Die letzte Königin (Band 2)

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Summary

Amelia wollte ein normales Leben. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Nach ihrer Entführung findet sie sich in den Händen jener wieder, die längst wussten, wer sie ist – und was sie bedeutet. Während Nando alles daran setzt, sie zu finden, beginnt für Amelia ein Weg, der sie zwingt, sich ihrer Herkunft zu stellen. Ein Weg, der ihr keine Wahl lässt und sie vor Entscheidungen stellt, die nicht länger aufgeschoben werden können.

Genre
Fantasy
Author
VitaMia
Status
Complete
Chapters
36
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
18+

Amelia

»Amelia?«

Die Stimme tauchte plötzlich in meinem Kopf auf, leise und doch so deutlich, dass sie sich wie ein fremder Gedanke zwischen meine eigenen schob. Ich runzelte die Stirn, verzog das Gesicht und stöhnte unwillkürlich auf, weil sich in meinem Schädel augenblicklich ein dumpfer, pulsierender Schmerz ausbreitete, als hätte jemand beschlossen, dort ein kleines, aber sehr engagiertes Schlagzeugsolo zu veranstalten. Meine Schläfen pochten, mein Nacken fühlte sich steif an, und mein ganzer Kopf schien viel zu schwer für meinen Körper zu sein.

Habe ich gestern zu lange gefeiert?

Der Gedanke kam träge und unerquicklich, begleitet von dem unangenehmen Gefühl, dass mein Gehirn gerade nur im Energiesparmodus lief. Ich versuchte, mich zu erinnern, ließ meine Gedanken rückwärts tasten, doch alles fühlte sich unscharf an, wie Bilder, die man durch beschlagenes Glas betrachtet. Tanzen vielleicht. Stimmen. Lichter.

Und dann ein weiterer Gedanke, deutlich klarer als der Rest: Tante Lara.

Nein. Ganz sicher nicht. Tante Lara liebte es zu feiern, sie lebte praktisch für gute Musik, laute Bars und viel zu späte Nächte, aber sie hatte eiserne Regeln. Unter der Woche wurde nicht gefeiert. Niemals. Dafür war sie viel zu verantwortungsbewusst. Und selbst wenn sie eine Ausnahme gemacht hätte, hätte sie mich spätestens um Mitternacht ins Bett befördert und mir einen Vortrag darüber gehalten, dass Schlafmangel schlecht für Konzentration, Laune und Weltherrschaft sei.

»Amelia!!!«

Die Stimme kam erneut, dieses Mal lauter, dringlicher, und riss mich unsanft aus meinem inneren Nebel. Ich zuckte leicht zusammen, mein Herz machte einen kleinen, alarmierten Satz, als plötzlich die Erkenntnis einschlug. Diese Stimme kannte ich. Zu gut.

»Nando?! Wo bist du?!«murmelte ich durch die Gedankenverbindung, meine Stimme klang rau, verschlafen und ehrlich gesagt ziemlich beleidigt darüber, dass man mich offenbar ohne Rücksicht auf meine Kopfschmerzen weckte. Ich gähnte sogar dabei, ein langes, unkontrolliertes Gähnen, das so gar nicht zu der leisen Unruhe passte, die sich langsam in mir ausbreitete.

»Amelia, ich versuche dich die ganze Zeit zu erreichen! Du wurdest entführt. Mit Sofia!«

In dem Moment riss ich die Augen auf.

Nicht langsam, nicht vorsichtig, sondern schlagartig, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Meine Sicht war verschwommen, tanzte vor meinen Augen, doch selbst durch den Nebel hindurch erkannte ich den Körper neben mir. Zu still. Zu reglos.

Sofia.

Sie lag direkt neben mir, ihr Kopf leicht zur Seite gefallen, die dunklen Haare wirr über ihr Gesicht verteilt. Ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig, sie atmete, aber sie war bewusstlos. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, und ich kniff die Augen zusammen, während sich Wut heiß und scharf in mir ausbreitete.

Welche Bastarde haben uns entführt?!

Der Gedanke war klarer als alles andere, was ich bisher gedacht hatte, und trieb mich dazu, mich zu bewegen. Ich versuchte es vorsichtig, spannte meine Muskeln an, wollte mich zumindest ein Stück aufrichten oder meine Arme bewegen, doch mein Körper reagierte nur verzögert, als würde er erst überlegen müssen, ob er mir überhaupt gehorchen wollte. Ein dumpfes Ziehen ging durch meine Glieder, meine Beine fühlten sich schwer und fremd an, und mir wurde schlagartig klar, dass die Droge, die sie mir gespritzt hatten, noch immer durch meinen Körper kroch und mich benommen hielt.

Großartig. Wirklich großartig.

Und irgendwo tief in mir regte sich trotz der Angst ein bitterer, fast sarkastischer Gedanke: Das hier würde ein verdammt schlechtes Erwachen werden.

»Sag mir bitte, dass es euch gut geht!«

Nandos Stimme drängte sich erneut durch die Gedankenverbindung, angespannt und rau, und selbst ohne ihn sehen zu können, hörte ich die blanke Sorge darin, dieses Zittern unter der Kontrolle, das er nur dann hatte, wenn er versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl in ihm längst alles nach Alarm schrie.

»Ja, Nando«, antwortete ich und verzog unwillkürlich das Gesicht, als eine weitere Welle von Kopfschmerzen durch meinen Schädel zog, dumpf, pochend und hartnäckig, als hätte jemand beschlossen, genau dort ein kleines, aber äußerst ambitioniertes Chaos zu veranstalten. »Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich hab zwar mega Kopfschmerzen und mein Kopf fühlt sich an, als hätte jemand versucht, ihn von innen neu zu sortieren, aber die Droge lässt langsam nach. Sofia ist noch bewusstlos.«

Allein diese letzten Worte ließen etwas Schweres in meiner Brust absacken, und während ich tief durchatmete, ließ ich meinen Blick kurz zu ihr gleiten, um mich selbst davon zu überzeugen, dass sie noch atmete, dass ihr Brustkorb sich hob und senkte, auch wenn sie vollkommen reglos neben mir lag.

Als ich mich vorsichtig bewegte, um meine Position zu verändern, spürte ich den Widerstand an meinen Handgelenken und runzelte die Stirn, weil sich das Ziehen eindeutig nicht nach Muskelkater oder ungünstiger Lage anfühlte. Erst als ich den Blick senkte, sah ich das Seil, das meine Arme fesselte, rau, fest und eindeutig nicht dekorativ gemeint, doch zu meiner eigenen Überraschung regte sich in mir kein Fluchen, kein panischer Gedanke, sondern nur diese kühle, klare Ruhe, die sich immer dann ausbreitete, wenn mein Wolf sich meldete und mir deutlich machte, dass Panik jetzt wirklich Zeitverschwendung wäre.

Ich schloss kurz die Augen, konzentrierte mich auf die Kraft in mir, auf dieses vertraute Ziehen unter der Haut, das sich anfühlte wie ein tiefes Einatmen vor einem Sprung, spannte meine Arme an und riss das Seil ohne großes Drama entzwei, wobei mir ein leises Stöhnen entwich, als meine Hände endlich frei waren und das Blut wieder prickelnd in meine Finger zurückkehrte.

Langsam setzte ich mich richtig aufrecht hin, ließ mir dabei bewusst Zeit, weil mein Kopf noch immer leicht schwankte, und sah mich schließlich genauer um, während mein Blick durch den dunklen Raum wanderte, in dem wir uns befanden. Zuerst dachte ich an einen Kofferraum, doch dafür war dieser Ort viel zu groß, zu hoch und zu leer, eher ein abgetrennter Laderaum aus Metall, funktional, kalt und irgendwie beunruhigend ordentlich, sodass mir sofort klar wurde, dass das hier kein normales Fahrzeug war.

Ich konnte nicht erkennen, wo die Männer waren, denn zwischen uns musste eine feste Trennwand sein, durch die weder Licht noch Stimmen drangen, und alles, was mir blieb, war das tiefe Brummen des Motors und das gleichmäßige Vibrieren des Bodens unter mir, das mir verriet, dass wir uns bewegten, irgendwohin, wohin ich wirklich gern einen Blick auf die Landkarte geworfen hätte. So etwas hatte ich noch nie gesehen, einen Transporter dieser Art, aber gut, wer war ich, um das zu beurteilen, schließlich hatte ich auch noch nie eine Entführung geplant, und wenn ich es getan hätte, dann ganz sicher nicht so.

»Amelia, wir werden euch finden«, hörte ich Nando erneut, seine Stimme jetzt fester und gleichzeitig verzweifelter, als würde er sich an diesen Worten festhalten, während draußen vermutlich gerade alles eskalierte. »Diego ist am Durchdrehen wegen Sofia.«

Ich schluckte, sammelte mich kurz und richtete meine Aufmerksamkeit wieder ganz auf den Transporter um uns herum, während mein Herz noch immer schneller schlug, als mir lieb war. Vorsichtig begann ich, mich über den Boden in Richtung der Tür zu bewegen, krabbelte langsam vorwärts und tastete mit den Fingerspitzen die kalte, glatte Oberfläche ab, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis zu finden, der mir verraten würde, wo wir uns befanden oder zumindest, wohin sie uns brachten.

»Nando?«, murmelte ich leise in die Gedankenverbindung hinein, während ich mich Stück für Stück weiterbewegte. »Da wir uns unterhalten können, müssen wir noch in der Nähe von San Sebastián sein, oder?!«

Endlich erreichte ich die Tür und setzte mich vorsichtig richtig hin, mein Rücken lehnte gegen das Metall, während ich versuchte, durch einen schmalen Spalt nach draußen zu sehen. Was ich sah, ließ mich leise schnauben. Bäume. Sehr viele Bäume. So viele verdammte Bäume, dass mir sofort klar wurde, dass wir uns irgendwo im Wald befinden mussten. Keine Häuser, keine Straßenlaternen, nur Grün, das an uns vorbeizog, als hätte jemand beschlossen, uns in eine besonders schlecht beleuchtete Naturdokumentation zu entführen.

»Ja, Amelia«, murmelte Nando zurück, seine Stimme klang konzentriert und angespannt zugleich. »Sobald ihr euch weiter entfernt, ist es mir nicht mehr möglich, mit dir über die Gedankenverbindung zu sprechen.«

Ich starrte weiter hinaus, suchte fieberhaft nach irgendetwas Verwertbarem, doch da war kein Schild, keine Abzweigung, nichts. Nada. Nur Wald, Wald und noch mehr Wald, der langsam an mir vorbeiglitt und mir das ungute Gefühl gab, dass wir uns mit jeder Sekunde weiter von allem entfernten, was mir vertraut war.

»Dann haben Sofia und ich ziemlich verkackt, Nando«, sagte ich trocken und seufzte leise, während ich mir mit der freien Hand über das Gesicht fuhr.

Ich zwang mich trotzdem weiterzuschauen, ließ meinen Blick nicht locker, auch wenn meine Augen bereits brannten. Und dann sah ich es endlich. Ein Schild. Klein, unscheinbar, aber wunderschön.

Gijón 10 Kilometer.

»Nando!«, schoss es sofort aus mir heraus, meine Stimme klang aufgeregt und erleichtert zugleich. »Wir sind in zehn Kilometern in Gijón!«

Ich atmete tief auf, als hätte allein diese Information mir ein Stück Kontrolle zurückgegeben, und lehnte den Kopf kurz gegen die kalte Tür, während mein Herz etwas langsamer schlug.

»Gijón?!«, kam es prompt zurück. »Dann fahrt ihr in Richtung Osten. Ich sage Tante Lara Bescheid, damit sie ein Portal zu euch öffnen kann.«

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, wurde die Gedankenverbindung abrupt still, als hätte jemand einen Vorhang zugezogen. Die vertraute Wärme verschwand, und ich blieb mit dem leisen Dröhnen des Motors und meinen eigenen Gedanken zurück.

Ich seufzte erneut, schloss kurz die Augen und murmelte halblaut:

»Na super. Entführt, gefesselt und jetzt auch noch auf magische Abholung angewiesen. Das läuft heute wirklich hervorragend.«

Dann öffnete ich die Augen wieder und sah hinaus in den Wald, der dicht und endlos an uns vorbeizog, und in mir formte sich dieser eine feste Entschluss, der immer dann kam, wenn ich wusste, dass Still rumsitzen definitiv nicht zu meinen Stärken gehörte. Ich konnte hier nicht einfach liegen bleiben und hoffen, dass sich alles von selbst löste. Nein. Ich musste diese verdammte Tür öffnen, Sofia mitnehmen und dann einfach springen und ernsthaft darauf hoffen, dass wir beide lebend aus dieser Aktion herauskamen, auch wenn mein Plan ungefähr so solide war wie ein Kartenhaus im Sturm.

Mit diesem ausgesprochen optimistischen Gedanken krabbelte ich wieder zu Sofia zurück und musterte sie kurz, während ich nach irgendwelchen Fesseln suchte. Zu meiner Überraschung fand ich kein Seil an ihren Händen, was mir ein leises, fast schon erleichtertes Schnauben entlockte, denn wenigstens musste ich nicht auch noch improvisiert Knoten lösen. Vorsichtig packte ich sie unter den Ellenbogen, zog sie Stück für Stück zu mir heran und begann, sie mit mir zusammen in Richtung der Tür zu schleifen, wobei ich mir fest vornahm, später nicht darüber nachzudenken, wie absurd diese Situation eigentlich war.

»Amelia! Verdammt noch mal, hörst du mich?«

Nandos Stimme brummte plötzlich wieder durch die Gedankenverbindung, angespannt und scharf, als wäre er nur einen Atemzug davon entfernt, komplett die Kontrolle zu verlieren.

»Jaaaaa, Nando«, murmelte ich leise zurück, ohne den Blick von der Tür zu nehmen, während ich versuchte, Sofia so stabil wie möglich bei mir zu halten. »Aber ich muss mich jetzt konzentrieren.«

»Konzentrieren?!« fragte er misstrauisch, und ich konnte förmlich hören, wie er innerlich alle möglichen Katastrophenszenarien durchging.

Ich zögerte einen Moment, ließ meinen Blick über die massive Hintertür des Transporters wandern und zog die Antwort bewusst in die Länge, während ich selbst noch versuchte, meinen Plan in meinem Kopf zu sortieren.

»Nun«, sagte ich gedehnt und verzog leicht den Mund, »ich versuche gerade, die Hintertüren des Transporters zu öffnen und dann springen Sofia und ich raus.«

Ich richtete mich ein wenig auf, fühlte mich trotz der vollkommen fragwürdigen Idee seltsam stolz und fügte ehrlich hinzu, während mir selbst klar wurde, wie verrückt das klang: »Also… sowas habe ich noch nie gemacht.«

Einen kurzen Moment lang herrschte Stille in der Verbindung, als würde Nandos Gehirn gerade einen kompletten Neustart durchführen.

»Okei, das… Moment mal WAS?!« Dann explodierte seine Stimme.

Ich musste kurz grinsen, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug, während ich meine Finger bereits suchend an der Tür entlanggleiten ließ und mir dachte, dass das hier vielleicht nicht mein bester Plan war, aber definitiv der spannendste.