Kapitel 1
„Die Flüge fallen witterungsbedingt aus.“
Ein Stöhnen ging durch die Menge. Koffer ratterten, Kinder schrien, draußen vor den Fenstern tobte ein Schneesturm. Es krächzte aus den Lautsprechern am Frankfurter Flughafen.
Wäre ich doch in New York geblieben. Sonne und Applaus. Hier: Neonlicht und Schnee.
Gähnend trat er ans Fließband. Eine Frau drängte sich an ihm vorbei, ihr Blick scharf wie ein Messer.
„Jeder möchte der Erste sein“, murmelte er, als er sich seine Tasche schnappte und an Unmengen von Menschen strömten an ihm vorbei. Ihre Stimmen wie ein Schwarm Bienen. Er kämpfte sich frei, um einen der begehrten Ledersessel vor den Fenstern zu.
„Hey, können Sie nicht aufpassen?“ Er rief dem Jugendlichen hinterher, doch der war schon im Ameisenmeer verschwunden.
Hastig griff er nach seiner Umhängetasche. Sein Schatz. Das, was ihm die Ausstellung in New York eingebracht hatte – seine Fotoausrüstung. Zehn Jahre war es her, dass er die Sanitäteruniform ablegte. Abends Nudeln und Ketchup – es war das Günstigste.
Die rote Soße am weißen Teller – wie Farbe auf einer Leinwand.
Doch eines Tages, als er erneut in den Straßen von Köln für Street-Fotografie unterwegs war, sprach ihn ein Mann an. Spontan knipsten sie Aufnahmen. Sie tauschten die Nummern.
Dann, eines Abends – wieder Nudeln am Tisch. Der erste Auftrag. Der Auftakt von vielen.
Langsam baute er seine Zukunft und landete in der eigenen Ausstellung in New York.
Da stand er, frisch aus Amerika, am Frankfurter Flughafen. Auf dem Weg über die Feiertage nach Hause zum Bruder, zur Nichte, zu den Neffen. Er sah auf die Anzeigetafel, die hoch oben an der Decke triumphierte und ihm im Schwarz signalisierte, dass kein Flugzeug startete.
Müde ließ er sich in den Sessel fallen und sah hinaus in die Dämmerung. Dicke, dunkle Wolken hingen am Himmel, drohten jederzeit zu platzen und die kleinen Schneeflocken freizusetzen. Er griff nach der Tasche, holte eine seiner Kameras hervor und putzte die Linse in kreisenden Bewegungen.
„Nur damit du Bescheid weißt, wenn ich weg bin – der Akku. Ich melde mich wieder.
Ja, du hast richtig gehört. Es geht kein Flugzeug raus. Keine Chance! Ja, ich weiß, die andere Verbindung wäre besser gewesen.
Leo lächelte leicht, als er das Gespräch belauschte.
Blind griff er in die Tasche und reichte dem Fremden eine seiner Powerbanks.
„Danke!“ flüsterte der, stellte seinen Koffer ab und ließ sich neben Leo in den Sessel fallen.
„Ich melde mich, wenn es weitergeht … nein, darüber reden wir nicht. Ich lege auf. Tschüss.“
Leo sah, wie der Mann neben ihm auf den roten Hörer drückte und das Telefonat beendete. Genervt ließ er sich zurückfallen, rieb sich das Gesicht.
„Danke für die Powerbank. Wobei – wenn der Akku seinen Geist aufgegeben hätte“
…
„Kein Problem. Wir sitzen hier gemeinsam fest, da helfe ich dir zumindest beim Akku-Problem.“
„Brauchst du sie zurück?“
„Behalt sie. In meinem Rucksack sind noch andere, vollgeladen.“
„Ich bin Tom“, sagte der Fremde und reichte Leo die Hand.
„Hallo Tom, freut mich. Ich bin Leo. Wo warst du im Urlaub?“
„Portugal – abgebrochen.“
Leo hob die Kamera.
„Vor zwei Jahren.“
„Und was bringt dich hierher?“
„Genau wie dich – Weihnachten zur Familie. Jetzt sitzen wir gemeinsam fest.“
„Sehr geehrte Fluggäste … Verspätung von 24 Stunden.“
„Das darf nicht wahr sein.“ Leo ließ die Schultern hängen, schüttelte den Kopf.
„Da kann man nichts machen.“
„Und jetzt? Soll ich die ganze Nacht hier wachen, bis mir die Kamera geklaut wird?“
Tom lächelte. Leo gefiel ihm. Mit seinen breiten Schultern, dem Dreitagebart, der runden Brille auf der Nase.
„Vertraust du mir?“
„Was meinst du?“
„Ich habe ein Zimmer gebucht. Ich brauche dringend ein Badezimmer und ein Bett.
Ich buche es – entscheide dich.“
Leo massierte sich die Schläfen, sein Blick huschte von der Tasche zu Tom. Seine Angst, eine Kamera zu verlieren, war größer als die Furcht vor einem Fremden im Zimmer.
„Ich nehme es. Überleg es dir. Es ist besser als die Nacht im Sessel – mit Angst um die Ausrüstung.“
„Weißt du was: Die Hälfte der Kosten übernehme ich.“
Weihnachtsmusik begrüßte sie im Hotel. Eine junge Frau nahm ihre Daten auf.
Das Zimmer war klein, sauber. Ein Doppelbett, ein Tisch, mehr nicht.
„Entschuldige mich bitte.“ Tom verschwand im Bad.
Leo zog die Gardine zurück. Draußen reckten sich die schwarzen Metallmonster in den Himmel.
Als Tom zurückkam, bemerkte Leo erst, wie hübsch er war – kräftige Schultern, Augen, in denen man sich verlieren konnte.
„Badezimmer ist frei.“
Leo schüttelte den Kopf.
„Erzähl mir etwas von dir. Wer bist du? Abgesehen von deinem Namen und Portugal weiß ich nichts.“
Tom lachte. „Tom Gabriel. Grundschullehrer in Hamburg. Frisch getrennt.“
„Oh, damit hätt ich nicht gerechnet.“
„Ich bin dran.“
Leo hob die Mundwinkel.
„Auf geht’s.“
„Fotograf. Aber da ist mehr – eigene Ausstellung?“
„New York.“
„Gar nicht mal so schlecht. Und jetzt?“
„Nach Köln, Weihnachten und Silvester mit der Familie. Mein Bruder hat das zweite Kind bekommen.“
„Glückwunsch! Junge oder Mädchen?“
Leo zeigte ein Bild: ein zerknittertes Gesicht unter rosa Mütze.
„Ich nehme an, du bist nicht verheiratet.“
„Du hast recht. Der richtige Mann lässt auf sich warten.“
Tom nickte.
„Du hattest ihn?“
„Es passte nicht mehr.“ Tom fasste sich unbewusst an den Finger.
„Sag mal, bleibst du den Abend im Zimmer?“
„Du hast eine andere Idee?“
„Und was für eine. Nachteil am Fotografen: Er sieht überall Motive.“ Leo hob die Kamera.
„Bist du dabei?“
„Gesichter des Wartens?“
„Genau.“
„Dann los.“
„Ich wollte schon immer einem Fotografen über die Schulter sehen.“
***
Fünf Minuten später waren sie zurück in der Halle. Weihnachtsmusik dröhnte, leiser als zuvor – aber Jingle Bells blieb Jingle Bells.
„Stell dich dorthin.“ Leo wies Tom auf die Rolltreppe.
„Naturtalent“, murmelte er und drückte ab. Klick um Klick.
Tom hörte nur noch das Surren des Auslösers. Menschen schliefen in Sesseln, Kinder glühten blau vom Handylicht.
Die Stunden vergingen. Tom sah auf die Uhr – Mitternacht war längst vorbei.
„Sorry, ich gehe ins Hotel zurück.“
Ihre Blicke trafen sich. Diesmal länger, als es Freundschaft erlaubte.
„Warte. Ich komme mit.“
Die Zimmertür seufzte, als sie eintraten. Tom verschwand ins Bad, Leo scrollte durch seine
Bilder. Sein Herz hüpfte bei einem Schnappschuss.
„Sieh mal. Das hier ist super. Wenn ich es bearbeite, wirst du glatt zum Model.“
„Spinn nicht. Ich war nie fotogen.“
Leo kletterte aufs Bett. „Doch. Glaub mir.“
Sie hielten den Blick des anderen. Länger, als Freunde es tun.
Tom holte Luft, flüsterte: „Komisch, dass man manchmal jemanden, den man kaum kennt, näher fühlt als einen Menschen, mit dem man Jahre verbracht hat.“
Leo lächelte, rückte an Tom heran. Ihre Finger trafen sich. Einen Herzschlag lang zögerte er, dann berührten sich ihre Lippen.
***
Am nächsten Morgen lief der Flughafen wieder. Der Sturm draußen – verzogen. Zwischen ihnen – lebendiger als zuvor.
Sie blickten auf die Anzeigetafel, Buchstaben und Zahlen klapperten bei jeder Aktualisierung.
„Kaffee? Ich schulde dir einen. Wegen der Powerbank.“
„Alle Passagiere mit Flug A124 an Gate 4, das Boarding beginnt.“
„Gern, aber mein Flug …“
Sie umarmten sich. Tom kramte nach seinem Handy, das in der Hosentasche vibrierte.
Eine Nachricht leuchtete auf:
Wenn es mehr war, sehen wir uns wieder.
Drei Wochen später
„Herzlich willkommen in New York. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug.“
Tom nickte der Frau in Uniform zu. Sein Herz raste, die Hände zitterten, als er durch die Türen trat.
Hinter der Absperrung stand Leo, die Kamera im Anschlag.
Ein Klick. Ein Lächeln. Ein Versprechen.