A.G.E. - Augurans Elixier

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Summary

A.G.E. Außergewöhnlich. Geheimnisvoll. Extravagant. Anne G. Eastwood Eine Grafentochter, die nicht ist, was sie scheint. Ein Fackelträger, der sich in seine Lieblingsfeindin verliebt. Familiengeheimnisse, die den Lauf der Dinge verändern könnten. Ein geheimes Elixier aus dem Herzen Augurans. Das magische Vermächtnis von Dunkelheit und Licht - unerkannt vereint in einer machtvollen Magierin. Unscheinbar. Unterschätzt. Unberechenbar. Mit der Ausbildung an der Gemma, der Akademie der magischen Künste des Reiches Auguran, beginnt für Anne eine Reise ins Ungewisse - begleitet von Missgunst, Neid und Verrat - aber auch von Freundschaft, Liebe und Musik. Ein gefahrvoller, kurvenreicher Weg führt sie durch die schattigen Unwägbarkeiten der magischen Welt, bis sie sich zu guter Letzt für eine Seite entscheiden muss. Welche wird es sein? Erlebe die Geschichte neu. Aufregender. Gefährlicher. Einzigartiger als je zuvor. A.G.E.

Status
Ongoing
Chapters
39
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog

Wie glitzernde Regentropfen wirbelten die Glasscherben durch die Luft und ließen kleine, farbige Spektren des Sonnenlichts über den Boden tanzen, als befände man sich in der Mitte eines Kaleidoskops.

Ein ohrenbetäubender Knall ließ die Menschen zusammenzucken. Unter panischen Schreien brachten sie sich in Sicherheit, die Arme hoch über den Köpfen erhoben, um sich vor den gefährlichen Splittern zu schützen. Frauen kreischten, Kinder weinten und Männer versuchten, sich und ihre Familien vor dem Scherbenhagel in Sicherheit zu bringen.

Als wäre dies nicht genug, ging der zitternde Ahorn in der Mitte des festlich geschmückten Innenhofs in einem Meer von unnatürlich blauen und grünen Flammen auf, woraufhin sich blankes Entsetzen zwischen dem Feuerschein auf den Gesichtern spiegelte.

Inmitten all dieses Chaos stand das Mädchen mit dem grässlichen, rosa gemusterten Kleid, das die strenge Mutter für es ausgesucht hatte, wie angewurzelt neben dem Klavier, auf dem es gerade noch gespielt hatte, und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen.

Was war geschehen? Warum ging wieder einmal alles kaputt?

Unter den halb geschlossenen Augenlidern folgten auffallend hellblau funkelnde Iriden rastlos den entsetzt aus der Umgebung fliehenden Menschen, doch die Gedanken des Kindes kreisten um etwas ganz anderes.

Das Klavierspiel – der einzig verlässliche Lichtblick zwischen den Problemen und Herausforderungen des Alltags als Tochter des vielbeschäftigten und allseits beliebten Grafen von Eastwood. Ein Ort der Flucht vor der ewig mürrischen Gräfin, welche ihre Pulver und Tabletten den Kochkünsten der Haushälterin vorzog. Eine Möglichkeit des Trostes angesichts regelmäßiger Schmähungen und Verleumdungen der Klassenkameraden und Lehrer. Ein Rettungsanker für einen Außenseiter, der die Menschen mit seinen merkwürdigen Fragen und seltsamen, unerklärlichen Taten immer wieder aufs Neue spielend leicht in peinliche Verlegenheit brachte.

Zur Feier des 50. Geburtstags des ehrwürdigen Grafen Mortimer Eastwood, Hausherr auf dem von zahlreichen Ahornbäumen gesäumten Gutshof Maple Court, hatte man den prächtigen Flügel aus dem Kaminzimmer in den Innenhof des Anwesens gebracht, damit seine Tochter darauf vorspielen und den Gästen ihr Können und damit seinen ganzen väterlichen Stolz präsentieren konnte.

Ihr makelloses Spiel hallte von den annähernd 400 Jahre alten Sandsteinwänden des in ein Hotel umfunktionierten Herrenhauses wider. Die Gästeschar verstummte und hörte ihr andächtig zu, selbst die unruhigsten unter den Kindern. Alle schwebten sie auf ihrer Melodie, träumten und verweilten darin und waren geradezu wie verzaubert davon. Niemand hörte den klitzekleinen Fehler, der sich ins Spiel einschlich.

Niemand, außer sie selbst.

Wut und Enttäuschung entbrannten in ihrer Brust. Wie oft hatte sie geübt, um an diesem Tag perfekt zu sein! Jene Perfektion zu erreichen, welche die Mutter in allen Dingen von ihr verlangte und die sie in keinem davon jemals liefern konnte. Außer im Klavierspiel. Und nun vergeigte sie auch das!

Als das Stück endete, der letzte Ton verklang und sie aufstand, um den aufbrandenden Applaus entgegenzunehmen, geschah es. Die gesamte Reihe Fenster im ersten Stock zerbarst über den Köpfen der Geburtstagsgäste in tausende und abertausende Scherben und regnete laut klirrend auf sie herab, während der alte Ahorn lichterloh brannte und die Menge in Angst und Schrecken versetzte.

Und sie stand wie ein Racheengel mitten darin.

Schneidende Blicke ruhten auf ihr, als wollten sie sich wie Nadeln durch ihre Haut bohren. Die wütende Hitze, die sie zu unterdrücken versuchte, brodelte gefährlich in ihrer Brust. Sie atmete tief ein und aus, griff haltsuchend nach ihrer ledergebundenen Notenmappe, um sich verzweifelt daran festzuklammern.

Um die Gefühle zu zügeln, die Emotionen, die ganz offensichtlich der Auslöser dafür waren, dass stets so vieles um sie herum zu Bruch ging. So oft sie wütend oder zornig war, traurig oder aufgewühlt. Selbst wenn sie sich einfach nur über etwas außergewöhnlich freute – nichts in ihrer Nähe war sicher. Sie musste die Dinge nicht einmal anfassen, um sie auf geheimnisvolle Weise zu zerstören.

Diese Tatsache, die ihr tagtäglich nichts als Ärger und Strafen eintrug, war ihr ein Rätsel und sie tappte darüber hoffnungslos im Dunklen. Genauso, wie mit den Nachforschungen über das eigentümliche Geschenk, das sie vor wenigen Wochen zu ihrem elften Geburtstag erreicht hatte, in einem Päckchen ohne Absenderangaben.

Das verbeulte silberne Medaillon mit dem Wellenrelief und einem vergilbten Foto einer unbekannten Frau darin, das in diesem Moment versteckt unter dem hässlichen Kleid auf ihrem Brustkorb ruhte.

Über den Platz und die panische Menge hinweg zog ein Mann ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er stand am Rand des gekiesten Hofes, auf der Seite, die zur Einfahrt des luxuriösen Backsteinhauses hin lag, in dem der Graf mit seiner Familie wohnte, und richtete seinen stechenden Blick auf sie. Sein Haar und sein gepflegter Vollbart waren dunkel, aber bereits von zahlreichen grauen Strähnen durchzogen. Sie konnte sein Alter nicht einschätzen. Er war in einen sehr feinen Anzug mit Weste und breiter Krawatte gekleidet, wie sie es von den adligen Bekannten und Freunden ihres Vaters gewohnt war, doch trug er darüber trotz der sommerlichen Hitze einen glänzenden, blauen Umhang, der ihm bis zum Boden reichte und über und über mit goldglitzernden Ornamenten bestickt war, die im Sonnenlicht reflektierten.

Fiel dieser Mann denn sonst niemandem auf, ging es dem Mädchen durch den Kopf. Mit diesem eigenartigen Umhang musste er doch allen geradezu ins Auge stechen, selbst wenn sie gerade vor dem brennenden Ahorn davonliefen. Die Glasscherben lagen mittlerweile auf dem Boden und Stille war eingekehrt, die nur von dem knackenden Holz durchbrochen wurde, das – obwohl ein Raub der Flammen – merkwürdigerweise nicht zu verbrennen schien. Noch immer stand der alte Baum aufrecht, als würde das Feuer ihn nur ein wenig kitzeln aber nicht versengen.

Fasziniert wandte das Kind die Augen von dem mysteriösen Fremden und ließ seinen Blick den Baum hinaufstreifen. Da plötzlich schüttelte der kaum merklich sein Geäst. Von oben nach unten lief ein Zittern durch das üppige Laub und als würde sich daraus ein Schwall Wasser ergießen, erlosch das blaugrüne Feuer und zurück blieb ein unversehrter Baumstamm, der durch seine zahlreichen Längsrillen in schwachem Blau von innen heraus zu leuchten schien.

Fassungslos hielt das Mädchen bei diesem Anblick inne und suchte gleich darauf in der Menschenmenge nach dem Fremden von vorhin.

Doch der war verschwunden. Genauso wie die Glasscherben.

Alle Fenster waren heil. Als wäre nie etwas geschehen.

Heftig schnappte das Kind nach Atem und seine Brust hob und senkte sich bebend. Zitternd hielt es die abgegriffene Notenmappe ganz fest daran gedrückt, als wäre sie ein Rettungsring.

Die golden in das dunkelblaue Leder geprägten Lettern erstrahlten im Sonnenschein und ließen den damit geschriebenen Namen hell aufleuchten:

Anne G. Eastwood