Zwergenbräuche
Genre: Fantasy
Der jungen Zwergin Bjürtra steht eine Vermählung bevor. Nicht nur, dass das ohnehin schon nervenaufreibend ist, wächst sie in einer Kultur auf, die Tradition nochmal auf ein ganz anderes Level hebt.
~3780 Wörter
Lesezeit: ~ 15 Minuten
Das alte Bettgestell rumpelt und kommt ebenso wenig zur Ruhe, wie der sich darin - von einer, auf die andere Seite werfende - Körper. Die Bettdecke ist zerzaust, die Knöpfe schon auf der Hälfte des Weges am oberen Ende. Das Kissen bereits mehrfach gewendet - Es riecht nach dem Schweiß der schlaflosen Bjürtra.
Die blonde Zwergin stöhnt und ächzt. Versucht sich in den Schlaf zu zwingen, doch wird mit jeder Sekunde nur aufgewühlter. Frustriert wirft sie ihr Kissen mit Schwung gegen die Wand - ein Bilderrahmen fällt polternd herab - und richtet sich laut zeternd auf, um sich den Krug Bier vom Nachttisch an ihre zitternden Lippen zu halten. Von draußen hört sie die Warzenschweine grunzen, die sie gerade geweckt hat. Wenn sie nicht schlafen kann, sollen es auch die dummen Schweine nicht.
Sie schlägt die Decke zur Seite und genießt für einen Moment die kalte Luft an ihrem nackten Körper. Noch immer strahlt der Mond penetrant durch die schmalen Schlitze der Holzbalken. Kein Anzeichen eines Sonnenstrahls - der Morgen lässt noch auf sich warten. Soll ihr nur recht sein. Bjürtra kann getrost auf den nächsten Tag warten, auch gerne noch ein paar Tage mehr. Bestenfalls sogar Jahre.
Hätte sie geahnt, was für eine Nacht das wird, hätte sie ja doch das Fass Met ausgetrunken. Doch die frisch-wirkenden Augen und der wohlduftende Atem waren ihrer Schwiegermutter in Spe wichtiger, sodass ihr jetzt nur der abgestandene Rest Bier und der Angstschweiß übrig bleibt - wobei sie letzteres nur ungern trinken würde. Hat ja keine Promille (glaubt sie).
Mit dem zerfetzten Lederband, welches eben noch unter ihrem Kissen lag, bindet sie sich die klebrigen Haare zu einem unordentlichen Dutt. Klatscht sich ein paar mal kräftig gegen die Wangen - warum weiß sie selbst nicht: vielleicht in der Hoffnung nach klaren Gedanken, wahrscheinlicher aber der Wunsch sich selbst Knockout zu schlagen.
Den letzten Spuckrest aus dem Krug schluckend stellt sie ihre Füße auf dem Holzboden ab und tritt sich einen Splitter in den linken, merkt es aber kaum - die feste Hornhaut ist ausgreift genug, als das sie sowas stören könnte.
Mit Wucht stellt sie den Krug wieder ab und bewegt sich zu ihrem kleinen Schränkchen, zündet eine Kerze auf dem Weg an und sieht wie ein Stück ihres Kleides zwischen den Türen geklemmt lieblos raushängt. Ihr entfährt ein tiefer Seufzer.
Den Schrank öffnend fällt ihr das verlumpte Stück Kleid entgegen, landet auf dem Boden, zerknittert und dreckig - gezeichnet von den Vierundzwanzig bisherigen Vermählungen, die es durchgestanden hat. Bei Holdja, Rafka, Grundja und Pjormna war alles noch in Ordnung und das Kleid sah nach jedem Ja-Wort aus wie neu. Doch als Polly, als seit Generationen höchstgewachsene im Stamm, es voller Vorfreude anzog, hat jede Naht geschrien und lies sich nur schwer flicken. Polly ist nicht nur die größte, sondern auch die tanzwütigste, sodass sie den unteren Saum innerhalb weniger Stunden so zertrampelt hat, dass es seither eigentlich nur als Putzlappen dienen könnte.
Doch so wird das nicht gemacht. Bei den EtepeteteElfen aus dem Hochtal vielleicht, aber nicht hier. Ein Zwergenstamm trägt so lange ein und das selbe Kleid, bis eine Hochzeit abgebrochen wird. Denn dann ist es verflucht und würde nur noch Unheil bringen. Jede weiter darin vollführte Vermählung wäre zum Scheitern verurteilt, jedes Geborene einem schrecklichen Tod versprochen. Der Stamm würde aussterben und die Zwerge des Südens, die ohnehin schon eine Rarität sind und kurz vor der Inzucht stehen, wären damit Geschichte.
Der Grund des Abbruchs ist dabei auch völlig egal: ob ein “nein” (Karfald, alle glaubten er stehe auf Männer. Er war bis zu seinem Lebensende allein), ein gebrochenes Genick (Helga, wurde danach nur noch “die stürmische” genannt. Sie war wirklich sehr verliebt) oder plötzlicher Durchfall (den Schmorgurken-Schwanenhals Eintopf gabs nie wieder) - ein Abbruch ist ein Abbruch und kann nicht rückgängig gemacht werden.
Und da dieses Kleid zwar zertrampelt, dreckig, angekotzt und zerfetzt ist, ist es in den Augen der Tradition trotzdem das bisher glückbringendste, was dieser Stamm je hervorgebracht hat. Vierundzwanzig Ja’s und Gelübde, und morgen wird es mit dem Fünfundzwanzigsten sogar einen Titel erhalten. Ab dann wird es das Schweinshorn genannt. Denn nichts - bis auf den Segen dieses Stoffes - ist so stabil wie das Horn eines Ebers.
Auf Bjürtra liegt also nicht nur der Druck der sehr frühen Eheschließung (Ihre Mutter heiratete ebenfalls mit jugendlichen Zweiundsechzig Jahren, als bisher jüngste Zwergin (Klöngan hatte sie bereits beim ersten Treffen geschwängert und der Ruf als Hure drohte)) sondern auch die Bürde, ihren zukünftigen Gatten - den noch irrsinnig sprunghaften und unreifen Hjerold - nicht zu vergraulen, um keinen Abbruch zu provozieren.
Nicht nur, dass ihr damit jegliche Chance auf irgendeine feste Bindung in ihrem Leben verwehrt bliebe (Hjerold darf - ob mit oder ohne Abbruch der Eheschließung - so viele Bindungen eingehen, wie er möchte), sie wäre zudem die Schande ihres Stammes. Die, die ein Schweinshorn zunichte gemacht hätte - etwas, was ihrem Stamm eine herausragende Propaganda vermachen würde und für fremden Zuwachs sorgen würde. Haufenweise Junggesellen aus nah und fern werden die Tore einrennen - nirgendwo sonst im ganzen Süden gibt es einen Stamm mit einem Schweinshorn.
Am Rande der Grenzen zum Westen soll es wohl einen kleinen Stamm geben, welcher einen Biberzahn hütet - ein Zehn mal getragenes Kleid. Aber das ist wirklich nichts besonderes. Das gab es im eigenen Stamm auch schon einige Male und bringt, bis auf den Titel, rein gar nichts.
Zehn Versprechungen sind in Zwei bis Drei Jahren schnell zusammen. Wenn nicht zwischendurch jemand auf die Idee kommt, seinem Gegenüber die Kehle aufzuschlitzen (Bertrud, fand ihren Gatten erst mit Einhundert Achtundneunzig und zeigte erste Anzeichen einer Demenz).
Lieblos knüllt Bjürtra den Lumpen wieder in den Schrank und schließt schnell die Türen, damit er nicht wieder hinaus gleitet. Solange sie nicht muss, möchte sie den Fetzen nicht sehen.
Noch immer nackend und mittlerweile doch etwas fröstelnd, nimmt sie sich eines der Hemden vom Stuhl, auf welchem sie bereits seit zwei Wochen getragene Sachen sammelt, und wirft es sich über. Es ist gerade so lang, dass es ihren üppigen Hintern knapp verdeckt.
Langsam öffnet sie die quietschende Tür und hofft, dass sie damit nicht ihren zukünftigen Gatten, oder schlimmer noch, ihre Schwiegermutter geweckt hat. Sie bewegt sich mit bedachten Schritten nach draußen. Durch den Schlamm geht sie zu ihrem Lieblingsschwein - Bernadette - und drückt dem grunzenden Tier einen langen, feuchten Kuss auf die Stirn. Das Schwein quittiert mit einem wedelnden Schwanz und nach Futter bettelnden Augen. Seit fast Dreißig Jahren pflegen sie dieses Ritual.
Nachdem Bjürtra allen Schweinen etwas aus dem Kompostmüll zugeworfen hat (Bernadette natürlich ein bisschen mehr als dem Rest), lässt sie sich mit dem Po voran in den Schlamm plumpsen und schaufelt etwas davon in ihre Hände, um damit ihr Gesicht einzureiben. Der Geruch nach Schweinekot, nasser Erde und altem Heu beruhigt sie etwas und für einen Moment kann sie die Sorgen des bevorstehenden Tages aus ihrem Gesicht massieren.
Schon als Kind liebte sie es die Morgenroutine ihrer Mutter nachzuahmen und ihre Haut mit dem kalten Schlamm der Schweine zu peelen. Viele Zwergenfrauen, vor allem die jüngeren, schwören auf Hunde-Urin Serum und lästern über die Alt-Weiber-Reinigung Schlamm, aber für Bjürtra gab es nie etwas schöneres. So konnte sie ihren Warzenschweinen immer am nächsten sein und als Kleinzwergin sogar unbesorgt mit ihnen herumtollen.
Umso älter sie wurde, umso weniger durfte sie rangeln (“das schickt sich nicht als junge Dame.“) und musste sich mit ausschließlich baden zufrieden geben.
In Erinnerungen an blaue Flecken und herausgerissene Haarbüschel schwelgend, formt sich die Sorge, dass sie als frisch vermählte auf Hunde-Urin Serum umsteigen muss, weil Hjerold es als attraktiver empfinden könnte. Ihr Magen zieht sich schmerzlich zusammen.
Mit einem Zungenschnalzen ruft sie Bernadette zu sich. Sorglos kommt diese angegrunzt und legt sich wissend direkt vor Bjürtra, sodass diese sich nach vorne beugen kann, um mit ihrem Oberkörper Platz zu finden auf dem borstigen Rücken und den rotblonden Nackenhaaren ihres Warzenschweins.
Bjürtra fragt sich, ob sie das jemals wieder tun könne, oder dieser Moment, der letzte mit ihrer Sau sein wird. Bemüht die aufkommenden Tränen wegzublinzeln, schließt sie die Augen. Lässt sich vom regelmäßigen Atmen ihres Schweins hypnotisieren und in einen sanften Schlaf entführen - endlich.
Nach Luft ringend schreckt Bjürtra auf, erhebt sich aus dem Schlammbett und hustet unkontrolliert - spuckt dabei etwas des nassen Drecks aus ihrem Mund. Der Hahn schreit sein morgendliches Lied und ein paar Häuser weiter hört sie Getrampel und Gestampfe, wie eine Decke ausgeklopft und eine Tür zu gewuchtet wird. Der Mond hat sich verabschiedet und die Sonne scheint schon eine gute Stunde den Boden zu erwärmen.
Sofort wird ihr Magen wieder flau. Jetzt ist es so weit, es wird losgehen. Zuerst die Vorbereitungen, und am frühen Abend, wenn die Sonne sich wieder verabschiedet, wird sie - so die Sterne es wollen - den Bund fürs Leben eingegangen sein.
Noch etwas vernebelt reibt sich Bjürtra das Gemisch aus Schlamm und Schlafstaub aus den Augen. Sie möchte Bernadette noch einen letzten, heimlichen Kuss aufdrücken, erkennt aber, dass die Schweine allesamt aus dem Gehege sind. Grundulf hat sie wie gewohnt auf seinen morgendlichen Fallen-Kontrollgang mitgenommen.
“Bist du auch endlich von den Toten erwacht?” hört sie ihre Mutter meckern. Diese steckt das faltige Gesicht aus dem Fenster ihrer Hütte, den Mund glänzend vom Fett des Hühnchen-Schenkels in ihrer Hand.
Die zukünftige Braut nickt nur und bewegt sich gemächlich in ihre Richtung.
“Ich bin schon ganz aufgeregt, Bjubju. Du wirst dem Stamm einfach ein Schweinshorn bescheren, ich kann es immer noch nicht glauben. Meine Tochter, eine Glücksbringerin - Teufelsfunke! Wer hätte das gedacht.” trällert die Mutter und zieht Bjürtra energisch zu sich, als sie in Griffnähe angekommen ist. Diese lässt sich weniger energisch einfach mitreißen und auf die Bank neben der Tür stoßen.
“Hast du dein Schweinshorn schon ausgehangen? Es muss ja nicht ganz so zerknittert wie das alte Gesicht deiner Mutter aussehen.” witzelt sie eine Grimasse ziehend und befüllt weiterhin trällernd einen Krug mit dampfenden, wohlriechenden Glühbier. Bjürtra nimmt dankbar stöhnend den Krug mit beiden Hände entgegen und nimmt einen kräftigen Schluck des heißen Frühstücksgetränks - ein Pfefferminztee-Dunkelbier Gemisch mit Zimt.
“An dem Fetzen ist doch eh nichts mehr zu retten.” meckert sie und rührt mit der Zimtstange in ihrem Krug.
Ihre Mutter hält ihr aufgeregt den dicken Zeigefinger vor die Lippen. “Shshshh, sei doch wenigstens leise, wenn du schon deinen Stamm verspotten musst, du dumme Gans!”
Die Blonde verdreht genervt die Augen. Ihre Mutter bereitet sich einen eigenen Krug zu und setzt sich neben ihre Tochter. Stößt mit ihrer Schulter kräftig gegen die andere, sodass beide Krüge etwas Glühbier verschwappen.
“Hör auf zu schmollen Bjubju, du hast einen echten Glücksgriff erwischt.”
“Ich hätte noch gute Zwanzig Jahre Junggesellinnen Leben vor mir, wenn ich mich am Schnitt der anderen gehalten hätte. Ich sehe hier keinerlei gegriffenes Glück.”
“Ich habe auch in deinem-”
“DU hattest mich in deinem Bauch und die Aussicht auf ein Leben auf der Straße ohne die Ehe!” unterbricht die Jüngere frustriert und beißt von ihrer Zimtstange ab. ”Ich habe weder einen Quälgeist unter der Brust, noch ein Gossenleben provoziert.”
Verärgert beißt auch die Mutter ein Stück ihrer Zimtstange ab. “Wenn du das heute vermasselst, hast du sehr wohl dein Gossenleben provoziert.” beim Reden pustet sie etwas Zimtstaub in Bjürtras Richtung. “Du kannst froh sein, dass du so früh jemanden gefunden hast. Deine Haare werden nicht voller, deine Haut nicht glatter und deine Arschbacken nicht weniger pickelig. Die Zwergkerle heutzutage haben Ansprüche: wenn es nach denen ginge, würden sie eine Elfe aus dem Sonnental heiraten. Du musst zuschlagen, so lange es geht.”
Bjürtra schnaubt belustigt: “Als würde irgendeine Elfe aus irgendeinem Tal diese Zwergkerle überhaupt auch nur angucken.”
Beschwichtigend schwingt die Mutter nochmals kräftig mit ihrer Schulter gegen die ihrer Tochter. “Das wissen die doch aber nicht, die sind dümmer, als die Insekten im Schweinefutter,” kichert sie und leert ihren Krug mit einem Zug. Bjürtra tut es ihr nach.
“Ich gehe dann mal-” sie beugt sich für die nächsten Worte dicht vor das Gesicht ihrer Mutter und flüstert: “das dumme Kleid aushängen.”
Ihre Mutter schüttelt gespielt den Kopf und gibt ihr einen leichten Klaps in den Nacken.
Während Bjürtra sich in der grellen Nachmittagssonne die buschigen Augenbrauen in Form zupft hört sie aus der Ferne gleichmäßiges Hufgetrappel. Auf den vom Staub braun gefärbten Ponys sitzen jeweils Hjerold, sein Vater Morkott und seine Brüder Prutor und Klutor (Sie findet die Namen sehr albern, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die beiden Zwillinge sind).
Hjerold hält einen prächtigen, noch zappelnden Thunfisch in die Höhe. Seine Gefolgschaft feuert ihn mit grölendem Jaulen an. Als Hjerolds und Bjürtras Blicke sich treffen, deutet er eine vulgäre Bewegung mit seiner Zunge gegen das Innere seiner Wange an, was von noch lauterem Gegröle Zustimmung findet. Bjürtra gibt ihr bestes nicht genervt auszusehen und lächelt schwach.
“Du solltest dich beeilen, Weib. In einer Stunde musst du elfengleich aussehen!” gockelt er und haut kräftig auf den Fisch. Bjürtra will gerade auf alle Manieren scheißen und etwas erwidern, als sein Pony von etwas erschreckt wird, sich aufbäumt und ihn von sich wirft.
Alle in der Nähe schreien vor Lachen, sodass Bjürtra getrost mit einsteigen kann. Selbst seine Brüder hauen sich mit Tränen in den Augen auf die Schenkel. Neben ihm zappelt der Fisch im Dreck.
Zwergenstämme, vor allem die altertümlichen wie die Bjürtras, pflegen sehr viele, teils auf nicht-stämmige sehr merkwürdig wirkende, Traditionen. Das weitergereichte Hochzeitskleid ist da noch eines der normalsten. Das, sogar in Bjürtras Augen sehr eigenwillige Ritual des Käse Aktes, steht ihr gleich bevor. Es ist eins der wenigen, von denen sie bisher nur gehört hat, da es stets unter den zukünftigen Eheleuten in Zweisamkeit durchgeführt wird.
Zwerge haben eine sehr enge Verbindung zu Lebensmitteln aller Art: Schwein, Geflügel, Fisch, Gemüse, Obst, Alkohol - selbst Kot gewisser Tiere steht auf der Speisekarte einiger Gourmets. Doch egal ob Ochsensperma als winterliche Beigabe in Cocktails, Hühneraugen als Speisendekoration oder Grillkohle als Färbemittel von Kindergetränken - nichts findet Bjürtra so merkwürdig, wie das Ritual, dass zukünftige Eheleute sich zurückziehen und Fünfundvierzig Minuten damit verbringen, sich gegenseitig mit herzhaften, deftigen, alten und jungen Käse einzureiben.
Als Bjürtra den Treffpunkt - hinter Hjerolds Hütte, zwischen Außentoilette und Heubarren - erreicht, steht dort schon besagter und bearbeitet die verschiedenen Käsesorten jeweils mit etwas Abstand zueinander auf einer großen, von unten beheizten Steinplatte mit einer langen, metallenen Gabel. Insbesondere die alten und würzigen Käsesorten steigen Bjürtra sofort in die Nase. Sie kann sich nicht entscheiden zwischen begierigen, tropfenden Zahn oder angeekelter Gänsehaut.
Hjerold zieht die Gabel langsam in die Höhe, als er Bjürtra erblickt, bedacht darauf einen saftigen, gut geschmolzenen Käse Faden dabei entstehen zu lassen und lässt eine seiner Augenbrauen auf- und ab tanzen.
In den Erzählungen, wovon sie wirklich nicht so viele mitbekommen hat, (das war immer eher ein Thema zu später Stunde zwischen den älteren), klang dieser Akt häufig nach etwas sehr liebevollem, fast schon erotischen. Jetzt, als sie hier so steht und den knapp Zehn Jahre jüngeren Hjerold mit dem gelben Käsefaden vor sich sieht, verspürt sie so einiges in ihrer Brust - Liebe und Erotik aber auf gar keinen Fall.
Sie tritt ein paar Schritte näher und muss einen ersten Würgereflex unterdrücken: eine der Käsesorten bekommt ihr gar nicht - ganz sicher Ziegenkäse - der einzige, den sie gar nicht mag.
“Hey kleine Maus, guck mal, ich hab hier was für dich,” er schwingt provokativ mit der Gabel in der Luft, etwas Käse löst sich ab und fällt direkt auf seinen nackten Fuß. Schmerzverzerrt schreit er auf - Bjürtra muss sich ein Lachen verkneifen. Sie darf es bloß nicht verkacken.
Nicht, nachdem sie vorhin noch die ganzen stolzen Blicke der anderen gesehen hat, als sie in dem Fetzen von Hochzeitskleid aus ihrer Hütte gekommen ist. Nicht, nachdem ihre Mutter noch und nöcher wiederholt hat, wie wichtig das ist und wie sehr die Zukunft des Stammes davon abhängt.
Sie hält sich schützend die Hand vor den Mund, um ihr Grinsen zu vertuschen - bereut das allerdings sofort, da der moderige Geruch des Ärmels gemischt mit den Käsesorten in ihrer Nase beißt. Hier hat wirklich niemand etwas gewonnen, denkt sie.
Bjürtra schließt die Augen, konzentriert sich und ist fest entschlossen jetzt durchzuziehen, bis zum bitteren Ende.
Sie nimmt die letzten Schritte auf Hjerold und die heiße Platte zu, lächelt das freundlichste Lächeln, was sie zustande kriegt und tunkt ihren dicken Finger in einen der geschmolzenen Käse Berge. In der Tat ist es heiß, warum Hjerold allerdings so aufgeschrien hat ist ihr ein Rätsel, so schlimm ist es auch wieder nicht.
Sie führt den bekästen Finger erst zu ihrem eigenen Mund, probiert - durchaus lecker, wie erwartet - und dann zu Hjerolds Mund. So hatte es vor einigen Monaten Hugudi erzählt, dass sie - sich und ihren Gatten - mit dem Käse gefüttert habe.
Hjerold pustet erst ängstlich ihren Finger an - etwas Käse tropft bereits runter und landet wieder zischend auf der Platte - und nimmt dann viel zu viel Finger in seinen warmen, nassen Mund um den Käse regelrecht mit Kraft abzuzutschen. Bjürtra zählt konzentriert bis Fünf bevor sie langsam - und auf gar keinen Fall angeekelt aussehend - ihren Finger aus seinem Mund zieht um ihn dann - möglichst unauffällig - an ihrem Kleid trocken zu wischen. Hjerold grinst dämlich und steckt die Gabel nun deutlich zitternd in den nächsten Käse um ihn zu bearbeiten.
Verzweifelt überlegt sie, wie das nun weiter gehen soll. Wie lange stehen sie jetzt schon hier? Wie zur verdammten Hölle soll sie Fünfundvierzig Minuten mit diesem Goblin-Theater füllen?
Bjürtra steckt erneut ihren Finger in einen Käseberg - diesmal ein anderer, pustet ihn vorsichtig an (sie will (darf) ihren Gatten ja nicht wehtun) und schmiert den Käse an seiner rechten Wange ab. Sie gibt ihr bestes, nicht die Nase zu runzeln. Hjerold grinst noch dämlicher und sie hört förmlich seine Gedanken, die alle möglichen Szenarien durchgehen, wie das hier weitergehen könnte.
Nach einer Dreiviertelstunde, die sich angefühlt hat wie ein ganzes Leben, kommen Bjürtra und Hjerold nach Käse stinkend und mit den verschiedensten Flecken an den verschiedensten Stellen ihres Körper und ihrer Kleidung hinter dem Haus hervor und werden mit einem tosenden und jubelnden Applaus des Stammes empfangen.
Hjerolds Brüder rennen auf ihn zu, nehmen ihn in den Schwitzkasten, geben ihm Fünf und springen sich gegenseitig mit der Brust voran an.
Bjürtras Mutter schnaubt unter Freudentränen in ein Stofftaschentuch, ihr Vater haut ihr mit Kraft und stolz auf die bekäste Schulter.
Wenn das Kleid am Morgen ein Lappen war, ist es jetzt noch maximal zum Abwischen eines Schweinehinterns gut. Noch nie in ihrem Leben hat Bjürtra einen ähnlichen Gestank erlebt, alles an ihr klebt und ist verkrustet. Die Tatsache, dass sie das Kleid in Vierundzwanzig Stunden ausschließlich ausklopfen darf und es dann in diesem Zustand auf die nächste Braut wartet, lässt sie großes Mitgefühl spüren.
In ihrem nächsten Leben wird sie eine Elfe, ganz sicher haben die nicht solche Traditionen.
Nachdem der Jubel abgeebbt ist und die kleine Stammesband (Zwei Trommler, eine Flötenspielerin und ein Xylophonist) ihre Lieder beendet haben, wird die Trauung eingeläutet.
Die zuletzt getraute Zwergin stellt sich zu Bjürtra, um ihr eine uralte Schriftrolle zu reichen. Ihr Gelübde. Sie bedeutet Bjürtra, dass sie sie erst öffnen darf, wenn der Stammes Meister es anweist. Natürlich weiß sie das, hört aber trotzdem gespannt ihren Anweisungen zu.
Hjerold, ebenso nach Käse und zusätzlich Schweiß stinkend, steht zappelnd neben Bjürtra und bekommt von einem seiner Brüder die Schultern massiert. Er ist deutlich nervös, schnalzt die Zunge und schaut regelmäßig an seiner Braut auf und ab, mit einer Mischung aus Vorfreude und Stolz.
Der Stammes Fleischer kommt mit zwei Helfern und sie schieben einen großen Rollwagen befüllt mit allerlei Fisch, Fleisch und Wurst vor das Paar. Zentral auf dem Wagen liegt eine große Gabel, wie sie Hjerold beim Käse hatte, und ein großes, scharfes Messer welches aussieht, als könne es sogar Rinderknochen mit Leichtigkeit filetieren.
Der Stammes Meister kommt langsamen Schrittes um sich hinter den Rollwagen zu stellen, mit einem alten, zerfledderten Buch in der Hand. Er beginnt die Trauung, so wie er sie immer beginnt. Allgemein sind die Trauungen immer sehr gleich, wenig Raum für Kreativität und Individualität. Alles durchdacht und geplant, jedes Wort schon hunderte Male gesagt.
Als das letzte Wort vom Stammes Meister gesprochen ist, weißt er Bjürtra an, ihr Gelübde zu sprechen. Als Frau ist das ausschließlich ihr Part, Hjerolds Aufgabe wird es sein, im Anschluss das Fleisch in mundgerechte Stücke zu schneiden, um seine Braut dann damit zu füttern.
Bjürtra entwirrt die Schriftrolle und rollt sie sehr vorsichtig auseinander, bedacht darauf, das poröse Papier nicht noch mehr zu schädigen, als es all die Jahre schon getan haben.
Als sie gerade im vorletzten Absatz von den stolzen Zwanzig Absätzen angekommen ist, ertönt hinter dem Paar Hufgetrabe. Bjürtra sieht aus dem Augenwinkel dass zwischen zwei Ponys ein totes Schwein, bereit zum Braten an einer langen Stange aufgespießt hängt.
Schon fast aus der Puste wegen des langen Textes presst sie die letzten Worte entkräftet raus und schaut - stolz auf sich selbst, es endlich hinter sich gebracht zu haben - hinter sich, zu ihrer Mutter, welche noch doller weinend als ohnehin schon, winkt und einen Luftkuss schickt.
Bjürtra atmet tief und erleichtert ein und schaut sich zufrieden um. Endlich hat der Spuk ein Ende. Endlich können sie gleich einfach ganz normal gutes Essen genießen und dann müde und gesättigt in ihre Betten fallen.
Mit knurrenden Magen schaut sie sich um, bestaunt den mittlerweile kross gebratenen Thunfisch, den Hjerold heute noch gefangen hat; schwarz gebratene Hähnchenkeulen und sogar Hüftsteak sieht sie auf dem Rollwagen. Das Schwein, welches noch immer zwischen den Ponys baumelt, wird gerade von vier kräftigen Zwergen abgenommen und über ein Feuer gehangen. Als sie es drehen, schnürt es Bjürtra den Hals zu. Rotblondes Nackenhaar, sie hat in ihrem ganzen Leben nur ein Schwein gekannt mit dieser einmaligen Haarfarbe.
Mit weit aufgerissenen Augen und viel zu schriller Stimme fragt sie die vier Zwerge: “Ist das... ist das ein Schwein von meiner Hütte?” Sie kennt die Antwort und kämpft mit jedem Muskel in ihrem Gesicht gegen die Tränen an.
Hjerold dreht sich stolz zu ihr. “Ja, ich hatte es heute morgen gesehen und wusste einfach, dass es genau das richtige für unsere Trauung sein wird. Etwas besonderes, für meine besond-” das letzte Wort ist nur noch gekrächzt, da Hjerolds Stimmbänder nicht mehr miteinander verbunden sind. Das plätschernde Geräusch von strömenden Blut auf Holz und Dreck untermalt die Stille - niemand atmet.
Bjürtra legt das blutige Messer vorsichtig auf den Rollwagen zurück. Ihr ganzer Körper zittert und schüttelt sich.
“Sie war meine beste Freundin!” haucht sie verzweifelt in die verlorene Zukunft.