After Strength

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Summary

Ich war schon immer stark, bis ich es plötzlich nicht mehr war. Eine Lawine an Identitätskrise und Zukunftsangst vergrub mich vollständig als ich eine Nachricht bekam, die mich mit all meinen früheren Entscheidungen konfrontieren ließ. Wenn ich gewusst hätte, wem ich auf diesem Wege begegnen würde, würde ich es trotzdem wagen?

Genre
Romance
Author
Asli
Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
13+

Unter dem Kreuz

“Deine Anneanne ist im Krankenhaus. Du musst dich verabschieden.”


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Dieser Satz brannte sich in mein Gehirn. Je öfter ich ihn las, desto tiefer.


Meine Tischleuchte flackerte in einem grellen weiß auf dem Schreibtisch neben meiner Couch während ich den Fernseher anmachte. Dieses Licht brannte sich in meine Bindehaut und das es dazu noch so schrecklich flackerte machte den Morgen bereits noch unerträglicher. Ich hatte es heute geschafft mich von meinem kingsized Bett mit beigen Bettlaken die ich allzu lang nicht gewechselt hatte, auf die Coach zu bewegen und mir einen schwarzen Filterkaffee zu brühen den ich anschließend mit sehr viel Milch und Zucker zu einem clownskaffee machte, aber scheiß drauf so schmeckt er mir nunmal am liebsten.

Ich schaute durch das Balkonfenster in meiner 2- Zimmer Altbauwohnung und hatte zwar den Drang nach frischer Luft, wollte die Tür jedoch trotzdem nicht öffnen, ich war nicht bereit den Tag zu grüßen, denn es war bereits 8 Uhr und immer noch war es stockfinster, keinerlei Anzeichen für einen Sonnenstrahl. Mir blieb nichts anderes übrig als: „Fick den Tag“ zu sagen und ging mit meinem Kaffee ins Wohnzimmer, stellte ihn ab, setzte mich auf die Couch und griff in die Tasche die auf der anderen Seite der Couch lag um die labbrige Brezel aus dem Bahnhofskiosk vom Vortag rauszuholen. „Hammer junge, ich muss kein Frühstück zubereiten“ hatte ich mir gesagt. Es war schon anstrengend genug diesen Kaffee zu kochen, kein Bock auf Frühstück vorbereiten, außerdem war ich nur eine Person, lohnt sich halt nicht. Ich setzte mich auf meine alte schwarze aber doch gemütliche Ledercoach die ich auf einer Internet Plattform als „zu verschenken“ fand und schaute eine Dating show auf Netflix um nicht daran zu denken wie es jetzt für mich weiterging. Ich hatte das Gefühl, ich hätte mir umsonst die Mühe gemacht das Medizinstudium zu beenden. Ich wollte nicht mal Ärztin werden. So früh am Morgen im zerfetzten Pyjama labbrige Brezeln essen stand aber auch nicht auf meiner Bingokarte für dieses Jahr.


Ich hatte das Gefühl, das wäre alles was ich heute noch so zu tun gehabt hätte, bis ich diese unheilvolle Nachricht auf meinem Handy laß, es schimmerte durch die Risse von meinem zerbrochenen Handybildschirm und für einen Moment meinte ich die Nachricht hätte eine Stimme bekommen und würde mich aus meinem Handy heraus anschreißen. Vielleicht war es ein Versuch meines Hirns mir die Nachricht samt Inhalt korrekt zu vermitteln.


“Deine Anneanne ist im Krankenhaus. Du musst dich verabschieden.”


„Was für Abschied?“ Sagte ich in die Richtung meines Handys als ob es mir dann antworten würde. Das Wort „Abschied“ drehte mir den Magen um, so lange war sie doch garnicht in Deutschland, das glaubte ich zumindest. Sie war doch garnicht krank, das hätte man mir doch gesagt. Langsam aber stetig ging Panik in mir hervor und mein Puls stieg so rasant an, dass ich keinerlei klaren Gedanken fassen konnte.

Meine Arme fühlten sich plötzlich taub an und die Brezel musste mindestens 10 Kilo schwerer geworden sein, denn es glitt langsam aus meinen Händen und fand seinen Weg rechts neben mir auf der Couch.


Ich machte mich Kerzengerade und bei jeder Bewegung knirschte das Leder unter mir lauter. Meine Wirbelsäule konnte dem Tempo meiner Bewegung nicht folgen und knackte so laut, dass es sich anhörte wie das klicken eines Feuerzeugs. Ich saß nun da wie so ein frisch 18 gewordener Soldat, nur das ich schon 27 war. der Raum um mich herum wurde plötzlich taub. Meine Umgebung schien verblasst. Ich schaute aus dem Fenster links neben dem Fernseher, erkannte Lichter, Formen und Farben aber sie schienen so weit weg. Mein Kopf schien wie in Wolle gepackt und dann mit Luftpolsterfolie umhüllt. Ich wünschte das wäre so, dann könnte ich mich in einem Karton verstecken und mich irgendwo einfliegen lassen um das hier alles gerade nicht zu erleben.

Der Fernseher lief wie gewohnt, doch aus den Gesprächen konnte ich nichts mehr herausfiltern, ihnen folgte ein endloses Rauschen. Menschen schienen zu sprechen aber ich konnte keine Worte zuordnen. Es war als ob ich vergessen hatte wie ich meine Sinne nutzen sollte. Vollkommen stumpf.


Noch ein schriller kurzer Ton vom Handy, der sich anfühlt wie eine scharfe Nadel die meine warme und stumpfe Schutzblase mit einem Ruck durchbohrt und mich mit einem Schmerz direkt in meiner Brust lahmlegt.


Die Adresse.


Es dauerte eine weile bis ich mich vom ungläubig auf das handybildschirm starren erholen konnte.

Als ich die Bilder auf dem Fernseher erkannte und meine Sinne mich wiederfanden, vergeudete ich keine Minute. Ich packte die wichtigsten Dinge in meinen Koffer


Vier Stunden im Zug.

Vier Stunden nur ich, meine Gedanken und all der scheiß, den ich tief in mir vergraben hatte.

Ich hatte ihr noch so viel zu sagen.

Noch so viel gutzumachen.

Ich war doch noch jung.

Ich dachte ich hatte Zeit.

Gerade einmal 27.

Als ob es gerade um mich ging.


Ich glaubte lange, Stärke bedeute, meine Herkunft zu verstecken.

Schließlich, dachte ich, bestimmt sie nicht, wer ich bin.

Und doch trug ich sie überall mit mir. Unsichtbar. Schwer. Unabstreifbar.


Im Türkischen gibt es ein Sprichwort:

“Doğduğun ev kaderindir.”

“Das Haus, in das du geboren wirst, ist dein Schicksal.”


Vielleicht ist dieses Sprichwort eine Entschuldigung.

Eine Entschuldigung an uns selbst.

Und die Erklärung für einen verlorenen geglaubten Kampf


Nicht jeder Kampf ist es wert, ausgefochten zu werden.

Aber manchmal lohnt er sich trotzdem.

Die Frage ist nur:

Wogegen kämpfe ich? Und wie?


Wogegen hat meine Anneanne gekämpft?


Jetzt liegt sie in dem Krankenhaus, in das sie immer ging, wenn sie krank war.

Ein christliches Krankenhaus.

Nicht, weil sie Christin war – ich glaube, sie fühlte sich den Menschen dort einfach näher.

Menschen, die sie umgaben, seit sie in Deutschland lebte, eben auch ein Stück Heimat.


Auch wenn sie beim Anblick des Jesuskreuzes über der Tür murmelte:

„Bu insanlar da buna inaniyor iste. Aman bosver iyi burasi burda rahibeler calisiyor.“

Ich musste schmunzeln, ich verstand sofort.

Frauen die Kopftücher tragen und versuchen gutes zu tun, wie meine Oma eben.

Fast kein Unterschied, oder doch?


Jetzt stehe ich in genau diesem Krankenhaus.

Und Jesus am Kreuz schaut mich an, voller Leid und Schmerz.

Mein Gedanke:

“Bitte, Hz. İsa, mach es nicht schlimmer, als es ist, mein Schmerz sitzt doch schon so tief.”


“Gegen den Tod kannst du nichts tun. Wir kommen von Gott und kehren zu ihm zurück.”

So sagte sie es oft, aus dem Nichts heraus, nach einem tiefen Atemzug.

Ich fragte mich jedes Mal, woher diese plötzliche Ehrfurcht, diese stille Trauer kam.


Dass Christus Oma nicht gerettet hat, ist spätestens jetzt klar.

(Und ey das ist kein Christenshaming. Niemand bleibt vom Tod verschont.)


Ich setze mich unter das Jesuskreuz, direkt vor die Pforte.

Ich brauche Kraft, um den Namen meiner Anneanne auszusprechen – vielleicht ein letztes Mal. Ich bleibe sitzen und gehe in Gedanken durch, wie ich ihren Namen sage ohne zu weinen. Es klappt nicht. Ich bin nicht stark genug, also bleibe ich weiter sitzen.


Ich darf jetzt echt nicht weinen.

Kein Bock das der Typ an der Rezeption noch denkt: „Ja klar, die sind doch alle immer so theatralisch.” Denk nicht Bruder, ich geb dir diese Genugtuung nicht.

Irgendwo in meinem Kopf höre ich Anneanne sagen: “Kizim ich sage dir – man darf sich vor niemandem angreifbar machen. Sie warten nur auf unsere Fehler.”

Jetzt ist meine Zeit stark zu sein, weil Oma hat es gesagt und sie hatte ja sowas von Recht. Naja wenn auch nur zum Teil.


Keine Träne.

Kein Bitten um Hilfe.

Keine Schwäche.

Unser Motto.


Ich stehe langsam auf, auch wenn es sich anfühlt, als wäre mein ganzer Körper – vor allem mein Kopf – in Watte gepackt.

Den Koffer ziehe ich hinter mir her. Die Reifen rattern so laut über den Boden, dass es mir unter normalen Umständen peinlich wäre.

Aber hier? Gerade? Ist eh alles zu still.

Das Foyer wirkt ausgestorben.

Erst als ich zur Wanduhr schaue, begreife ich: 02:00 Uhr nachts.

Kein Wunder.

Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich an wie Treibsand. Mit jedem Schritt sinke ich ein Stück tiefer.

Je näher ich an die Pforte komme, desto kälter wird die Luft. Steril. Krankenhauskalt.


An der Pforte angekommen, nehme ich den frischen Duft von Desinfektionsmittel wahr, das sich der Pförtner völlig planlos auf seine Hände schmiert. Direkt hinter ihm hängt ein Schild mit den Schritt-für-Schritt-Bildern zur richtigen Händedesinfektion. Ich möchte ihn darauf aufmerksam machen, aber es fühlt sich an, als ob es keinen Unterschied macht. Es ist mir plötzlich egal.


Dieser so vertraute Duft zieht mich voller Wucht aus meiner tiefen Gedankenwelt heraus.


Die Krankenhauslichter blenden mich, sie stechen so scharf in meine Augen, dass es wehtut. Das grelle Licht ist mir nicht fremd, ich kenne es zu gut. Doch diesmal fühlt es sich anders an – schärfer und so kalt wie die Krankenhauswände.


In diesem Krankenhaus bin ich plötzlich nur Angehörige. Keine Rolle, kein Gesicht, das sie kennen. Ich bin nichts weiter als eine Besucherin, eine Fremde, die nach einem letzten Aufeinandertreffen sucht.


„Ich möchte zu Ayse Hatun Demir“

„Sie auch?“ fragt der Pförtner mit einem leicht fragwürdigen Blick der mich durch seine kleine eckige Brille zu durchbohren versucht.

Ich frage mich wie er wohl heißt und schaue auf sein Namensschild.

N.Meier wirklich einfallsreicher Name Nils Meier oder doch vielleicht Nick? Ne wallah der hier heißt locker Nico.

„Wallah niemand hat nach deinem Kommentar gefragt.“

Ist was ich denke.

Was ich sage ist aber: „ja“

Zimmer 202, die Zwei-

„Danke!“ sage ich, ohne ihn ausreden zu lassen und verschwinde um die Ecke.

Die Aufzüge vor mir.


Im Aufzug drückt sich der Druck auf meine Brust weiter. Als ich die zweite Etage erreiche, fällt mir das Schild ins Auge: intensivmedizin


Ein Ort den ich schon immer mit großer Ehrfurcht betrat. Deswegen kam es für mich nie in Frage auf der Intensivstation zu arbeiten.

Angehörigen zu sagen, sie müssen sich von ihren liebsten verabschieden und 2 Stunden später mit den liebsten zu Abend zu essen fühlte sich absurd an. Auch wenn es für mich und viele andere normal war, fühlt es sich jetzt nicht mehr so entfernt an. Diesmal ist es kein Ereignis was ich einfach mal so im Krankenhaus lassen kann, denn diesmal ist es Teil MEINES Lebens.


Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, bis ich das Zimmer meiner Anneanne erreiche.

Auf dem Flur: hektische Schritte. Eine Pflegerin rauscht vorbei, voll bepackt. In der einen Hand fette, etikettierte Spritzen, auf einem Tablett, in der anderen einen Infusionsständer, an dem drei, vier Perfusoren baumeln.

Ärmel hochgekrempelt, Hosenbeine auch.

An den Füßen: Nike Air Force. Nicht wirklich bequem, aber Hauptsache fresh. Schuhe sind das einzige was uns im Krankenhaus individualisiert. Sie ist Safe eine Kanakin. Unser Style verrät uns immer. Ihre dunkelbraunen Haare steckt sie mit einer dieser Hawaii-Spangen weg, die man neuerdings überall im Pazar findet.

Ihr Kasak ist so vollgestopft, dass sie jeden Moment nach vorne kippen könnte. Das ist Standard auf intensiv, alles in die Taschen, schneller arbeiten, weniger stehen bleiben.

Hier gibt’s keine Pausen. Keine Luft. Keine Gnade.

Alles oder nix eben.

Anerkennung kriegst du nur, wenn du draufgehst dabei. Aber Hauptsache, du hast geliefert.

Als ob es nicht gereicht hätte dass unsere Geschichte uns diesen Drang nach übermäßigem Fleiß einbleute. Heute gaslighten wir uns selbst.


Vor dem Dienstzimmer steht eine kleine Gruppe bestehend aus verschiedenen Berufsgruppen. An den Farben der Kasaks erkennt man sofort, wer hier wohin gehört.


Dunkelblau – vermutlich die Chirurgen.

An ihren OP-Schuhen unverkennbar. Dunkelblau oder Grün, viel anderes gibt es im OP nicht.

Ich war schon immer Team Dunkelblau. Der Typ im Kittel, der seinen rechten farblich abgestimmten Schuh auszieht und seine linke Wade mit dem rechten Fuß kratzt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Operateur. Sowas macht man nur als Arzt wenn man nichts zu verlieren hat.


Hellblau – die Könige dieser Station: Anästhesisten und Intensivpflegekräfte.

Eine von ihnen balanciert ihren Kaffee auf dem Visitenwagen, als wäre es ein Balanceakt zwischen Pause und Ernstfall.

Wenn sie den Kaffee austrinken kann, bevor er kalt wird, hat sie diesen Dienst erfolgreich gemeistert.


Rosa schließlich – Internisten.

Stethoskop um den Hals, EKG-Kärtchen in der Tasche.

Ihre Uniform trägt das, was sie zu sagen hätten, schon nach außen.


Sie stehen um den Visitenwagen, Köpfe zusammengesteckt, Augen auf den Bildschirm geheftet vermutlich ein CT oder Röntgen. Flüstern und diskutieren.


Die Geräusche der Monitore aus den Zimmern legen sich wie ein nervöses Hintergrundrauschen über den Flur.

Jedes einzelne piepen klingt fast gleichmäßig, aber eben nur fast.

Ein falscher Ton und die Stimmung kippt, Naja, nicht so dramatisch wie in diesen Ärzte-Soaps aber doch nicht zu vernachlässigen.

Meine Mutter hat sowas mal geguckt, irgendwas mit “Walddoktor”.

Ich saß immer neben ihr auf dem orangen Sofa mit verrücktem Wirbel-Muster, während sie dabei gebügelt hat.


Fast will ich mich an diesem vertrauten Klang festhalten, mir einreden, ich stünde auf der Seite der Behandelnden.

Doch in dem Moment rauschen zwei Pflegerinnen an mir vorbei – auf dem Rücken einen roten Rucksack, in der Hand eine Sauerstoffflasche.

Vermutlich ein Reanimationsruf irgendwo im Haus.


Schlagartig werden meine Beine weich.

Mir dämmert es:

Das hier sind nicht meine Patienten.

Ich bin hier, weil es um meine Anneanne geht.


Als ich das Zimmer betrete, schlägt mir eine schwere Luft entgegen. Vollgepackt mit Trauer.

Mein Körper saugt sie mit dem ersten Schritt auf.

Die Luft ist dick.


Das Zimmer wirkt wie jedes andere Krankenhauszimmer – steril, funktional.

Doch eine Ausnahme gibt es:

Elektrische Kerzen flackern auf dem Patiententisch.

In der Ecke ein kleiner Tisch, der nicht hierher gehört.

Darauf unechte Blumen, ein paar Gläser, Wasserflaschen.


Das Personal hat dekoriert.

für den Abschied.


Mein Blick wandert zu meiner Mutter.

Sie sitzt am Fenster, die Hände im Schoß, den Blick leer ins Nichts gerichtet.

Still.

Ganz still.


Und plötzlich wird mir klar.

Anneanne.

Ein Wort, das zweimal das Wort Anne – Mutter – in sich beherbergt.

Meine Mutter verabschiedet sich von ihrer Mutter


Daneben sehe ich meine Tanten alle sind da.


Sie halten einen Koran oder ein Dua-Heft in den Händen, leise Verse füllen den Raum.

Während eine Stimme laut und klar zu hören ist.


Niemand sagt etwas zu mir.

Niemand schaut auf.

Es scheint keine Rolle zu spielen, dass ich jahrelang keinen Kontakt zu ihnen hatte.

Als wäre ich nie weg gewesen.


Tante Selma sitzt bei ihr.

In der einen Hand hält sie die Hand ihrer Mutter in der anderen den Koran.

Sie trägt einen Hijab mit gehäkeltem Muster und liest gerade den letzten Vers der Sure, als sie mich bemerkt.

Sie rückt ein Stück zur Seite und steht auf.

Ihr Platz wird frei, als wäre es selbstverständlich.

Ich nicke ihr kurz zu und setze mich neben meine Anneanne.


Sie liegt da, die Augen halb geschlossen, der Brustkorb hebt und senkt sich ruhig.

Keine Schläuche, keine Maschinen mehr.

Nur noch sie.

Und eine friedliche Stille, die über ihrem Gesicht liegt.


Ich ziehe meinen alten, aber noch sehr gut erhaltenen Koran aus der Tasche.

Dazu mein Kopftuch, das sie mir geschenkt hat.

Die Stickereien hat sie selbst gehäkelt.

Es ist mein Lieblingstuch.


Ich schlinge es mir um den Kopf, klemme es grob unterm Kinn fest.

(Diesen Griff verlernt man nicht.)

Ich möchte keine Zeit verlieren.

Ich möchte, dass sie sorglos und ohne Angst geht.

Ich weiß, sie bekommt Medikamente dafür.

Aber ihre Seele, ihr Geist möchte das.

Dafür hat sie schließlich immer gebetet:

Dass wir in der Lage sind, für sie zu beten, wenn sie es einmal selbst nicht mehr kann.


Ich schlage den Koran auf, die Seiten rascheln leise in meinen Händen.

Ich schaue noch einmal zu ihr, gebe ihr einen Kuss auf die Stirn und auf die Hand, bevor ich sie nehme und fest drücke.


Ben geldim, canım kurban,

flüstere ich ihr leise ins Ohr.


Dann schaue ich auf die arabische Schrift meines roten Korans und beginne zu lesen.

Meine Stimme ist erst brüchig, als ich zu lesen beginne.

Dann wird sie fester.

Ganz leise.

Nur für sie.

Nur für meine Anneanne.