Brötchen, Blutdurst und eine wütende Schwester
Alex saß am Steuer seines Wagens und starrte auf das Lenkrad. Er liebte dieses Auto. Es war sauber, es war leise und es verurteilte ihn nicht dafür, dass er seit über zweihundert Jahren technisch gesehen tot war. Er atmete tief ein und versuchte, die Melancholie zu vertreiben, die ihn wie ein schwerer Mantel umgab.
Plötzlich riss die Beifahrertür auf. Jay stolperte herein, eine Tüte Brötchen in der einen Hand, sein Handy in der anderen. Er wirkte, als wäre er gerade durch einen Mixer gelaufen.
„Sorry! Ich bin spät, ich weiß, Alex, aber die Schlange beim Bäcker war… also eigentlich war sie kurz, aber ich hab meine EC-Karte vergessen, dann hab ich sie in der Socke gefunden, frag nicht, und dann wollte die Verkäuferin wissen, ob ich ein Treue-Herzchen will und ich dachte: ‚Ein Herz? Ich brauche eine Wohnung!‘ Wir müssen los, oder? Sind wir schon zu spät? Bitte sag, dass wir nicht zu spät sind.“
Alex blinzelte langsam und sah auf die Krümel, die bereits auf seinem Polster landeten. „Jay. Wir haben noch fünf Minuten. Und bitte… hör auf zu vibrieren. Du bringst das Auto zum Wackeln.“
„Ich vibriere nicht, ich bin… spirituell!“, plapperte Jay weiter, während er sich hektisch anschnallte und dabei dreimal am Verschluss vorbeigriff. „Das ist die Aufregung. Ein neues Leben! Wir zwei, in einer WG. Keine Nachbarn mehr, die fragen, warum ich nachts im Garten Löcher grabe. Ich grabe da ja nur, weil… also, eigentlich weiß ich gar nicht genau, warum ich das mache, aber als Wolf fühlt sich das total logisch an, verstehst du?“
„Ich verstehe vieles, Jay“, sagte Alex leise. Seine Stimme klang tief und ein wenig müde. Er startete den Motor und der Wagen glitt sanft los. „Ich verstehe vor allem, dass wir unauffällig bleiben müssen. Wir sind zwei normale Kollegen vom Umweltamt. Keine Krallen, keine Reißzähne.“
Alex hielt den Blick starr auf die Straße gerichtet. Er spürte, wie sein Magen sich schmerzhaft zusammenzog. Nicht vor Hunger auf Brötchen. Es war dieser andere, dunkle Durst. Er versuchte, nicht an das Pochen in Jays Halsschlagader zu denken, das er fast durch das dicke Hemd hören konnte.
„Genau! Total normal!“, rief Jay und fuchtelte mit einem Schokobrötchen herum. „Ich bin der nette Nerd von nebenan und du bist der… der coole, mysteriöse Typ mit den tollen Haaren. Oh Gott, Alex, deine Haare sind heute wieder echt… also, nicht dass ich darauf stehe, aber die Farbe weiß ist echt eine Ansage für jemanden in unseren – also deinem – Alter.“
Gerade als Alex zu einer Antwort ansetzen wollte, vibrierte Jays Handy so laut, dass es im ganzen Auto schallte. Jay erstarrte.
„Oh nein. Nicht jetzt. Nein, nein, nein.“
„Wer ist es?“, fragte Alex, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
„Meine Schwester“, flüsterte Jay entsetzt. Er nahm den Anruf entgegen und hielt das Handy weit von seinem Ohr weg.
„JAYSON?!“, schrie eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher. „Wo zur Hölle steckst du? Du antwortest nicht auf SMS, du bist aus deiner Wohnung ausgezogen, und Mama denkt schon, du wurdest von einer Sekte entführt! Wenn du nicht in zwei Minuten erklärst, warum du dich wie ein Geist verhältst, komme ich vorbei und ziehe dich an deinen Ohren zurück nach Hause!“
Jay schluckte schwer. Er sah Alex hilfesuchend an, dann plapperte er los: „Hey, Sis! Alles gut! Ich… ich bin nur auf einer… Studienreise! Für die Umwelt! Ich rette gerade einen sehr seltenen… Baum. Ja, einen Baum! Ich melde mich später, versprochen, ich hab gerade schlechten Empf—“, er legte hastig auf und ließ das Handy in den Fußraum fallen. „Sie wird mich umbringen. Sie wird mich finden und mich fressen. Und sie ist nicht mal ein Wolf!“
Alex schüttelte den Kopf. „Wir sind fast da. Konzentrier dich, Jay. Die Vermieterin wartet.“
Sie bogen in eine ruhige Straße ein und hielten vor einem Haus, das seine besten Jahre definitiv hinter sich hatte. Der Putz blätterte, und der Garten sah aus wie ein Urwald.
„Das ist es?“, fragte Jay und seine Hektik verwandelte sich in kurzes Staunen. „Es sieht… gruselig aus. Ich mag es!“
Die Haustür schwang auf. Eine Frau mit feuerrotem Haar trat auf die Veranda. Sie trug ein lockeres Shirt und sah die beiden mit einem amüsierten Lächeln an.
„Die Herren vom Umweltamt?“, rief sie. „Ich bin Maya. Kommt hoch, wenn ihr euch traut. Aber eine Sache vorab: Das Haus gehört mir, und ich bleibe hier wohnen. Ihr kriegt nur den Mietvertrag, wenn ihr mich als Mitbewohnerin akzeptiert.“
Jay starrte sie an. Er öffnete den Mund, brachte aber nur ein krächzendes „Äh… Hallo?“ heraus.
Alex stieg langsam aus. Er spürte etwas an dieser Frau. Es war kein normaler Geruch. Da war etwas… anderes unter ihrer Haut. Er sah sie lange an, seine Augen wirkten in diesem Moment viel älter als der Rest seines Gesichts. „Einverstanden, Maya. Zeigen Sie uns das Haus.“
Maya wirbelte herum und führte sie ins Innere. Das Haus roch nach altem Holz, Lavendel und etwas... anderem, das Alex nicht ganz zuordnen konnte. Es war ein Geruch, der seine Sinne kitzelte.
„Also“, Maya breitete die Arme im Flur aus, „das Erdgeschoss gehört euch. Wohnzimmer, Küche, Bad. Ich bewohne das Dachgeschoss. Die Treppe hier im Flur ist die Grenze. Wenn ihr nicht wollt, dass ich mich in eine... sagen wir, sehr schlecht gelaunte Vermieterin verwandle, klopft ihr, bevor ihr hochkommt.“
„Klar! Absolut! Klopfen ist mein zweiter Vorname!“, platzte es aus Jay heraus. Er stolperte fast über seine eigenen Füße, während er versuchte, gleichzeitig den Stuck an der Decke und Mayas Lächeln zu beobachten. „Ich meine, nicht wirklich. Mein zweiter Vorname ist eigentlich... egal. Aber wir klopfen. Wir sind Profi-Klopfer. Also nicht beruflich, wir sind ja beim Umweltamt, aber privat...“
Alex legte Jay eine Hand auf die Schulter. Ein sanfter Druck, der ihn zum Schweigen brachte. „Es ist ein schönes Haus, Maya. Auch wenn die Wände einiges zu erzählen haben.“ Er strich mit den Fingern über die Tapete und spürte ein leichtes Kribbeln.
„Oh, du hast keine Ahnung“, erwiderte Maya und warf ihm einen Blick zu, der Alex für einen Moment gefrieren ließ. Wusste sie etwas?
Sie betraten die Küche. Ein riesiger Raum mit einem alten Herd und einem Fenster zum verwilderten Garten.
„Hier könnt ihr kochen“, sagte Maya. „Jay, du siehst aus wie jemand, der viel Protein braucht. Und Alex... du siehst eher aus wie der Typ für... flüssige Nahrung?“
Alex erstarrte. Sein Herz – das eigentlich stillstand – schien einen Schlag auszusetzen. Er suchte in ihrem Gesicht nach einem Zeichen von Spott, doch sie lächelte nur harmlos. Jay rettete die Situation, indem er hektisch anfing, die Schranktüren zu öffnen und wieder zu schließen.
„Flüssig! Ja! Er liebt Smoothies! Totale Vitaminbomben!“, plapperte Jay und schlug eine Tür etwas zu fest zu. „Ich dagegen... ich esse alles. Also fast alles. Außer Schokolade, davon kriege ich... Probleme.“ Er korrigierte sich schnell: „Magenprobleme! Ganz normale menschliche Magenprobleme!“
Maya lachte und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Ihr seid echt ein seltsames Paar. Aber gut. Der Mietvertrag liegt im Wohnzimmer. Unterschreibt, und ihr könnt heute noch anfangen, eure Sachen reinzuschleppen.“
Sie gingen zurück in den Flur, doch plötzlich blieb Jay wie angewurzelt stehen. Seine Ohren zuckten – eine Bewegung, die nur Alex bemerkte. Draußen vor dem Haus quietschten Reifen. Eine Autotür wurde mit so viel Wucht zugeschlagen, dass man es bis drinnen hören konnte.
„Jay! Jayson! Ich weiß, dass dein Auto hier steht!“, brüllte eine weibliche Stimme von der Straße.
Jays Gesicht wurde augenblicklich kreideweiß. „Das ist sie. Sie hat mich getrackt. Sie hat mein Handy getrackt! Alex, versteck mich! Sag ihr, ich bin nach Peru ausgewandert, um Lamas zu retten!“
Bevor Alex reagieren konnte, hämmerte es bereits gegen die Haustür. Maya hob eine Augenbraue. „Besuch am ersten Tag? Das geht aber schnell.“
Sie öffnete die Tür, und eine junge Frau mit strengem Blick und verschränkten Armen stürmte herein. Sie sah Jay an, dann Alex, und schließlich blieb ihr Blick an Maya hängen.
„So, so“, sagte Jays Schwester Sarah mit gefährlich leiser Stimme. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte das Trio. „Studienreise für die Umwelt? Ein seltener Baum? Du ziehst in eine Bruchbude mit einem Typen, der aussieht wie aus einer Parfüm-Werbung, und einer hübschen Rothaarigen? Und mir erzählst du was von Bäume?“
Jay öffnete den Mund. Er schloss ihn wieder. Er sah zu Alex, dann zu Maya, dann wieder zu seiner Schwester. „Der... der seltene Baum eigentlich... also, das war eine Metapher! Ein Code! Für... sehr dringende Umweltdinge.“
„Jayson“, unterbrach ihn Sarah streng. „Du hast zwei Minuten, um mir zu erklären, warum du klammheimlich deine Wohnung gekündigt hast und jetzt hier mit Fremden abhängst, bevor ich die Polizei, Mama und deine Krankenkasse anrufe.“
Jay wurde bleich. Er neigte dazu, in Panik zu geraten, wenn sein sorgfältig aufgebautes Lügenkonstrukt wackelte. „Alex! Sag doch was! Du bist doch der... der Verantwortliche! Der Reife! Der mit den weißen Haaren!“
Alex trat einen Schritt vor. Seine Bewegungen waren so ruhig, dass es fast unnatürlich wirkte. Er sah Sarah direkt in die Augen, und für einen Moment schien die Luft im Flur kühler zu werden. „Sarah, richtig? Es tut mir leid, dass Jay so unklar war. Wir haben diesen Umzug kurzfristig entschieden, um näher an unserem neuen Forschungsprojekt zu sein. Es gibt keinen Grund zur Sorge.“
Sarah blinzelte. Sie schien für einen Moment von Alex’ tiefer, ruhiger Stimme wie verzaubert zu sein. Doch dann schüttelte sie den Kopf. „Schön gesprochen, Herr... wie auch immer Sie heißen. Aber ich gehe hier erst weg, wenn ich gesehen habe, wo mein Bruder schläft. Und wer diese Frau hier ist.“ Sie deutete auf Maya.
Maya, die das ganze Spektakel mit einem amüsierten Grinsen beobachtet hatte, trat vor. „Ich bin Maya. Die Vermieterin. Und wenn ihr euch nicht sofort einigt, wer hier wen warum belügt, ziehe ich das Angebot mit dem Mietvertrag zurück.“
Jay geriet nun völlig in Stress. „Nein! Nicht zurückziehen! Sarah, bitte, ich zeig dir alles. Es ist alles okay! Maya ist super, Alex ist... auch okay, und das Haus ist...“ In diesem Moment krachte im ersten Stock etwas sehr Lautes zu Boden. Es klang wie eine schwere Kiste, die Treppenstufen herunterrollte.
Alle starrten zur Decke.
„Was war das?“, fragte Sarah misstrauisch.
Maya biss sich kurz auf die Lippe, ihr Lächeln wurde eine Spur gezwungener. „Das war... sicher nur der Wind. Das Haus arbeitet.“
Jay schluckte schwer. Er wusste, wie Wind klang – und das war kein Wind gewesen. Es war der Moment, in dem ihm klar wurde, dass diese Wohngemeinschaft vielleicht viel gefährlicher war, als nur ein Geheimnis vor seiner Schwester zu haben.
„Ich glaube“, flüsterte Jay zu Alex, „wir sollten ganz schnell unterschreiben, bevor noch mehr Dinge ‚arbeiten‘.“