Der Schwarze See
Lara tauchte ihre Zehenspitzen in die pechschwarze Oberfläche des Sees. Sie zuckte zurück. Kalt. Doch allein aus Trotz steckte sie nun beide Füße hinein, bis zum Knöchel. Passierte doch sowieso nichts, außer dass ihre Zehen abfrieren könnten. Der See war immer kalt. Zu jeder Jahreszeit.
Sie lehnte sich zurück, stützte sich mit den Händen auf den Steg, fühlte die Rillen in dem alten, vom Wetter abgenutzten Holz. Sie legte den Kopf in den Nacken, um den raschelnden Blättern zuzuhören. Dies war der einzige Ort, an dem sie niemand nervte. Ihre Fehler in den Hausaufgaben korrigierte. Ihre Position beim Turnen berichtigte. Ihr Verhalten während des Abendessens tadelte. Hier war sie frei. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen und sie sog die kühle Frühlingsluft ein. Zwar sprossen bereits erste Knospen und hellgrüne Blätter an den hochgewachsenen Bäumen um sie herum, doch der Himmel war zwischen den Ästen noch sichtbar. In einigen Wochen werden sie so dicht bewachsen sein, dass sie die Wolken vom Steg aus nicht mehr beobachten könnte.
Knack.
Lara fuhr herum und spähte zwischen die Bäume. War da was? Hinter ihr?
Sie spitzte die Ohren. Sie musste aufpassen. Alles war still.Als sie nichts entdecken konnte, blickte sie aufs Wasser. Es war spiegelglatt. Eine tiefe Ruhe breitete sich in ihr aus. Sie hatte diesen See schon immer geliebt. Er strahlte etwas Geheimnisvolles aus. Das dunkle Wasser machte sie neugierig, ganz im Gegensatz zu ihren Freunden. Oder ihren Bruder. Tz. Die trauten sich nicht mal in die Nähe des Sees. Solche Feiglinge.
Knack.
Ihr Blick schnellte erneut zu den dichten Bäumen hinter ihr. In letzter Sekunde konnte sie den Blick auf den Zipfel einer Jacke erhaschen, der hinter einem breiten Stamm verschwand. So ein Mist! Das war gar nicht gut. Vorbei mit dem Frieden.
„Hey! Tommy!“ In Windeseile zog sie ihre Füße aus dem Wasser, zog ihre Socken an und schlüpfte irgendwie in die Schuhe. Und dann rannte sie.
Ihr kleiner Bruder hatte viel zu kurze Beine, um vor ihr wegzulaufen und sie kannte sich definitiv besser im Waldaus, als er.
Obwohl er einen deutlichen Vorsprung hatte, holte Laraihn schnell ein. Sie packte ihn an der Kapuze und riss ihn zurück. „Lass mich los! Du tust mir weh!“, quengelte er und schlug mit den Armen um sich.
„Spionierst du mir nach?“ Sie zwang ihn, sie anzuschauen. Wütend starrte sie ihn an. Warum müssen kleine Brüder immer so unerträglich sein? Als ob er nichts Besseres zu tun hätte, ihr ständig auf die Nerven zu gehen. Zorn kochte in ihr hoch. Sie krallte ihre Hände noch fester in seiner Jacke und schaute ihn noch wütender an. Doch er sagte nichts, sondern wagte es nur mit einem Schmollmund zu antworten. „Ich habe dich etwas gefragt. Wieso spionierst du mir nach?“, forderte sie eindringlicher.
„Ich hab‘ dir nicht hinterher spioniert.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Oh nein. Lara ließ ihn los. Es war gefährlich für sie, wenn er weinte.
„Los, ab nach Hause. Und kein Wort zu Mama und Papa! Verstanden?“ Sie gab ihm einen leichten Schubs. Dachte sie zumindest. Tommy kippte vorne über und stürzte in voller Länge auf den weichen Waldboden. Er schrie augenblicklich wie am Spieß. Lara verdrehte die Augen. Sie wusste, dass der Fall auf das Moos und die Blätter auf keinen Fall schmerzhaft gewesen sein konnte. Er war ein schlechter Schauspieler. Lara kniete sich neben ihn. „Lass mich mal schauen, Tommy. Dreh dich um.“
Er setzte sich auf. Dicke Krokodilstränen rollten ihm über die Wangen und die Haut um seine Augen war bereits rot gefleckt. Lara presste die Lippen aufeinanderund schob seine blaue Cordhose nach oben, bis sein Knie frei lag. Nichts. Wie sie bereits vermutet hatte.
„Siehst du, alles in Ordnung. Nichts passiert.“ Sie stülpte wieder die Hose über sein Bein, klopfte ein wenig Erde vom Stoff und zog ihn auf die Beine.
Sie umfasste seine Schultern und musterte ihn. Die Flecken waren nun dunkelrot. Lara kniff die Augen zusammen und fluchte leise in sich hinein. So schnell würden die Flecken nicht wieder verschwinden. Mama und Papa würden sie definitiv mit Fragen löchern, was dem armen kleinen Tommy passiert war. „Ist alles wieder in Ordnung?“ Lara setzte ein herzliches Lächeln auf. Wenn sie ihnen sagte, dass er im Garten gefallen sei, würden sie es ihr schon abkaufen.
Tommy nickte langsam und wischte sich die letzten Tränen weg. „Können wir nach Hause?“
Sie nickte und ließ sich mit dem Weg so viel Zeit wie möglich.
Lara versteckte Tommy hinter sich, als sie die Terrassentür leise aufschob.
„Hallo Lara, wo wart… Was ist passiert?“ Laras Mutter sprang vom Sofa auf, als sie Tommy hinter ihr erblickte. Sie kniete sich zu ihm herunter, zerrte ihn hinter Lara hervor und musterte ihn eingehend, bevor sie ihn an sich drückte. So theatralisch.
Lara versuchte ein Augenrollen zu unterdrücken.
„Tommy und ich haben Verstecken im Garten gespielt, gleich hier vorne, wo früher die Feuerstelle war.“ Sie zeigte auf die Stelle. „Als ich ihn gefunden habe, habe ich ihn aus Versehen geschubst und er ist hingefallen. Dann hat er angefangen zu weinen.“
Ihre Mutter schaute sie misstrauisch an, also versuchte sie eine Unschuldsmiene aufzulegen.
Das Gummi seiner Beinprothese gab ein leises Quietschen von sich, als Laras Vater ins Wohnzimmer eilte.
„Heike, ich habe dich von der Küche aus gehört. Was ist passiert?“„Hallo, Papa“ flötete sie. „Ich habe es Mama schon erzählt. Ich gehe jetzt auf mein Zimmer, wir sind ja jetzt wieder zu Hause.“
Sie wollte grade an ihrem Vater vorbeigehen, als er seinen Arm hob und ihr den Weg versperrte.
„Tommy, stimmt das?“, fragte er.
Er schüttelte den Kopf.„Tommy!“, rief Lara. So ein Verräter!
Laras Mutter schaute sie tadelnd an und drückte ihren kleinen Bruder noch fester an sich. „Was ist passiert, Schätzchen?“, fragte sie ihn und streichelte ihn über die Wange. Jetzt musste Lara wirklich die Augen verdrehen.
„Lara war wieder am See. Ich habe sie erwischt.“
Als er zu Ende sprach, versteckte er sein Gesicht in den Haaren ihrer Mutter.
„Oh, Tommy!“ Lara stampfte mit einem Bein auf dem Boden. „Lara, ich habe dir doch schon so oft verboten zu diesem See zu gehen!“ Polterte ihr Vater.
Lara zuckte zusammen. „Ja, ich weiß.“ Sie senkte den Blick zu ihren Füßen.„Wieso gehst du immer wieder dorthin?“
Seine Stimme bebte. Er war sauer. Sie musste ihn nicht einmal anschauen, um zu spüren, wie sauer er war.
Sie verschränkte die Arme und schaute ihn jetzt ebenfalls wütend an. „Weil es schön ist und mich da endlich mal alle in Ruhe lassen!“, schrie sie nun zurück. „Du hast nicht nur dich, sondern auch deinen Bruder in Gefahr gebracht! Du hast Hausarrest!“
Die Strenge in seiner Stimme war unfehlbar.
„Von mir aus. Habe ich ja sowieso immer“, murmelteLara vor sich her und stapfte an ihm vorbei.
Viel zu übertrieben, seine Reaktion auf den See.
Sie ging gradewegs in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Durfte sie eigentlich auch nicht. Soll er ihr doch noch mehr Hausarrest geben.
Es war bereits dunkel, als es an ihrer Tür klopfte.
„Ja?“, sagte Lara genervt. Sie legte ihr Buch zur Seite.
Ihre Mutter steckte den Kopf ins Zimmer. „Möchtest du etwas essen, Liebes?“
„Nein.“ Sie nahm es wieder zur Hand und tat so, als würde sie weiterlesen.
„Ich habe dir Sandwiches zubereitet.“
Sie öffnete die Tür und ein Teller voller üppig belegter Brote erschien in ihrer Hand. Sie stellte sie auf den Nachttisch neben Laras Bett. Lara schaute nicht von ihrem Buch auf.
Ihre Mutter zögerte. „Nicht mal ein danke?“„Danke“, quälte sie hervor.
Sie setzte sich nun neben sie auf das Bett.
Na klasse. Hätte sie bloß nicht danke gesagt. Ihre Mutter verstand so etwas meist schnell als Einladung ein Gespräch zu beginnen, was Lara auf jeden Fall vermeiden wollte.
Sie klappte das Buch wieder zu und schaute sie ihre Mutter stirnrunzelnd an.
„Hör zu, Liebes. Papa ist diesmal wirklich enttäuschtvon dir. Wir dachten, dass du den See mittlerweile meidest. Du warst schon lange nicht mehr da.“
Und ob sie da war. Zu jeder Gelegenheit.
Lara zuckte mit den Schultern. „Sind doch sowieso nur Mythen, die über den See erzählt werden.“
„Ich wünschte, du würdest sie nicht als Mythen abstempeln. Das sind sie nicht.“ Ihre Mutter schaute betreten zur Seite. Sie fand wohl ein interessantes Muster auf der Bettdecke, denn sie nahm den Stoff zwischen die Finger und friemelte daran herum.
„Mama, müssen wir dieses Gespräch wieder führen? Lass mich einfach in Ruhe meinen Hausarrest absitzen.“
„Nein, Lara. Wir sorgen uns um dich. Denkst du wir verbieten dir aus Spaß dort hin zu gehen?“„Ja, ich glaube schon.“ Sie blinzelte ihre Mutter herausfordernd an.
Sie seufzte. „Ich erzähle dir jetzt etwas.“„Ich kenne schon alle Geschichten.“
„Nein. Die kennst du mit Sicherheit nicht.“ Lara war erschrocken über die plötzliche Strenge in ihrer Stimme, doch sie ließ sich nichts anmerken.
„Okay. Schieß los. Überrasch mich.“ Sie verschränkte ihre Arme und legte den Kopf schief.
Ihre Mutter seufzte erneut. „Wie du weißt, wohnt dein Vater schon seit seiner Kindheit in diesem Dorf. Ähnlich wie du streifte er immer im Wald hinter unserem Haus herum. Also auch am See. Die Mythen und Sagen um ihn kannte er auch, so wie du jetzt. Man erzählt sie sich schon viele viele Jahrzehnte.“
Sie verzog den Mund, als ob sie die Erinnerung schmerzte. „Eines Abends, es war Sommer und sehr warm, schwamm er entgegen aller Warnungen mit seinen Freunden in diesem See. Er war damals zwölf oder dreizehn Jahre alt. Nur ein wenig älter als du jetzt.“„Er schwamm sogar darin?“, sagte Lara überspitzt empört, „offensichtlich ist er ja noch da, in einem ganzen Stück! Ich darf nicht mal in die Nähe des Sees! Das ist unfair.“
„Das stimmt so nicht ganz. Es passierte ein… Unfall. Sie schwammen zu fünft im See. Sie machten sich zu Anfang noch darüber lustig, dass ständig und immer wieder ihre Beine berührt wurden. Sie lachten und versuchten sich gegenseitig Angst zu machen und sagten, es seien Monster. In Wahrheit wussten sie, dass es nur Seetang sein konnte. Immerhin hatten sie es schon mehrfach mit eigenen Augen gesehen, als sie mit den Köpfen unter Wasser tauchten.“
„Und was soll an Seetang so schlimm sein?“ Sie verschwieg ihrer Mutter lieber, dass sie auch schon öfter im See geschwommen ist und den Seetang an ihren Beinen gefühlt hatte.
„Es war kein Seetang.“ Sie machte eine Pause.
„Und was war es dann? Bis jetzt ist nichts Neues für mich dabei“, sagte Lara genervt und nahm wieder ihr Buch in die Hand.
Ihre Mutter legte die Hand darauf, um sie daran zu hindern, es aufzuschlagen. Sie sah sie mit ernster Miene an.
„In den Tiefen des Sees leben… Kreaturen, Lara. Siewaren es, die ihre Beine berührt haben.“
Lara blinzelte. „Oh man, Mama. Kreaturen? Ehrlich?Erzählst du mir auch gleich, dass es den Weihnachtsmann und den Osterhasen doch gibt?“
Sie schluckte. „An diesem Abend wurden drei Jungen unter Wasser gezogen. Darunter war dein Vater. Er konnte sich befreien, doch die anderen beiden Jungen hat man nie wieder gesehen. Sie galten lange als vermisst, doch nach einigen Jahren hat man sie als…“ Sie brach ab.
Lara schluckte. Zugegebenermaßen war das neu. „Vater wurde… Und er hat die Kreaturen gesehen?“ Lara bemerkte, wie sich ihre Finger in die Decke gruben.„Nein, das ist doch Quatsch, es gibt solche Wesen nicht. Du erzählst mir das nur, damit ich mich vor dem See fürchte.“
„Ich erzähle keinen Quatsch. Dein Vater hat sie gesehen. Er spricht nicht sehr gerne darüber. Dort hat er… Sein Bein verloren.“
„Ihr habt immer erzählt, dass es bei einem Unfall passiert sei. Nicht bei sowas“, sagte sie misstrauisch. „Wir haben nicht gelogen. Es war ein Unfall. Keiner mit einem Auto, doch das haben wir nie gesagt. Die tatsächliche Ursache dafür haben wir immer für uns behalten.“
Lara schwieg. Was sollte sie darüber bloß denken?
Über den See rankten sich so einige Horrorgeschichten. Seien es verscharrte Kinderleichen oder ein beliebter Ort für Selbstmord. Doch von blutrünstigen Kreaturen hatte sie noch nichts gehört. So etwas gab es nur in Büchern.
Und wenn sie recht drüber nachdachte… haben ihre Eltern tatsächlich nie eine detaillierte Ursache für den Unfall genannt.
Kann das stimmen? So ein Quatsch…
„Lara, ich möchte, dass du dich von diesem See fernhältst. Er ist gefährlich. Okay?“ Ihre Mutter streckte die Hand nach ihr aus und strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Okay“, sagte sie und holte mit einer schnellen Handbewegung die Strähne wieder hervor.
Ihre Mutter klopfte ihr aufs Bein.
„Iss noch eine Kleinigkeit, bevor du schlafen gehst.“
„Mache ich.“
Je weniger Widerspruch sie leistete, desto schneller würde ihre Mutter aus dem Zimmer verschwinden und sie in Ruhe lassen.
Zu Laras Glück beließ es ihre Mutter dabei und überließ sie wieder ihrem Buch.
Sie nahm eines der Sandwiches und biss hinein. Erdnussbutter mit Heidelbeermarmelade. Lecker.
Sie versuchte sich wieder in der Geschichte zu vertiefen, doch die Worte wollten sich nicht in ihrem Kopfeinprägen.
Nach wenigen Versuchen klappte sie es zu, legte sich auf den Rücken und nahm sich ein weiteres Sandwich.
Kreaturen in ihrem geliebten See? Das kann nur ein Märchen sein. Genauso wie das Ungeheuer von Loch Ness oder dem Yeti.
Als Lara am nächsten Morgen am Frühstückstisch auftauchte, saßen ihre Eltern und Tommy bereits vor halb aufgegessenen Brötchen. Die Gespräche verstummten abrupt, als Lara sich hinsetzte.
„Morgen“, grummelte sie.
„Guten Morgen, Liebes“, begrüßte sie ihre Mutter.
„Laraaa.“ Ihr kleiner Bruder wedelte mit einem Plastikmesser in ihre Richtung und machte Geräusche, als ob er sie damit bekämpfen wollte.
Ihr Vater schwieg und mied ihren Blick. Er war immer noch ziemlich sauer.
Sie nahm sich ein Brötchen, schnitt es entzwei und strich Marmelade darauf. Als sie abbiss, begann ihre Mutter ein oberflächliches Gespräch mit ihrem Vater über die Arbeit.
Sie erzählte den neusten Büroklatsch, während er im richtigen Moment nickte und „Was, wirklich?“ sagte oder den Kopf schüttelte.
Nachdem Lara aufgegessen hatte, stand sie auf, räumte ihr Geschirr in die Küche und schlich unauffällig zur Terrassentür. Sie hatte schon den Griff in der Hand. Sie müsste ihn nur runterdrücken und die Tür zur Seite schieben.
„Lara.“
Mist. Ihr Vater hatte sie bemerkt.
Der war doch eben noch in der Küche gewesen.
Sie drehte sich um.
Er war immer noch in der Küche und wusch das Geschirr ab. Er stand mit dem Rücken zu ihr.
Sollte sie einfach gehen?
Sie drehte sich langsam um und drückte den Griff nach unten.
„Du hast noch Hausarrest“, hörte sie ihn sagen.
Sie ließ die Schultern sinken und verdrehte sie dieAugen. „Darf ich nicht mal in den Garten?“
„Nein.“ Mit einem Knall stellte er den sauberen Teller zum anderen Geschirr. Das war deutlich. Keine Widerrede.
Lara seufzte genervt. Sie drehte sich um, lief an ihm vorbei und verschwand auf ihr Zimmer.
Seit mittlerweile dreißig Minuten drehte sie sich in ihrem Bürostuhl von links nach rechts.
Ihr ging die Geschichte ihrer Mutter nicht aus dem Kopf. Kreaturen, die Kinder unter Wasser zogen. Das kann nicht wahr sein.
Sie schnappte sich ihren Laptop, klappte ihn auf und öffnete Google.
„Schwarzer See – Greichelshausen verschwundene Kinder“, diktierte sie sich selbst.
Sie las die Titel der ersten Suchergebnisse, die wenig vielversprechend klangen. Lediglich Krimibücher oder Mordfälle von Kindern aus ganz Deutschland.
Doch da. Auf der dritten Seite.
„Vermisste Kinder aus Greichelshausen“, las sie vor.
Sie öffnete den alten Zeitungsartikel von vor fünfundzwanzig Jahren. Sie konnte ihn kaum entziffern, denn es war nur ein Bild und darunter stand ein winziger Text. Sie zoomte, bis die Schrift groß genug war. Zwar verschwommen aber lesbar.
„Greichelshausen, 29. Oktober 1993. Seit 4 Monaten werden die Jungen Anton Meyer und Thorsten Gruber vermisst. Das Suchfeld wurde mittlerweile bis über 120 km ausgeweitet. Laut örtlicher Polizei fehlt jede Spur. Die drei Jungen, die die Vermissten zuletzt gesehen hatten, stehen unter Polizeischutz. Die Gefahr, dass der Täter noch weitere Opfer aus der Umgebung fordert, ist besonders hoch. Die Eltern aller involvierten Jugendlichen verweigern ihnen jegliche Aussage über den Tathergang oder die Täterbeschreibung. Zeugen werden daher dringend gesucht.“
Also doch ein Täter. Von wegen Kreaturen, dachte Lara.
„Schwarzer See – Greichelshausen Kreaturen“ gab sie in die Suchleiste ein.
Sie scrollte langsam nach unten, doch das Einzige was sie fand, waren wilde Mythen und bunte Sagen über blutrünstige Fabelwesen, die in verschiedenen Gewässern lebten.
„Wasserkreaturen Greichelshausen“ startete sie einen neuen Versuch.
Sie stockte.
Da. Ein Bild vom schwarzen See.
Sie klickte auf den Link. Der Artikel wurde umrahmt von umschlungenen schwarzen schlangenartigen Wesenmit Drachenköpfen und aufgerissenen Mäulern. Ihre Köpfe trafen am oberen Rand zusammen.Vielversprechend.
„Um den mystischen schwarzen See von Greichelshausen ranken sich viele Geschichten. Durch die dunkle Wasseroberfläche wirkt er fast undurchdringlich. Was stimmt jedoch davon? Nun, Selbstmord hat in diesem See noch niemand begangen. Zumindest gibt es keinen offiziellen Bericht darüber. Und ich muss es wissen, denn ich bin hin und wieder ein freiwilliger Helfer bei der örtlichen Polizei. Leichen? Hat auch noch niemand gefunden. Doch es gibt einen Fakt. Eine Tatsache, die diese Mythen überschattet. Es ist wahr, dass in den letzten Hundert Jahren vermehrt Kinder aus dem Dorf in der Nähe des Sees verschwunden sind.“
Lara scrollte weiter nach unten, doch die Seite bewegte sich nicht mehr.
„Das kann doch noch nicht alles sein“, murmelte sie.
Sie aktualisierte die Seite, doch sie stürzte ab. Wieder und wieder versuchte sie es, doch erfolglos.
Sie klickte sich durch weitere Artikel, die auf dieser Website veröffentlich wurden, doch keiner handelte über den See.
Lara ließ sich auf ihrem Stuhl zurückfallen.
Es war absurd. Wieso fiel sie überhaupt auf die Schauergeschichte ihrer Mutter rein? Sie war doch kein kleines Kind mehr. Das konnte sie höchstens ihrem kleinen Bruder erzählen, der würde sowas glauben.
Sie spürte, wie ein Gedanke in ihrem Kopf heranwuchsund immer größer wurde, bis sie ihn nicht mehr zur Seite schieben konnte.
Schon lange hatte sie das nicht mehr getan, vor allem nicht im Frühling, sondern nur in langen Sommernächten.
Ihr Bauch kribbelte und ihre Haut prickelte vor Aufregung.
Die werden noch sehen was sie von ihren Schauergeschichten hatten!
„Gute Nacht, Liebes. Schlaf gut und träum etwas Schönes“, hauchte ihre Mutter, die ihren Kopf durch die Tür steckte.
„Gute Nacht, Mama“, flötete Lara.
Misstrauisch runzelte sie die Stirn, ließ es jedoch gut sein und schloss die Tür.
Lara löschte das Licht und zog ihre Bettdecke bis zum Kinn.
Mist. Das war zu auffällig gewesen. Hoffentlich ahnte ihre Mutter nichts.
Sie musste nur noch ein wenig länger warten, bis alle im Bett lagen. Nein. Bis alle tief und fest schliefen.
Sie spitzte ihre Ohren und horchte in die Dunkelheit. Hörte sie noch Schritte im Flur? Oder war das ihr Herz, was ihr bis zum Hals schlug?
Nach einer gefühlten Ewigkeit schlüpfte sie aus dem Bett, zog sich den Badeanzug, die dicke Hose und den Pullover an, die sie sich bereitgelegt hatte.
Sie öffnete ihre Tür, Millimeter für Millimeter.
Sie schlüpfte hindurch, hüpfte über den Absatz direkt auf dem Teppich im Flur. Katzengleich landete mit weichen Füßen und setzte einen Schritt vor den anderen. Behutsam.
KNACK.
Sie zuckte zusammen. Wie konnte sie nur die Diele vergessen?
Sie drehte ihren Kopf in Richtung des Zimmers ihrer Eltern und horchte. Gleichmäßiges Atmen.
Ihre Tür stand offen.
Sie musste noch vorsichtiger sein.
Blöd nur, dass sie mit ihrem Fuß noch auf der knarzenden Diele stand. Sie würde nochmal genauso laut knarzten, wenn sie ihren Fuß wieder anheben würde.Entweder kurz und schmerzlos mit Krach, oder langsam und qualvoll ohne Krach.
In Zeitlupe verlagerte sie das Gewicht auf ihr anderes Bein. Nicht zu schnell. Ihr Bein begann zu zittern.
Sie hielt inne, doch diese Position war noch schlimmer.
„So ein Mist“ formte sie die Worte mit ihrem Mund.
Sie kniff ihre Augen zusammen und lehnte sich weiter auf das andere Bein. Es brannte.
Sie presste ihre Lippen zusammen.
Plötzlich knickte ihr Bein ein, gefolgt von einem lauten KNACKS der Diele, stolperte sie zur Seite.
Sie stützte den Arm an der Wand ab, um ihren Sturz abzufangen und das unvermeidliche Poltern so leise wie möglich zu halten.
Lara horchte in die Dunkelheit.
Kein regelmäßiges Atmen mehr.
Sie hörte Seufzten und Stöhnen, die Decke raschelte und die Bettfedern quietschten.
Lara erstarrte. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Sollte sie schnell wieder zurück in ihr Zimmer huschen?
Nein, zu auffällig. Ihre Eltern konnten Lügen riechen, wenn sie nicht gut ausgetüftelt und vorbereitet waren. Sie würde einfach sagen, dass sie nochmal ins Badezimmer musste. Ganz einfach.
Das Rascheln erstarb, doch sie hört wie ihre Mutter die Nase hochzog. Sie war definitiv wach. Aber sie stand nicht auf. Vielleicht hatte Lara Glück im Unglück.
Sie wartete, versteinert wie eine Statue, angelehnt an die Wand, bis sie wieder tiefes gleichmäßiges Atmen aus dem Zimmer hörte.
Lautlos holte sie tief Luft. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die letzten Minuten kaum geatmet hatte.
Sie schlich die Treppe hinunter, froh, dass sie aus Marmor und nicht aus knarzendem Holz war. Auf dem Weg ins Wohnzimmer schnappte sie sich ihre Schuhe.
Sie zog den Hebel der Terrassentür und öffnete sie gerade so weit, dass sie sich durchquetschen konnte. Einen Wimpernschlag später stand sie draußen. Geschafft!
Sie schlüpfte in ihre Schuhe und lief zum Gartentürchen.
Mit einem leisen Ächzten öffnete sie es. Schon wieder vergessen! Was war nur los mit ihr? Doch sie zweifelte daran, dass der Ton bis ins Zimmer ihrer Eltern drang. Plötzlich stand sie am Waldrand. Ganz schön finster. Sie konnte nicht mal fünf Meter weit hineinschauen.
Sie zögerte.
„Komm schon, Lara, sei kein Angsthase“, sagte sie zu sich selbst.
Sie gab sich einen Ruck und trat in den Wald.
Das Knacken der Äste unter ihren Füßen hörte sich viel lauter als sonst an, genauso wie das Rascheln der Bäume. Lara fröstelte und schlang die Arme und ihren Körper. Ist doch noch ganz schön frisch in einer Frühlingsnacht. Vielleicht hätte sie sich noch eine Jacke zurechtlegen sollen? Ach Quatsch, für das was sie gleich vorhatte, brauchte sie sowieso keine Jacke.
Schon nach kurzem Fußmarsch war es so dunkel im Wald, dass Lara ihre Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Zum Glück kann sie den Weg in und auswendig, sie brauchte kein Licht dafür.
Schon lief sie den kleinen Abhang hinunter.
Blind hielt sie sich an den Baumstämmen fest, um nicht abzurutschen.
Jetzt nur noch den schmalen Pfad an den Hagebuttenbüschen vorbei und dann war es soweit.
Sie stieg den Treppenabsatz hinab und schritt auf den Steg. Sie zählte die Schritte, bis sie ganz vorne ankam. Noch ein paar Zentimeter weiter und er wäre vorbei. Mit aufgerissenen Augen stierte Lara geradeaus, doch sie konnte nichts sehen. Als ob sie in einem tiefschwarzen Raum stand. Ihre Augen hatten sich mittlerweile an die Umgebung gewöhnt, selbst im Wald konnte sie die Schemen der Bäume erahnen. Vor ihr breitete sich der pechschwarze See aus.
Gänsehaut kroch Laras Rücken hinauf. Was wenn sie jemand verfolgt hatte? Zwar streifte sie schon ihr ganzes Leben lang im Wald und um den See herum, doch in den Abschnitt hinter den See hatte sie sich nie getraut.
Lara schüttelte stark den Kopf.
„Du hast das schon oft gemacht. Im Sommer ist es eben… nur ein bisschen heller“, dachte sie.
Zitternd streifte sie sich den Pullover über den Kopf. Ein kühler Wind strich ihr über die Arme. Lara fröstelte.
Plötzlich raschelte es.
Lara fuhr herum. War da ein Geräusch? Ach, könnte sie doch nur ein wenig mehr sehen. Würde wenigstens der Mond scheinen.
Sie spitzte ihre Ohren, hörte so genau hin, dass sie ihr Blut in ihnen rauschen hörte. Der Wind nahm zu und rauschte durch die Baumkronen. „Nur der Wind“, sagte Lara laut zu sich selbst. „Los jetzt, sei nicht so ängstlich. Das sind alles nur Lügenmärchen. Ich werde es beweisen und dann werden sie mir nicht mehr verbieten zum See zu gehen.“
Sie versuchte ihren Mut zusammenzunehmen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Was macht sie hier? Es ist viel zu gefährlich hier zu sein. Sie hatte Angst. Sie nahm ihren Pullover in die Hand und wandte sich zum Gehen.
Doch sie stoppte.
Wenn sie jetzt wieder zurückgehen würde, hätten ihre Eltern gewonnen. Nicht nur ihre Eltern, auch all ihre Freunde, die sie immer vor dem schwarzen See gewarnt hatten. Nein, das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie war furchtlos! Sie liebte diesen See. Er war nicht unheimlich, sondern mysteriös. Unter seiner schwarzen Oberfläche schwammen nur normale Fische und ein bisschen Seetang, das war alles.
Sie drehte sich wieder um, ließ ihren Pullover fallen, streifte sich die Schuhe von den Füßen und zog ihre restliche Kleidung aus.
Sie zupfte ihren Badeanzug zurecht.
Sie setzte sich auf den Steg und rutschte bis an die Kante.
Noch bevor sie es sich anders überlegen konnte, sprang sie ab.
Lähmende Kälte umgab sie. Zwickte in ihre Haut.
Lara strampelte. Wo war überhaupt oben und unten? So tief kann sie doch gar nicht eingetaucht sein.
Nach langen Sekunden tauchte sie mit ihrem Kopf wieder auf.
Keuchend versuchte sie sich oben zu halten, doch es war gar nicht so leicht, wenn man nicht sehen konnte, wohin man schwimmen musste. Lara versuchte sich zu beruhigen, denn sie wusste genau, dass Panik ihr in dieser Situation am wenigsten helfen würde, doch ihr Herz schlug wie wild in ihrer Brust.
Sie strampelte mit ihren Beinen und schlug mit ihren Armen um sich, als müsste sie vor einem unsichtbaren Angreifer abwehren. Die Erschöpfung ihrer Glieder setzte schnell ein. Zu schnell. Niemand war hier. Sie musste sich beruhigen, um schwimmen zu können.
Sie bewegte rhythmisch ihre Arme und Beine. Schwamm sie oder schwebte sie nur im Wasser?
Nach wenigen Minuten gewöhnte sie sich an die Kälte und ein überwältigendes Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus.Sie drehte sich auf den Rücken und plantschte ein wenig mit ihren Füßen. „Wuhuuu!“, rief sie raus in die Nacht und lachte. Bei Nacht im Frühling in diesem See zu schwimmen war sogar noch schöner als in einer warmen Sommernacht.Schöner, als sie sich jemals erträumt hatte.
Nach wenigen Minuten spürte sie, dass ihre Arme und Beine durch die Kälte langsam und steif wurden, also schwamm in eine Richtung, um das Ufer zu erreichen.
Doch sie erreichte es nicht. Wie lange schwamm sie denn schon?
Sie achtete darauf ihre Kraft gleichmäßig zu verteilen, um nicht im Kreis zu schwimmen.
Sie spürte den Seetang an ihren Knöcheln. Sie musste also immer noch in der Mitte des Sees sein.
Sie schwamm immer weiter, doch der Seetang wurde immer dichter und dichter.
Plötzlich verfingen sich ihre Füße darin. Sie schaffte es nicht rechtzeitig genügend mit ihren Armen zu rudern, so tauchte sie bis zur Nase ein und schluckte Wasser.
Hustend und sich gegen den Seetang sträubend, versuchte sie sich weiter voran zu kämpfen.
„Lara!“, hörte sie aus der Ferne rufen.
Mama! Was ein Glück. Sie würde ihr helfen.
Sie versuchte zu rufen, doch Wasser füllte ihren Mund.
Lara sah wie Lichtkegel die Dunkelheit durchschnitten. Sie mussten gerade den Abhang hinunter gehen. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und stieß sich mit ihrem Kopf aus dem Wasser heraus. „Hier!“, rief sie so laut sie konnte. „Lara, wo bist du? Bist du hier?“, hörte sie ihren kleinen Bruder aus voller Kehle schreien.
„Ich bin hier, im See!“, wollte sie antworten, doch sie sank so weit unter Wasser, sodass es über ihrem Kopf zusammenschlug. Sie sah die Lichtkegel über sich tanzen, genauso wie die Sterne, die sie sah, wenn sie die Augen schloss.
Der Seetang schlang sich nun um ihre Fußgelenke, bis hoch zu ihren Waden. Sie hatte keine Kraft mehr dagegen anzukämpfen. Je mehr sie sich wehrte, desto mehr schien er sich an sie zu heften.
Doch gleich wird ihre Mama sie retten. Nur noch ein wenig länger durchhalten.
Die Stimmen kamen näher, doch sie klangen gleichzeitig unendlich weit weg.
Ihre Beine krampften und sie konnte sie nicht mehr bewegen.
Lara begann zu schreien vor Schmerz und sie schluckte wieder Wasser.
Sie ruderte mit den Armen und schaffte es wieder aufzutauchen.
Die Lichtkegel verschwammen vor ihren Augen. Sie konnte ihre Arme nicht mehr bewegen. Es hatte sie zu viel Kraft gekostet.
„Lara, wir sind gleich bei dir!“ Sie mussten schon fast am Steg angekommen sein. Sie hörte die kleinen Füße ihres Bruders auf dem Holz trampeln.
Plötzlich klammerte sich etwas fest um ihren Knöchel und zog sie ruckartig nach unten. Lara schrie, sodass dicke Luftblasen an die Oberfläche stiegen. Mama und Tommy würden sie sicher sehen.
Sie konnte die Schemen des Lichtes über sich erkennen. Weit über sich. So tief war sie schon untergetaucht?
Sie blickte nach unten zu ihrem Knöchel. Ein blaugrün schimmerndes Etwas war um ihn geschlungen. Mit drei unterschiedlich langen Krallen. Sie konnte Linien und Punkte erkennen, die sich um das handähnliche Ding wand.
Lara folgte ihnen mit ihrem Blick. Ein knorriger Arm ragte aus einem ledrigen Rücken heraus. Genauso wie weitere Arme.
Laras Blick war zu verschwommen, um ihre genaue Anzahl erkennen zu können. Doch sie konnte definitiv die riesigen, durchgängigen Schwimmhäute erkennen, die unter jedem Arm mit dem Körper verbunden waren. Verziert mit Linien und Kreisen in blaugrün schimmernden Licht. Lara hatte nie etwas Schöneres gesehen.
Sie blinzelte.
Ihre Lunge brannte.
Wo brachte dieses Wesen sie hin? Um sie herum trieb dunkler Seetang, beleuchtet durch das schwache Licht des Wesens. Hier und da konnte sie zwischen den einzelnen Seetangen weitere tanzende blaugrüne Linien, Punkte und Kreise erkennen. Mehr Kreaturen. Es stimmte… Es gab sie wirklich.
Plötzlich nahm der Druck an ihrem Knöchel ab. Oder spürte sie ihn einfach nur nicht mehr? Bald würde sie Luft holen müssen. Ihre Lunge brannte so sehr. Würde sie jetzt auch ihr Bein verlieren?
Plötzlich fühlte sie sich benommen.
Sie kniff die Augen zusammen, doch die Angst riss sie wieder auf.
Pechschwarze Augen quollen aus einem schleimigen Kopf hervor, der auf einem mit Kiemen durchlöcherten Hals saß.
Vor ihr schwebte das abscheulichste Gesicht, das sie jemals gesehen hat. Sie blickte auf Zentimeter lange Zahnreihen, eine hinter der anderen. Diese obszöne Kreatur schien sie so zu fletschen, dass es eher wie ein spöttisches Grinsen aussah.
Es war das letzte was sie sah, bis sie ihr Bewusstsein verlor.