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Camilla
Der Montagmorgen begrüßt mich mit einem lächelnden Mittelfinger.
Fluchend stelle ich meine rosa Blumentasse mit einem lauten Klirren ab und hebe den Zuckerspender auf. Die Hälfte des Inhalts klebt auf den weißen Bodenfliesen und unter meinen nackten Füßen. Perfekt. Genau so wollte ich in die Woche starten.
Ich seufze, schnappe mir den Handbesen unter der Spüle und kehre den süßen Albtraum zusammen. Das kommt davon, wenn man sich breitschlagen lässt, die Montagsschicht zu übernehmen, obwohl man endlich mal frei hätte. Ein bisschen Me-Time, ein bisschen Ruhe. Aber nein, ich bin ja so hilfsbereit.
„Guten Mooorgen!" flötet meine Mitbewohnerin Evie hinter mir. Ihre braunen Haare sind locker hochgesteckt, eine rote Spange hält die Strähnen halbherzig zurück. Sie sieht aus, als würde sie gleich in einer Werbeszene für zu viel gute Laune am Morgen mitspielen. Sie setzt sich auf den weißen Küchenstuhl und bettet ihr Gesicht auf ihrer Handfäche. Mit hochgezogener Augebraue mustert sie mein tun.
„Morgen." Ich drücke auf den Knopf der Kaffeemaschine, lehne mich an die Kücheninsel und mustere sie. "Kaffee?"
Sie schüttelt den Kopf und lächelt. "Der Montag hat dich gut empfangen."
Ich schnaube und umschließe mit meinen kühlen Fingern die Dampfende Tasse Guten-Morgen-Energie. Der Duft frisch gerösteter Bohnen steigt mir in die Nase, mein persönlicher Weckruf, mein stilles Gebet an die Götter der Produktivität. Als ich einen Schluck meines Lebenselixiers nehme lege ich den Kopf schief.
"Hübsche Spange." murmle ich mit der Tasse an den Lippen.
Evie blinzelt mich mit ihren braunen Rehaugen an. Unschuldig. Zu unschuldig. Sie weiß genau, worauf ich anspiele.
„Aber bitte nicht wieder schrotten", warne ich mit gespieltem Ernst.
„Das war Taylor! Der kleine Wirbelwind ist einfach draufgesprungen!" Verteidigt sich meine Mitbewohnerin.
Evie studiert Lehramt und wenn man sie so sieht, passt das auch. Warm, quirlig, immer etwas Süßes in der Hand und redet wie ein Wasserfall.
„Hast du heute nicht frei?" fragt Evie und beißt in einen Donat - der von ihrer Ration gestern noch übrig geblieben ist . Ich verziehe leicht meinen Mund. So viel süßes auf leeren Magen. Aber laut meiner Freundin ist es ihre Energiezufuhr.
Ich verziehe leicht den Mund. „Sylvie ist heute bei ihrem Freund in New York, und Elli fällt aus. Also ..." Ich zucke mit den Schultern.
Evie rollt mit den Augen und schüttelt den Kopf. Sie weiß längst, dass ich an freien Tagen selten wirklich frei habe. Sie hatte oft genug mit mir in den letzten sechs Monaten geschimpft seit ich bei ihr wohne. Nach einer Zeit hat sie aufgegeben und schüttelt nur tadelnd ihren Kopf wie meine 9.Klass-Lehrerin Mrs. Bricks, als ich mein Biologie Buch nach Steve den Arsch geworfen habe. Ich brauche das Geld.
Meine Mom arbeitet im Büro einer Baufirma, und mein Dad ... na ja. Der ist irgendwo in Mexiko und ich habe keine Ahnung, was er dort eigentlich macht. Ich bin nicht gerade weit oben auf seiner Prioritätenliste. War ich vermutlich nie.
Aber man gewöhnt sich an alles. Irgendwann hört man auf zu warten. Und nennt es Selbstständigkeit.
„Sehen wir uns heute Abend?" fragt sie, als sie schon halb aus der Tür ist.
Ich nicke. Sie wirft mir einen Luftkuss zu und verschwindet mit dem Geräusch ihrer Stiefel auf dem Flur.
Dann klickt das Schloss, und ich bin allein. Mit meinen Gedanken. Mit dem Summen des Kühlschranks und dem Restzucker, der an meinen Füßen klebt. In Gedanken versunken versuche ich mir die restlichen Zuckerreste abzustreifen, als ich zum Esstisch laufe und mich hinsetze.
Und während ich den letzten Schluck Kaffee trinke, frage ich mich, ob das jetzt einfach mein Leben ist.
Immer funktionieren.
Immer weitermachen.
Und hoffen, dass irgendwo dazwischen noch Platz bleibt, um wirklich zu leben. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich nur Termine abarbeiten, nicht Tage erleben. Und ich weiß nicht mehr genau, wann ich das letzte Mal etwas getan habe, das nicht notwendig war.
Ich war schon mal näher dran. Zumindest dachte ich das. Es fühlte sich an wie Ankommen. Wie endlich nicht mehr kämpfen müssen.
Hat nicht lange gehalten.
Seufzend stelle ich meine leere Tasse in die Spüle und laufe ins Bad.
Eine warme Dusche und etwas Musik, wird mein Montag schon heben.
Hoffentlich...
Von der ganzen Ruhe am Morgen ist um zwei Uhr nichts mehr zu spüren.
Ich renne von Tisch zu Tisch, notiere Bestellungen. Drei Matcha, zwei Latte mit Sojamilch und frage mich, was eigentlich mit dem guten alten Filterkaffee passiert ist.
Strähnen lösen sich aus meinem geflochtenen Zopf, als ich den hinteren Tisch abwische und Teller auf dem Tablett staple. Was ich mehr hasse als Unhöflichkeit? Menschen, die ihre Tische verlassen, als hätten sie mitten im Dschungel gegessen. Korrigiert mich, wilde Tiere sind wahrscheinlich hygienischer als die hier.
Mit einem genervten Schnauben stelle ich die Teller hinter dem Tresen ab. Tessa sieht von der Espressomaschine auf, hebt kurz ihre schwarz umrandete Brille und mustert mich über den Rand hinweg. Ihre blonden Haare sitzen in einem makellosen Dutt.
„Drei Latte mit Soja und zwei Strawberry Matcha", sage ich atemlos.
Sie nickt, hantiert konzentriert an ihrer Maschine herum. Der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee mischt sich mit süßem Sirup und Vanille.
„Camilla, Tisch fünf und sieben."
Ich rolle mit den Augen. Hannah - wenn mich ein Mensch in den Wahnsinn hier treibt außer Kunden die sich wie Tiere benehmen dann ist es sie. In jeder Minute die unser Chef Dj nicht da ist, spielt sie sich auf. Egal was ist. Egal wer kommt, Hannah weiß bescheid. Aber das witzige, das glaubt nur sie. In ihrer eigenen kleinen Delulu Welt und wenn Hannah mich noch einmal Camilla nennt, haue ich ihr mein Tablett an den Kopf. Ich hab sie oft genug korrigiert. Cami. Aber Prinzessin Hannah ignoriert das. Absichtlich. Sie lebt davon, andere zu nerven.
Ich schiebe mich an ihr vorbei, vielleicht ein bisschen zu forsch, denn sie taumelt leicht, während ich zu Tisch sieben gehe. Sie zischt irgendwas wütendes vor sich hin, aber ich höre es nicht. Denn eins kann Hannah nicht, ihre Meinung mir ins Gesicht sagen. Glück für sie. Oder eher für mich? Denn ich brauche diesen Job. An Tisch sieben winken zwei Mädels, also husche ich zu ihnen, lächle ich freundlich an und nehme ihre Bestellung auf.
Als ich mich zu Tisch fünf umdrehe, gefriert mein Lächeln leicht.
„Oh, Cami, ich brauche nichts, nachdem ich dein Lächeln gesehen hab."
Caleb.
Er grinst mich an, dieses selbstsichere Footballer-Grinsen, das vermutlich jede Woche Herzen bricht. Und nie lange genug bleibt, um sie wieder einzusammeln. Seine haselnussbraunen Locken fallen ihm lässig in die Stirn, und in seinen grünen Augen blitzt dieses typische Ich weiß, dass ich charmant bin-Funkeln.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Wie originell."
Er lacht leise. „Harter Tag heute?" Seine Stimme klingt diesmal ehrlich interessiert.
Ich nicke knapp, erwidere das Lächeln kurz.
Er mustert mich einen Moment, lehnt sich dann etwas vor, gibt seine Bestellung auf – genauso wie der Rest des Teams, das sich mittlerweile um ihn versammelt hat.
Er ist nicht hier, erwische ich mich bei dem Gedanken aber verdränge ihn gleich wieder. Cami, Konzentration.
Wenig später stelle ich ihnen die Getränke hin, balanciere das Tablett wie eine Akrobatin, während mein Rücken protestiert.
„Darf's noch was sein?" frage ich hastig, denn Tisch zwei und drei warten schon. Und Hannah flirtet derweil lieber mit dem Typen an der Theke, statt zu arbeiten. Natürlich.
Alle schütteln den Kopf. Ich drehe mich zum Gehen und laufe direkt gegen etwas Hartes.
Oder besser: jemanden.
Ich taumle leicht zurück, aber große, warme Hände umfassen meine nackten Oberarme und halten mich fest. Seine warmen Finger brennen auf meiner Haut. Ein Kribbeln schießt mir durch den Körper, heiß und elektrisierend. Der Duft von frischer Minze steigt mir in die Nase, gemischt mit etwas, das nach Sommerregen und teurem Rasierwasser riecht.
Mein Körper erkennt ihn schneller als mein Verstand.
Und das ist das Problem. Mein Körper erinnert sich.
An Dinge, die ich längst begraben hatte.
Manche Menschen vergisst man nicht.
Egal wie sehr man es versucht.
Und als ich es tue, bleibt mir kurz die Luft weg.
Dean.
Seine braungrünen Augen treffen meine. Kurz, intensiv. Bevor er abrupt loslässt, als hätte er sich verbrannt. Als hätte er Angst, zu lange festzuhalten.
Als hätte er das schon einmal getan.
„Dean, wo warst du?" Calebs Stimme durchbricht den Moment.
Dean reißt den Blick von mir los, wendet sich zu seinem Zwillingsbruder. „Der Coach wollte noch die Spielzüge für Samstag durchgehen."
Ich presse das Tablett an meine Brust, schiebe mich an ihm vorbei, ohne etwas zu sagen. Meine Finger zittern leicht, mein Herz schlägt zu schnell, und die Hitze in meinem Gesicht verrät mich.
Ich atme tief durch, zwinge mich zur Ruhe, während ich die Bestellung für Tisch zwei und drei aufnehme. Als ich zurück zur Theke gehe, murmle ich zu Tessa:
„Kannst du mir noch einen extra Cappuccino machen? Ohne Zucker."
Sie nickt nur und Sekunden später steht die Tasse dampfend vor mir.
Ich trage sie vorsichtig zum Tisch des Teams.
Dean sitzt jetzt etwas abseits, den Rücken gerade, die Hände locker auf dem Tisch. Ich stelle die Tasse vor ihn ab.
„Cappuccino. Ohne Zucker."Ich merke erst, was ich gesagt habe, als es schon vor ihm steht. Manche Gewohnheiten verlernt man nicht.
Er sieht erst auf die Tasse, dann zu mir. Ein kurzer Blick, kaum mehr als ein Atemzug.
„Danke", sagt er leise.
Ich nicke, lächle in die Runde, ein geübtes, professionelles Lächeln und drehe mich wieder um. Innerlich bete ich, dass die letzte Stunde dieses verdammten Tages schnell vorbeigeht.
Ich will nur noch eins: mein Bett.
Und Ruhe.
Weit weg von grünen Augen, breiten Schultern und dieser seltsamen Hitze in meiner Brust.
Ich hätte wissen müssen, dass er nicht einfach wieder auftaucht, ohne alles durcheinanderzubringen. Und plötzlich fühlt sich dieser Montag nicht mehr harmlos an.
Sondern wie der Anfang von etwas, das ich eigentlich abgeschlossen hatte.








