Ankunft - Nichts und Niemand
POV: Mou(vina)
Der Flieger war gelandet. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht, war ich inzwischen auf dem Weg zur Eingangshalle des Flughafens. Voller Elan schritt ich voran in den wohlverdienten Urlaub, ach was Urlaub, in die wohlverdiente Auszeit. Und bei Gott ich hatte sie mir redlich verdient.
Seit ewigen Zeiten, ich weiß schon gar nicht mehr wie lange, hatte ich davon geträumt und endlich, nach Jahren des Aufschiebens, des auf-später-Vertröstens, des ‘aah-heute-ist-ganz-schlecht’, des ‘morgen-oder-übermorgen’, des ‘nächsten-Monat,-ganz-bestimmt’ und etlicher anderer wirklich überzeugender Momente, in denen ich diese Reise immer und immer wieder vor mir hergeschoben hatte, befand ich mich nun endlich am Ziel. Nein. Besser gesagt, am Anfang meiner Reise, am Anfang meines Urlaubs, am Anfang meiner Auszeit.
Und nichts und niemand würde mich davon jetzt noch abbringen können. Immerhin war ich ja schon gelandet.
Und nichts und niemand würde mich dazu bringen können, meinen Aufenthalt hier vorzeitig zu beenden.
NICHTS und NIEMAND!
NICHTS und NIEMAND!
Nichts und Niemand!
Nichts und Niemand.
Nichts und Niemand?
nichts … und … niemand …
Die Eingangshalle des Flughafens allerdings ließ mich ins Wanken geraten. Wirklich nichts und niemand?
Ohrenbetäubender Lärm schlug mir entgegen. Kreischen, Geschrei, Jubelrufe, ’Hier!-Ich-bin-hier!-Ausrufe, ‘Schau-mal-her’-Gebrüll, ‘Aaaah’-ohnmachtsnahes Rufen. ‘Ein-Foto’ und ‘Mach-ein-Herz’ und ‘Du-bist-so-toll’ und ‘Wir-lieben-dich’ schallte es durch die ganze Halle. Eine Menschenmenge groß und breit wie eine Lawine wälzte sich im Schneckentempo durch.
Die ankommenden und abreisenden Fluggäste, deren Begleitungen, ihre Angehörigen, Freunde, Bekannte und Verwandte, die zur Begrüßung und Verabschiedung da waren, waren nichts im Vergleich zu dem riesigen Knäuel, die alle um eine kleine Ansammlung an Menschen in ihrer Mitte herum wuselten. Ein aufgeregter Mob an Fans, die alle ihren Star noch vor dem Boarding einmal noch sehen wollten.
Sechs Bodyguards schützten ihn vor der Meute, die da an ihn heran wollte. Vielleicht gar nicht mal, weil er es nicht wollte, sondern einfach, weil die Fans eine gewisse Präsenz hatten. Sie strahlten Feuereifer aus. Man konnte deutlich erkennen, dass sie, wenn sie die Gelegenheit bekämen, nach ihm greifen würden. Ihn herauszerren aus dem Bodyguard-Ensemble und tun würden, was immer ihnen in den Sinn käme.
‘Vermutlich’, dachte ich, als ich mir die Gesichter einiger Mädels ansah ‘würden sie ihm die Kleider vom Leib reißen und ihm ihre Zungen in den Hals stecken und ihn überall unsittlich berühren.’ Ein wohl wissendes kurz aufflackerndes Lächeln umspielte meine Lippen, bevor ich den Kopf schüttelte und mich zur Besinnung rief. ‘Du bist nicht so!’ schalte ich mich innerlich.
Ich straffte die Schultern, atmete tief ein, um die bohrenden Kopfschmerzen, die sich langsam ihren Weg bahnten, auszublenden und suchte angestrengt nach dem besten Weg hinaus. Vorbei an der Meute, die immer noch unaufhaltsam ihren Kurs hielt.
Selbst jetzt, vermutlich fünfzehn Minuten nachdem ich die Halle erreicht hatte, war mir immer noch nicht bewusst, wer da eigentlich versuchte abzufliegen. Ein dunkelblaues Basecape ohne jegliches Logo verdeckte seinen dunklen Schopf. Schwarz vielleicht? Ich konnte nicht einmal sein Gesicht sehen, aber vermutlich trug er eine Sonnenbrille und einen Mundschutz. Alle Stars taten das doch, oder?
‘Seltsam, dass noch niemand seinen Namen gerufen hatte.’ grübelte ich, während ich mich dabei erwischte, wie ich angestrengt versuchte zu erkennen, wer da in der Menschenmenge war. ‘Seit wann bist du so neugierig?’ fragte ich mich und schüttelte den Kopf schnaufend mit geschlossenen Augen.
Plötzlich veränderte sich etwas in meiner Umgebung. Eine Art Spannung lag in der Luft und als ich die Augen wieder öffnete, sah ich ein halbes Dutzend Augenpaare, die nicht mehr dem Star sondern mir entgegen starrten. Aufgebracht. Wütend sogar. Zum Glück nur ein halbes Dutzend. Wie furchtbar wäre es wohl gewesen, wenn es alle wären?
Mit weit aufgerissenen Augen trat ich zwei Schritte zurück und stieß gegen eine Sitzbank. Ein gezwungenes Lächeln, das entschuldigend wirken sollte, schlich sich in mein Gesicht und ließ mich leicht den Kopf einziehen.
„Probleme?“ fauchte mich ein Mädchen, vielleicht fünfzehn oder sechzehn, mit blondgefärbtem Haar an.
‘Wie gut, dass du intensiv die Sprache gelernt hast, bevor du überhaupt an einen Urlaub hier gedacht hast.’ lobte mich mein Hirn.
Beschwichtigend hob ich die Hände. „Nein. Gar nicht. Verzeihung.“ schüttelte ich meinen Kopf und antwortete klar und deutlich, als wäre ich eine Einheimische. ‘Die Mädels sind gruselig.’ dachte ich, als ich mich langsam wegdrehte und versuchte ohne weitere Zwischenfälle zu verschwinden.
Sie drehten sich wieder ihrem Star zu, offenbar war meine angsterfüllte Aura alles, was sie brauchten, um sich wieder zu beruhigen.
An den Ausgangstüren, die sich aufgrund des Bewegungsmelders wie von Zauberhand öffneten, blickte ich mich noch einmal nach der Meute um und atmete erleichtert aus.
‘Nichts und Niemand.’ ging es mir mit wirklich äußerst wenig Überzeugung durch den Kopf. ‘Nun, vielleicht doch nicht nichts und niemand.’