Einleitung
Ich war schon immer neugierig.
Nicht diese harmlose, kindliche Neugier, die sich mit schnellen Antworten zufriedengibt, sondern eine, die unter der Oberfläche kratzt. Eine, die nicht loslässt, die Fragen stellt, wo andere längst weitergegangen sind. Mit einundzwanzig hatte mich diese Neugier schon in Situationen geführt, die sich nicht erklären ließen, zumindest nicht mit den Worten, die man tagsüber benutzt.
Wenn die Vorlesungen zäh wurden, wenn Zahlen, Texte oder Theorien sich endlos wiederholten, begann mein Geist zu wandern. Nicht aus Faulheit, sondern aus Hunger. Während andere sich Notizen machten, driftete ich ab – in Gedanken, Bilder, Möglichkeiten. Mein Körper saß im Hörsaal, aber mein Inneres war längst woanders. Dort, wo Regeln weich wurden und Erwartungen keine Rolle spielten.
Ich lernte früh, diese zwei Ebenen zu trennen. Die angepasste Studentin nach außen, konzentriert, unauffällig, leistungsbereit. Und die andere, die ich nur mir selbst eingestand. Die, die Fragen stellte, die man nicht laut stellte. Die, die spürte, dass da mehr war als das, was man mir als „normal“ verkaufen wollte.
Manche würden es später ein inneres Biest nennen. Ich selbst nannte es lange einfach: Unruhe. Ich habe mich selbst zur Nymphomanin gemacht.
Diese Unruhe war nicht plötzlich da. Sie war gewachsen, langsam, über Jahre hinweg. Sie begann nicht mit einem Ereignis, sondern mit einem Gefühl – dem ständigen Eindruck, dass mir etwas entging, wenn ich mich nur an das hielt, was von mir erwartet wurde.
Sie war gewachsen, weil in meiner Jugend vieles anders lief als es sollte. Sie war da, weil Erwartungen langweilig wurden und Verlangen geweckt wurde, Verlangen nach Körperlichem, Verlangen das schier nicht enden wollte.








