Sacrifice

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Summary

Ein Mann, ein Wesen, ein Bunker und der Tod.

Genre
Horror
Author
Riza Novic
Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Sacrifice - Horror-Kurzgeschichte

SACRIFICE

Der Bunker

Heute – Gegenwart

Er war tot.

Er konnte nur tot sein.

Obwohl – wenn man tot war, tat einem dann tatsächlich alles weh?

Und diese Schwärze, in der er so losgelöst trieb … war das wirklich so, wenn man tot war?

Er versuchte zu blinzeln.

Irgendetwas stimmte nicht mit seinen Augen. Seine Lider waren unglaublich schwer. Es fühlte sich an, als wären sie verklebt.

Er stöhnte leise.

Und da schoss urplötzlich der Schmerz seiner Glieder wie ein Blitz in sein Gehirn.

„Okay“, dachte er ganz nüchtern, „nicht tot.“

Im nächsten Moment hörte er ein widerliches Geräusch.

Etwas schmatzte.

Er hielt den Atem an. Dann hörte er etwas reißen – laut und durchdringend. Es klang, als würde ein Stück Stoff mit roher Gewalt auseinandergerissen. Etwas knackte hörbar, dann wieder dieses Schmatzen.

Ihm stieg ein metallischer Geruch in die Nase.

Und im nächsten Augenblick war er wach. Hellwach.

Die Schwere seiner Lider verging mit einem Schlag. Seine Augen flogen förmlich auf – und er erblickte hoch über sich eine tropfnasse, modrig schimmernde Betondecke.

Ein weiterer Geruch stieg ihm in die Nase.

Es stank.

Es stank erbärmlich.

Nach Verwesung, nach Schimmel, nach Blut – und Tod.

Er drehte quälend langsam den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Seine jahrelang antrainierten Überlebensinstinkte warnten ihn mit jeder Faser, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.

Als er den Blick langsam in Richtung des Geräusches wandte, fiel ihm als Erstes ein zusammengewürfelter Haufen Lumpen auf, unordentlich verstreut auf dem kalten Betonboden.

Das war Kleidung.

Sein Blick glitt weiter.

Da lag noch etwas anderes.

Im ersten Moment wusste er nicht, was er damit anfangen sollte. Das, was da lag, hatte die Form und die Statur eines Menschen.

Er sah genauer hin und schluckte.

Das war eine Leiche.

Auch wenn er in all den Jahren auf der Jagd nach dem Bösen allerlei Schreckliches gesehen hatte – der Anblick der nackten, jungen und leider auch sehr toten Frau war erschreckend und traurig zugleich.

Die Leiche lag in der Lache ihres eigenen Blutes. Im Tod hatten sich die Organe, dem fehlenden Muskeltonus folgend, entleert – und auch dieser Gestank hing im Raum fest.

Das lange, einst blonde Haar starrte vor Dreck und Blut. Ihre offenen, toten Augen blickten stumm zur Decke.

Er blinzelte erneut.

Etwas fehlte.

Nein – jemandem.

Ihr.

Das Bein.

Es war nicht einfach abgetrennt worden. Es war abgerissen. Roh. Brutal.

Als hätte sich ein Tier festgebissen und gezogen, bis …

Er schloss kurz die Augen.

Über der klaffenden Wunde kauerte etwas. Etwas Lebendiges.

Und es fraß.

Er fluchte innerlich. Dieses grausige, feuchte, glucksende Geräusch kam von dem Wesen.

Das Wesen fraß die Leiche.

Er musste unmerklich würgen. Ihm war übel von den Gerüchen und dem Schmatzen.

Ganz langsam fuhr er mit der rechten Hand an seinem Oberschenkel hinauf und tastete nach dem Messer in seiner Tasche. Er betete inständig, dass es noch da war.

Ja.

Da war der vertraute Griff.

Zu wissen, dass sein Messer noch da war, gab ihm ein trügerisches Gefühl von Sicherheit.

Er schloss kurz die Augen, sog lautlos Luft in seine brennenden, schmerzenden Lungen. Vorsichtig, kaum wahrnehmbar, betastete er die Stellen an seinem Körper, die er gefahrlos erreichen konnte, um zu prüfen, ob er mehr als nur leicht verletzt war.

Soweit er es feststellen konnte, war er unverletzt.

Dann besann er sich auf seine Ausbildung.

„Was tust du zuerst, wenn du dich in einer unbekannten Situation befindest?“

Die Stimme seines damaligen Lehrmeisters klang laut und deutlich in seinem Kopf.

Er atmete langsam aus. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er den Atem angehalten hatte.

Wieder erklang das befremdliche Geräusch: das Reißen von Fleisch, das Knacken von Knochen.

Es lenkte ihn ab.

Er verfluchte sich für seine mangelnde Konzentration.

Langsam und unmerklich begann er, den Kopf wieder in die Ausgangsposition zu bewegen. Er wollte um keinen Preis das unbekannte Wesen auf sich aufmerksam machen – denn das hätte unweigerlich seinen Tod bedeutet.

„Okay“, dachte er. „Erstens: Umgebung checken.“

Prüfend glitt sein Blick über den gesamten Raum – soweit es seine liegende Position zuließ.

Beton – unter ihm, über ihm, die Wände.

Feuchte, modrige Luft.

Der Schimmelgestank war ausgeprägt, fast streng.

Irgendwo tropfte Wasser.

Die Beleuchtung war schwach, spärlich – aber es gab Licht. Genug, um wenige Details zu erkennen.

Er horchte.

Die Umgebung war still. Bis auf das leise Schmatzen des Wesens.

Urplötzlich hörte es auf.

Er erstarrte.

Dann klackte es leise, aber vernehmlich auf dem Betonboden.

Ein kurzes Rascheln – dann Stille.

Nur wenige Augenblicke später erklang ein leises, gleichmäßiges, sehr rhythmisches Geräusch.

Er lauschte konzentriert.

Nach einem Moment identifizierte er es als Schnarchen.

Er konnte es nicht glauben.

Die Kreatur schnarchte.

Das war sein Stichwort.

Im nächsten Moment richtete er sich auf – in eine sitzende Position.

Und wartete.

Es blieb ruhig.

Jetzt konnte er sich besser orientieren.

Er sah sich langsam und gründlich um.

Die Wände, die Beschaffenheit des Raumes – alles daran erinnerte ihn an einen unterirdischen Bunker.

Der Raum war ein unterirdischer Albtraum aus Beton: karg, kalt und erbarmungslos. Die Decke hing bedrückend tief und war überzogen von dicken, dunklen Schimmelspuren, die wie Adern eines toten Organismus über das feuchte Mauerwerk krochen.

In den Ritzen sammelte sich träge Wasser, das in regelmäßigen Abständen auf den rissigen Boden fiel – ein eintöniges, beinahe höhnisches Ticken, als würde der Raum die Sekunden bis zum nächsten Grauen zählen.

Das war es, was er gehört hatte.

An den Wänden schälten sich Reste ehemals weißer Farbe ab und lagen in verschmutzten, dreckigen Fetzen auf dem Boden.

Eisenroste markierten einstige Belüftungsschächte, doch sie waren längst verstopft – mit Dreck, rostigen Drahtfetzen und etwas, das wie dunkles Haar wirkte.

Die Luft war stickig, gesättigt von Tod und Verwesung. Es roch nicht nur modrig – es war, als atmete man die Fäulnis selbst ein.

Einziger Lichtspender war eine nackte Glühbirne irgendwo an der Decke, die schwach flackerte und einen gelblichen Kegel warf – mehr Schatten erzeugend, als sie aufhellte. Schatten, die sich wie lebendige Wesen an den Wänden bewegten.

Der Raum wirkte nicht nur verlassen. Er fühlte sich vergessen an. Wie ein Ort, den die Welt längst verbannt hatte.

Und da wusste er es: Es war tatsächlich ein ehemaliger Bunker.

Er holte lautlos Luft.

„Zumindest weiß ich jetzt, was das hier ist.“

Er zwang sich zur Ruhe. Atmete flach, aber kontrolliert.

Dann ließ er seinen Blick systematisch durch den Raum gleiten.

Flucht. Optionen. Möglichkeiten.

Der Lichtkegel half kaum. Kein Schalter in Sicht. Es reichte gerade, um sich vorsichtig zu bewegen.

Er prüfte die Wände.

Rohbeton, feucht, stellenweise von Schimmel befallen.

Keine Fenster. Keine sichtbaren Schächte in Reichweite. Keine Luken. Nur diese modrige Betondecke. Eine Lampe, lose an einem dünnen Kabel – viel zu schwach, um das Gewicht eines Menschen zu tragen.

Sein Blick glitt über den Boden. Nass, rissig, fleckig.

In einer Ecke: ein Abfluss. Klein, rostig, fast verdeckt von Dreck. Kein Fluchtweg – aber vielleicht nützlich, falls Wasser eingeleitet würde.

Er nahm jede Wand in Ruhe.

Keine klassische Tür. Nur … ein dunkler, rechteckiger Umriss an der gegenüberliegenden Wand. Könnte eine Tür sein – eingelassen, schwer erkennbar. Kein Griff. Kein Schloss von innen.

Vielleicht hydraulisch. Vielleicht elektrisch.

Er schätzte den Raum: etwa sechs mal acht Meter. Decke vielleicht zwei Meter. Mit 1,89 m würde er knapp, aber gut stehen.

Keinerlei Gegenstände. Keine Möbel. Kein Werkzeug.

Nur Beton. Dunkelheit. Tod. Und das unbekannte Wesen in der Ecke.

Tropfendes Wasser. Das rhythmische Schnarchen.

Keine entfernten Geräusche. Kein Luftzug.

Der Raum schien isoliert.

„Möglicherweise geräuschdämmend gebaut“, dachte er.

Die Zufuhr frischer Luft war schwer zu lokalisieren. Die Luft war verbraucht und modrig – aber nicht völlig stickig. Es musste Belüftung geben. Wahrscheinlich verborgen. Außerhalb seiner Sicht.

Er fasste zusammen:

„Kein sichtbarer Ausgang. Eine mögliche Tür – aber ohne Mechanismus auf meiner Seite. Keine offensichtlichen Schächte oder Luken. Kein Licht von außen. Kein Geräusch, das auf andere Personen schließen lässt. Ich bin eingeschlossen. Eingekerkert mit einer unbekannten Gefahr. Aktuell nicht bedroht. Ich bin nicht vergessen. Noch nicht. Und auch noch nicht tot.“


Er saß aufrecht, den Rücken gegen die kalte Wand, das Messer fest in der Hand. Der Griff war rau, vertraut – einer der letzten Anker in einer Welt, die ihm gerade unter den Füßen zerbröckelte.

Der Raum stank nach altem Blut. Nach Dingen, die nicht mehr gesagt werden konnten.

Er versuchte, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken. Nicht aus Angst – nicht nur –, sondern weil etwas in ihm vibrierte.

Ein eigenartiges Ziehen, tief in der Brust. Fast wie ein Strom, der sich langsam durch seine Adern tastete.

Unheimlich. Fremd. Aber nicht feindlich.

Sein Blick schweifte erneut durch den Bunker. Da war etwas an diesem Ort, das ihn veränderte. Oder vielleicht war es das, was man mit ihm gemacht hatte, bevor er hier erwachte.

Er erinnerte sich kaum. Nur an Schatten. Stimmen hinter Glas. Kälte auf nackter Haut. Hände. Nadeln. Schreie, bei denen er nicht sicher war, ob sie von ihm selbst stammten.

Und dann dieses Gefühl.

Ein dunkles Wissen unter der Oberfläche – als hätte etwas in ihm nur darauf gewartet, aufzuwachen.

Sein Blick kehrte zurück zur Kreatur. Sie hatte sich kaum bewegt, doch der Gestank ihres Tuns hatte sich in alles eingebrannt.

Er sah genauer hin: die Haltung, die Art, wie sie das Fleisch verschlungen hatte.

Nicht tierisch.

Nicht menschlich.

Irgendetwas dazwischen – schlimmer als beides.

Und plötzlich wusste er: Sie war nicht das Schlimmste.

Nicht hier. Nicht in diesem Bunker.

Die Luft veränderte sich – nur für einen Wimpernschlag. So subtil, dass man es fast übersehen konnte.

Doch er spürte es.

Etwas an der Kreatur war falsch. Nicht nur monströs – künstlich. Zusammengesetzt. Als hätte jemand versucht, eine Bestie zu bauen.

Ein metallisches Klirren.

Er hielt den Atem an.

Dann sah er es – nur für einen Moment: ein feines, kaum sichtbares Flackern an der Schulter des Wesens. Ein schwacher Lichtimpuls. Oder ein Defekt.

Technologie?

Magie?

Ein Zucken ging durch seinen Körper. Und in seinem Kopf, jenseits des bewussten Denkens, klickte etwas ein.

Ein Fragment von Erinnerung.

Ein Befehl.

Ein Reflex.

Sein Blick verengte sich. Sein Griff um das Messer wurde fester.

Nicht mehr das Opfer sein.

Nicht mehr das Versuchskaninchen.

Er war wach.

Er war bereit.

Und das Ding da drüben?

Das würde als Erstes erfahren, dass mit ihm etwas nicht stimmte.

Etwas, das er selbst noch nicht verstand.

Etwas … Unaufhaltsames.


Er erhob sich lautlos und trat näher an die Ruhestätte der Kreatur.

Das Wesen – es trug keinen Namen in der Sprache der Menschen. Doch sein Schöpfer nannte es Nhalgar.

Es erinnerte nur sehr entfernt an etwas, das einst menschlich gewesen war.

Der Körper war hager, sehnig – und doch von unheimlicher Kraft durchzogen. Ein Konstrukt aus geschundener Haut, freigelegter Muskulatur und etwas, das wie ein pulsierendes Skelett wirkte.

Die Haut hatte einen graugrünen Schimmer, ledrig, an manchen Stellen wie verbrannt.

Die Wirbelsäule trat unnatürlich hervor, als wolle sie sich durch die Haut nach außen drücken.

Der Schädel war deformiert: eine Seite eingefallen, die andere grotesk überzogen von narbiger, faltiger Haut.

Ein Auge fehlte.

Das verbliebene glimmte trüb in einer zu engen Höhle aus Knochen und verschobener Muskulatur.

Der Mund war kein Kiefer mehr – nur ein aufgerissener Spalt, durchzogen von schwarzen, nadelartigen Zähnen, spitz wie eine Spritze.

Blut, Knochenstückchen und Gewebereste klebten um den Unterkiefer wie eine zweite Haut.

Die Gliedmaßen wirkten zu dick und zu kurz. Sie endeten in grotesk verlängerten Fingern, aus denen je drei scharfe, klauenartige Auswüchse ragten.

Er beobachtete die Atmung.

Ruckartig. Zuckend. Als liefe das Nervensystem nicht vollständig synchron zum Körper.

Er saß einfach nur da und beobachtete.


Was er nicht sah, waren die Linsen der Kameras, tief in den Ecken des Bunkers eingelassen – mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

Jede Linse folgte seinen Bewegungen. Stumm und gnadenlos.

Eine Kamera war auf die Ecke gerichtet, in der die Kreatur sich zum Schlafen eingerollt hatte. Eine andere auf die Tür in der rechten, gegenüberliegenden Wand. Eine weitere direkt auf ihn.

An einer Kamera blinkte ein kleines rotes Licht.

Jemand sah ihm zu. Immer.

Eyecatcher – so wurde er genannt, da sie seinen richtigen Namen nicht kannten – saß in einem sterilen Überwachungsraum in einer anderen Sektion des Bunkers.

Der Mann hinter der Kamera.

Der Aufpasser.

Der Wächter.

Metallwände, flackernde Monitore, das Summen kalter Technik – seine Welt ebenso entmenschlicht wie das, was er erschaffen hatte.

Seine Schöpfung: Nhalgar.

Er trug einen dunklen Kittel. Kein Namensschild. Kein Rangabzeichen. Nur ein Emblem: ein stilisiertes Auge mit einem Schrägstrich – das Symbol einer Organisation, die offiziell nicht existierte.

Sein Gesicht war hager, die Wangen eingefallen, die Haut wachsbleich.

Eine tiefe, wulstige, rote Narbe zog sich von der rechten Schläfe über das rechte Auge und die Nase hinunter bis zum linken Mundwinkel.

Der Grund für seinen Spitznamen.

Seine Augen waren grau – hellgrau, wie stürmische Wolken. Emotionslos, ja. Aber nicht leer.

Sein Blick war beobachtend, kalkulierend. Nicht, weil er leidenschaftslos war – sondern weil er stolz war.

Auf seine Kreatur. Auf seine Schöpfung.

Mit leiser Stimme schnalzte er in das Mikrofon am Revers. Der Ton wurde aufgezeichnet und an einen Chip gesendet, tief in Nhalgars Gehirn implantiert.

Und die Kreatur zuckte.


Er erstarrte, als er das Zucken wahrnahm.

Dann hob sich der Kopf langsam.

Das Vieh schnüffelte.

Die Atmosphäre im Raum hatte sich verändert.

Er hörte ein Geräusch, bevor er die Ursache sah.

Ein kaum wahrnehmbares Klicken. Dann ein tiefes, hohles Summen.

Etwas vibrierte durch den Betonboden. Ein Brummen, das sich wie Tinnitus durch seinen Körper fraß.

Nhalgar zuckte. Ein ruckartiger Satz seines massigen Körpers – als hätte man ihn an unsichtbaren Drähten hochgezogen.

Das Wesen hob den Kopf, blutverschmiert und zitternd. Dann blieb es reglos stehen – und lauschte.

Und in diesem Moment wusste er: Das scheußliche Vieh hatte ihn bemerkt.

Wie war das möglich?

Nhalgar hob den Oberkörper. Knochen knackten. Muskeln spannten sich. Reste der Leiche glitten von den Klauen.

Der einzige Laut war das Schmatzen von Speichel, der tropfend auf den Boden fiel.

Er stand auf – langsam, ruhig.

Der Griff seines Messers lag in seiner rechten Hand. Die Klinge nach hinten abgewendet.

Sein Atem ging gleichmäßig. Sein Herz schlug wie ein Hammer.

Und doch spürte er es tief in sich: dieses Flimmern unter der Haut. Dieses Brennen hinter den Augen.

Etwas war erwacht, als Nhalgar sich erhoben hatte.

Nhalgar.

Der Name hallte in ihm nach.

Woher er das wusste, hatte er nicht die leiseste Ahnung – und doch war es, als läge er seit Jahren in ihm.

Nhalgar stieß ein Geräusch aus. Kein Brüllen. Kein Fauchen. Ein kehliges, vibrierendes Knurren – wie jemand, der lange die Luft angehalten hat und dann zischend einatmet.

Es klang nach Tod.

Dann bewegte es sich.

Ein Satz – viel schneller, als er erwartet hatte.

Zwei Meter.

Ein Flackern.

Klauen in der Luft.

Er warf sich mit einem schnellen Ruck zur Seite, rollte über die linke Schulter. Beton kratzte rau über seine Haut.

Rasend schnell kam er wieder auf die Beine.

Sein erster Hieb traf Luft.

Beton splitterte, als Nhalgar gegen die Wand krachte. Es hatte seinen Sprung falsch eingeschätzt.

Und Nhalgar wusste nicht, dass er nicht nur ein Mensch war.

Die Dunkelheit in ihm entfaltete sich. Schatten regten sich unter seiner Haut.

Die Zeit schien sich zu dehnen.

Er duckte sich unter einem weiteren Schlag hindurch, glitt an der Wand entlang, drehte sich – und rammte das Messer bis zum Schaft in Nhalgars Flanke.

Ein Schrei. Hoch, schrill, inhuman.

Schwarzgrünes Blut spritzte.

Nhalgar schleuderte ihn mit einer Klaue gegen die Wand. Beton barst. Ein Schmerz schoss durch seinen Rücken.

Doch die Dunkelheit ließ keine Schwäche zu.

„Du bist nicht mein Ende“, zischte er. „Du bist nur ein Test.“

Er ließ das Messer kreisen.

Nhalgar taumelte. Knurrte ihn an.

Er musste es beenden.

Aber nur mit Stahl würde es nicht gehen. Das wusste er.

Er musste es beenden – ohne Stahl. Nur mit dem, was in ihm war.

Er konzentrierte sich.

Und dann:

Dunkelheit.

Nicht um ihn herum. Aus ihm heraus.

Ein Schleier aus Schatten quoll aus seinen Fingerspitzen, waberte wie Rauch ohne Feuer.

Nhalgar erstarrte. Zögerte. Schnüffelte. Witterte.

Zu spät.

Er sprang.

Nicht wie ein Mensch.

Ein einziger, kraftvoller Stoß – und er war auf dem Rücken des Wesens, riss es zu Boden.

Seine Hände umklammerten den Schädel. Die Schatten flossen in die Kreatur hinein, durch Augenhöhlen, Narben, Ritzen in der Haut.

Nhalgar schrie. Ohrenbetäubend. Voller Angst.

Ein letztes Aufbäumen. Zuckungen.

Dann: Stille.

Er kniete über dem reglosen Körper.

Die Schatten zogen sich zurück. In ihn. Als wären sie zufrieden.

Seine Brust hob und senkte sich heftig. Blut lief ihm aus der Nase. Das Vieh hatte sie ihm zertrümmert – doch sie begann bereits zu heilen.

Seine Haut brannte.

Ein tiefes, hohles Summen ertönte, und eine der Wände im Bunker verschob sich. Kurz darauf gab sie einen Gang frei, an dessen Ende ein schwacher Lichtschein loderte.

Der Ausgang.

Er stieß die tote Kreatur noch einmal mit der Schuhspitze an. Sie rührte sich nicht.

Dann trat er in den Gang.

Langsamen Schrittes ging er auf das Licht zu.

Erschöpft. Blutverschmiert. Müde.

Er wollte ein Bad. Und Schlaf. Am liebsten eine Woche.

Am Ende des Ganges trat er ins Freie.

Die Sonne strahlte von einem gleißend blauen Himmel. Die Luft war warm und roch süßlich.

Er blickte hinauf und dankte Gott in einem raschen Stoßgebet für sein Überleben.

Dann drehte er sich noch einmal zum Bunker um, der mitten in einer grünen Wiese auf einem endlosen Feld kaum zu erkennen war. Nur ein kleiner Hügel mit einer Holztür verriet, dass darunter Geheimnisse lagen.

Er drehte sich erneut um und ging los.

Einfach nach Hause.


Die Kameras surrten leise.

Eyecatcher beobachtete ihn regungslos. Dann zog er ein schwarzes, ledergebundenes Notizbuch hervor und schrieb zwei Worte:

„Test bestanden.“

Ein Mitarbeiter trat an seine Seite.

„Wer ist er?“, fragte er neugierig.

Eyecatcher sah ihn an. Kalt. Abschätzend.

Der Mitarbeiter schluckte und trat zurück. Jeder wusste, dass Eyecatcher nicht zu den geduldigen Menschen zählte.

Eyecatchers Blick folgte dem Mann draußen.

Dann sprach er langsam, sehr betont:

„Sein Name ist Sacrifice.“


Eine Sache jedoch wusste Eyecatcher nicht. Er hatte alles bedacht, geplant – aber eines vergessen:

Sacrifice hatte sich selbst ein Versprechen gegeben.

Er würde wiederkommen.

Und er würde sie alle töten.