Ich tanz ohne Schuh'

All Rights Reserved ©

Summary

LESEPROBE: Vorbelastet durch eine missglückte Ehe, für die sie sich die Schuld gibt, will Helena einfach nicht glauben, dass sie etwas anderes als Gift für einen Mann sein kann. Dennoch schafft sie es nicht, sich langfristig von Gabriel, dem Neuzugang im Tattoo Studio gegenüber ihrer Wohnung, fernzuhalten. Auch Gabriel ist geprägt durch ein Ereignis in seiner Vergangenheit, doch er hat für sich Wege gefunden, damit zu leben. Für ihn gibt es keinen Zweifel, dass Helena die Frau für ihn ist. Jetzt muss er nur noch sie überzeugen, dass er der richtige Mann ist und die Vergangenheit nicht über die Zukunft bestimmen darf.

Status
Excerpt
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

1

Dieser Frühsommer ist mein persönlicher Alptraum. Jedes Wochenende eine andere Hochzeit. Mit Ende 20 scheinen sämtliche Bekannten und Arbeitskollegen von mir das noch schnell hinter sich bringen zu wollen. All das Glück, die Herzchen und fröhlichen Gesichter. Bei mir führt es zu Übelkeit.

Mein Gesicht schmerzt vom ganzen gezwungenen Lächeln. Nur meine gutmütige Natur hält mich davon ab, einen bissigen Kommentar nach dem anderen abzugeben. In meinem Kopf hasse ich jeden Moment dieser Veranstaltung. Die einzige Erleichterung bringt mir der Gedanke, dass das die letzte Einladung war.

„In einer halben Stunde wirft Christina den Brautstrauß, bevor sie sich auf den Weg in die Flitterwochen machen. Danach können wir ganz dezent verschwinden“, flüstert mir meine Kollegin Stefanie zu. Sie ist meine Verbündete am Singletisch. Zwischen Christinas merkwürdigen Cousins und verwitweten Tanten ist sie die einzige, mit der ich ein normales Gespräch führen kann, ohne das Bedürfnis zu haben, meinen Kopf auf die Tischplatte schlagen zu müssen.

„Gott sei Dank. Ich muss dringend aus diesen Schuhen raus. Und wenn Marko mir noch einmal seine verschwitze Pranke auf die Schulter legt, dann macht sein Gesicht Bekanntschaft mit meinem Ellbogen“, flüstere ich zurück.

Natürlich würde ich niemals eine Szene veranstalten, aber die Verlockung ist groß. Warum manche Männer glauben, ein fehlender Ehering sei die Einladung zum schamlosen Grabschen, wird sich mir nie erschließen. Doch selbst solche Umstände bringen mich nicht dazu, meinen Ring wieder anzulegen.

„Du hast mein vollstes Verständnis, Lena. Ich hätte ihm schon längst eine verpasst.“

Und da ist sie wieder. Die feuchte Hand. Auf meiner Schulter.

„Kann ich den scharfen Bibliothekarinnen noch ein Getränk besorgen?“

Marko, Anfang 40, mit einem unappetitlich fettigen Hautproblem und Mundgeruch. Dazu mit null Feingefühl und einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein gesegnet, klebt er den ganzen Abend an uns dran.

Er ist ein Paradebeispiel dafür, warum ich als Single besser bedient bin. Wer will bitte zu so jemandem abends nach Hause kommen? Von der abgedroschenen Anmache in Bezug auf unseren Beruf will ich erst gar nicht anfangen.

„Nein, danke. Wir sind bedient.“ Auf so vielen Ebenen.

Nach einer endlos scheinenden Abschiedszeremonie für das Brautpaar bin ich endlich auf dem Weg nach Hause. Befreit von den einengenden Stilettos und mit heruntergelassenen Fenstern biege ich in meine Straße ein. Es ist bereits dunkel, doch der Tattoo-Shop gegenüber meiner Wohnung ist noch hell erleuchtet. Die drei Männer aus dem Laden sitzen im Empfangsbereich über einer Mappe voller Skizzen.

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, nicht mindestens einmal am Tag einen intensiven Blick herüberzuwerfen.

Meine heimliche Vorliebe liegt bei den weniger biederen Männern. Und die drei Tätowierer sind mehr als nur einen Blick wert.

Erleichtert, diesen Tag endlich hinter mich gebracht zu haben, parke ich meinen Wagen auf dem mir zugewiesenen Parkplatz. Mit den Schuhen und meiner Handtasche in der einen Hand und einem Stück Hochzeitstorte auf einem abgedeckten Pappteller in der anderen, gehe ich auf nackten Füßen zur Haustür. Der Asphalt ist noch angenehm warm von der Sonneneinstrahlung des Tages.

„Helena?“

Gabriel, der Neuzugang im Shop, kommt hinter mir auf mich zugelaufen. Erschrocken darüber, meinen Namen aus seinem Mund zu hören, drehe ich mich zu ihm um. Er hat ein Paket in der Hand und bleibt in gerade noch angemessenem Abstand vor mir stehen.

„Hey, was gibt’s?“

Ich mag müde und erschöpft sein, dennoch kann ich durchaus die Augenweide vor mir genießen. Mit seinem gepflegten, kurzen Kinnbärtchen und den beinahe kinnlangen, dunkelbraunen Haaren, ist er eigentlich weit von dem entfernt, was ich normalerweise attraktiv finde, trotzdem hat er irgendetwas an sich, dass ich noch nicht richtig greifen kann.

„Wir haben ein Paket für dich angenommen. Das war hoffentlich in Ordnung.“

Nervös tritt er von einem Fuß auf den anderen. Im Hintergrund sehe ich Sam und Markus, die Inhaber des Tattoostudios, feixend in unsere Richtung schauen.

„Natürlich. Danke dir. Und was ist mit den beiden los?“

Obwohl ich die Hände schon voll habe, versuche ich umständlich das Paket von ihm zu übernehmen.

„Keinen Plan. Das Übliche, schätze ich.“

Er ist kaum in der Lage, mir in die Augen zu schauen.

„Alles in Ordnung bei euch?“ Verwirrt sehe ich zu ihm auf. Immer noch hält er mir das Paket entgegen, doch ich habe es bislang nicht geschafft, Schuhe und Torte in einer Hand unterzubringen, um die andere frei zu haben.

„Alles okay. Die haben es heute nur auf mich abgesehen. Ist wohl das Los des Neuen.“ Und wieder sieht er an mir vorbei, um mich nicht anschauen zu müssen. So langsam nehme ich das persönlich.

„Gabriel, hab ich dir was getan?“

Es ist nicht so, als würden wir uns besonders innig kennen, doch auf dem Nachbarschaftsfest im Frühjahr waren wir ins Gespräch gekommen und hatten seitdem eigentlich immer mal ein paar Worte gewechselt. Ich mag ihn, aber er ist nicht der Mann, der an einer biederen Frau wie mir interessiert ist. Ganz abgesehen von meinem Desinteresse an einer Beziehung.

„Was? Nein. Wie kommst du darauf?“

Im letzten Moment fängt er das Paket ab, das zwischen uns abzustürzen droht.

„Zum Beispiel weil du mich nicht ansiehst, wenn du mit mir sprichst.“

„Nein, ich bin nur gerade … ach, vergiss es. Soll ich dir das hochtragen? Du hast ja schon alle Hände voll.“

„Das wäre sehr nett.“

Noch einen Blick mehr, den ich riskieren könnte und vielleicht eine Chance, heimlich an ihm zu schnuppern.

Gabriel folgt mir die Treppe hinauf und bleibt hinter mir stehen, während ich die Wohnungstür aufschließe. Obwohl er noch einige Zentimeter von mir entfernt ist, spüre ich seinen Atem auf der Schulter. Seine Körperwärme brennt mir im Rücken.

Als ich endlich den Schlüssel ins Schloss gefummelt und die Tür geöffnet habe, trete ich einen Schritt in den Flur und drehe mich zu ihm um. Ich werfe die Schuhe auf den Boden und meine Handtasche lege ich mit dem Teller auf den Schuhschrank neben mir.

„Danke“, sage ich und nehme ihm das Paket ab.

Unsere Fingerspitzen berühren sich und Gabriel hält einen Moment länger als nötig fest.

„Sehr gerne, Helena.“

„Lena. Sag bitte Lena. Helena klingt so alt.“

Seine Hände sind warm und bringen mich völlig aus dem Takt.

„Ich mag deinen Namen, aber wenn dir Lena lieber ist …“

Endlich lässt er das Paket los, doch noch immer sieht er mir nicht in die Augen. Das fällt mir verstärkt auf, weil er sonst eigentlich gar nicht wie der schüchterne und zurückhaltende Typ rüberkommt.

„Nochmal danke für die Hilfe.“ Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll.

Gabriel steht weiterhin in meinem Türrahmen, als würde er auf etwas warten.

„Gerne, Lena. Immer wieder.“

Kopfschüttelnd grinse ich ihn an.

„Ich hab keine Ahnung, was heute mit dir los ist. Du hast doch sonst so eine große Klappe.“

Bisher hatte ich noch keine Frau erlebt, die seiner offenen Flirterei nicht erlegen war.

Jetzt sieht er an mir herab, als würde ihm zum ersten Mal auffallen, dass ich ein Kleid trage. Der blutrote Polyesteralbtraum juckt mir schon den ganzen Tag am Körper und ich bin heilfroh, wenn ich ihn endlich wieder in den Tiefen meines Kleiderschranks verschwinden lassen kann.

Gabriel ignoriert meine Feststellung. Vielleicht hat er mich aber auch gar nicht gehört, denn er ist alles andere als bei der Sache.

„Du siehst toll aus, Lena. Ich meine, du siehst immer toll aus, aber heute … Was ich eigentlich sagen wollte …“ Sein französischer Akzent kommt mit jedem Wort deutlicher heraus.

„Was wolltest du sagen?“

Jetzt sieht er mir endlich in die Augen, aber dafür fehlen ihm die Worte.

Ein paar Mal setzt er an, etwas zu sagen, doch er bricht immer wieder ab.

„Habt ihr getrunken?“, frage ich mit einem Zwinkern.

„Was? Nein!“ Empört wehrt er meinen Verdacht sofort ab.

„Ich will dich nicht rausschmeißen, aber ich würde wirklich gerne diesen Fummel loswerden. Also?“

Seine grünen Augen werden beinahe schwarz, als er versteht, dass ich mich ausziehen möchte.

„Okay. Sam und Markus haben uns beobachtet, weil sie gewettet haben, dass ich mich nicht traue, dich auf einen Kaffee einzuladen.“

Ich bin nicht ganz sicher, was ich von dieser Aussage halten soll. Es klingt ein wenig, als ginge es dabei gar nicht um mich.

Gabriel zieht einen kleinen Notizzettel aus seiner Gesäßtasche und legt ihn auf das Paket, welches ich immer noch in den Händen halte.

„Meine Telefonnummer. Wenn du Lust hast, dann melde dich einfach. Ich würde mich freuen. Gute Nacht, Lena.“

Und mit diesen Worten ist er auch schon verschwunden.

Das war merkwürdig.