Alles, was bleibt

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Summary

Liv studiert 'irgendwas mit Medien', ist abhängig von Menschen, von denen sie nichts wissen will und Nähe ist für sie etwas, das man umkreist, nicht betritt. Als Wärme in ihr Leben tritt, fühlt es sich an wie falscher Winter. Laut, aufmerksam, zugewandt. Jemand, der bleibt, ohne gefragt zu werden. Zwischen ihnen entsteht eine Nähe, die selbstverständlich wirkt und doch nie klar benannt wird. Im Seminar begegnet Liv einem Dozent, der über Sprache, Macht und Verantwortung spricht. Ruhig, präzise, unangreifbar. Zwischen Worten, Blicken und Schweigen wächst etwas, das nicht wachsen sollte - und sich trotzdem nicht zurückdrängen lässt. Während sich Beziehungen verschieben und Grenzen unscharf werden, beginnt Liv zu merken, dass Nicht-Entscheidungen auch Entscheidungen sind. Und dass Wegsehen Konsequenzen hat. Alles, was bleibt ist eine leise, melancholische Geschichte über Nähe und Distanz, über Schuld ohne Täter, über Liebe, die nicht eindeutig ist - und über das, was von uns übrig bleibt, wenn wir zu spät verstehen.

Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

- 1 -

"Hätte ich gewusst, dass du meine Finanzberaterin auf Lebenszeit bist, hätte ich doch meinen Steuerberater mitgebracht."

Wäre ein Satz, den die Schwarzhaarige jetzt gerne voller Selbstbewusstsein gesagt hätte. Stattdessen entfährt ihr ein gestottertes: "So kann das aber nicht weitergehen", mit einer Stimme, die mit jedem Wort schrumpft. Es ist ein Fest sondergleichen, wie diese Frau, die sich Livs Tante und Vormund schimpft, es schafft, ihr mit ihrer bloßen Anwesenheit jedes einzelne Knochenstück Rückgrat zu entreißen.

"Das wird so lange weitergehen, bis du endlich dein Leben unter Kontrolle hast. Beende dein Studium. Verdiene dein eigenes Geld. Lerne das Leben kennen.", sagt sie.

Nachdem Liv vor zwei Jahren aus ihrem schrecklichen Haushalt ausgezogen ist.

Nachdem sie immer wieder die Miete oder Nebenkosten übernehmen musste, wenn die Tante es nicht geschafft hatte.

Liv nimmt einen tiefen Atemzug und versucht, jedes Luftpartikel zu inhalieren, das auch nur einen Hauch Mut enthält. „Ich werde das so n… nicht mehr mitmachen.“

Bravo. Gebrüllt wie eine Löwin.

Tante Rita quittiert die Lächerlichkeit dieses Satzes mit einem schiefen Grinsen. "Ich werde nicht dabei zusehen, dass du so wirst wie deine Mutter, Olivia!"

Die Hitze steigt ohne Zögern in Livs Gesicht. Die Waffen der Tante sind geübt, und eine der effektivsten hat sie gerade gezückt und entsichert.

„Auch deine Mutter hat geglaubt, sie könne sich das Leben so einrichten. Hat ja hervorragend funktioniert." Die Locken der Tante schwingen, als sie die Tür des Küchenschranks zuschlägt und drei Teller auf die Theke stellt. „Frag sie ruhig, wie ihr Ponyhof geendet hat.“

Sie spuckt auf das Grab ihrer Schwester, Livs Mutter - und Liv steht nur da und muss sich zwingen die Augen trocken zu behalten. Jede Träne käme dem Ziehen einer Waffe gleich.

„Hör auf, da rumzustehen.“

Ein kurzer Blick. Abwertend.

„Mach den Tisch sauber.“

Livs Blick verklärt. Sie will schreien. Will sagen, dass das so nicht geht. Will ihr sagen, dass sie der schlimmste Mensch der Welt ist, dass Liv sie nie wieder sehen will und sie ihre Lebenszeit - im Gegensatz zu ihrer Mutter - überhaupt nicht verdient hat. Stattdessen läuft ihr eine heiße Träne aus dem Auge, und noch bevor sie sie wegwischen kann, ist das die schlimmste Provokation des heutigen Tages.

"Ach Gott, Olivia."

Ein Seufzen, als wäre Liv eine lästige Aufgabe.

"Nun hör doch auf zu heulen. Du und deine Melodramatik. Du weißt genau, dass dir das nicht hilft. Du machst dich lächerlich."

"Ich will Zugriff auf mein Geld", wimmert sie und ist fast ein bisschen stolz auf die Klarheit der Worte.

„Zugriff auf dein Geld?“ Rita lacht leise, trocken. „Du verwechselst da etwas. Das ist nicht dein Geld. Das ist Verantwortung. Und die liegt nun mal nicht bei dir. Ich will jetzt, dass du den Tisch wischst!" Sie wirft einen nassen Lappen direkt vor Liv auf die Tischplatte.

Der Raum wirkt plötzlich schief. Nicht sichtbar, eher spürbar. Die Küche kippt minimal nach links, als hätte jemand den Boden einen halben Grad verstellt. Liv merkt, wie sie unbewusst das Gewicht verlagert, um nicht umzufallen.

Einen kurzen Moment überlegt Liv, ihr den Lappen ins Gesicht zurückzuwerfen, entscheidet sich dann aber dafür, die Kraft in ihren Knien zu sammeln und dieses Haus - das einer Hölle gleicht - zu verlassen.

Auf dem Weg in den Flur kommt ihr Florian von der Treppe entgegen und schaut sie fragend an. "Wohin des Weges?", lächelt er. Liv meidet seinen Blick, will den eigenen nicht offenbaren.

"Weg", antwortet sie knapp und sucht mit verschwommenem Blick nach ihren Schuhen.

"Was? Es gibt doch gleich Essen", stellt er geistreich fest.

Rita steht im Türrahmen. "Wenn du jetzt gehst, wirst du keinen Cent mehr sehen, bis du dein Studium beendet hast. Du willst die harte Tour, du kriegst die harte Tour."

Liv wird nervös. Kann ihre Schuhe nicht finden und der Flur wird immer enger. Die Wände drücken ihren Brustkorb zusammen, rauben ihr die Luft.

"Liv, was ist denn los, bleib doch bitte - das ist doch albern", versucht Florian sie aufzuhalten, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, worum es geht.

"Olivia hat heute keine Lust, sich wie eine Zwanzigjährige zu benehmen. Sie hat sich dazu entschieden, Theater zu spielen wie ein vierjähriges Kleinkind", stichelt die Tante – und feuert damit die entsicherte Waffe ab. Glatter Schuss ins Herz.

Fast panisch dreht und wendet Liv sich, schaut unter den Schrank, doch sie findet ihre Schuhe einfach nicht. Ihr Blick wird immer undeutlicher, die Wangen nasser.

Wenn sie es nicht in den nächsten fünf Sekunden hier raus schafft, wird sie der erste Mensch sein, der an Wut stirbt. Sie reißt ihre Jacke vom Haken. Ein kurzes, lautes Ratschen signalisiert, dass sie gerissen sein muss. Sie wirft sie sich unbeholfen, schief über die Schultern und reißt die Tür auf. Die Jacke fühlt sich zu eng an. Die Ärmel, der Stoff, alles ist plötzlich zu viel. Zu nah. Sie will raus. Jetzt. Bevor ihr Körper entscheidet, dass er hier fertig ist.

„Keinen Cent mehr“, wiederholt Rita. Nicht laut. Endgültig.

Liv zieht die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu und hört noch ein entschiedenes: "FLORIAN. Setz dich sofort in die Küche. Wir essen jetzt."

Draußen schlägt ihr die Kälte ins Gesicht wie eine Ohrfeige. Der Schmerz ist scharf, klar, fast erleichternd. Das Pieksen der Fußmatte bestätigt, dass sie keine Schuhe trägt.

Schön, dass du da bist!, verhöhnt die Matte in Schnörkelschrift. Ein Schritt weiter durchnässt der liegende Schnee ihre Socke.