Peinliche Lage
Elisas PoV
Ein ohrenbetäubendes Quietschen riss mich unsanft aus dem Schlaf.
Erschöpft bettete ich meinen Kopf unter mein flauschiges Kissen und versuchte das Geräusch mit aller Kraft auszublenden.
Wer machte mitten in aller Herrgotts Frühe einen solchen Lärm?
,, Guten Morgen meine Mädchen!", drang eine eisige Stimme durch mein Zimmer.
,,Frau Harschmann!", schnaubte ich leise den Namen meiner Tränkelehrerin und verdrehte genervt die Augen.
Wieso war mir das nicht gleich eingefallen?
Immer wenn sie Weckdienst hatte, musste sie uns zu den unmenschlichsten Zeiten aus den Betten werfen.
Das war Eine der wenigen Dinge, die ich an ihr hasste.
Ja, ich mochte Frau Harschmann.
Mehr als mir bewusst war.
Egal wie oft sie mich Dank meinen vielen Fehlern vor der gesamten Klasse ausgeschimpft hatte und mich dafür Nachsitzen ließ, konnte ich nie lange böse auf sie sein.
Warum?
Keine Ahnung.
Vielleicht, weil ein winziger Teil von mir spürte, wie einsam meine Tränkelehrerin in ihrem Inneren war?
Verschlafen massierte ich mir mein Gesicht.
Warum konnte uns diese Frau nicht bis sieben Uhr schlafen lassen?
Bei Frau Drill und Herrn Braunweber durften wir auch länger liegen bleiben.
,, Ich erwarte euch..", setzte Frau Harschmann an und legte eine kurze Pause ein, ehe sie langsam mit ihrer kühlen Stimme weitersprach: ,, in einer halben Stunde pünktlich vor der Eingangshalle! Wer meint er könne im Bett liegen bleiben, der wird heute Abend unter meiner Aufsicht alle Vorratsgläser säubern, beschriften und neu auffüllen. Und zwarrrr ohne..."
,, Magie. ", endete sie zischend ihren Satz.
Es herrschte Funkstille.
Na, da schien jemand letzte Nacht besonders gut geschlafen zu haben.
So wie meine Lehrerin heute drauf war, konnte ich mich im Unterricht schon auf Standpauken oder Ähnlichem gefasst machen.
Dabei ging erst in wenigen Stunden der erste Schultag so richtig los.
Falls ich bei ihr nachsitzen musste, würden mir diese Stunden beim Lernen fehlen.
Seufzend setzte ich mich auf und rieb mir die Augen.
Dieses Jahr durfte nichts schief gehen!
Ich brauchte einen sehr guten Abschluss, wenn ich auf dieselbe Eliteuni gehen wollte, in der auch meine Eltern waren.
Wer dort studierte, dem standen später alle Türen offen.
Deshalb war es mir so wichtig gute Noten zu schreiben.
Denn meine Zukunft lag mir sehr am Herzen.
Gähnend stolperte ich aus meinem Bett und schlurfte ins Bad.
Wie ferngesteuert putzte ich mir die Zähne und kämpfte damit meine Augenlider offen zu halten.
Die ganze Nacht über hatte ich versucht den gesamten Lernstoff vom letzten Jahr zu wiederholen.
Bis auf die Titeln, war nichts mehr hängen geblieben.
Frau Harschmann würde mich nach Strich und Faden vor den Anderen bloßstellen.
So wie sie es immer tat, sobald ich ihre Fragen nicht beantworten konnte.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie mich besonders hasste. Dies würde auch erklären, weshalb sie mich so grausam behandelte.
Was habe ich ihr nur getan?
Frustriert begann ich meinen Mund auszuspülen, ehe ich schwer seufzend in meine Schuluniform schlüpfte.
Dabei merkte ich nicht, dass ich sie verkehrt rum anhatte.
Ich schnappte mir meinen Schul-Ipad und verließ schleunigst mein Zimmer.
Meine Füße führten mich zur der alten Holztreppe, die mich direkt hinunter zur Eingangshalle bringen sollte.
Bevor ich die erste Stufe erreichen konnte, zog mich jemand unsanft nach hinten.
Eng schlang die Person mir ihre Arme um meinen Körper.
Panik stieg in mir auf.
Ich schlug wild um mich her.
,, Hey! Wer immer du auch bist, lass mich auf der Stelle los! Wenn ich deinetwegen zu spät komme, wird HM mich zu Strafarbeiten verdonnern.", spukte ich diese Worte aufgebracht hinaus.
Ringend versuchte ich mich irgendwie von der Person zu befreien.
Jedoch wurde ich noch enger an sie gedrückt.
Sanft kitzelte mir ein bekannter Duft in der Nase.
Er roch nach frischen Kräutern und einem Hauch vom Meer.
Nur eine einzige Person trug den Geruch stets auf ihren Kleidern.
Frau Harschmann.
Meine Angst war verflogen.
Ein warmer Luftzug streifte meinen Hals.
Daraufhin breitete sich überall auf meinem Körper eine prickelnde Gänsehaut aus.
Hitze schoss mir ins Gesicht, als ich realisierte wie nah wir beieinander standen.
Ich konnte ihre Wärme durch unsere Kleider spüren.
Kalt lief mir ein Schaudern über den Rücken hinunter.
,, Elisaaa Fichtenberrrg! Hättest du deine Schuluniform nur richtig angezogen, wäre uns beiden diese missliche Lage erspart geblieben.", wisperte mir Frau Harschmann ins Ohr.
Das leichte Vibrieren in ihrer Stimme, löste in meinem Bauch ein heftiges Kribbeln aus.
Fest biss ich die Zähne aufeinander, um nicht aufzuseufzen.
,,Was? Ich habe meine Sachen verkehrt an?", presste ich stotternd hinaus und hoffte dieses Kribbeln würde endlich aufhören.
,, Ja!", schnurrte meine Lehrerin leise. Woraufhin sie mich räuspernd los ließ.
Verwirrt über Harschmanns Verhalten und diesem starken Kribbeln im Bauch, trat ich einen Schritt zur Seite um etwas Abstand zu gewinnen.
Erst als ich mich wieder einigermaßen im Griff hatte, blickte ich mit klopfendem Herzen an mich hinunter.
Tatsächlich.
Alle Innennähte zeigten nach außen.
Eine ungesunde Röte zierte meine Wangen.
Wo war der Erdboden, der mich verschlucken sollte?
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