Wintergirl

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Summary

»Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.« Ein kleiner Hoffnungsschimmer machte sich in mir breit. Und das Gefühl von Verständnis. Endlich verstanden zu werden. Von einem Fremden. Richtig gehört. Nicht von meinen Eltern, Geschwistern oder Freunden. Ein Fremder. Der mich versteht, mir zuhört und leise mit mir durch den Hörer des Telefons lacht. Einfach da ist, wenn auch nur physisch. Und genau das brauche ich gerade. Vor allem in der Vorweihnachtszeit. Und alleinerziehende Mama. Der Fremde am Telefon scheint mir also die perfekte Hilfe zu sein. „Also...« fährt der Mann, dessen Stimme Honig gleicht, am anderen Ende der Leitung fort. »So wie du bist, bist du gut. Und eine Welt, die dir versucht zu zeigen, dass es nicht so wäre, ist das eigentliche Problem. Nicht du.« Sagt er das nur, weil es sein Job ist?

Genre
Romance
Author
Itsme
Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Sobald mein Körper Gesellschaft mit der Couch macht, fallen jegliche Dinge von mir ab. Es klingt verrückt doch sobald ich meine Augen schließe, spüre ich wie mich eine Flut von Erleichterung durchzuckt.

Entspannung der Königsklasse.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ich genau in dieser Situation einschlafe. Sitzend - erschöpft auf der Couch. Das einzige, was mich währenddessen umgibt, ist Stille.

Genau das, wonach ich mich nach solchen anstrengenden Tagen sehne.

Wäre da nur nicht mein Kopf.

Mein Kopf, der, sobald diese Stille einkehrt, keine Ruhe geben kann. Nie. Ich versinke in Gedanken, Sorgen und Schuld. Manchmal quetschen sich noch Ängste hinzu, manchmal aber auch Tränen.

Es ist hart. Das Leben als alleinerziehende Mama, Hausfrau und arbeitende Frau ist alles andere als leicht. Aber wessen Leben ist schon leicht?

Kinder hungern auf diesem Planeten und ausgerechnet ich, die ein Dach über ihrem Kopf hat, bekommt Panikattacken bei dem Gedanken Zukunft. Eigentlich sollte es mir gut gehen - eigentlich.. eigentlich.. eigentlich.

So ist es aber nun mal nicht. Mental zerfrisst mich der Stress. Die Vorweihnachtszeit ist dabei auch keine Hilfe. Sie ist viel mehr mein letzter Stoß in die Hölle.

Und ganz ehrlich? Wenn ich einen Wunsch bei Mr. Fuck you Santa frei hätte, dann würde ich mir einen Menschen wünschen, der mich versteht.

Denn ich weiß, gäbe es jemanden, der einfach mir nur zuhört und für mich da ist - wäre die Zeit leichter zu ertragen.

Keine dummen Sprüche wie: »Du hast es dir doch ausgesucht, Mama zu sein - beschwer dich nicht.« oder »Deine Oma hat es doch auch geschafft - und die hatte sogar 4!«

Oma hat auch mit 65 Jahren ins Gras gebissen - Alkohol. Stress bedingte Sucht.

Aber hey, Hauptsache sie hat es geschafft!

Innerlich verdrehe ich meine Augen - Die Frau war eine gute, nimm es mir nicht böse Gott. Nicht dass mich gleich ihr Geist für meine sarkastischen Gedanken umbringt.

Das Letzte, was ich gebrauchen kann, verschone mich also.

Mit einem frustrierenden Schnaufen öffne ich meine Augen und richte meinen Körper auf der Couch neu. Sobald die Gedanken Achterbahn fahren, wird dieses scheiß Ding ungemütlich.

Mein Blick schweift zu der Uhr, die auf der Fensterbank steht. Kurz vor Mitternacht. Sitze ich wirklich schon zwei Stunden hier?

Ich zwinge mich in die Küche. Morgen steht in der Schule meines Sohnes nämlich eine Wohltätigkeitsfeier an. Sowohl Eltern als auch Schüler müssen dabei anwesend sein.

Und weil wir nicht mit leeren Händen ankommen wollen, habe ich beschlossen, Kekse zu backen.

Während ich also die Zutaten aus meinem Schrank krame, alles ordentlich auf die Arbeitsplatte platziere und mich nun umdrehe, um an den Kühlschrank zu gehen - für die Eier blitzt mir, wie so oft, die Nummer eines Seelsorgers entgegen.

Vor zwei Wochen hat meine Freundin mir diesen kleinen Zettel zugesteckt. Ohne viele Worte: »Ich hoffe, du kommst über die Dinge hinweg, über die du nicht sprichst.«

Ich habe nicht den geringsten Schimmer, woran es liegt, dass meine Hand sich wie von selbst hebt.

Ob es an meiner tiefsitzenden Müdigkeit und der Erschöpfung liegt, die mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr klar denken lassen.

Vielleicht will ein kleiner, gehässiger Teil von mir auch einfach ein Stück des Ballasts bei jemanden abladen, damit er sich damit befasst und nicht nur ich alleine darunter zusammenbrechen muss.

Oder ich bin inzwischen einfach an einem Punkt angekommen, an dem ich selbst einsehe, dass ich das alles nicht nur ohne Hilfe kann..

Bevor meine Gedanken mich wieder in den Abgrund ziehen können, greife ich nach dem Zettel und meinem Handy.

Denn, mal ehrlich, scheiß drauf. Was habe ich schon zu verlieren?

Während ich die Nummer wähle und auf Lautsprecher stelle, beginne ich schon damit, das Mehl und den Zucker in einer großen Schüssel abzuwiegen.

,,Guten Abend, Sie haben die Telefon-Seelsorge erreicht."

Eine Sekunde halte ich inne. Mein Atem klingt plötzlich viel zu laut, mein Herz schlägt zu schnell - und ich komme mir unglaublich lächerlich vor.

Ich meine, verdammt, ich bin eine erwachsene Frau. Eine Mutter! Was mache ich also hier? Schaffe ich es wirklich nicht, meine Probleme alleine zu lösen?

Mein Zeigefinger schwebt über dem roten Button zum Auflegen, doch dann ertönt wieder seine Stimme:,,Schön, dass Sie anrufen. Ich höre Ihnen gerne zu."

Seine Stimme ist warm und freundlich. Nicht auf diese aufgesetzte "Ich-arbeite-im-Kundenservice-und-muss-immer-höflich-sein"-Art, sondern auf eine aufrichtige und beruhigende Art.

Als würde es ihm wirklich etwas bedeuten, dass ich mich dazu überwunden habe, ihn anzurufen.

,,Ähm.. Hallo." Großartig. Sehr eloquent.

Meine Finger tauchen mechanisch ins Mehl und formen eine kleine Kuhle. Meine Hände wissen offenbar besser als mein Kopf, was zu tun ist.

,,Ich.. weiß gar nicht genau, warum ich anrufe", murmele ich und schäme mich sofort wieder. ,,Also eigentlich ja schon, aber.."

Ich breche ab, schüttle den Kopf, obwohl er mich natürlich nicht sehen kann. ,,Tut mir leid."

,,Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen", sagt er ruhig. ,,Viele Menschen wissen am Anfang nicht, wo sie beginnen sollen."

Etwas in mir lockert sich. Nur ein kleines Stück, aber genug, um einmal tief durchzuatmen.

,,Ich backe Kekse", platzt es aus mir heraus.

Warum sage ich das? Verdammt, warum ausgerechnet das?

Es herrscht eine Sekunde Stille.

Dann erklingt ein leises, kaum hörbares Glucksen.

,,Das klingt sehr weihnachtlich."

Meine Mundwinkel zucken ungewollt und ich muss leise schmunzeln, während ich auf den Teig starre, den ich gleich vermengen muss.

,,Morgen ist eine Feier in der Schule meines Sohnes", erkläre ich und schlage ein Ei am Schüsselrand auf. ,,Und irgendwie.. fühlt sich alles gerade zu viel an."

,,Zu viel ist ein gutes Wort, ein guter Anfang", antwortet er sanft. ,,Was macht es heute besonders schwer?"

Da ist sie. Die Frage, vor der ich mich selbst fürchte.

Und plötzlich sitzt mir ein Kloß im Hals, den ich den ganzen Abend über erfolgreich ignoriert habe.

,,Ich bin müde", gestehe ich leise und gebe die gewürfelte Butter in die Schüssel. ,,Ein bisschen lebensmüde. Aber nicht im Sinne von aufgeben wollen. Mehr so.." Ich suche nach Worten, während meine Hände wie ferngesteuert den Teig kneten.

,,So, als würde ich seit Jahren den Atem anhalten und rennen. Denn wenn ich stehenbleibe, dann..fühlt es sich so an, als würde alles den Bach runtergehen."

Er unterbricht mich nicht, sondern lässt mir Zeit und Raum, mich neu zu sortieren, während ich zittrig einatme.

,,Ich bin allein" fahre ich fort, meine Stimme ist nun brüchiger als zuvor und ich räuspere mich einmal. ,,Ich meine nicht wirklich allein, ich habe einen Sohn und Freunde.. aber niemanden, bei dem ich einfach mal nicht stark sein muss."

,,Sie tragen sehr viel", sagt er schließlich. ,,Und Sie tun das schon lange, nicht?"

Es trifft mich härter, als es sollte.

Weil es stimmt.

Und weil es sich anfühlt, als hätte es endlich jemand gesehen.

,,Ich sollte das doch alles schaffen", flüstere ich. ,,Andere schaffen das auch."

,,Andere sind nicht Sie", erwidert er sanft. ,,Und Sie müssen nicht an anderen messen, wie schwer Ihr Leben ist, um zu fühlen, dass es schwer ist."