Kapitel 1: Masken aus Seide Hände aus Ruß
Der Duft von teurem Parfüm und frisch gemähtem Rasen hing schwer in der Abendluft der Blackwood Academy. Überall auf dem weitläufigen Gelände waren weiße Zelte aufgeschlagen, beleuchtet von tausenden winzigen Lichterketten, die wie Sterne in den Bäumen glitzerten. Es war die Nacht des „Sommer-Leuchtens“, das wichtigste Event des Jahres, und Lea fühlte sich, als würde sie langsam ersticken.
Ihr Korsett war zu eng, ihr Lächeln noch enger. „Natürlich, Mr. Sterling. Oxford war schon immer mein Ziel“, sagte sie mechanisch und nippte an ihrem alkoholfreien Drink. Ihr Vater, Direktor Miller, legte ihr stolz eine Hand auf die Schulter. Es war keine Geste der Zärtlichkeit, sondern eine der Besitzmarkierung. Sie war sein bestes Vorzeigeprojekt: Die Schulsprecherin, die Jahrgangsbeste, die perfekte Tochter.
„Entschuldigen Sie mich bitte“, murmelte Lea, als der Druck in ihrer Brust zu groß wurde. Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern schlüpfte durch die Menge aus Seidenkleidern und dunklen Anzügen. Sie lief immer schneller, weg von der Musik, weg von den erwartungsvollen Blicken, bis die glitzernde Party nur noch ein fernes Rauschen war.
Hinter dem großen Festzelt, dort, wo die Lastwagen parkten und die Stromaggregate brummten, blieb sie stehen. Hier gab es keinen Champagner, nur den Geruch von Diesel und harter Arbeit.
„Verdammt noch mal, dieses Ding ist Schrott!“, drang eine tiefe, raue Stimme aus dem Schatten eines Technik-Trucks.
Lea blieb stehen. Ein junger Mann hockte auf dem Boden, umgeben von Kabeln und Scheinwerfern. Er trug ein schwarzes, verwaschenes T-Shirt, dessen Ärmel hochgekrempelt waren und kräftige, sehnige Unterarme freigaben. Sein Gesicht war im Profil zu sehen – markante Kieferknochen, ein paar dunkle Haarsträhnen, die ihm in die Stirn fielen, und ein kleiner Ölfleck auf der Wange.
Er war kein Schüler der Blackwood. Er war real.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Lea, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Der Typ hielt inne und sah auf. Seine Augen waren dunkel und intensiv, und er musterte sie so schamlos, wie es kein Junge an ihrer Schule jemals gewagt hätte. Er lachte trocken. „Was will eine Prinzessin wie du mit Starkstromkabeln? Du ruinierst dir nur dein hübsches Kleid.“
Lea spürte, wie Hitze in ihre Wangen stieg – und es war nicht die Sommerhitze. „Ich bin nicht aus Glas“, entgegnete sie und trat einen Schritt näher in den Lichtkegel seiner Arbeitslampe. „Ich bin Lea.“
„Anthony“, sagte er kurz angebunden und hielt ihr einen Schraubenzieher hin, ohne den Blick abzuwenden. „Wenn du schon hier rumstehst, halt mal die Lampe. Die Halterung ist locker.“
Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug. Zum ersten Mal seit Jahren stellte Lea niemandem Fragen über ihre Noten oder ihre Zukunft. Anthony redete über Motoren, über das Reisen in einem alten Van und darüber, wie lächerlich er die Welt fand, in der Lea lebte. Er war frech, fast schon unverschämt, aber in seiner Gegenwart fühlte Lea sich nicht wie eine Funktion, sondern wie ein Mensch.
„Warum bist du wirklich hier draußen?“, fragte er leise, während sie gemeinsam im Schatten des Turnhalleneingangs saßen, weit weg von den Aufpassern. „In dem Zelt gibt es Kaviar, und hier gibt es nur Staub.“
„Vielleicht mag ich Staub lieber als Masken“, gestand sie und sah ihn an.
In diesem Moment begann es zu regnen. Erst nur ein paar Tropfen, dann ein heftiger Sommerguss, der den Staub in den Duft von Freiheit verwandelte. „Komm!“, rief Anthony und packte sie am Handgelenk. Seine Haut war warm und rau. Er zog sie zum alten Geräteschuppen, dem einzigen Ort, der nicht verschlossen war.
Drinnen roch es nach alten Sportmatten und Regen. Es war dunkel, nur das ferne Blinken der Partylichter drang durch die kleinen Fenster. Sie standen sich gegenüber, beide außer Atem. Der Regen trommelte auf das Blechdach, und die Welt draußen schien meilenweit entfernt.
„Du weißt, dass das hier ein Fehler ist, oder?“, flüsterte Anthony. Seine Stimme war jetzt ganz nah an ihrem Ohr.
„Ich weiß“, hauchte Lea. Zum ersten Mal in ihrem Leben wollte sie diesen Fehler begehen. Sie wollte das Gold gegen das Eisen eintauschen, nur für diese eine Nacht.
Als er sie küsste, schmeckte er nach Abenteuer und Gefahr. Es war der Moment, in dem Leas geordnetes Leben in tausend Scherben zerbrach – und sie merkte nicht einmal, dass sie nie wieder dieselbe sein würde.