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Berlin 2047 - Das Sozialexperiment

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Summary

Lars lebt wie viele junge Menschen in einer nahezu vollständig digitalisierten und isolierten Welt. Durch das Angebot an einer Studie teilzunehmen, lässt er sich aus seiner Komfortzone locken und nimmt an einem Sozialexperiment teil. Gemeinsam mit anderen Teilnehmer muss er sich Herausforderungen stellen, die Nähe, Konflikt und Zusammenarbeit erzwingen. Doch je weiter das Experiment voranschreitet, desto deutlicher wird, dass hier nicht nur Verhalten beobachtet wird, sondern Grenzen getestet werden. Achtung: im laufe der Geschichte geht es um physische Gewalt und Todschlag. Falls du dich mit diesen Themen nicht wohlfühlst, lese die Geschichte lieber nicht oder nur mit jemandem, mit dem du dich sicher fühlst.

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Hamsterrad


„Hee Larsi-Lars, heute schon dit Haus verlassen?“ Der Avatar des alten Jeff würgte ein kehliges Lachen hervor und stemmte die Hände in die Hüften.

Einige Bauarbeiter bauten an einer riesigen Villa, die sich irgendein reicher Fatzke nach seinen utopischen Vorstellungen in Echtzeit errichten lassen wollte. So real wie möglich, damit bloß nicht auffiel, dass das ganze Spektakel in einer virtuellen Welt stattfand.

„Natürlich. Ich stehe doch gerade draußen“, sagte Lars. „Nich hier uffe Baustelle. Im richtigen Leben. Bisschen Vitamin D tanken. Wann warste dit letzte Mal draußen?“

Lars kniff die Augen zusammen und seufzte leise unter seiner VR-Maske. „Ist schon länger her.“

Hinter Jeff lief einer der Bauarbeiter in sein Sichtfeld, der mit beiden Händen einen zehn Meter langen Stahlträger trug. Als er sah, dass sie sich unterhielten, lehnte er ihn an die Hauswand und wollte herüberkommen, doch Lars hob die Hand und schüttelte den Kopf. Zum Glück ließ er es gut sein und setzte seine Arbeit fort. Das hätte ihm noch gefehlt. Schon ein einziger Neunmalkluger, der ihn ungefragt mit Lebensweisheiten überschüttete, reichte bei Weitem aus, um seine Nerven zu strapazieren.

„Wie lange?“ Jeff stand vor Lars wie ein Torwächter, der nach dem richtigen Passwort verlangte.

„Keine Ahnung“, presste er hervor. Was ging es diesen aufdringlichen Nichtsnutz eigentlich an? „Immer dit jleiche mit dir, weest jar nicht mehr wie et draußen überhoopt richtig aussieht. Ick wette mit dir, du warst noch nie uffm richtig jeilen Underground Rave hier in Berlin, obwohl de schon immer hier wohnst. Siehst de in Echt überhoopt aus wie dein Avatar? So ‘ne Couchpotato wie du hat niemals so ‘nen stählernen Körper.“ Er schaute an Lars herab, hob die rechte Hand und schüttelte tadelnd den Zeigefinger.

„Man!“, sagte Lars so laut, dass Jeff verdutzt zurückwich. „Ich kann es langsam nicht mehr hören. Seit Tagen löcherst du mich mit unangemessenen Fragen. Ich bin dein Chef! Geht dich nichts an, wie ich aussehe oder was ich mache. Ich bin weg für heute.“

„Eeeh Kleener, warte mal, du…“

Ausgeloggt. Lars streifte sich die VR-Maske vom Gesicht, warf die Controller zur Seite und rieb sich die Augen. Er riss die Verschlüsse auf, die ihn im engen Griff seines Stehstuhls festhielten, und ließ sich auf die Couch fallen.

Er brauchte Ablenkung, das war klar. Sollte er mit seiner neuen Metastation weiter zocken? Allerdings wäre er im Onlinemodus von anderen Avataren umgeben. Er könnte im Offlinemodus spielen, aber das war weitaus langweiliger. Also doch online? Lars fröstelte. Nach diesem Arbeitstag war schon allein die Vorstellung daran unerträglich.

Er setzte seine Brille auf und schaltete schließlich den Fernseher an, zappte durch die Programme und blieb beim Nachrichtensender hängen.

Lars konnte es nicht begreifen. Der Sprecher las offensichtlich alles ab, was auf einem Bildschirm hinter der Kamera stand. Wie altmodisch. Wieso luden sie nicht einfach alle Informationen im Metaverse hoch? Dort könnte man sich live und vor Ort anschauen, wie schlimm es wirklich um die Welt stand, während man unversehrt in seinen eigenen vier Wänden säße. Doch Lars war sich sicher, dass wohl nicht jedes Land wollte, dass Abermillionen Menschen virtuell auf ihrem Boden standen und zusahen, was dort für Zustände herrschten.

Er kratzte sich am Bauch und zog sein hochgerutschtes T-Shirt zurecht. Es spannte sich und rutschte wieder nach oben. Kaum merklich wandelte sich die monotone Stimme des Sprechers zu unverständlichem Gemurmel, Lars‘ Gedanken wurden dafür immer lauter und deutlicher.

Was wollte dieser Jeff eigentlich von ihm? Seit Tagen fragte er immer wieder dasselbe. Wieso gehst du nicht raus? Wann warst du das letzte Mal draußen? Geh wenigstens nur ein Bier trinken, äffte Lars den Wortlaut seines Kollegen in Gedanken nach und verzog das Gesicht. Was sollte besonders daran sein, sich durch lärmende Menschenmengen zu quetschen oder in stinkenden Kneipen zu sitzen und betrunkenen Menschen dabei zuzuhören, wie sie über die Welt philosophierten?

Er hatte doch hier alles. Essen, Wasser, seine Technik, einen Job. Einen Job, der ihm viel zu viel abverlangte.

In Lars wuchs ein Entschluss heran. Diese Übergriffigkeiten musste er sich nicht länger gefallen lassen. Gleich morgen würde er sich an die Administrationsabteilung des Metaverses wenden und an eine andere Baustelle versetzen lassen. Wieso habe ich es überhaupt so lange mit dem ausgehalten, dachte Lars. Er hob seinen rechten Arm. „Freshest Pizza, wie immer.“ Ein kurzes Vibrieren bestätigte, dass die Smartwatch seine Bestellung aufgenommen hatte und weiterleitete.

Gelangweilt schaltete er weiter durch die Programme. Diesen lahmen Typen konnte er genauso wenig ertragen, wie neugierige Kollegen.

„Der neueste Tauchroboter schaffte es zehn Kilometer tief zu tauchen. Ein neuer Rekord. Ein weiterer trauriger Rekord ist die Masse der Plastikpartikel, die bereits in diese Tiefen vorgedrungen ist.“ Auf dem Fernseher flimmerte die Aufnahme eines Tauchers, der neben einem riesigen Roboter, eines U-Bootes ähnlich, im unendlichen blauschwarz der Meerestiefe schwamm. „Die seltenen Tiefseelebewesen leiden unter den immer weiter voranschreitenden Klimakatastrophen, die sogar hier spürbar sind. Am unberührtesten Ort der Erde. Selbst das vielversprechende OceanCleanUp Projekt, das im Dezember 2047 startete, schaffte es in den letzten sechs Monaten nicht die errechnete Menge Plastikmüll aus dem Ozean zu entfernen, die nötig gewesen wäre, um...“

„Jetzt auch noch die Klimafutzis.“ Er verdrehte die Augen und zappte ein Programm weiter.

„Holen Sie sich jetzt den neuen Androogle. Ihr Android von Google, der perfekte Alltagshelfer.“ Grelle Werbesprüche umrahmten das Bild. Die hastige Kameraführung zoomte abwechselnd auf den Androiden und auf einen Wäscheberg, der offensichtlich zusammengelegt werden musste.

Lars kannte das verpixelte fröhliche Gesicht nur zu gut. „Habe ich schon“, murmelte er und schaltete weiter.

„Im Metaverse werden Ihnen alle Möglichkeiten offengelegt, die Sie sich nur vorstellen können. Sie wollten schon immer ein Haus besitzen? Kein Problem.

Sie wollten schon immer in der freien Natur arbeiten, ohne die Wohnung zu verlassen? Kein Problem. Sie wollten schon immer an einen fernen Ort reisen, ohne ins Flugzeug steigen zu müssen? Kein Probleeeem.“ Ein Mann stand vor einem perfekt aussehenden, aber definitiv unechten Haus. Sein Lächeln und seine Frisur waren mindestens genauso perfekt und unecht.

Lars lächelte. „Na, das ist doch endlich was“

„Erfüllen Sie sich ihre Träume in der virtuellen Welt.“

Plötzlich vibrierte sein Smartphone in der Hosentasche. Hastig fingerte Lars es hervor.

„Essen ist da. Jetzt nach oben bringen lassen?“ Zwei Schaltflächen mit Ja und Nein leuchteten auf. Lars klickte auf Ja und keine dreißig Sekunden später klingelte es an der Tür.

„Androogle: öffne die Tür und bring das Essen zu mir.“

Der Android rollte aus der Küche, öffnete sie und nahm das Essen vom Lieferroboter entgegen. Augenblicklich wehte ihm der intensive Umamiduft von Fast Food um die Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Androogle stellte die fettigen Pappschachteln auf den Tisch und verschwand wieder in der Küche.

„Androogle: bring mir Geschirr“, sagte Lars laut und hörte, wie der Roboter umdrehte und zur Geschirrschublade fuhr. „Obwohl… Androogle: abbrechen.“

Die Fahrgeräusche erstarben augenblicklich.

Er packte ein halbes Pfund Pommes mit Mayonnaise und Ketchup, einen Cheeseburger mit extra Käse und Fleisch und eine Hot Dog Pizza mit extra sauren Gurken und Röstzwiebeln aus. Mit einem lauten pffftöffnete er ein Dosenbier und spülte die ersten Bissen Pommes herunter, die er sich mit bloßen Fingern in den Mund gestopft hatte.

Nachdem er aufgegessen hatte, stand er auf und bemerkte sofort einen schneidenden Druck im Unterleib. Der Bund seiner Hose wehrte sich mit aller Kraft gegen die Ausdehnung seines Bauches. Verärgert darüber, dass scheinbar alle Klamotten in letzter Zeit kleiner zu werden schienen, öffnete Lars schon beim Weg ins Bad den Knopf.

Mit wenigen Fingerbewegungen auf dem Touchscreen der Badezimmerstation, stellte er die Parameter für seine tägliche Abenddusche ein. Er schälte sich die Kleider vom Leib, verzichtete lieber auf einen Blick in den Spiegel und stieg in die Dusche. Schon wurde er von oben bis unten mit perfekt temperiertem Wasser abgebraust, mit duftendem Shampoo eingeseift, abgespült und mit wohlig warmer Luft so weit getrocknet, sodass er direkt in seinen Bademantel schlüpfen konnte.

Er schlurfte zurück ins Wohnzimmer. Erst 19 Uhr, dachte er missmutig bei einem Blick auf seine Smartwatch. Die Zeit geht heute überhaupt nicht um. Er stützte die Hände in die Hüften und überlegte. Vielleicht könnte ich jetzt mit meiner neuen Metastation zocken?

Die brandneue Konsole war für Lars das absolute Nonplusultra. Nicht nur für ihn, eigentlich für jeden, der gerne zockte. Sie vereinte alle Konsolen, die es gab und jemals gegeben hat, Xbox, Playstation, Switch und viele mehr. Nicht nur das, es war möglich, alle Spiele auf ihr zu spielen, die jemals entwickelt wurden. Selbst das erste Tetris aus dem Jahre 1984. Hach ja, sie war ein wahres Wunder der Technik.

Er schnappte sich die Controller und setzte seine VR-Maske auf.

„Willkommen zurück, Lars“, begrüßte ihn die elektronische Frauenstimme von Meta. Selbst ihr einprogrammierter Enthusiasmus konnte ihn heute nicht aufheitern, obwohl sie die Einzige war, der er wahrhaftig glauben wollte, dass sie sich über seine Rückkehr freute.

Er hatte nun die Wahl sich zwischen der Metastation, seinem Arbeitsaccount bei Meta, seinem Dating-Account und drei verschiedenen Streaming-Plattformen zu entscheiden. Mit einem Klick auf das Konsolensymbol öffnete sich ein Menü, aus dem er zwischen 236 installierten Spielen wählen konnte. Er entschied sich für ein altes Retrospiel, aus dem Jahr 2022 und schaltete den Offlinemodus an, damit ihn kein anderer Spieler stören würde. Es war ein Third-Person-Shooter, in dem man unterfordernde Missionen erledigen musste, um ein angesehener Krimineller im Untergrund zu werden. Doch er hatte unglücklicherweise schon jede einzelne Aufgabe in diesem Spiel abgeschlossen, daher konnte er nur seine Zeit vertreiben. Er steuerte seine Spielfigur durch die Straßen einer Großstadt, klaute sich ein Auto und nahm auf einer geraden Strecke Geschwindigkeit auf. So raste er auf die Rampe eines Abschleppwagens zu und vollführte riskante Stunts in der Luft.

Nach einigen unzufriedenstellenden Versuchen riss er sich die Maske vom Kopf. Seine Laune war auf dem Tiefpunkt. Nicht mal das neueste Wunder der Technik konnte ihn aufheitern.

Lars legte sich ins Bett und ließ nebenbei eine Mini-Dokumentationsserie über die neuesteDigitalisierungsstufe Deutschlands auf dem Fernseher laufen, doch in seiner Brille spiegelten sich nur lustige, traurige und pathetische Kurzvideos, die von Menschen aus der ganzen Welt in einer Videoapp hochgeladen wurden.

Eine sanfte Melodie holte Lars aus seinem Schlaf. Es war der nächste Morgen und Androogle stand neben seinem Bett.

Es stoppte, als Lars auf seinen Kopf tippte.

„Möchtest du den Schlafbericht für diese Nacht ansehen, erstellt von deiner Smartwatch?“, fragte Androogle. Zum hundertsten, nein, zum tausendsten Mal hatte er diesen Satz gehört. Der kleine Android blinzelte ihn erwartungsvoll an. „Nein“, raunte Lars. „Ich muss die Funktion endlich mal ausstellen.“ Er tippte auf seiner Smartwatch herum, ließ es jedoch sein, als er nicht sofort die entsprechenden Einstellungen fand.

Das Frühstück stand bereits vorbereitet auf seinem Couchtisch. Lars hörte, wie die Kaffeemaschine ratterte und knarrte, woraufhin Androogle in der Küche verschwand.

Er schaltete seinen Fernseher ein. Automatisch öffnete sich die Startseite von YouTube. Dort wurde ihm unübersehbar das Video vorgeschlagen, welches er am wahrscheinlichsten für sein Frühstücksprogramm auswählen würde. Er ließ den Countdown ablaufen und schlürfte währenddessen seinen Kaffee, den Androogle neben seinen Teller gestellt hatte.

Das Video zeigte einen bekannten Youtuber, der die neueste Challenge vorstellte, die Lars jedoch nur am Rande mitbekam. Vertieft im Smartphone, versackte er in der Videoapp.

„In fünf Minuten bereit machen zum Arbeiten.“

Lars erschrak. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Androogle neben ihm stand. Seufzend stellte er seinen abgekühlten, halb leer getrunkenen Kaffee zur Seite, stützte sich mit den Händen auf den Knien ab und hievte sich nach oben.Er stellte sich in seinen Stehstuhl und drückte auf den Knopf an seiner Armlehne. Während sich der Stuhl ergonomisch perfekt für eine Acht-Stunden-Schicht einstellte, schnallte er die Controller um seine Handgelenke und setzte seine VR-Maske auf.„Hallo Lars, Willkommen zurück“, begrüßte ihn die enthusiastische Stimme. „Möchtest du dich in deinen Meta-Account einwählen?“

„Ja“, seufzte er.

„Okay“, bestätigte sie.

Er bereitete sich mental auf das Gelaber von Jeff vor. Lars spürte, dass das Fass definitiv voll genug war. Allerdings hatte er ihn gestern ordentlich zurechtgestutzt. Vielleicht würde er ihm noch eine Chance geben, wenn er sich zukünftig etwas zusammenriss.

Er stutzte. Das Fenster schaltete sich nicht wie üblich um. Das war noch nie passiert. Vielleicht ein Lag? Kann doch gar nicht sein, ich habe die neueste Soft- und Hardware, die es auf dem Markt gibt, ärgerte sich Lars.

Plötzlich posaunte ihm eine Partytröte ins Ohr und Konfetti flog um ihn herum. „Herzlichen Glückwunsch, Lars. Du hast die Chance an einer Studie teilzunehmen. Sie richtet sich an zwanzig- bis dreißigjährige Menschen, die mehr als achtzehn Stunden ihres Tages in digitalen Medien verbringen. Wird die Studie erfolgreich beendet, erhalten alle Teilnehmer eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 120.000€. Hört sich das interessant für dich an? Dann bestätige jetzt mit „Ja“, um mehr über die Studie zu erfahren.“

Sein Puls schoss in die Höhe. Eigentlich hatte er eine perfekt programmierte Firewall, die jeglichen Spam abhalten sollte.

Vielleicht ist es gar kein Spam, dachte Lars.

„Ja“, sagte er.

„Gut. Wir haben bereits ein Q&A mit den grundlegendsten Fragen für potenzielle Teilnehmer zusammengestellt.“

Vor Lars flogen die Fragen ein.

1. Wieso wurdest du für die Studie ausgewählt?

2. Wer kann an dieser Studie teilnehmen?

3. Wer führt diese Studie durch?

4. Hast du weitere Fragen?

Er wählte die erste Frage. Sie flog auf ihn zu und die Umgebung änderte sich.

Hastig blickte er hin und her und versuchte sich möglichst unauffällig zu verhalten, bevor ihn jemand sah. Um ihn herum saßen dutzende Menschen hinter Computern, einige liefen gut gelaunt mit einer vollen Tasse Kaffee zu ihrem Arbeitsplatz und wieder andere unterhielten sich angeregt mit ihren Sitznachbarn. Ein Großraumbüro. Zu allem Überfluss unterstrich aufdringliches, überfröhliches Gedudel diese obszöne Szenerie.

„Das Institut für Psychologie und Mentale Gesundheit Berlin Kreuzberg hat uns ausgewählt, um die perfekten Teilnehmer für ihre Studie zu finden. Wir sind deutschlandweit der führende Ansprechpartner in Sachen Marktforschung“, erzählte eine Stimme im Hintergrund. Es war wohl zum Glück kein echtes Büro.

Lars schüttelte den Kopf. „Datensammler also. Nicht mal mehr mein VPN kann mich vor denen schützen.“ Gedanklich ging er schon all die Plattformen durch, die seine Daten geleakt haben könnten.

„Deine durchschnittliche Bildschirmzeit beträgt bis zu einundzwanzig Stunden pro Tag, basierend auf einer Auswertung der Geräte, die sich im Umkreis von fünf Metern deines üblichen Aufenthaltsortes befinden. Des Weiteren ergaben unsere Auswertungen, dass du dich über mindestens sieben Wochen hinweg nicht weiter als fünf Meter von deinem üblichen Aufenthaltsort entfernt hast. Damit erfüllst du die Kriterien für die sozialpsychologische Studie, durchgeführt durch das Institut für Psychologie und Mentale Gesundheit Berlin Kreuzberg.“

„Zweite Frage.“

Frechheit, dachte Lars und schnalzte mit der Zunge. Wie ist es möglich, dass sie ihn so gut überwachen können? Anscheinend muss er sich zukünftig selbst um die Aktualisierung der neuesten Versionen seiner Firewall kümmern. Auf die Automatisierung konnte man sich wohl nicht mehr verlassen. Vielleicht gab es sogar schon neue Geräte oder Verschlüsselungsprogramme, die ihm diese Datensammler vom Hals hielten.

Das Büro verschwand und die zweite Frage flog auf ihn zu.Lars befand sich nun in einem Park mit Joggern, Fußgängern und Familien. Es wurde Fußball, Federball und Fangen gespielt und die Grills liefen auf Hochtouren.

Wohl wieder eine Simulation, dachte Lars, denn ihn schien wieder niemand zu bemerken. „Es können Menschen im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren an dieser Studie teilnehmen, die den größten Teil ihres Tages in der digitalisierten Welt verbringen. Die Teilnahme setzt eine stabile psychische und physische Gesundheit voraus. Menschen, die in ihrer Vergangenheit aufgrund mentaler Vorkommnisse oder körperlichen Beschwerden bei ihrem Hausarzt vorstellig und behandelt wurden, sind nicht zulässig. Wir suchen Menschen, die weitgehend isoliert leben und den Kontakt zu Mitmenschen im Alltag an zweiter Stelle stellen.“

Mentale Vorkommnisse und körperliche Beschwerden? Was soll das bloß heißen, überlegte er. An eine schwere Erkrankung im Laufe seines Lebens konnte Lars sich nicht erinnern.

„Dritte Frage. Und schalte die unerträgliche Musik aus“, stöhnte er.

Doch sein Wunsch wurde ignoriert, die Musik lief weiter.Er befand sich nun vor einem riesigen futuristischen Gebäude, verkleidet mit einer Fensterfront und künstlich angelegten Gärten. Menschen mit wehenden weißen Arztkitteln liefen eilig vorbei.

„Die Studie wird vom Institut für Psychologie und Mentale Gesundheit Berlin Kreuzberg durchgeführt. Das Institut besteht unter anderem aus einem interdisziplinären Team aus renommierten Wissenschaftlern und Ärzten, die diese Studie entworfen haben. Die Forscher des Instituts gliedern sich in den obersten Reihen der Forschung über Psychologie und mentale Gesundheit weltweit ein. Die führende Hand ist Frau Professorin Doktorin Julia Ba…“

„Vierte Frage“, unterbrach Lars die Stimme.

Die Umgebung verschwand. „Welche Frage hast du noch?“

„Wann wird das Geld ausgezahlt?“

„Ich habe verstanden. Bitte warte einen Moment, möglicherweise hat schon ein anderer potenzieller Teilnehmer die gleiche Frage gestellt."

Ein Ladebalken erschien vor Lars‘ Augen. Einige Sekunden später verschwand er und grüne Geldscheine rieselten von oben herab.„Die Aufwandsentschädigung in Höhe von 120.000€ wird ausgezahlt, sobald der praktische Teil der Studie erfolgreich beendet wurde und die Teilnehmer wieder nach Hause zurückkehren. Die Teilnehmer müssen für 28 Tage in einem…“„Beenden.“

„Okay. Hast du noch weitere Fragen?“

„Nein.“

„Okay. Bitte gib in den nächsten zwölf Stunden Bescheid, ob du an der Studie teilnehmen möchtest. Dafür musst du dich in deinen Meta-Accounteinloggen und die Worte „Teilnahme Studie“ laut und deutlich aussprechen. Deine Teilnahmeanfrage wird umgehend an das Institut für Psychologie und Mentale Gesundheit Berlin Kreuzberg weitergeleitet. Des Weiteren wünschen wir dir einen schönen Tag. Auf Wiedersehen.“

Endlich verebbte die Musik und Lars stand auf seiner Baustelle.

„Hee Kleener, das biste ja wieder. Na, biste mit deenem Arsch jestern drinn’ jeblieben, oder haste endlich mal die Bude verlassen? Ick war jestern noch uffm Bier inne alten Spilunke, zwar hat meen Liebchen mit mir jeschimpft, aber hat sich jelohnt.“ Jeffs Avatar stützte die Hände in die Seiten und spuckte das würgende Lachen hervor.

Lars atmete tief ein und aus. „Meta: Kündigungsanfrage für meinen aktuellen Job stellen.“

Noch bevor Jeff etwas dagegen erwidern konnte, verschwand die Baustelle und Lars fand sich in einem schwarzen Raum wieder.

„Okay. Bitte unterschreibe hier deine Kündigung. Möchtest du eine neue Arbeitsstelle antreten? Dann bestätigte jetzt mit „Ja“.“

„Ja“.

„Okay. Ich suche eine neue Stelle für dich. Möchtest du einen vergleichbaren Job antreten, oder möchtest du eine andere Branche ausprobieren?“

„Vergleichbarer Job“, sagte Lars.

Kurz darauf erschien vor ihm ein Dokument mit einer vorgedruckten Kündigungsfloskel. Im unteren Bereich markierte ein gelbes Kreuz die Linie, auf der er unterschreiben musste. Er hob seinen Controller und kritzelte mit einem virtuellen Stift seine Unterschrift. Augenblicklich flog es wieder davon und ein Ladebalken erschien. Lars wollte schon die Videoapp öffnen, um sich die Wartezeit zu vertreiben, doch da erschien ein neues Dokument vor ihm.

„Ich habe eine Stelle für dich gefunden. Du kannst als Manager für den Echtzeitbau einer virtuellen Villa arbeiten. Bitte lies dir den Vertrag gründlich durch. Mit deiner Unterschrift willigst du den Bedingungen ein und es

kann sofort…“

Noch bevor die enthusiastische Stimme zu Ende sprach, hatte Lars unterschrieben.

Augenblicklich stand er auf einer neuen Baustelle. Sie schien erst kürzlich eingerichtet worden zu sein, denn die Arbeiter gossen gerade das Fundament.Plötzlich unterbrachen alle ihre Arbeit. Sie schienen eine allgemeine Meldung erhalten zu haben, denn sie stapften langsam zu Lars und stellten sich im Halbkreis auf, um ihn zu begrüßen. Größtenteils handelte es sich um jüngere, gut gebaute Männer, was jedoch nicht bedeutete, dass sie auch im echten Leben so aussahen.

„Moin Leute, ich bin Lars, euer neuer Manager. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und habe schon vier andere Bauprojekte betreut. Macht einfach euren Job richtig, baut keinen Mist, dann haben wir kein Problem miteinander. Und vor allem: Geht mir nicht auf die Nerven. Haben das alle verstanden?“Zustimmendes Gemurmel drang an seine Ohren und einige Bauarbeiter nickten.

„Gut. Weiter machen“, wies Lars sie an.

Die Bauarbeiter wandten sich wieder ihrer Arbeit zu und ließen ihn zu seiner Erleichterung weitestgehend in Frieden.

Ein kleiner Briefumschlag blinkte in Lars‘ Sichtfeld auf. Er kannte das Prozedere bereits. Auf ihn wartete ein ganzer Stapel an standardisierten Willkommens-E-Mails, genauso wie die Anforderungen des reichen Fatzkes, der sich diese Villa bauen ließ. Wenn er Pech hatte, kamen sogar noch Änderungswünsche hinzu. Man konnte sich gar nicht vorstellen, wie schnell diese Leute ihre Meinung änderten.

Nachdem der erste Arbeitstag überstanden war, loggte er sich aus seinem Meta-Account aus, setzte sich auf seine Couch und bestellte das Übliche, diesmal von Chinese Garden.Er schaltete seinen Fernseher an und zappte, ohne etwas zu sehen oder zu hören, durch die Programme.Lars dachte an die Studie. Die 120.000€ könnte er gut gebrauchen. Seit geraumer Zeit plante er sich Wohneigentum anzuschaffen. Ob eine Wohnung oder ein Haus, spielte keine Rolle, obwohl er ein Haus eher bevorzugen würde. Zwar hatte er hier alles, was er brauchte, doch es kam hin und wieder vor, dass der Vermieter sich bei ihm meldete und irgendeinen sinnlosen Kram von ihm verlangte. Mal kam ein Schreiben, dass er das Treppenhaus reinigen müsse oder den Keller für Handwerker entrümpeln solle. Am nervigsten waren die Einladungen zu einer Versammlung mit allen Mietern des Hauses, um die aktuelle Zufriedenheit oder eventuelle Änderungswünsche zu besprechen. Lars verstand nicht, warum für solche Probleme nicht schon längst ein Android installiert wurde. Und wenn man wirklich etwas zu besprechen hätte, könnte man solche Veranstaltungen online abhalten. Digitaliserungslegastheniker nannte Lars sie immer, die Leute, die sich gegen jeglichen digitalen Fortschritt wehrten. Wenn er sein Eigenheim hätte, könnte er es voll automatisieren.

Plötzlich klingelte es an der Tür und Lars wurde aus seinen Gedanken gerissen. Androogle brachte ihm die gebratenen Nudeln, die Extraportion Wantan und Frühlingsrollen, doch sein Magen war bereits mit kribbelnder Aufregung gefüllt.

„Ach, scheiß drauf“, murmelte er und setzte die VR-Maske auf. „Willkommen zurück, Lars.“Oben links sah er den Countdown, den Meta ihm eingerichtet hatte. 36 Minuten und 27 Sekunden Zeit blieben ihm noch. „Teilnahme Studie“, sagte Lars laut und deutlich.

„Okay. Du möchtest an der Sozialstudie des Instituts für Psychologie und Mentale Gesundheit Berlin Kreuzberg teilnehmen. Lies dir jetzt die Datenschutzbestimmung, die Teilnahmebestätigung und die Verzichtserklärung genau durch. Wenn du mit allem einverstanden bist, unterschreibe die Dokumente an der markierten Stelle. Wir leiten sie automatisch weiter. In den nächsten Tagen wirst du über das weitere Vorgehen informiert.“

Sage und schreibe zehn Seiten flogen auf Lars zu, die sich in drei Stapeln vor ihm aufteilten. Er wählte den linken aus. Die Datenschutzbestimmung. Er überflog die vier Seiten und unterschrieb. Das Dokument schloss sich und er wählte das nächste aus.

Die Teilnahmebestätigung. Sie umfasste lediglich eine Seite mit einer üblichen Floskel. Nichts Besonderes. Er unterschrieb. Das letzte Dokument öffnete sich. Die Verzichtserklärung. Ganze fünf Seiten. Auf den ersten beiden stand peinlich genau, dass er auf jegliche rechtlichen Schritte gegen das Institut verzichten musste, wenn er an dieser Studie teilnehmen wollte. Die letzten drei Seiten blätterte er um, las hier und da einen Satzfetzen und unterschrieb schließlich. Partytröten posaunten in seine Ohren und Konfetti rieselte auf ihn herab.„Okay. Ich habe die Dokumente weitergeleitet. In wenigen Tagen wirst du weitere Informationen zur Studie erhalten.“Er wartete noch einige Augenblicke, falls noch eine Meldung folgen würde, doch außer dem flatternden Konfetti passierte nichts weiter. Ein seltsamer Knäul ballte sich in seiner Brust und breitete sich über seinen ganzen Körper aus. Ihm wurde warm. Er streifte die VR-Maske von seinem Kopf und konnte das Lächeln nicht unterdrücken. „Wieso lächelst du denn wie ein blöder Idiot?“, murmelte er und schüttelte seinen Kopf.

Er setzte sich auf die Couch und blieb mit seinem Blick am Fernsehprogramm kleben, das er als letztes eingeschaltet hatte. Es waren die Nachrichten. Der Sprecher las offensichtlich die Zeilen von einem Bildschirm hinter der Kamera ab. Doch es machte ihm nichts aus. Er wollte in diesem Moment genau das sehen.

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