Der Schmid von Dunlar - Teil 1
Der Morgen in Dunlar schien wie immer friedlich. Doch da war eine Stille. Seit Wochen lag sie wie eine drohende Gewitterwolke über dem Dorf, schwer und unheilvoll. Ein feiner Nebel schmiegte sich an die strohgedeckten Dächer. Über den schmalen Pfad zwischen Schmiede und Brunnen zog der Geruch von nassem Holz, durchzogen vom warmen Atem glühender Kohlen.
Thorn stand in seiner Schmiede, die Ärmel hochgekrempelt, die Hände rußig. Der Hammer ruhte kurz in seiner Faust, die Muskeln angespannt. Dann schwang er ihn, zielte und ließ ihn auf das glühende Eisen krachen.
Klang. Klang. Klang.
Jeder Schlag hallte in den Balken wider, vibrierte durch den Boden. Funken sprühten wie winzige Sterne in der dämmerigen Schmiede und verfingen sich kurz in seinem dunklen Haar, das er heute wieder vergessen hatte zurückzubinden. Vor der offenen Tür huschte eine Katze vorbei. Sie blieb kurz stehen, die Ohren gespitzt, und verschwand zwischen den Holzstapeln, die an seine Hütte lehnten. Irgendwo im Dorf rief eine Frau nach ihrem Kind, ein Hahn antwortete mit verschlafenem Krähen. Thorn hob kurz den Blick durch die Lücke in seinem Gartentor sah er den blassen Umriss der Berge, deren Gipfel im Nebel verschwanden.
Der Hammer sang sein altes Lied.
Klang. Klang. Klang.
Thorn ließ ihn erneut auf das Eisen krachen. Jeder Schlag war ein Echo der Lektionen seines Vaters, präzise, rhythmisch und unerbittlich. Seine Arme waren kräftig von Jahren an der Esse, die Muskeln hart wie das Metall, das er bearbeitete.
Einundzwanzig Jahre. Ein Alter für Träume und Abenteuer, doch Thorn kannte nur die erdrückende Last der Verantwortung. Er sehnte sich nach Freiheit, nach dem Duft fremder Länder, doch seine Familie war sein Anker, der ihn in Dunlar hielt. Seit dem Tod seiner Eltern vor sechs Jahren lag die Last der Familie auf seinen Schultern: zwei jüngere Schwestern, ein Lehrling, den er sich selbst eingebrockt hatte, und eine kleine Schmiede, die sich gerade so über Wasser hielt.
Die Sorgen hatten feine Linien um seine grauen Augen gezogen. Wenn er sich morgens im Wassertrog das Gesicht wusch, sah er manchmal seinen Vater darin: dieselben markanten Züge, die hartnäckige Kinnlinie, die Art, die Stirn zu runzeln, wenn etwas nicht so lief, wie es sollte.Der Geruch von heißem Metall, vertraut und tief in seinen Lungen, war mehr als nur ein Geruch, es war Heimat. Ein Duft aus Kohlenstaub und Eisen, aus Schweiß und hartem Handwerk. Auch wenn die Zeiten schwer waren, auch wenn das Material teurer wurde und die Kunden weniger, hier in der Schmiede war er noch er selbst. Hier konnte er etwas erschaffen, etwas Bleibendes, etwas Nützliches. Hier flauten seine Gedankenstürme ab und verwandelten sich in den rhythmischen Klang des Hammers auf Metall.
Doch heute wollte sich das gewohnte Gefühl der Ruhe nicht einstellen. Das Eisen schien sich unter seinem Hammer zu winden, als sträubte es sich gegen jede Form. Er hatte schon oft mit minderwertigen Materialien arbeiten müssen. Das war der Preis des Krieges: alles wurde knapper und teurer. Aber das hier war anders. Das Metall schien eine eigene Störrigkeit zu besitzen, eine Art Widerstand, der über das rein Physische hinausging. Selbst die Flammen im Ofen tanzten unruhig, obwohl kein Wind durch die Schmiede wehte. Die Kohlen glühten in seltsamen Mustern, und mehr als einmal glaubte er, Gesichter in den lodernden Flammen zu sehen. Alte Gesichter, mit tiefen Augen und stummen Mündern.
Es war ein kalter Morgen im Spätherbst. Draußen, vor seinem kleinen Haus, das an die ersten Ausläufer des Teren Gebirges geschmiegt war, konnte Thorn das leise Plätschern des Bergbaches hören, der durch das kleine Dorf Dunlar floss. Die Luft war fast schon dünn hier oben, aber rein. Normalerweise hätte der Anblick der nebelverhangenen Gipfel seinen Geist beruhigt. Doch in letzter Zeit brachten die Berge keine Ruhe mehr.
Die Träume hatten wieder begonnen. Nicht die gewöhnlichen Träume eines Mannes, der hart arbeitet und müde ins Bett fällt, sondern etwas anderes. Etwas, das ihn mit kaltem Schweiß aufwachen ließ und das Gefühl hinterließ, als hätte die Erde selbst zu ihm gesprochen. In diesen Träumen sah er Wurzeln, die sich durch steinige Erde bohrten. Er sah Felsen, die sich wie schlafende Riesen bewegten. Immer wieder hörte er eine Stimme, tief und alt wie das Grollen ferner Donner. Eine Stimme, die Worte sprach, die er nicht verstand, deren Bedeutung er aber in seinen Knochen spürte.
Er lies den Hammer für einen Augenblick sinken und starrte gedankenverloren in seine kleines Königreich. Die Esse glühte orange-rot in der Dunkelheit. Sie warf tanzende Schatten an die rußgeschwärzten Steinwände. Die Wände waren dick, aus dem lokalen Granitstein gehauen, der das Teren-Gebirge durchzog. Sein Großvater hatte diese Schmiede erbaut, mit den eigenen Händen jeden Stein gesetzt und jeden Balken gefügt. Die Familientradition reichte drei Generationen zurück. Thorns Großvater war Schmied gewesen, sein Vater auch und nun er. Werkzeuge hingen ordentlich an ihren Plätzen: Zangen verschiedener Größen, von den feinen Präzisionszangen bis zu den schweren Greifzangen, die einen glühenden Barren halten konnten. Hämmer, vom feinen Treibhammer, der kaum schwerer war als ein Bleistift, bis zum schweren Vorschlaghammer, der einen fingerdicken Eisenstab mit einem einzigen Schlag spalten konnte. Meißel und Punzen in sauberen Reihen, jedes Werkzeug an seinem angestammten Platz, poliert und geölt.
Das war eine der ersten Lektionen gewesen, die sein Vater ihm beigebracht hatte: „Ein Schmied ist nur so gut wie seine Werkzeuge, und Werkzeuge sind nur so gut wie die Sorgfalt, mit der man sie behandelt.”
Der große Amboss stand wie eh und je fest und unerschütterlich in der Mitte des Raums, seine Oberfläche poliert von Jahren der Arbeit. Es war ein prächtiges Stück, importiert aus den Eisenhütten im fernen Valendris, als die Handelsrouten noch sicher waren. Zweihundert Pfund schwer, aus bestem Stahl gefertigt, mit einer Klangqualität, die jeden Schmied vor Neid erblassen ließ. Thorn kannte jeden Kratzer auf seiner Oberfläche, jede kleine Delle, die Jahrzehnte der Arbeit hinterlassen hatten.
Daneben stand der Wassertrog, dessen Oberfläche bei jedem Hammerschlag leicht erzitterte. Das Wasser kam direkt aus dem Bergbach, klar und kalt, perfekt zum Härten von Stahl. An heißen Sommertagen dampfte es, wenn glühende Metallstücke hineingetaucht wurden. Heute lag eine dünne Eisschicht darauf, die bei der ersten Berührung mit heißem Metall zu schmelzen begann.
Das Hufeisen unter seinem Hammer nahm langsam Form an. Es war ein einfaches Stück Arbeit. Sechs Löcher für die Nägel, die richtige Krümmung für den Huf von Bauer Hedvars alter Stute. Nicht perfekt, aber solide. Gut genug für die Pferde der Dorfbewohner, die sich keine Meisterarbeit leisten konnten. Noch vor einem Jahr hätte er stolz auf seine Arbeit sein können. Heute sah er nur die kleinen Unregelmäßigkeiten, die rauen Stellen, wo besseres Material ein glatteres Ergebnis gebracht hätte. Oft erinnerte er sich an die Zeiten zurück, als sein Vater der Schmi war und die Wände der Schmiede anstelle von Hufeisen, Nägeln und Pfluggeschirr von glänzenden Rüstungen, Piken und wunderschönen Schwertern gesäumt war.
Das Problem war nicht nur der Preis des Materials, sondern auch seine Qualität. Früher hatte er noch Eisen aus den großen Schwarzhammer Bergwerken bekommen. Der Stahl war von einer Reinheit, die jeden Gegenstand zu einem kleinen Kunstwerk machte. Jetzt kam sein Material von lokalen Händlern, die selbst nicht mehr wussten, woher ihre Waren stammten: Eisenbarren, die mit Unreinheiten durchsetzt waren, Kohle, die mehr Rauch als Hitze erzeugte, Werkzeuge, die nach wenigen Monaten stumpf wurden.
Thorn ging an sein kleines Fenster und trank kühles Bergwasser aus einem großen Braunen Krug. Das eiskalte Wasser durchdrang seinen aufgeheizten Körper. Draußen drangen Stimmen durch die dicken Mauern der Schmiede, gedämpfte, nervöse Stimmen von Männern, die darauf achteten, dass ihre Worte nicht zu weit trugen. Thorn konnte nur Wortfetzen verstehen: „... die Blauen waren gestern in Steintal ...“, „... Jakobs Sohn ist untergetaucht ...“, „... sagen, sie kommen diese Woche wieder ...“.
Es war das gleiche bange Flüstern, das seit Monaten durch Dunlars Gassen hallte. Der Krieg zwischen Grint und Trias tobte bereits im zweiten Jahr. Obwohl das Dorf offiziell zu keinem der beiden Königreiche gehörte, machte das die Rekrutierungsoffiziere nicht weniger hungrig nach frischem Blut.
Sie kamen von beiden Seiten: manchmal die Blauen mit ihrem Schmiedehammer auf der Brust, dann die Roten mit ihren Hirschwappen. Beide behaupteten das Recht zu haben, hier Soldaten ausheben zu können. Beide suchten nach jungen Männern zwischen sechzehn und vierzig, die stark genug waren, um eine Lanze zu tragen, und dumm genug, um für fremde Herren zu sterben.
Die Reaktion des Dorfes war so vorhersehbar wie der Wechsel der Jahreszeiten geworden. Bei den ersten Gerüchten über nahende Werber verschwanden die jungen Männer wie Nebel vor der Morgensonne. Sie krochen in Höhlen im Teren-Gebirge, hausten in verfallenen Jagdhütten oder versteckten sich in den tiefen Gebirgswäldern. Manche waren bereits seit Monaten weg. Ihre Familien führten weiter ihre Geschäfte, als wären die Söhne nur zur Jagd aufgebrochen, aber die Sorgenfalten in ihren Gesichtern verrieten die Wahrheit. Sicher waren ihre Söhne nur weil sie der Armee entkommen waren nicht. Nur wenige würden zurückkehren. Manche starben in der Wildnis, andere gingen fort, suchten ihr Glück in fernen Städten. Und einige, die Verzweifeltsten oder Mutigsten, ließen sich schließlich doch anwerben, getrieben von leeren Mägen oder dem Versprechen voller Geldbeutel und der damit einhergehenden Freuden.
Thorn selbst war bisher verschont geblieben, aber nicht aus Glück. Als Schmied war er zu wertvoll für das alltägliche Gemetzel. Beide Armeen benötigten Handwerker. Jemanden, der zerbrochene Klingen neu schmieden, Rüstungen reparieren und Pfeilspitzen in Massen produzieren konnte. Seine Hände waren geschickter mit Hammer und Amboss als mit Schwert und Schild, und das wussten die Offiziere. Das dachte er jedenfalls, obwohl er bis jetzt nur sehr weniger der Pfeile verkauft hatte, und die Produktion vor einigen Wochen völlig eingestellt hatte.
Doch diese Immunität war zerbrechlich wie dünnes Eis. Wenn der Krieg sich weiter hinzog, wenn die Verluste an der Front stiegen und die Verzweiflung der Generäle wuchs, würden auch die Schmiede, Zimmerleute und Bäcker ihre Werkzeuge gegen Waffen tauschen müssen. Dann würde kein Handwerk mehr vor den hungrigen Mäulern der Kriegsmaschine schützen.
Durch das kleine, rußbeschlagene Fenster seiner Schmiede sickerte das erste graue Licht des Tages. Draußen würde der Herbstfrost noch auf den Dächern glitzern und die Pfützen vom gestrigen Regen mit dünnem Eis überziehen. Der Boden um die Esse war warm von der Hitze der Kohlen, aber weiter hinten in der Schmiede herrschte die beißende Kälte der frühen Morgenstunden. Eine Erinnerung daran, dass der Winter vor der Tür stand und mit ihm noch härtere Zeiten.
Thorn erwachte aus seinen Träumereien. „Das wird wieder ein langer Tag”, murmelte er vor sich hin und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Redest du schon wieder mit dir selbst?”
Thorn zuckte zusammen und blickte auf. Edwin stand in der Türöffnung zur Wohnstube, rieb sich verschlafen die Augen und gähnte. Sein rotes Haar stand in alle Richtungen ab und er trug noch das zerknitterte Hemd, in dem er geschlafen hatte. Mit seinen fünfzehn Jahren war er bereits einen halben Kopf größer als jeder andere im Dorf, aber alle nannten ihn immer noch den kleinen Edd. In Momenten wie diesen sah er trotz seiner Größe immer noch aus wie der verängstigte Junge, den Thorn vor fünf Jahren aus dem Dorfbrunnen gerettet hatte.
„Du schlägst zu, als würdest du dem Eisen einen persönlichen Groll nachtragen”, sagte Edd und grinste.
Thorn blickte nicht auf. „Früh aufgestanden heute.”
„Aufgestanden?” Edd gähnte und trat näher zur Esse. „Ich bezweifle, dass du überhaupt geschlafen hast. Seit wann hämmerst du schon?”
„Seit drei. Vielleicht vier.”
Edd nickte wissend. „Die Träume wieder?”
Thorn nickte. „Immer dieselben. Wurzeln und Steine und ...”
„Und die Stimme”, ergänzte Edd.
„Ja.” Thorn war überrascht, dass er davon erzählt hatte. Normalerweise behielt er solche Dinge für sich.
„Du siehst aus, als hättest du mit einem Bären gekämpft”, bemerkte Edd. „Und verloren.”
„Fühl mich auch so.” Thorn tauchte das Hufeisen in den Wassertrog. Das Zischen des heißen Metalls war ihm so vertraut wie der Klang seines eigenen Atems. „Dieses Eisen ist Schrott. Wieder mal.”
Edd trat näher und betrachtete das Werkstück. „Sieht doch gut aus.”
„Für einen Laien vielleicht.” Thorn hielt das Hufeisen ins Licht. „Siehst du die Unreinheiten? Die rauen Stellen? Die kleinen dünnen Linien und Punkte? Früher hätte ich mich für so etwas geschämt.”
„Früher konntest du dir auch besseres Material leisten.”
„Genau das ist das Problem.” Thorn griff nach einem neuen Stück Roheisen: viel zu klein für den Preis, den er dafür bezahlt hatte. „Alles wird teurer, die Qualität schlechter, und die Kunden haben weniger Geld.”
Edd betrachtete das Eisenstück in Thorns Hand. „Das ist ja winzig. Was hat der Händler dafür verlangt?”
„Acht Kupfer.”
„Acht?” Edd pfiff leise. „Letztes Jahr hättest du für acht Kupfer einen ganzen Barren bekommen.”
„Letztes Jahr war vieles anders.” Thorn legte das Eisen ins Feuer und pumpte den Blasebalg. „Der Händler sagt, die Minen im Westen sind unsicher geworden. Räuber auf den Straßen, Armeen, die alles Metall für sich beanspruchen.”
„Und du glaubst ihm?”
„Spielt keine Rolle, was ich glaube. Es ist das einzige Material, das ich bekommen kann.” Thorn zog das glühende Eisen heraus und begann zu hämmern. „Weißt du, was das Schlimmste daran ist?”
„Naja, die Preise?”
„Nein. Dass meine Kunden es nicht sehen.” Thorn schlug härter zu, als nötig. „Sie sehen nur, dass sich meine Messer nicht mehr so scharf halten wie früher. Dass die Hufeisen schneller abnutzen. Sie denken, ich werde nachlässig.”
„Du könntest es ihnen erklären.”
Thorn lachte bitter. „Ja, sicher. ‚Entschuldigt, aber euer Messer ist Schrott, weil ich mir nur noch Schrott leisten kann.′ Das wird sie bestimmt beruhigen.”
„So schlimm ist es auch wieder nicht.”
„Ist es das nicht?” Thorn hielt inne und sah Edd direkt an. „Wann hast du das letzte Mal ein Werkstück von mir gesehen, auf das ich wirklich stolz war? Ich meine, richtig stolz, nicht nur ‚es funktioniert’?”
Edd öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder. Die Antwort lag in seinem Schweigen.
„Siehst du.” Thorn wandte sich wieder seiner Arbeit zu. „Ich werde zu einem mittelmäßigen Schmied, Edd. Nicht, weil ich schlechter geworden bin, sondern weil ich keine andere Wahl habe.”
Edd ließ das Thema fallen. Sie hatten diese Unterhaltung schon zu oft geführt. Wie immer gab es keine Lösungen, nur dieselben frustrierten Feststellungen. Manchmal war Schweigen besser als weitere nutzlose Worte.
Draußen wurde es langsam heller. Erste Stimmen drangen durch die dicken Steinwände. Dazu kam das vertraute Klappern hölzerner Schuhe auf Kopfsteinpflaster und das ferne Knarren von Türen, die geöffnet wurden. Die ersten richtigen Gespräche waren auf der Straße zu hören, wenn gute Freunde sich bei ihren Beschäftigungen über den Weg liefen, oder die ersten Feilschereien bei den kleinen Läden. Das vereinzelte Klingeln eines Kettenhemdes erklang, wenn ein Rekrutierungsoffizier mit seinem Stab vorbeikam. Das Übliche.
Aber da war noch etwas anderes in ihren Stimmen. Eine Art Unruhe, die über die gewöhnlichen Sorgen um Krieg und Alltag hinausging. Etwas Instinktives, das sich nicht mit Worten erklären ließ. Als würden die Menschen etwas spüren, was sie nicht benennen konnten, eine Vorahnung, die ihnen das Rückgrat hinunterlief und sie dazu brachte, öfter über die Schulter zu blicken.
In den vergangenen Wochen hatten sich die Geschichten gehäuft, wie Gewitterwolken am Horizont. Geschichten, die selbst hart gesottene Bauern mit gesenkter Stimme erzählten. Aldric berichtete von einem seiner Weizenfelder, das über Nacht von sattem Gold zu krankem Grau verfärbt war. Nicht verdorrt oder verbrannt, sondern einfach ... leer. Als hätte das Leben selbst beschlossen, fortzugehen.
Hedvars Brunnen, der seit drei Generationen das klarste Wasser der Gegend spendete, schmeckte plötzlich bitter wie Wermut. Seine Kühe tranken daraus und wurden krank, aber nicht auf eine Art, die Heilerin Sarella kannte.
Die Tiere spürten es zuerst, das wusste jeder, der mit ihnen lebte. Joriks Katze, normalerweise ein faules Ding, das sich gern am Kaminfeuer räkelte, saß seit Monaten regungslos auf der Türschwelle. Sie starrte unverwandt zu den Bergen hinauf, die Ohren angelegt, das Fell gesträubt, als würde sie etwas Unsichtbares beobachten. Kein Zureden, kein Futter konnte sie bewegen, auch nur einen Schritt aus dem Haus zu setzen.
Aldrics Schafe drängten sich in der südwestlichen Ecke ihrer Weide zusammen, wie verängstigte Kinder. Der Bereich näher zum Waldrand – früher ihr liebster Platz zum Grasen – blieb unberührt. Auch wenn er sie mit dem Stock antrieb, kehrten sie sofort zu ihrem selbst gewählten Gefängnis zurück, blökend vor Angst.
Die alten Frauen des Dorfes nickten wissend, wenn solche Geschichten erzählt wurden. Sie murmelten von schlechten Omen und kramten Prophezeiungen aus den Tiefen ihrer Erinnerung hervor. Düstere Verse, die ihre Großmütter einst geflüstert hatten. Manche sprachen von der „Stille”, einem Begriff, den Thorn aus den Märchen seiner Kindheit kannte, dessen wahre Bedeutung ihm aber entglitt wie Wasser zwischen den Fingern.
Was auch immer es war, es lag in der Luft, wie der Geruch vor einem Gewitter. Unsichtbar, aber unbestreitbar da.
„Thorn! Edd! Wenn ihr nicht bald kommt, wird das Frühstück kalt!“, rief Lina.
Ihre Stimme drang durch die dünne Wand zwischen Schmiede und Wohnbereich. Sie klang fröhlich, aber Thorn hörte die Anstrengung dahinter, die Art, wie seine Schwester immer versuchte, gute Stimmung zu verbreiten, wenn sie sich Sorgen machte.
Thorn wusch sich den gröbsten Ruß von den Händen und ging mit Edd durch die kleine Tür in die Wohnstube hinüber. Auf dem Weg brach eine kurze Rangelei aus, die wie immer unentschieden ausging. Lachend und schnaufend traten sie in die kleine Küche ein. Der Raum war warm und einladend, erfüllt vom Duft gebackenen Brotes und gebratener Eier. Thorns Schwester Lina stand am Herd, ihre langen kastanienbraunen Locken sorgfältig zu einem Knoten gebunden, und rührte in einer Pfanne voller Rührei. Sie hatte das wunderschöne Gesicht ihrer Mutter geerbt und auf ihrer rechten Wange befand sich noch etwas Mehl.
Die Küche war das Herzstück ihres kleinen Hauses. Ein gemütlicher Raum mit einem großen Steinherd, an dem ihre Mutter früher gestanden hatte. Die Kupfertöpfe und -pfannen hingen an Haken an der Wand, poliert und glänzend trotz ihres Alters. Der große Holztisch in der Mitte des Raumes war abgenutzt von Jahren des Gebrauchs, seine Oberfläche von unzähligen Mahlzeiten und Gesprächen gezeichnet.
„Das riecht nach einem Festmahl”, sagte Thorn, trat zu seiner Schwester und strich ihr mit dem Daumen das Mehl aus dem Gesicht.
„Nun ja ...” Sie lächelte, aber ihre Augen wanderten nervös zu seinem Gesicht, als hätte sie mit dem leckeren Esen etwas angestellt. „Es ist Markttag. Da solltet ihr ordentlich gegessen haben.”
„Seit wann machst du dir Sorgen, ob wir ordentlich essen?“, fragte Edd grinsend. „Normalerweise scheuchst du uns mit trockenem Brot aus dem Haus.”
„Sei nicht frech.” Lina rührte energisch in der Pfanne. „Setzt euch. Es ist fast fertig.”
Aurelia saß auf ihrem Stuhl, die Beine baumelnd, und musterte ihre große Schwester mit der unerbittlichen Neugier einer Siebenjährigen. Ihre blonden Haare hingen ihr ins Gesicht, und in der Hand hielt sie den kleinen Holzritter, den Thorn für sie geschnitzt hatte. Das Spielzeug war aus einem Stück Birkenholz gefertigt, das er im letzten Frühjahr gefunden hatte. Es hatte ihn Stunden gekostet, die feinen Details auszuarbeiten. Den Helm, das winzige Schwert, die Verzierungen am Schild. Die Arme liesen sich sogar bewegen.
„Lina ist heute sehr geheimnissvoll”, verkündete sie. „Und sie war schon vor Sonnenaufgang wach.”
„Auri!“, murmelte Lina, aber sie lächelte dabei.
Die gewohnte Neckerei zwischen seinen Schwestern beruhigte Thorn. Hier, in dieser warmen Stube, bei diesem reichhaltigen Frühstück, konnte er fast vergessen, wie schwer die Zeiten geworden waren. Fast.
„Und sie hat den guten Speck geholt”, fügte Auri hinzu. „Den versteckten.”
Thorn setzte sich und musterte seine Schwester. „Welchen versteckten Speck?”
„Es ist nur ...” Lina stellte dampfende Teller vor sie hin: Rührei mit Kräutern, warmes Brot mit Butter und tatsächlich mehrere Scheiben geräucherten Specks. „Ich dachte, ihr könntet heute etwas Besonderes gebrauchen.”
„Das ist mehr Essen, als wir normalerweise in drei Tagen verbrauchen”, sagte Edd und schnitt ein Stück Speck ab.
„Edd”, warnte Thorn leise.
„Was? Es stimmt doch.” Edd sah zwischen den Geschwistern hin und her. „Nicht, dass ich mich beschwere, aber ... wo kommt das alles her?”
Lina wich Thorns Blick aus, ihre Wangen röteten sich leicht.
„Ich habe ein paar Sachen verkauft.”
„Was für Sachen?“, fragte Thorn, obwohl er die Antwort bereits ahnte.
„Nur ... alte Sachen. Dinge, die wir nicht benötigen.”
Auri hüpfte auf ihrem Stuhl. „Sie hat die hübsche Brosche verkauft! Die mit dem roten Stein!”
Die Stille, die folgte, war erdrückend. Thorn starrte seine Schwester an, während der Speck in seinem Mund nach Asche schmeckte.
„Lina”, sagte er schließlich. „Das war Mutters Brosche.”
„Mutter ist tot”, antwortete Lina mit fester Stimme. „Aber ihr seid es nicht. Und wenn ihr verhungert, hilft mir die schönste Brosche der Welt nichts.”
„Es war das Einzige, was dir von ihr geblieben ist.”
„Nein.” Lina sah ihn direkt an. „Ihr seid mir geblieben. Auri ist mir geblieben. Das ist wichtiger als jeder Schmuck.”
Edd räusperte sich unbeholfen. „Vielleicht sollten wir einfach ...?”
„Nein”, unterbrach Thorn. „Lina, das war nicht nötig. Wir kommen schon zurecht.”
„Wirklich?” Sie lachte bitter. „Wann hast du das letzte Mal richtig geschlafen? Wann warst du das letzte Mal zufrieden mit einem Verkaufstag? Wann hast du das letzte Mal gelächelt, ohne dir dabei Sorgen zu machen?”
Die Fragen trafen wie Pfeile. Thorn öffnete den Mund, um zu antworten, aber keine Worte kamen.
„Siehst du?” Lina wandte sich ab. „Es wird Zeit, dass wir der Wahrheit ins Gesicht sehen.”
„Und welche Wahrheit ist das?”
„Dass es so nicht weitergehen kann.”
Thorn starrte auf seinen Teller. Von dem Speckgeruch wurde ihm übel, nicht wegen seiner Qualität, sondern wegen des Opfers, das dahintersteckte.
Er aß schweigend zu Ende, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Weil er keine Antworten hatte, die sie zufriedenstellen würden.
Eine halbe Stunde später schnallte er seine Werkzeugtasche um und warf seinen abgetragenen Mantel über die Schultern. „Fertig, Edd?”
„Seit zehn Minuten.” Edd stand bereits an der Tür, die Hände in den Taschen vergraben.
Thorn hielt Auri in die Luft und wirbelte sie herum, so wie sie es am liebsten mochte und küsste Lina auf die Stirn. „Wir sehen uns heute Abend.”
„Passt auf euch auf”, murmelte sie.
Die Morgenkälte traf sie wie eine Ohrfeige, als sie das warme Haus verließen. Thorn schloss die schwere Holztür hinter sich und atmete tief ein. Sein Atem bildete kleine, weiße Wölkchen vor seinem Gesicht, und der Frost knirschte unter seinen Stiefeln.
„Sie macht sich Sorgen”, sagte Edd, während sie noch vor dem kleinen Haus standen. „Sie liebt dich. Euch alle.”
„Das weiß ich auch.”
Edd blieb stehen. „Aber?”
Thorn seufzte. „Aber das macht es nicht weniger wahr, was sie gesagt hat.”
Dunlar lag vor ihnen. Die schmalen Gassen zwischen den niedrigen Häusern waren leer, bis auf ein paar Frühaufsteher und Hühner, die zwischen den Pflastersteinen nach Körnern pickten. Rauch stieg träge aus den Kaminen auf. Er vermischte sich mit dem Nebel und legte einen dünnen Schleier über das ganze Dorf.
Die Häuser waren einfach, aber solide gebaut. Feldstein und Holz, mit dicken Reetdächern gegen den Winter. Manche waren älter als andere. Die ältesten waren wie Thorns haus aus dem Granit des Teren Gebirges erbaut. Aber davon gab es nur noch acht. Ihre Wände waren von den Jahren und dem Wetter gezeichnet, die Türbalken vom Alter gekrümmt. Aber alle wirkten gepflegt, liebevoll instand gehalten, von Menschen, die wenig besaßen, aber auf das achteten, was sie hatten. Die wenigen Menschen, die bereits unterwegs waren, bewegten sich schneller als gewöhnlich, hielten ihre Köpfe gesenkt und mieden Blickkontakt. Frau Grul, die normalerweise jeden Morgen ihre Fensterläden mit einem fröhlichen Gruß öffnete, spähte nur kurz heraus und zog sie dann schnell wieder zu.
„Seltsame Stimmung heute”, murmelte Edd.
„Liegt an den Gerüchten”, sagte Thorn leise. „Die Leute haben Angst.”
Während sie den gepflasterten Weg zum Marktplatz hinuntergingen, konnte Thorn das Dorf in seiner ganzen Bescheidenheit überblicken. Etwa dreihundert Menschen lebten hier, in vielleicht achtzig Häusern. Diese Häuser gruppierten sich um den zentralen Platz, wie Küken um ihre Mutter. Es war nicht groß genug, um eine richtige Stadt zu sein, aber auch zu bedeutend, um nur normales Dorf genannt zu werden. Das lag vor allem an Dunlars ungewöhnlicher Lage. Der Ort hatte sich über die Jahrhunderte in einer natürlichen Senke zwischen den Bergen entwickelt. Er lag genau dort, wo die Grenzlinien der Königreiche Grint und Trias aufeinandertrafen. Offiziell gehörte Dunlar zu keinem von beiden. Es war zu weit von den Zentren der Macht entfernt, um dauerhaft kontrolliert zu werden, und zu abgelegen, um strategisch wichtig zu sein.
Diese politische Leere hatte ihre Vor- und Nachteile: Keine Steuereintreiber kamen regelmäßig hierher, aber auch keine Patrouillen, die für Ordnung sorgten. Die Menschen regelten ihre Angelegenheiten selbst. Meist funktionierte das gut. In schweren Zeiten bedeutete es jedoch, dass sie ganz auf sich allein gestellt waren.
Es gab mehrere Brunnen, aus dem klares Bergwasser sprudelte. Thorn hatte natürlich seinen eigenen. Die kleine Kapelle mit ihrem schiefergedeckten Turm. Das Gasthaus „Zum rostigen Kelch”, wo die Männer abends ihre Sorgen ertränkten. Willems Bäckerei, aus der normalerweise schon morgens der Duft frischen Brots drang.
Und hinter allem, wie eine gewaltige Mauer gegen den Himmel, erhob sich das Teren-Gebirge.
Die Berge waren das Erste, was man sah, wenn man aus dem Haus trat, und das Letzte beim Zubettgehen. Ihre Gipfel ragten so hoch auf, dass sie selbst an klaren Tagen in Wolken gehüllt waren. Im Morgenlicht wirkten sie bläulich-grau, ihre Konturen weich vom Dunst. Aber Thorn wusste, wie schnell sich das ändern konnte, wie bedrohlich sie werden konnten, wenn Stürme über sie hinwegfegten oder der Winter sie in Eis und Schnee hüllte.
Das Teren-Gebirge war ein alter Freund und ein alter Feind zugleich. Es schützte das Dorf vor den schlimmsten Winden aus dem Norden, aber es machte auch den Handel schwer. Die wenigen Pässe waren gefährlich und im Winter oft unpassierbar. Es spendete klares Wasser und reiche Jagdgründe, aber es forderte auch seinen Tribut von denen, die sich in seine Höhen wagten.
Heute wirkten die Berge bedrohlicher als sonst. Ihre Gipfel waren in dunkle Wolken gehüllt, die sich wie Rauch vom Schlachtfeld über den Himmel legten.
„Kalt heute”, murmelte Edd und zog seinen dünnen Mantel enger um die Schultern.
„Der Winter kommt früh dieses Jahr”, antwortete Thorn. Die Luft roch nach kommendem Schnee, nach jener besonderen Schärfe, die nur die hohen Berge mit sich brachten. Aber da war noch etwas anderes in der Luft, ein metallischer Geschmack, der an Blut erinnerte.
Sie passierten das Haus der Witwe Marta, deren kleine Fenster normalerweise bereits hell erleuchtet waren. Sie pflegte früh aufzustehen und an ihrem Webstuhl zu sitzen, wo sie die Schals und Decken fertigstellte, die sie auf dem Markt verkaufte. Heute waren ihre Fenster dunkel, die Läden fest geschlossen.
Aus Joriks Töpferei drang kein Geräusch. Kein rhythmisches Quietschen der Drehscheibe, das normalerweise die Morgenstille durchbrach. Der alte Mann war sonst ein Frühaufsteher wie Thorn selbst, aber heute schien auch er sich in seinem Haus zu verkriechen.
Sie gingen weiter, und endlich lag der Marktplatz vor ihnen im fahlen Morgenlicht, noch leerer als gewöhnlich. Der viereckige Platz war größer, als man ihn von einem Ort wie Dunlar erwarten würde. Ein Überbleibsel aus besseren Zeiten, als hier wichtige Handelswege zusammentrafen und Kaufleute aus fernen Landen ihre Waren anboten. Damals war Dunlars unabhängiger Status ein Vorteil gewesen: Händler konnten hier Geschäfte machen, ohne sich um die wechselnden Zölle und Gesetze zweier verschiedener Königreiche kümmern zu müssen.
Thorn erinnerte sich noch an seine Kindheit, als der Platz an Markttagen kaum zu überblicken war: Dutzende von Ständen, Hunderte von Menschen, ein Durcheinander aus Stimmen, Gerüchen und Farben, das die Sinne überwältigte. Fahrende Händler aus fernen Städten boten exotische Waren an: Gewürze aus den südlichen Wüsten, Seide und Schmuck aus dem Osten, kunstvolle Waffen aus den Schmieden der Hauptstädte. Spielleute unterhielten die Menge mit Liedern und Geschichten, Gaukler zeigten ihre Kunststücke, und selbst die ärmsten Dorfbewohner konnten sich kleine Freuden leisten.
Jetzt standen vielleicht ein Dutzend Stände auf dem Platz, und die meisten gehörten Einheimischen. Von den großen Handelskompanien, die früher regelmäßig kamen, war keine Spur. Die letzten fahrenden Händler hatten Dunlar vor Monaten verlassen, als die Straßen zu unsicher geworden waren.
„Traurig, was?“, murmelte Edd, während sie ihren eigenen kleinen Stand aufbauten.
„Was meinst du?”
Edd deutete mit dem Kopf auf den halbleeren Platz. „Das hier. Früher war doch immer was los.”
„Die Zeiten ändern sich”, sagte Thorn und arrangierte seine Waren auf dem groben Holztisch: ein paar Messer, die er in den letzten Wochen geschmiedet hatte, einige Pfeilspitzen, Hufnägel. Alles einfache Arbeiten, aber solide gemacht. „Es kann sich sowieso keiner etwas von den Auswertigen Händlern leisten Edd. Wieso sollten sie sich also die Mühe machen hierher zu kommen? Die Menschen müssen sich anpassen.”
„Oder wegziehen”, sagte eine Stimme hinter ihnen.