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DE TIMORIBUS SPEBUSQUE – Von Ängsten und Hoffnungen
Sie hatte sich nachts heimlich zu seinem Wohntrakt geschlichen, in die Nähe der Gemächer von Herrin Joy. In steter Furcht, von den Wachen oder der Dienerschaft entdeckt zu werden, hatte sie mit klopfendem Herzen in der Nähe der Eingangstüre zu deren Wohnbereich gekauert – getrieben von Sehnsucht und gleichzeitig voller Angst, dass jemand sie sehen könnte... Auch wenn die Dienerschaft um diese Zeit normalerweise nicht mehr unterwegs war – möglich war es durchaus. Darum hatte sie sich einen dunklen Umhang umgeworfen, in der Hoffnung, so weniger aufzufallen: Der Drang, in Erfahrung zu bringen, was er wohl gerade mit seiner Gemahlin machte, auch wenn sie durchaus wusste, was da geschehen mochte, war noch stärker gewesen als ihre Bedenken. Doch ihr ging es nicht um Joy, nein – ihr ging es um ihn.
An manchen Tagen und in manchen Nächten wurde ihre Sehnsucht groß und trieb sie zu den wildesten Gedanken… Sie lag dann in ihrem Bett und versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, in seinen Armen zu sein, von ihm gehalten zu werden. Ihn zu spüren.
Sie wünschte es sich so sehr.
Wobei letzteres ebenfalls nicht ganz angstfrei für sie war: Die Erinnerungen an die Erlebnisse ihrer Flucht zurück nach Kaēa hatten durch den Zeitabstand inzwischen zwar ihren unmittelbaren Schrecken verloren und waren teilweise verblasst, doch Fragmente davon flackerten immer wieder auf, unwillkürlich, ohne, dass sie es kontrollieren konnte. Und mischten sich dann mit demjenigen Teil, der vor knapp einem Jahr dafür gesorgt hatte, dass ihre wenn auch kurze Beziehung konflikt- und angstbeladen war: Das war der widersprüchliche Teil ihrer Gefühle für ihn. Als sie damals an ihn verheiratet wurde, um den Frieden zwischen den Clans zu wahren, und sie für ihn, den Fremdling, den Außenweltler, der nicht hier geboren war, nichts als Verachtung übrig hatte.
Im Nachhinein konnte sie überhaupt nicht mehr nachvollziehen, warum sie so über ihn gedacht hatte: In allem, was er tat, hatte er bewiesen, dass er Respekt verdiente. Ja, er konnte keine jahrhundertealte Liste von Ahnen aufzählen, er war neu in dieser Welt – doch sein Handeln war stets ehrenvoll. Nicht nur in den zahlreichen Kämpfen, die den Aufstand der Zehn Stämme begleiteten, hatte er sich Ruhm erworben, von der Tatsache, dass er gut ein Jahr zuvor dem Großen Auge begegnet war, mal ganz abgesehen… Sein Name wurde mit Ehrfurcht genannt.
Nein, er war kein terranischer Barbar. Auch wenn er dafür bekannt war, in mancherlei Hinsicht seltsam abweichende Einstellungen – unverständlich liberal und freizügig – zu haben: In etlichen Dingen war er wiederum so kh’elvanisch, wie man nur sein konnte…
Als Stratege war er überragend. Als Gegner gefürchtet. Im Zweikampf unbesiegt. Seine ganze Erscheinung, sein Wesen, hatte etwas Anziehendes, auch wenn da manchmal eine gewisse seltsame Distanz zu spüren war. Was vermutlich an seiner terranischen Herkunft lag. Und ja, seine Augen… Sie konnten einem Menschen bis auf den Grund seiner Seele blicken, sagte man. Und hatten den einen oder anderen zur Aufgabe bewegt, zur Unterwerfung, weil sie nicht ihren Zorn hervorrufen wollten, sagte man. Die Soldaten der Festung hatten seltsame Geschichten darüber erzählt, und inzwischen, seit sie wieder hier war, auf Kaēa, war sie geneigt, diese zu glauben.
Jetzt war sie also wieder hier. Lebte unter seinem Dach. Unter seiner Ägide. Er sorgte gut für seinen Clan, zu dem sie, wenn man es genau nahm, letztlich ja immer noch gehörte: Rein juristisch gesehen, war ihre Ehe damals nicht geschieden worden, er hatte sie „lediglich“ verbannt, zurück zu ihrem Elternhaus geschickt. Auch wenn knapp ein halbes Jahr später der Rest, der von ihrer Familie noch übrig war, ihr das Recht auf ihr Kh’eddiya entzogen und sie damit zur Kh’eddeysh, zur Ausgestoßenen, gemacht hatte – eigentlich gehörte sie immer noch ihm. Und diese Tatsache war ebenfalls Anlass für eine gewisse Angst – Angst davor, dass er auf die Idee kommen könnte, sein Recht von ihr einzufordern: Im Grunde genommen konnte er es jederzeit von ihr verlangen, wenn ihm danach war…
Einerseits fürchtete sie sich immer noch davor – nicht, weil sie es nicht wollte, denn auf der anderen Seite sehnte sie es inzwischen eigentlich verzweifelt herbei.
Ja, er hätte jederzeit zu ihr kommen und sich nehmen können, was er wollte... Doch er tat es nicht.
Erst dachte sie, dass er sie aufgrund ihrer gemeinsamen schwierigen Vergangenheit bewusst ignorieren und einen Bogen um sie machen würde, doch dann merkte sie bald, dass dem nicht so war, denn auch wenn sie sich lange Zeit nach ihrer Ankunft auf der Burg überhaupt nicht begegneten, war aus der Art und Weise, wie er sie behandeln ließ, zu spüren, dass er ihr nicht ablehnend gegenüberstand. Er war ihr gegenüber zumindest neutral eingestellt, um nicht zu sagen, offen: Aus dem, wie er für sie sorgen ließ, meinte sie zu spüren, dass er sie nicht verurteilte, nein, es signalisierte sogar ein gewisses Interesse, das sie nicht verstand.
Er ließ ihr Raum. Es schien, als wüsste er, dass sie Abstand brauchte – Abstand, um sich über sich selbst klar zu werden. Abstand, um über sich und ihre Zukunft nachzudenken: Würde sie hier auf seiner Festung bleiben dürfen – oder gar wollen?
Er hatte sie wieder aufgenommen – zumindest vorläufig. Das war nicht selbstverständlich nach ihrer Verbannung. Und die Frage, wie ihr weiteres Leben aussehen würde, hier auf seiner Festung oder vielleicht anderswo, begann langsam, aber deutlich, immer mehr an ihr zu nagen: Wie würde ihr zukünftiger Status aussehen?
Flüchtling, Schutzbefohlene?
Dienerin?
Gast?
Oder – und daran wagte eigentlich gar nicht mehr zu denken – wieder Ehefrau?
Nein, das war völlig ausgeschlossen…
Dass sie überhaupt wieder hier sein durfte und dass sie von ihm nicht wie die Ausgestoßene behandelt wurde, die sie ja eigentlich war, war weitaus mehr, als sie von ihm erwarten konnte: Seit sie das letzte Mal diese Burg betreten hatte, war sie tief gefallen, und nach allem, was passiert war, konnte sie es ihm nicht verdenken, wenn er sie eines Tages wieder wegschicken würde. Sie schluckte. Was auch immer mit ihr geschehen würde – es hing von ihm ab... Auch wenn er bislang noch nicht zu erkennen gegeben hatte, dass er gewillt war, diesbezüglich eine Entscheidung zu fällen.
Sie überlegte. Hier bleiben zu dürfen, in irgendeiner Form, solange sie nicht zur Dienerin bestimmt wurde, war ein großes Entgegenkommen – und selbst das wäre noch ein halbwegs gutes Los... Sie war inzwischen mehr als bereit, das Leben in der jetzigen Form zu akzeptieren, ja sogar, sich nützlich zu machen: Sie war nicht mehr Nurya elh-Bhandarak, luxusgewohnte Tochter der einst mächtigsten Familie auf Kh’elvarh, sondern nur noch Nurya, die Kh’eddeysh. Jetzt war sie ein Niemand und eine Rückkehr in ihr früheres Dasein als adelige Zweite Gemahlin des Heerführers von Kh’elvarh ein Ding der Unmöglichkeit. Mal ganz davon abgesehen, dass sie als seine Ehefrau, zumindest als offiziell anerkannte Ehefrau, wenn denn das – wider Erwarten und gegen jegliche Wahrscheinlichkeit – jemals Wirklichkeit werden sollte, ihm nach Recht und Tradition zu Willen sein musste, ja, ihm Kinder schenken musste.
Das war der Punkt, der ihr immer noch Unbehagen bereitete, obwohl sie es eigentlich wollte: Eigentlich sehnte sie sich danach, dass er zu ihr kommen und endlich sein Recht einfordern würde, denn inzwischen war sie überzeugt davon, dass er gut zu ihr sein würde…
Aber es war auch der Punkt, der zwischen ihnen ungeklärt war: Es war damals, in ihrer Hochzeitsnacht, geschehen, doch sie hatte keinerlei Erinnerung daran, so sehr hatte man sie wohlmeinend mit Kadrassa abgefüllt – alle ihre Gedankenbilder bestanden diesbezüglich aus nichts als Nebel, aus verschwommenen, unkenntlichen Erinnerungsfetzen ohne Zusammenhang, aus unklaren, widersprüchlichen Emotionen. Was genau war in dieser Nacht passiert? Alles, was sie davon noch wusste, war, dass sie irgendwann vor Morgengrauen aufgewacht war, voller Entsetzen, neben einem Fremden zu liegen. Und ab dem nächsten Tag hatte sie dann gegen ihn rebelliert.
Diese Erinnerung hatte sie ganz bewusst lange Zeit verdrängt, denn die vermeintliche Schmach, von einem Terraner genommen worden zu sein, hatte sie dazu getrieben, sich bald darauf mit einem der natürlich einheimischen Wachsoldaten einzulassen… Bei dem Gedanken daran schoss ihr sofort die Schamesröte ins Gesicht. Wie hatte sie das nur tun können?! Es war so unendlich dumm und vor allem falsch gewesen.
Nur eine Nacht später war sie aufgeflogen: Es war Arka, der maiordomus, der sie beide entdeckt und den Hausherrn gerufen hatte. Mit Schaudern dachte sie daran, denn nicht nur der Zorn ihres Mannes war unbeschreiblich gewesen, sondern der Soldat auch ruppig zu ihr und der Akt schmerzhaft.
Und es war der Punkt, der mit ihren Erlebnissen auf der Flucht kollidierte: Beinahe hätte die Horde von Kh’eddeyesh, denen sie so kurz vor dem Ziel in die Hände gefallen war, sie überwältigt und sich an ihr vergangen. Beinahe wäre es geschehen, und in den unpassendsten Momenten flackerten Bilder davon immer wieder vor ihrem geistigen Auge auf und nährten ihre Angst.
Ja, sie wollte ihm nahe sein. Von ihm geliebt werden, auch wenn das so unmöglich erschien. Denn sie wusste inzwischen, dass sie ihn liebte.
...Doch würde sie die Nähe überhaupt zulassen können, die nötig wäre, wenn er sich nehmen wollte, was ihm zustand?
In den ersten Tagen nach ihrer unfreiwilligen Rückkehr auf die Festung hatte sie innerlich verzweifelt um Kontrolle gerungen. Und sie war unendlich froh gewesen, dass er ihr den Freiraum gelassen hatte, selbst zu entscheiden, ob überhaupt und wenn ja, wann sie sich Mheron, dem alten Militärarzt, der der Medicus der Burg war, anvertrauen wollte oder nicht. Er hatte ihr die Behandlung nicht einfach aufgedrängt, obwohl die Absicht dahinter natürlich eine wohlmeinende gewesen wäre und medizinische Hilfe in jedem Falle nötig. Er hatte sie generell in Ruhe gelassen: Nur ab und zu schaute eine der Dienerinnen nach ihr, brachte ihr Medikamente, Essen oder Dinge, die ihr fehlten.
Ihr waren zwei kleine Zimmer im Südtrakt der Burg zugewiesen worden, eine kleine Schlafkammer nebst einer Art winzigem Aufenthaltsraum, und sie hatte die ersten Tage und Wochen ausschließlich innerhalb dieser beiden Räume verbracht, ohne sie zu verlassen – aus Angst, irgendjemandem zu begegnen. Ihm zu begegnen. Doch ihre Furcht war grundlos gewesen. Genau wie die, auf Herrin Joy zu treffen…
Das war auch etwas, das sie noch aus der Welt schaffen musste, wenn sie es denn konnte und Lady Joy es überhaupt zuließ: Irgendwann würde sie die Kraft aufbringen müssen, ihr gegenüberzutreten und sie um Verzeihung zu bitten. Joy hatte alles Recht der Welt, sie, Nurya, zu hassen, und sie konnte es ihr nicht verübeln, hatte sie doch damals versucht, sie vergiften zu lassen…
Die Reue, aber auch die Scham, brannte heiß in ihr und trieben ihr die Tränen in die Augen. Sie konnte sich selbst nicht mehr verstehen. Natürlich würde er Joy immer lieben und Zeit mit ihr verbringen… Wie hatte sie also etwas tun können, von dem sie wusste, wie sehr es auch ihn verletzen würde?
Ja, sie liebte ihn.
Nicht aus Kalkül, nicht aus Pflichtbewusstsein, weil er sie wieder aufgenommen hatte, sondern weil er eben der war, der er war. Sie hatte ihn wahrscheinlich schon damals geliebt und es einfach nicht wahrhaben wollen…
Er war schon damals verständnisvoll gewesen. Das war ja mit ein Grund gewesen, warum sie ihn verachtet hatte: Kh’elvanische Männer waren nicht verständnisvoll, geschweige denn einfühlsam oder gar tolerant – und vor allem ein Fürst nahm sich, was er wollte, das war sein gutes Recht. Sie war damals hin- und hergerissen gewesen zwischen einerseits der Anziehungskraft, die er auf sie ausübte, und ihrer Verachtung für seine unkh’elvanische Toleranz und seine Herkunft andererseits...
Fest presste sie die Lider zusammen, um nicht erneut in Tränen auszubrechen, doch sie konnte nicht verhindern, dass einzelne salzige Tropfen immer wieder den Weg über ihre Wangen fanden, sich an ihrem Kinn sammelten und von dort aus schließlich als zu Boden fielen.
Und schon wieder war sie da, die Sehnsucht danach, bei ihm zu sein... Die Sehnsucht nach den zärtlichen Worten, die sie gehört hatte, als sie vor einiger Zeit an seinem Wohntrakt vorbeigekommen war und für alle, die sich in der Nähe aufhielten, nicht zu überhören gewesen war, dass er gerade bei seiner Gemahlin sein Recht einforderte… Das eigentliche Geschehen lief wohl gerade auf sein Ende hinaus, und sie hatte, nachdem die Laute aus dem Schlafzimmer endlich verstummt waren, kurz einen Moment innegehalten, gelauscht und dann seine Stimme vernommen: Diese war warm und fürsorglich gewesen, liebevoll, und Joy schien es genossen zu haben: Das Glück in ihren Antworten war unüberhörbar...
...Wie gerne wäre sie in diesem Moment an ihrer Stelle gewesen.
Wie gerne wäre sie jetzt an ihrer Stelle!
Vorsichtig lehnte sie sich an das Mauerwerk und presste das Ohr an den kühlen Stein. Sie wurde nicht enttäuscht. Sie konnte das rhythmische Knarren der Bettstatt jetzt ganz deutlich hören – und Lady Joy: Sie seufzte und stöhnte. Doch es waren keine Schmerzenslaute – nein, es schien ihr eindeutig zu gefallen, was er da mit ihr machte…
Sie klang wohlig, ja geradezu verzückt. So ganz anders als das, was sie selbst noch in Erinnerung hatte. Instinktiv beneidete sie die Terranerin.
Nein, nicht nur instinktiv…
„Bitte…“ formten ihre Lippen unwillkürlich und lautlos, und sie schloss für einen kurzen Moment die Augen. Dabei wurde ihr bewusst, dass sie es nicht aushalten würde, weiter zuzuhören – bei ihm dauerte es im Gegensatz zu kh’elvanischen Männern, und sie war sowieso schon genug aufgewühlt.
Länger hierzubleiben war gefährlich. In einem Anfall von Panik blickte sie sich hastig um. War irgendjemand in der Nähe, konnte sie irgendwelche Schritte hören?
Nein.
Stille.
Nein – nur das rhythmische, verzweifelte Stöhnen der Herrin von Kaēa...
Kurzentschlossen stand Nurya auf, zog den Umhang fest um ihre Schultern und schlich so leise, wie sie konnte, zurück in Richtung ihrer Unterkunft, wo sie die Türe hinter sich verriegelte und sich mit hochrotem Kopf dagegenlehnte, während das Gefühlschaos in ihrem Inneren nicht abflauen wollte.
Überrascht wande er den Kopf. „Nurya...?“
Zwei Wochen später stand Nurya vor der Türöffnung der kleinen Rüstkammer, ohne die Schwelle übertreten zu haben. Sie trug das kleine Öllicht, das sie in den letzten Tagen erstanden hatte und um das sie schützend ihre Hände gelegt hatte.
Als er sie anschaute, errötete sie unwillkürlich, schlug die Augen nieder und neigte leicht den Kopf. „Ich hoffe, ich störe nicht, Herr...“
„Nein, das tust Du nicht.“ Kh’andarh elh-Kaēa legte das Schwert beiseite, mit dem er sich gerade beschäftigt hatte, und drehte sich nun zu ihr um. Seine Stimme klang warm und einladend. „Komm‘ her. Was führt Dich zu mir...?“
Für einen kurzen Moment wagte sie, ihm direkt in die Augen zu schauen, und was sie dort meinte, lesen zu können, ließ sie erschauern, und sie senkte sofort wieder den Blick, bevor sie – plötzlich unsicher – auf ihn zutrat. Warum fühlte sie sich auf einmal so... durchschaut – als stünden ihre Gedanken für alle sichtbar auf ihrer Stirn geschrieben? Ahnte er, was in ihr vorging…?
Und während sie innerlich noch um Fassung rang und versuchte, sich selbst zur Ordnung zu rufen, streckte sie ihm nun beinahe mechanisch und ganz langsam ihre geöffneten Hände entgegen, um ihm das kleine Öllicht – eine zierliche Arbeit aus dem örtlichen Ton, mit durchbrochenem Rand, durch den das Flackern der Flamme zu sehen war – vorsichtig darzubieten. „Meine besten Wünsche zum Jahrestag, Herr,“ hörte sie sich selbst sagen, während ihr Herz bis zum Halse schlug.
„... Danke, Nurya.“ Erstaunen machte sich in seiner Mine breit und verwandelte sich in ein erfreutes Lächeln, als er die kleine Lampe fasste und entgegennahm. „Ich wusste gar nicht, dass Du das Datum der Hausweihe kennst…“
Für einen Sekundenbruchteil hatten ihre Hände sich berührt. Nurya war erschauert. Hoffentlich hatte er nichts bemerkt…!
Unwillkürlich hatte sie die Luft angehalten und atmete diese nun unhörbar wieder aus. Sie beschloss, so zu tun, als wäre nichts gewesen, und blickte ihn an. „Ich habe es vom Gesinde gehört, als darüber gesprochen wurde... Dass heute dessen nicht gedacht werden kann, weil...“ Sie brach ab, schaute zu Boden.
Sie war völlig durcheinander: Der Gedanke, ihn zum Kampf antreten zu sehen, schmerzte und erregte sie zugleich… Auch wenn sie wusste, dass er bislang noch jeden Gegner besiegt hatte, mochte sie ihn nicht in Gefahr wissen, während sie andererseits nur zu gerne Zeuge werden wollte, wie er den Fürst von Derha’an in seine Schranken verwies: Auf ihre Art und Weise war sie stolz auf ihn – schließlich war er Kh’andarh elh-Kaēa, Heerführer von Kh’elvarh, siegreich in zahlreichen Schlachten, einstmals ihr Gemahl und nun ihr Herr… Und ja, sie hatte Angst um ihn.
Die Augen des Hausherrn wurden ernst. „Ja, dieser unselige Zweikampf...“ Er seufzte. „Lord Derha‘an hat den Zeitpunkt unglücklich gewählt, aber jetzt ist es nun mal so...“ Er sah erst auf das Öllicht in seinen Händen, dann auf sie, und seine Züge entspannten sich wieder. Seine dunklen Augen schienen zu glühen. „Ich sehe Dein Geschenk als ein gutes Omen. Hab‘ Dank, Nurya.“
Nurya errötete. Einen Moment lang zögerte sie, doch bevor er noch irgendetwas sagen konnte, hatte sie sich schon wieder umgedreht und war auf den Flur hinaus getreten. Ihr Herz klopfte wie wild, und ihre Gedanken rasten. Und als sie den Kopf noch einmal wandte, ganz kurz, waren ihre Augen voller Hoffnung auf ihn gerichtet, bevor das Halbdunkel des Ganges sie wieder aufnahm und in Sicherheit brachte.
Nachdenklich blickte Carson Neapolis ihr hinterher. Die kleine Öllampe in seinen Händen warf ein warmes Licht. Vorsichtig setzte er sie auf dem Bord zu seiner rechten ab, dann wandte er sich schließlich wieder der Waffe zu.
Das Licht der Flamme ließ goldene Reflexe auf den metallenen Verzierungen der Scheide tanzen und wurde von der Klinge reflektiert, als er sie erneut herauszog und prüfend betrachtete: Der Grat war makellos, ebenso die hineingeschlagenen Schriftzeichen, doch die Schneide zeigte, obwohl scharf geschliffen, etliche Spuren des Gebrauchs, ähnlich wie der Griff, wo das Leder mit der Zeit nachgedunkelt war...
Prüfend führte er eine Schlag durch die Luft. Das Schwert war gut ausgewogen und fühlte sich an, als hätte er es nie aus der Hand gelegt. Wieviele Kämpfe hatte er wohl damit bestritten? Er wusste es nicht mehr, aber das war eigentlich auch egal – jetzt kam es auf heute an: In wenigen Stunden würde er Ilyon elh-Derha‘an gegenübertreten, um die Angelegenheit zu bereinigen. Und wenn er auch wußte, dass seine Chancen auch dieses Mal gut standen – so wie jedes Mal, schließlich war er bislang im Zweikampf unbesiegt – war er doch froh über dieses Zeichen, dieses kleine Licht, das wie ein Hoffnungsschimmer war.
Hoffnung, dachte er. Ob Nurya das auch gemeint hatte...?
Er verwarf den Gedanken wieder. Die Kh‘elvanerin verhielt sich sehr zurückhaltend, seitdem sie vor gut einem halben Jahr eher unfreiwillig nach Kaēa zurückgekehrt war, und auch gerade eben hatte sie wieder einen eigentlich scheuen Eindruck auf ihn gemacht. Und trotzdem...
Ab und zu hatte er Blicke von ihr auffangen können – seltene, kleine Momente, in denen sie sich traute, ihn anzuschauen, bevor sie die Augen wieder wie üblich senkte. Augenblicke, die Offenheit zu signalisieren schienen…
Nein, mehr als das. ...Eine tiefe Zuneigung?
Sie hatte sich eindeutig gewandelt, dachte er: Die überhebliche, verwöhnte „Prinzessin“ von einst ist fort, jetzt ist sie eine Andere. Das Erlebte, genauer gesagt, Erlittene, hat sie verändert. Doch wie weit ging diese Veränderung wirklich?
Er erinnerte sich noch gut an den unseligen Moment, in dem er vor ihr gestanden hatte. Arka, der ihn und die diensthabende Wachmannschaft hatte herbeirufen lassen, war wohlweislich schnell wieder verschwunden, da er nicht Zeuge dessen werden wollte, was nun folgen würde…
Zwei Wachen hatten sie fest in ihrem Griff gehalten, während sie ihn trotzig und böse anfunkelte, nicht im geringsten schuldbewusst. Das war es, was ihn am meisten verärgert hatte: Sie hatte mit ihrer Untreue nicht nur ihn hintergangen und gegen ihre Pflichten als seine Ehefrau verstoßen, sondern auch gegen das kh’elvanische Gesetz, doch sie zeigte keinerlei Anzeichen von Reue. Auf sein Nicken hin hatten die Wachen sie schließlich in die Knie gezwungen, und sie wehrte sich, doch die beiden Soldaten waren natürlich stärker als sie gewesen, so dass sie über kurz oder lang vor ihm knien musste, den Kopf durch die Hand des einen gebeugt.
In ihm hatte eine wilde Mischung aus Widerwillen und Zorn getobt, während er auf die Kh’elvanerin vor ihm heruntergestarrt hatte. Er hatte sich selbst dafür gehasst, sie so zu behandeln, aber ihr Verhalten konnte er ihr nicht durchgehen lassen… Schon gar nicht vor seinem Clan.
Seine Stimme war kalt gewesen, als er sie anredete. „Sag’ mir, dass es Dir leid tut, Nurya.“
….Stille. Nurya zuckte noch nicht einmal.
Daraufhin hatte er sich zu ihr herab gebeugt, sie gezwungen, ihn anzuschauen. „Sag’, dass es Dir leid tut…“
Wieder keine Reaktion, nur ein verächtlicher Zug um ihre Mundwinkel.
Geräuschvoll hatte er die Luft ausgeatmet, die er unwillkürlich angehalten hatte, dann war er so ruhig wieder aufgestanden, wie es ihm unter diesen Umständen möglich gewesen war, und hatte sie angesehen. „Ich vergebe Dir nicht, Nurya, und lege Dir die Pflicht auf, Abbitte zu leisten es wieder gut zu machen,“ hatte er laut und deutlich vor allen Anwesenden erklärt, und dann, mit Blick auf die Wachen: „Sorgt dafür, dass sie ihre Gemächer nicht verlässt. Wenn sie hinaus will – nur mit meiner ausdrücklichen Genehmigung.“ Mit einem Nicken hatte er sich dann umgedreht und war gegangen.
Das war jetzt knapp anderthalb Jahre her...
Sein Blick fiel auf die Klinge. Das helle Metall reflektierte das Dunkel seiner Augen: Nachdenklich und ernst erschien ihm sein Spiegelbild auf der polierten Oberfläche, und er ertappte sich dabei, wie er den Stahl fixierte, eigentlich in ein inneres Nirgendwo schauend anstelle auf die Waffe in seiner Hand.
Nach einer Weile schob er schließlich die Klinge zurück in ihre Scheide und stellte das Schwert wieder an seinen Platz am Rüstungsständer: Die Handlung, wenn auch quasi rein mechanisch ausgeführt, hatte ihn wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Und die Gegenwart sah anders aus, dem Großen Auge sei Dank.
Nuryas Blicke waren ehrlich, resümierte er. Genauso wie die kleinen Momente ihrer Aufmerksamkeit.
...Wohin das wohl noch führen mochte?
Er konnte nur hoffen, dass die Veränderung, die anscheinend in ihr vorgegangen war, umfassend war. Dass sie sich wirklich gewandelt hatte. Bislang schien alles darauf hinzudeuten.
Carson Neapolis atmete tief durch. Ob er ihr tatsächlich wieder voll und ganz vertrauen konnte…? Er wusste es nicht, wurde sich plötzlich aber klar darüber, wie sehr er es eigentlich wollte.
...Weil er das Thema endlich, ein für alle Male, abhaken wollte? Vielleicht.
...Nein, er mochte jetzt nicht darüber nachdenken. Doch das kleine Öllicht dort auf dem Bord, das sie ihm gerade gebracht hatte – das traditionelle Symbol des Feuers, dessen Anzündung mit dem Jahrestag gedacht werden und das im Hause nie verlöschen sollte, seit es einst entfacht wurde – das war tatsächlich ein gutes Zeichen.