Melody of scars - This is not a lovesong

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Summary

Musik ist Jesses Zuflucht. Gefühle sind ihr Untergang. Mit 25 steht sie Nacht für Nacht auf der Bühne, füllt mit Bloody Moonlight Clubs und Bars - und baut Mauern um ihr Herz. Männer sind Ablenkung. Nähe ist ein Fehler. Jesse hat gelernt zu funktionieren. Kühl. Sarkastisch. Unnahbar. Niemand sieht die Narben unter ihrer Haut. Niemand hört die Stimmen aus ihrer Vergangenheit. Nur ihr Bruder Caleb kennt die Wahrheit. Nach einem Auftritt von Black Remedy begegnet sie Blake. Charismatisch. Gefährlich ruhig. Ein Sänger mit dunkler Ausstrahlung - und Augen, die zu viel sehen. Zwischen ihnen ist mehr als Anziehung. Er ist ein Spiegel. Beide fliehen vor Nähe. Beide tragen ihre Vergangenheit wie offene Wunden. Und Jesse weiß: Wer ihr so ähnlich ist, kann sie retten - oder alles zerstören.

Status
Complete
Chapters
64
Rating
n/a
Age Rating
18+

~ 1. Zwischen Beats und Brechreiz~

~Jesse~

Sommer, Hitze und meine Nerven, die angespannter sind als Gitarrenseiten.

Summer und ich warten jetzt schon seit einer halben Stunde auf Liv und Jenna. Als wäre Pünktlichkeit eine Krankheit, die sich diese beiden konsequent vom Leib halten.

Die Bandprobe hat noch nicht mal angefangen und ich bin jetzt schon angepisst.

Ein Rekord, selbst für meine Verhältnisse.

„Die beiden kommen sicher gleich, J.J.“, sagt Summer und lässt sich auf meine Couch fallen.

„Jaja.“ Ich knurre es eher, als dass ich es sage, und greife nach meiner Gitarre. Ein paar Töne, simple Akkorde – nicht, weil ich üben müsste, sondern weil Musik mich runterfährt. Weil ich sonst gleich irgendwas Werfbares in die Hand nehme, sobald Liv und Jenna durch meine Tür stolpern.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob sie das alles als Witz sehen. Ein kleines Hobby. Ein bisschen Spaß.

Für mich ist es das nicht.

Für mich ist das alles.

Ich hab keinen Bock, den Rest meines Lebens als Buchhalterin bei Blackwell Holdings zu versauern. Zahlen sortieren, während meine Träume Staub ansetzen.

Der Job war als Übergang gedacht. Als Notlösung. Nicht als Endstation.

„Siehst du? Da kommen sie doch…“, sagt Summer.

Ich schnaube nur verächtlich und spiele weiter, ohne aufzublicken.

„Na Mädels, was gibt’s Neues?“ Liv klingt wie immer, als würde die Welt ihr gehören.

Liv und Jenna werfen ihre Taschen in eine Ecke, als hätten sie hier einen Zweitwohnsitz, und lassen sich zu Summer auf die Couch fallen.

„Ihr seid spät“, fauche ich.

Liv zuckt nur mit den Schultern. „Und? Dann proben wir halt länger…“

Natürlich. Für Liv ist immer alles halb so wild. Für mich ist es das nicht.

„Können wir dann?“, frage ich, den Blick immer noch auf die Saiten gerichtet.

„Ja gleich.“ Liv grinst. „Vorher will ich alles über Jennas Date wissen.“

Ich presse die Lippen aufeinander. Das darf doch nicht wahr sein.

Genervt lasse ich die Gitarre aufheulen – ein scharfes, lautes Geräusch, das eindeutig sagt: Halt die Klappe.

Jenna hebt beschwichtigend die Hände. „Lass uns erst proben, danach erzähle ich’s dir.“

Liv wirft mir einen Blick zu. „Miss Miesmuschel wird ja wohl noch einen Moment warten können.“

Summer seufzt. „Ach kommt… J.J. will doch nur, dass der Auftritt im Red Devil gut wird.“

„Da treten wir doch ständig auf“, sagt Liv und winkt ab. „Das läuft.“

„Eben“, setzt Jenna nach.

Ich lasse meine Gitarre erneut aufheulen. Sollen sie ruhig merken, wie sehr mich dieses Kaffeekränzchen ankotzt. Ich will proben. Nicht über Dates reden. Nicht über den Traum von der großen Liebe, als wäre die nicht die größte Lüge überhaupt.

Summer steht auf und schnappt sich ihre Gitarre. „Braucht ihr zwei eine extra Einladung?“

Liv und Jenna verdrehen die Augen, aber immerhin stehen sie auf. Jenna greift nach ihrem Bass, Liv setzt sich hinter ihr Schlagzeug. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit können wir endlich anfangen.

Und dann… dann passiert das, was jedes Mal passiert:

Mit jedem Song verliere ich mich ein Stück mehr in der Musik. In diesem Gefühl von Freiheit. In dem einzigen Moment, in dem ich mich nicht wie ein angeleinter Hund fühle.

Bis Jenna im vierten Song einen dermaßen schiefen Ton reinhaut, dass es mir fast die Ohren zerreißt.

Ich spiele abrupt ab. „Meine Fresse… konzentrier dich!“

„Tu ich!“ Jenna funkt zurück. „Fehler passieren!“

„Sollten sie aber nicht.“

Ich weiß selbst, dass ich unfair bin. Aber Musik verzeiht keine Nachlässigkeit.

Summer tritt zwischen uns, ruhig wie immer. „Und jetzt atmen wir alle einmal durch. Dafür proben wir ja.“

Wir spielen diese Songs seit Jahren. Es gibt Stellen, die sitzen im Schlaf. Trotzdem atme ich tief durch. Einmal. Zweimal. Dann fangen wir von vorne an.

Diesmal ohne Zwischenfall.

Nach gut drei Stunden beenden wir die Probe und landen wieder in meinem Wohnzimmer. Liv ploppt ein Bier auf, als wäre das der wichtigste Programmpunkt des Abends.

„So“, sagt sie breit grinsend. „Und jetzt erzähl endlich. Wie war dein Date?“

Schade. Ich hatte wirklich gehofft, sie vergisst es.

Mit einem kühlen Bier in der Hand lasse ich mich in meinen Sessel fallen und höre nur halbherzig zu, während Jenna schwärmt. Irgendwas von super süß und traumhaft.

Klar war es traumhaft. Fünfundneunzig Prozent aller Männer wollen einen flachlegen – natürlich sind die Dates nett. Nett sein ist die Eintrittskarte.

Danach kommt meistens Enttäuschung.

Aber Jenna ist eine Träumerin. Sie glaubt wirklich an dieses Märchen. Die eine große Liebe. Den einen Menschen. Für immer. Dieses Wort, das immer zuerst stirbt.

Ich glaube eher daran, dass Verlieben nur ein anderes Wort ist für: irgendwann brichst du.

„… klingt gut, oder J.J.?“ Jenna sieht mich erwartungsvoll an.

Scheiße. Ich hab nicht zugehört.

„Klingt… toll“, murmele ich.

Liv grinst. „Wir wissen ja, das Dreamer ist nicht so deins… aber vielleicht kommst du uns zuliebe mit.“

„Wenn’s sein muss.“

Ausgerechnet das Dreamer. Lahme Musik, aufgesetzte Menschen, zu viel Ego, zu wenig Hirn. Eine Parade aus eingebildeten Tussis und Möchtegern-Machos.

Aber vielleicht… vielleicht ist ja einer dabei, der mir heute Abend den Kopf frei macht.

„Ich geh mich umziehen“, sage ich. „Dann können wir.“

Liv und Jenna klatschen, als wären sie fünf.

Ich gehe ins Schlafzimmer, schließe die Tür hinter mir und starre in meinen Kleiderschrank.

Was zieh ich an?

Das kleine Schwarze geht immer. High Heels. Lederjacke. Fertig.

Ein Schluck Bier noch, dann kann’s losgehen.

Zehn Minuten später stehe ich mit Summer vorm Dreamer.

„Wir sind zeitgleich los“, sage ich. „Wie zum Teufel können die beiden schon wieder zu spät sein?“

Summer lacht leise. „Vielleicht haben sie sich unterwegs verfahren.“

„Vielleicht sollten sie mal lernen, wie man eine Uhr liest.“

Ich sehe auf mein Handy. Nichts.

„Mir wird das zu dumm“, murmele ich. „Ich geh schon mal rein.“

Summer nickt. Ich lasse sie draußen stehen und verschwinde im Inneren des Clubs.

Drinnen riecht es nach Alkohol, Parfum und zu viel Körperwärme. Mein erster Weg führt mich zur Bar. Ich brauche einen Drink. Ohne Diskussion.

„Na, Sweety… auf der Jagd?“

Ich lächle automatisch, drehe mich um – und sehe Ethan.

„Hey.“ Ich mustere ihn. „Du bist viel zu gut gelaunt.“

Ethan lacht, schiebt mich mit einem Arm Richtung Bar. „Heißes Outfit. Schon ein Opfer gefunden?“

„Opfer?“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Ich brauch erst mal ein Bier.“

Wir bestellen, lehnen uns an die Bar und beobachten die Tanzfläche.

„Du könntest dir die Suche auch sparen“, sagt Ethan grinsend. „Und einfach mit mir verschwinden.“

„Ich schlaf nicht mit dir.“

Er greift sich an die Brust, als hätte ich ihm gerade das Herz rausgerissen. „Du verpasst was, Jesse. Ich bin ein wahres Tier im Bett.“

„Sicher.“ Ich trinke einen Schluck. „Aber ich will dich als Freund behalten. Und Sex zerstört Freundschaften.“

„Du brichst mir das Herz.“

„Du wirst es überleben.“ Ich sehe ihn an. „Wenn du willst, stell ich dir zwei meiner Freundinnen vor.“

Ein einziger Schluck später wirkt sein Herz schon geheilt. Männer.

Ich lasse meinen Blick durch den Club schweifen. Von Liv und Jenna keine Spur.

„Willst du mir deinen Freund nicht vorstellen?“

Na endlich.

Liv steht plötzlich neben uns, beißt sich auf die Unterlippe. Ethan sieht sie an, als hätte Weihnachten gerade einen Körper bekommen.

„Ethan“, sage ich. „Das ist Liv.“

„Solch eine Schönheit versteckst du vor mir? Tztztz.“

Liv wird rot.

„Viel Spaß euch.“ Ich grinse Ethan an.

„Wo willst du hin?“

„Opfer suchen“, sage ich und zwinkere frech.

Der dritte Jason-Derulo-Song hintereinander hämmert mir fast das Trommelfell weg. Ich stelle mich an den Rand der Tanzfläche und beobachte die Leute. Summer und Jenna tanzen ausgelassen mitten drin. Immerhin.

„Warum tanzt die Schönheit nicht?“

Ich verdrehe die Augen und drehe mich um.

Der Typ, der da steht, lächelt siegessicher. Ganz süß. Ein bisschen zu sicher.

„Weil die Schönheit Brechreiz bei der Musik bekommt“, antworte ich.

Er lacht leise und tritt näher. Seine Jacke riecht nach Rauch und nach einem teuren Parfum, das er wahrscheinlich zu großzügig benutzt hat.

„Wie heißt du?“

„Unwichtig.“

Die Überraschung in seinem Gesicht ist herrlich.

„Ich beobachte dich seit du hier rein gekommen bist“, säuselt er mir ins Ohr. „Du bist wirklich atemberaubend.“

Als könnte ich davon satt werden.

Bevor er noch mehr schleimen kann, packe ich ihn an der Jacke und drücke meine Lippen auf seine. Fest. Direkt. Keine Einladung, eher ein Befehl.

Er reagiert sofort, legt seine Hände an meine Hüften und zieht mich an sich. Seine Zunge sucht meine. Wenigstens das kann er.

Als ich den Kuss löse, ziehe ich ihn wortlos hinter mir her Richtung Ausgang.

Im Vorbeigehen sehe ich Ethan, wie er den Kopf schüttelt und mich angrinst.

Draußen bleibt er an meinem Wagen stehen. „Getönte Scheiben… wie praktisch.“

Ich antworte nicht. Ich schließe auf, steige nach hinten, er folgt mir und zieht die Tür zu. Die Welt wird gedämpft, nur die Musik aus dem Club dringt noch dumpf zu uns.

Ich setze mich rittlings auf seinen Schoß und küsse ihn wieder. Härter. Ungeduldiger.

Er streift mir Jacke und Kleid ab, legt beides achtlos neben meine Handtasche. Seine Hände finden meine Haut, erkunden mich – Brust, Taille, Hüfte. Ein leises Stöhnen rutscht mir raus, trotz allem.

Ich spüre seine Erregung gegen mich drücken, heiß und ungeduldig.

Er nestelt an seiner Jeans, braucht zu lange. Ich steige kurz von ihm runter, helfe ihm.

„Worauf wartest du, Schönheit?“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „So nicht.“

Er blinzelt. „Bitte?“

Schmunzelnd greife ich in meine Handtasche und ziehe ein Kondom heraus.

„Nur damit“, sage ich ruhig. „Sonst kannst du dich wieder anziehen und gehen.“

Er schluckt – und gehorcht.

Als es endlich passt, sinke ich wieder auf ihn, lasse ihn in mich gleiten. Ein scharfes Einatmen. Hitze. Spannung.

Seine Hände pressen sich fest an meinen Hintern, halten mich, während ich mich bewege – schneller, fordernder. Für einen Moment ist da nur Rhythmus. Nur Körper. Nur das dumpfe Pochen meines Herzschlags.

Gerade als es anfängt, wirklich Spaß zu machen, packt er mich fester, zieht mich an sich – und stöhnt auf.

Zu früh.

Ich halte inne.

Na toll.

Mit einem schweren Seufzer steige ich von ihm, ziehe mich wieder an. Ich reiche ihm wortlos ein Taschentuch, während er noch versucht, Luft zu bekommen.

Dann steige ich aus dem Wagen und lehne mich gegen die kühle Karosserie. Die Nachtluft streicht über meine warme Haut, beruhigt.

Kurz darauf steigt er aus und verschwindet, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Typisch.

Ich überlege, ob ich nochmal reingehe. Aber plötzlich wirkt der Club nur noch anstrengend.

Heiß duschen. Bett. Ruhe.

Definitiv die bessere Wahl.