Kapitel 1 – Der richtige Weg
Das Zwitschern der Vögel drang zusammen mit den warmen Sonnenstrahlen des Sommers durch das große Küchenfenster ein. Warmes Wasser umspülte immer wieder ihre Hände, die sie tief hinein tauchte. Stück für Stück entfernte sie die Essensreste und stellte das saubere Kochgeschirr neben die Spüle zum Abtropfen.
Sie nickte leicht im Takt des rockigen Liedes, das sich sanft um ihre Gedanken schmiegte. Als sie neben den Topf auch die Pfanne gesäubert hatte, öffnete sie den Abfluss und trocknete ihre Hände ab.
Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie wischte mit dem noch feuchten Lappen über die Anrichte und das Kochfeld, genauso wie über die weißen Fliesen der Wände. Eine einfache Routine, die dafür sorgte, dass eine gewisse Grundsauberkeit blieb.
Sie wusch den Lappen aus, drückte das überschüssige Wasser heraus und hing ihn zum Abtropfen über den Wasserhahn. Das Lied verstummte und die Stimme des Nachrichtensprechers erklang:
„Wir haben es jetzt Punkt zehn Uhr und das Parlament hat gerade einem neuen Gesetzesentwurf zugestimmt, der in den letzten Wochen heiß diskutiert wurde. Jetzt ist es aber sicher, die Frauenquote kommt. Dieses Gesetz legt fest, dass ein bestimmter Prozentsatz in führenden und gut bezahlten Berufen von Frauen besetzt werden müssen. Hier hatte man sich vorläufig auf fünf Prozent geeinigt.“ Endlich!
Das Lächeln wuchs auf ihren Lippen. Dieser Tag konnte nicht besser werden. Seit Jahren hatte sie darauf hingearbeitet, seit dem Tag, an dem sie ihren CEO Posten auf Grund der Geburt ihrer Tochter verloren hatte. Bis heute verstand sie nicht, warum sie nicht mehr dafür geeignet sein sollte, nur weil sie jetzt Mutter war.
Die restlichen Nachrichten ignorierte sie, genauso wie den Wetterbericht. Alles war unbedeutend neben dieser Neuerung. Ein weiterer wichtiger Schritt war neben dem Wahlrecht, dem weltweiten Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe und der Selbstbestimmung der Frau, die durch die Legitimation der Abtreibung erfolgt war, geschafft.
Sie holte eine kleine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank, die sie öffnete und sich selbst eingoss. Die sprudelnde gelbe Flüssigkeit glitt in das Glas und füllte es bis fast zum Rand. Leicht schwenkte sie es und lehnte sich mit dem Rücken an die Anrichte.
Ihr Blick glitt über die Theke hinaus in das große Wohnzimmer, das gerade unbewohnt war. Sowohl ihr Mann als auch ihre Tochter waren unterwegs. „Das haben wir gut gemacht, Hannah. Die Welt ist endlich auf dem richtigen Weg.“
Sie nippte an dem Glas und schleckte sich über ihre vollen Lippen. Sanft strich sie sich eine ihrer kurzen blonden Strähnen hinters Ohr und trank einen weiteren Schluck aus ihrem Glas, während sie der leisen Ballade lauschte, die sich sanft im Raum ausbreitete.
„Jetzt können die Frauen selbstständiger sein und haben auch die Möglichkeit der Hauptverdiener zu sein.“ Sie leerte das Glas und stellte es in die Spülmaschine. Beschwingt verließ sie die Küche und machte sich durch das Wohnzimmer auf den Weg in den Flur.
Sie schlüpfte in ihre braunen Stiefeletten und angelte ihren Schlüssel vom Schlüsselbrett neben der Tür. Vier Haken. Nur noch einer war belegt. Der Ersatzschlüssel für einen möglichen Haussitter.
Noch ein letztes Mal lauschte sie in den Raum und der sanften Ballade, die auch hier leise ertönte. Die letzten Noten verklangen. „Alexa, ausschalten.“
Das Lied verstummte und die Stille breitete sich weiter in dem Raum aus. Noch ein letzter Blick in die ruhige Wohnung, bevor sie die Tür hinter sich zu zog und das Gebäude über den Aufzug verließ.
Immer wieder wiederholte sie die Worte des Reporters in ihren Gedanken und all die Proteste kamen ihr wieder in den Sinn. Jedes Mal, wenn sie auf der Straße oder vor ihrem Chef stand und um ihren alten Job bat. All die Bewerbungsgespräche, die ihr den Posten verweigerten, weil niemand glaubte, dass sie die Arbeit und das Kind unter einen Hut brachte. Jetzt hatte sie einen neuen Hebel bekommen, der ihr hoffentlich einen Teil ihres alten Lebens zurückgab.
Sie holte tief Luft und trat auf den Bürgersteig. Die Sonne schien ihr warm ins Gesicht und verstärkte das Lächeln auf ihren Lippen erneut. Das nächste Bewerbungsgespräch wartete auf sie. Eines, das sie dieses Mal rocken wollte, um endlich wieder das zu sein, was sie vor der Geburt war: CEO.
Dafür hatte sie studiert. Das wollte sie machen und nicht die Sekretärin von einem sein, aber genau das war sie. Mehr traute man ihr nicht zu. Einer Mutter, mit einem Grundschulkind. Immer wieder hatte man ihr gesagt, dass das Kind doch seine Mutter brauchte. Dass sie zuhause bleiben sollte. Für ihren Mann kochen sollte und jedes Mal verlor sie nach dem vierten oder fünften Argument in diese Richtung die Geduld, sodass man sie für ungeeignet hielt. Cholerisch und nicht führungswürdig.
Das perfekte Zeugnis ihres ehemaligen Arbeitgebers war einen Dreck wert. Immer wieder hörte sie, dass sie ja ein Kind hatte und dadurch alles anders war, als damals. Damals, als sie noch glaubte, dass ein Kind perfekt war und ihre Beziehung mit Leon vertiefen würde.
Sie hätte auf ihre Freundinnen hören sollen, als sie Hannah gewarnt hatten, doch sie wollte es nicht glauben. Warum sollte man sich entscheiden müssen zwischen Karriere und Familie? Das waren zwei komplett unterschiedliche Lebensbereich, die zwar zusammenarbeiteten aber sich nicht ausschlossen. Damals war sie naiv, doch auch wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie sich nicht gegen Annabell entscheiden. Sie würde ihren Ausstieg nur anders machen. Viel anders ...
~*~
Auf Patreon findest du Bonuscontent, Goodies und Zugang zum Discord-Channel, in dem wir über Hintergründe, Figuren und gesellschaftliche Brüche sprechen.
Dort entsteht der Raum hinter den Geschichten.