Kapitel 1 - Edith
»Zwei Silberne, mehr bekommst du für dein trockenes Brot nicht.« Der Händler dreht sich gleichermaßen verärgert wie belustigt zu seinem Standnachbarn, um sich lautstark über meine fehlenden liquiden Mittel auszulassen. Ich nutze den kurzen Moment seiner Unachtsamkeit, um mir einen der viel zu klein geratenen Laibe, mit meiner freien Hand unter die Jacke zu schieben. Den Alibi-Brotlaib nach wie vor offen in der anderen Hand, sehe ich, wie der Bäcker seine Schimpftirade beendet und sich wieder mir zuwendet.
»Drei, und dann mach dich vom Acker«, lässt er betont großzügig verlauten, damit jeder anwesende Marktbesucher von seiner guten Tat mitbekommt. Drei Silberne sind zwar immer noch zu viel, aber besser wie die zu Beginn der Verhandlung verlangten fünf. Miles und ich kommen damit locker zwei Tage über die Runden und ich habe genug übrig, um seinen liebsten Käse zu holen. Dazu der versteckte Laib, den ich langsam in die eingenähte Innentasche gleiten lasse, als ein Rempler von hinten mich ins Straucheln bringt und meinen Mantel aufklaffen lässt. Die Augen des Bäckers werden riesig, als er den nicht mehr zu übersehenden Laib entdeckt. Er schlägt meine ihm entgegengestreckte Hand mit den drei Silbernen zur Seite und versucht mich am Handgelenk zu greifen, während er wie verrückt nach der Patrouille brüllt. »Hilfe! Aufseher! Hierrüber! Sie beklaut mich!«
Mit einem festen Ruck befreie ich mein Handgelenk aus dem groben Griff des Mannes und stürme in Richtung Marktausgang, um in den verwinkelten Gassen des äußeren Bezirks von Newlight zu verschwinden, bevor die Aufseher der heutigen Patrouille mich erwischen.
»Verdammt«, stoße ich aus, als ich im Augenwinkel schon die auffallend sauberen Uniformen im Gedränge erkenne.
Die anderen Besucher interessieren sich zu meinem Glück nicht für mich und den immer noch lautstark tobenden Bäcker. Niemand stellt sich mir in den Weg oder versucht gar, mich festzuhalten. Das ist das ungeschriebene Gesetz des äußeren Bezirks: Jeder kümmert sich ausschließlich um seine eigenen Probleme.
Das Licht des Rings, der über der Stadt thront, schafft es hier im äußeren Bezirk kaum bis auf den Boden. Das kann ich zu meinem Vorteil nutzen und in den Schatten der Gassen zwischen den riesigen, baufälligen Gebäuden untertauchen, bevor die Aufseher mich entdecken. Ein kurzer Blick über meine Schulter zeigt mir, dass genug Menschen den Weg der Uniformierten zu mir blockieren. Wild gestikulierend drängen sie durch die Menge und schieben die Besucher unsanft zur Seite, um zu mir zu gelangen.
Ich laufe eilig auf das Ende der Standreihe zu und steuere mit auf die kleine Gasse zu, die mir am klügsten erscheint. Sie bietet mehrere Gebäudeeingänge und weitere abzweigende Gassen, in denen ich mich, durch meinen Heimvorteil, vermutlich einhundert Mal besser auskenne als diese idiotischen Elitekämpfer. Gedanklich gehe ich bereits meinen Fluchtweg durch, baue noch einige extra Haken ein, damit ich wirklich sicher sein kann, dass mir niemand nach Hause folgt, bis ich vollkommen perplex von einem riesigen Müllberg zum stoppen gezwungen werde.
Das darf nicht wahr sein. Letzte Woche war diese Gasse noch komplett frei.
Hastig drehe ich meinen Kopf in alle Richtungen und sondiere die Umgebung. Bleiben mir nur eine Quergasse und ein Eingang. Die Quergasse endet in einer Sackgasse, das weiß ich von früheren Touren. Der Eingang bietet allerdings genauso wenig Schutz, da sich dahinter ein leerer Lagerraum befindet und die Treppen dort vor Jahren zerstört wurden und somit auch meine einzige Chance über die oberen Etagen in ein anderes Gebäude zu kommen.
Aber ich habe keine Zeit mehr, mir darüber Gedanken zu machen, denn in diesem Moment brechen die Aufseher aus der Menge und blicken sich auf der Suche nach mir um. Ich bin nun frei und ungeschützt in ihrem Blickfeld, sobald sie in meine Richtung schauen. Ich drücke mich, so fest es geht, an die Wand, um immerhin ein bisschen Schutz zu finden, und schiebe mich in Zeitlupe zum Gebäudeeingang. Eine Tür gibt es hier schon lange nicht mehr. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich den Türsturz erreiche und den angehaltenen Atem stoßweise aus meinen Lungen entweichen lasse, während ich das ehemalige Lager betrete. Mein Blick schweift in durch den Raum und wie erwartet finde ich keine Möglichkeit, nach oben zu gelangen. Der Zugang zu den anliegenden Gebäuden ist ebenfalls mit Gerümpel und Schutt versperrt. Auf die Schnelle bleibt mir nichts anderes übrig, als mich hinter einem umgefallenen Tisch zu kauern und auf das Beste zu hoffen. Vielleicht sind sie ja blind genug und haben nicht einmal meine Richtung nachvollziehen können und streifen in der Zwischenzeit bereits durch eine der anderen Gassen.
Wie konnte ich nur so leichtsinnig sein? Ich hatte doch ausnahmsweise einmal genug Münzen dabei, um ausreichend Essen zu besorgen. Meine diebische Ader konnte es einfach nicht lassen, der Laib lag zu verführerisch vor mir. Und was habe ich nun davon? Die Münzen sind weg, genauso wie der große Laib. Einzig den winzigen Laib habe ich noch. Genau der, der mir diesen Ärger eingebracht hat. Ich kann mich gerade noch zusammenreißen, nicht genervt und enttäuscht von mir selbst laut aufzustöhnen und meinen Hinterkopf gegen die löchrige Tischplatte zu rammen, als mich ein Geräusch schlagartig in meiner Bewegung einfrieren lässt.
Schritte.
Vorsichtige, tastende Schritte.
Eine Person.
Vermutlich ein schwerer Mann, den dumpfen Schlägen der festen Sohlen nach zu urteilen.
Die trockene, staubige Luft fordert ihren Tribut und drängt mich, zu husten. Ich halte stattdessen den Atem an. Meine Lunge beginnt bereits, brennend nach Luft zu schreien, als ich ganz langsam meinen Kopf, Millimeter für Millimeter, nach rechts drehe, um einen vorsichtigen Blick durch eines der Löcher zu werfen.
Da steht er, von dem kümmerlichen Licht, das von draußen hineinscheint, spärlich angeleuchtet. Sein Blick gleitet langsam und bedacht durch den vorwiegend gespenstisch leeren Raum, bis er an meinem Versteck hängen bleibt.
Besser gesagt an mir.
Noch besser gesagt: an meinen Augen.
Unsere Blicke verhaken sind ineinander und wir starren uns an, als wären unsere Augen durch feine Fäden miteinander verbunden. Ebenso wie ich hält er den Blickkontakt.
Scheinbar spielen wir wortlos das Spiel, wer sich zuerst bewegt oder blinzelt, verliert.
Ich verliere jedes Zeitgefühl, während mir die Angst die Kehle zuschnürt. Meine Gedanken springen zu Miles, der zu Hause auf mich wartet und mit Brot und Käse zum Abendessen rechnet.
Was wird aus ihm, wenn ich festgenommen werde? Wird er nach mir suchen und sich in Gefahr begeben? Wird er es alleine schaffen? Habe ich ihm genug beigebracht? Genug mit ihm trainiert? Die Angst um meinen kleinen Bruder treibt mir eine einzelne Träne ins Auge, die sich langsam einen Weg über meine Wange sucht, während ich unbeirrt den Blickkontakt aufrechterhalte.
Ich werde nicht kampflos aufgeben, das bin ich mir selbst schuldig.
Worauf wartet er noch? Denkt er etwa, er könne mich nicht alleine festnehmen? Braucht er dafür wirklich seine Truppe?
Gerade als ich aufstehen und mich dem unfairen Kampf stellen will, bricht mein Verfolger den Blickkontakt und wendet sich um, als heraneilende Schritte erklingen. Da sind sie also.
»Alles sauber, hier ist niemand«, erklingt zu meiner Verwunderung eine tiefe Stimme laut und deutlich von draußen. Habe ich mich gerade verhört? Wie kann das sein? Habe ich mir den Blickkontakt nur eingebildet? War es vielleicht doch zu dunkel hier drinnen, um mich durch das Loch in der Tischplatte zu erkennen? »Ich hab auch niemanden mehr gesehen. Sammeln wir Hector ein und brechen das Ganze ab. Das Mädel sah ohnehin so aus, als würde ihr der Laib ganz guttun. Hast du die Beine gesehen? Dünner als Zahnstocher, nichts dran an der«, erwidert der zweite Verfolger mit einem widerlich anzüglichen Lachen, das mir eine Gänsehaut bereitet.
Ich kann die Situation gerade nicht erfassen, dem vermeintlichen Frieden nicht trauen. Weiter unbewegt, wie in Schockstarre, verharre ich noch einige Zeit in meinem eigentlich miserablen Versteck, bis die Schritte der beiden Männer schon lange verklungen sind. Vorsichtig erhebe ich mich, lockere meine vom lange Hocken steifen Gelenke und schleiche in Richtung der Gasse, immer noch mit dem Gefühl geradewegs in eine Falle zu tappen.
Doch die Gasse ist wider Erwarten leer. Keine Spur von meinen Verfolgern. Keine ganze Reihe an Soldaten, die auf mich wartet, um mich vorzuführen.
Ich bin allein.
Im Augenwinkel nehme ich ein Glitzern wahr.
Genau dort, wo eben noch der Aufseher stand, liegen nun mehrere Münzen. Vier Silberne und zwei Goldene.
So viel, wie ich noch nie in meinem Leben auf einmal besessen habe. Vermutlich frisch aus der Uniform des Mannes gefallen. Oder habe ich die Münzen bei meiner Flucht vorhin schlicht übersehen, und sie lagen vorher schon dort?
Nein, das kann nicht sein. So viel besitzt kaum jemand in dem äußeren Bezirk. Es muss von ihm sein. Wie soll es sonst hier hergekommen sein.
Statt mich über den Fund gebührend zu freuen, stößt es mir bitter auf.
Wieder einmal eine Demonstration ihrer Überlegenheit und Macht uns gegenüber, dass sie nicht mal auf ihre Münzen achten. Münzen mit denen hier ganze Großfamilien mehrere Wochen überleben könnten.