährtin.“
Der Gedanke ließ einen Funken Hass in Ashers bernsteinfarbenen Augen aufglühen. Er war der Ashwolf, der Erbe der Kälte und der Stärke. Er hatte keine Zeit für emotionale Schwäche oder für verbotene, geschwisterliche Bindungen. Die Harkons waren ihr Schild, sie waren loyal, aber sie waren untertanen.
„Sie ist nicht unsere“, zischte Asher. „Sie ist die Verbindung zu Elias und Kaelen. Eine politische Figur. Mehr nicht.“
„Falsch“, donnerte Phönix mit der Lautstärke eines lodernden Brandes. „Du willst Kontrolle? Du willst Ordnung? Dann beanspruche, was dir von Natur aus zusteht. Ihr Wolf wird uns anerkennen. Er wird dir gehorchen. Die Flamme kennt kein Tabu, Ash. Sie verbrennt es.“
Die Vision traf Asher wie ein Schlag: Deliah in ihrem silbernen Harkon-Fell, sich ihm unterwerfend, ihren Hals der Dominanz der Grimshaw-Asche präsentierend. Es war eine primitive, überwältigende Wucht der Besitzgier, die alles in ihm verzehrte.
Und dann war da noch Bryson.
Sein sorgloser, emotionaler Bruder. Derjenige, der die Rudelpflicht auf die leichte Schulter nahm und sich stattdessen heimlich nach Deliah sehnte.
„Wenn du sie nimmst, verlier ich meinen Bruder“, sagte Asher leise zu seinem inneren Tier, um Phönix mit Logik zu kühlen.
„Der schwächere Wolf muss zurücktreten. Das ist das Gesetz des Blutes. Wenn er seine Pflicht vor das Rudel stellt, ist er keine Bedrohung. Er ist Ablenkung“, knurrte Phönix gleichgültig. „Ich werde dich nicht verlieren sehen. Du wirst sie beanspruchen, um die Ordnung zu wahren. Oder ich übernehme und reiße sie mir aus reiner Gier. Wähle, Alpha.“
Asher musste die Kontrolle behalten. Nicht nur über Deliahs Schicksal, sondern auch über sein eigenes Tier. Wenn der Instinkt des Gefärten-Bundes in vier Nächten ausbrach, musste er die Führung haben. Er würde Deliah nehmen, wenn er es musste. Aus Pflicht. Aus Kontrolle.
Aber er würde es nicht zulassen, dass sie oder sein Wolf ihm sagten, dass er sie brauchte.
„Gut“, flüsterte Asher in die Stille, der Geruch von Deliah und die aufsteigende Hitze von Phönix verschmolzen in seinem Blut. „Wir werden uns ihrer annehmen. Wir werden das Rudel stabilisieren. Aber du gehorchst meinem Verstand, Phönix. Du dienst der Pflicht. Nicht dem Verlangen.“
In seinen glühenden Augen gab Phönix stumm nach. Aber Asher wusste, dass es keine Unterwerfung war. Es war die geduldige Berechnung eines Feuers, das darauf wartete, losgelassen zu werden, sobald Deliahs Wolf die erste Flamme entzündete.