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Im Badezimmerspiegel rĂŒckte ich meine Hornbrille zurecht. "Eulenbrille", hatte meine Mutter sie frĂŒher immer genannt. Sie ist groĂ, schwarz und scheint mein halbes Gesicht zu verschlucken. Dahinter verstecken sich Augen, die so gewöhnlich braun sind wie der Matsch auf einem Feldweg.
Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt. Ich hatte noch nie einen Freund. Keinen Kuss, kein HĂ€ndchen halten, nichts. In der Uni war ich die, die man nach den Notizen fragte, aber nie nach einem Date. Ich bin die, die in der Bahn angerempelt wird, ohne dass sich jemand entschuldigt â als wĂ€re ich aus Glas.
Gestern Abend hatte ich diesen Moment. Diesen einen Moment, in dem der Frust ĂŒber mein leeres Leben so groĂ wurde, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe. Ich habe mir die App "LuxVibe" heruntergeladen. Als Benutzernamen wĂ€hlte ich "Gold_Summer". Es klang nach WĂ€rme, nach Licht, nach allem, was ich nicht war.
Ich wusste, dass die echte Abby niemals ein Match bekommen wĂŒrde. Also tat ich es. Ich nahm die Fotos von ihr. Ein MĂ€dchen, das ich vor Monaten auf einem alten Blog gefunden hatte. Sie sah aus wie eine bessere Version meiner TrĂ€ume: lange, seidige Haare und ein LĂ€cheln, das verspricht, dass alles gut wird.
Ich hielt den Atem an, wÀhrend das Profilbild hochgeladen wurde. Es war nur ein Klick. Ein einziger Upload, der nicht mir gehörte.

Pling.
Ein Match. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Jay.
Er war nicht einfach nur gutaussehend. Er sah aus wie jemand, der dich mit einem Blick beschĂŒtzen kann â oder dich komplett zerstört. Dunkle Stoppeln am Kinn, breite Schultern und Augen, die so intensiv waren, dass ich sogar durch das Display rot wurde.
Jay: âEigentlich wollte ich die App heute löschen. Aber dann kamst du. Ist das dein Ernst? Wer liest heute noch echte BĂŒcher im Park?â
Abby (als Gold_Summer): âVielleicht bin ich altmodisch. Oder ich mag es einfach, Dinge in der Hand zu halten, die echt sind. đâ
Jay: âEcht. Das ist ein seltenes Wort auf dieser App, Gold_Summer. Ich bin Jay. Und ich wette, du bist im echten Leben noch gefĂ€hrlicher als auf deinen Fotos.â
Abby (als Gold_Summer): âDu hast ja keine Ahnung, Jay...â
Mein Herz hĂ€mmert gegen meine Rippen. Echt. Er will etwas Echtes. Wenn er wĂŒsste, dass ich gerade in einer verwaschenen Jogginghose und mit ungewaschenen Haaren auf meiner durch gesessenen Couch sitze, wĂŒrde er nicht einmal den âBlockierenâ-Button schnell genug finden. Ich spĂŒrte den ersten Kick. Es war wie eine Droge. In diesem Moment starb Abby, die graue Maus. In diesem Moment wurde Gold_Summer geboren.
Jay: âDamit du weiĂt, mit wem du schreibst. Ich mag es, wenn man weiĂ, was man kriegt. đâ

Ich starre das Bild an, bis meine Augen brannten. Er wirkte so solide. Als könnte ihn nichts auf der Welt umwerfen. Und ich? Ich war eine BetrĂŒgerin in Socken mit Loch.
Jay: âUnd was schaffst du heute noch so, Gold_Summer? AuĂer mir den Kopf zu verdrehen?â
Abby (als Gold_Summer): âIch? Ich bin kreativ. Reise viel. Aber gerade sitze ich eigentlich nur rum. Langweile mich.â
Jay: âDas Leben ist zu kurz fĂŒr Filter, findest du nicht? Apropos Filter: Schick mir mal ein Bild von deinem 'Gold Summer'-Moment heute. Egal wie du aussiehst. Einfach nur du, wie du gerade bist.â
Panik. Pures, kaltes Entsetzen schoss durch meine Venen. Er wollte ein Bild von mir. Jetzt. In diesem Moment. Wenn ich ihm die Wahrheit schickte, wĂ€re der Zauber vorbei. Er wĂŒrde mich löschen. Aber ich wollte nicht gelöscht werden. Nicht von ihm.