Kapitel 1 - Ankunft in Los Angeles
Ich steige aus dem Auto, und für einen Augenblick steht die Welt still – nicht so, wie sie stillsteht, wenn man ein Foto macht, sondern so still, dass ich meinen eigenen Herzschlag höre, laut und gleichmäßig, als wolle er mir etwas Wichtiges sagen. Vor mir liegt der Campus der UCLA, ein Geflecht aus Sandstein, Rasenflächen, Eukalypten, Treppen, die in die Luft steigen, als führten sie irgendwohin, wo man bleibt. Studenten ziehen wie Ströme vorbei: eine Stimme, die immer noch lacht, ein Rucksack, der zu groß scheint. Alles ist neu, alles ist möglich. Ich atme tief ein. Die Luft riecht nach Sonne und Zigaretten, nach Kaffee und Kaugummi, nach einer Stadt, die niemals ganz zur Ruhe kommt.
Meine Eltern sagen Dinge, die wie Anker klingen. „Ruf an, wenn du angekommen bist.“ „Pass auf dich auf, Hannah.“ Sie drücken mich länger als nötig; Einschnitte, die versiegeln sollen. Ich lächle, weil ich nicht will, dass ihre Augen nass werden, und in dem Lächeln steckt ein Versprechen: Ich werde es schaffen. Neunzehn, Studentin, Los Angeles – das klingt wie ein Absatz in einem Roman, den ich noch schreiben muss.
Die ersten Tage sind ein Rausch aus Läufen und Listen. Orientierung, Einschreibungen, Gruppenfotos, die nach einem Semester bereits vergilbt sein werden. Ich lagere meine Nervosität in To-Do-Listen und beantworte Fragen, die mir gestellt werden, mit der Art von Selbstsicherheit, die ich mir selbst noch nicht gebe. In Vorlesungen sitze ich vorne, weil ich Angst habe, mich zu verlieren, wenn ich mich weiter nach hinten setze. Dort, inmitten der Hunderten, höre ich Vorlesungen über Dinge, die ich lernen will, aber nicht sofort verstehe. Die Professoren sprechen mit einer autoritären Gelassenheit; ihre Stimmen sind wie die Möwen über dem Meer – vertraut und doch entfernt.
Zwischen diesen Stunden bildet sich eine andere Routine: Bibliothek nachts. Die Powell Library ist ein Tempel aus Eichenholz und Lampenlicht; in ihr verfangen sich die Geräusche der Stadt wie in einem Netz. Wenn die meisten Studenten verschwinden, bleiben die Nachtschwärmer, die Arbeitssüchtigen. Ich liebe diese Stunden, weil alles reduziert ist: nur Papier, der Schein einer Lampe und das monotone Blättern der Seiten. Hier ist die Welt einfach zu verstehen – oder so tue ich mir vor.
Es ist an einem dieser Abende in der Bibliothek, als ich ihn zum ersten Mal wirklich sehe. Nicht nur als ein Gesicht in der Menge, sondern als etwas, das am Rand meiner Wahrnehmung haftet, so wie man ein Stück Stoff bemerkt, das an der Ecke eines Tisches hängt.
Er sitzt ein paar Tische weiter, in Schwarz, mit einem Notizbuch vor sich, das so abgegriffen ist, dass die Kanten weicher sind als das Papier. Er wirkt nicht, als wolle er auffallen. Seine Haltung ist auf eine merkwürdige Art wachsam, als ob er jederzeit bereit wäre, aufzustehen oder zu verschwinden. Als er den Blick hebt, treffen sich unsere Augen. Es ist kein freundlicher Blick, kein neugieriger; eher wie das flüchtige Innehalten eines Vogels, bevor er wieder in die Richtung seiner Reise gleitet.
Ich zwinge mich, nicht zu starren. Trotzdem finde ich heraus, dass ich ihn öfter sehe – am Rande eines Vorlesungsraums, neben einem Automaten mit kalter Cola, im Halbschatten eines Ganges. Nie genug Nähe, nie genug Worte. Er spricht nicht; er beobachtet. Und doch ist da etwas an ihm, das mich nicht loslässt. Später, als ich meine Nachrichten checke und mir die Liste der Namen durchlese, die ich kennen will, fällt seiner nicht auf: Dawson. Ein Name, so schlicht wie sein Auftreten.
Die Träume beginnen wie kleine Kratzer im Glas meines Alltags – zunächst kaum spürbar. Ich nehme sie nicht ernst. Eine neue Stadt, neue Eindrücke, so erklärt mein Verstand schnell Bilder, die keinen Platz in einer vernünftigen Welt haben. Beim ersten Mal stehe ich auf einem Hügel, und Nebel rollt an meinen Knöcheln vorbei wie kaltes Wasser. Über mir ist ein Himmel so tief, dass er meine Gedanken zu ertränken droht; er ist erfüllt von einem einzigen großen, kalten Licht, das nicht die Sonne ist, eher wie ein Stern, der nicht leuchtet, sondern beobachtet. Es ist schön und beängstigend zugleich. Ich wache auf, mein Herz fliegt, und ich lache, weil mein Mund glaubt, er müsse das tun.
Die Träume kehren zurück.
Am Anfang sind sie Bruchstücke: der Hügel, die Nebelreihe, die Kälte des Lichts. Dann kommen Stimmen, wie abgeschnittene Melodien, Worte ohne Syntax. Einmal glaube ich, meinen eigenen Namen zu hören; einmal denke ich, dass jemand neben mir steht, so nah, dass sein Atem meine Schulter berührt. Das Aufwachen ist ein Rutschen zurück in eine Welt, die sich plötzlich leichter anfühlt, weil die andere Welt unsichtbar zurückbleibt.
Ich erzähle niemandem davon. Es ist peinlich, erzählen zu müssen, dass man wiederkehrende Träume hat, die nicht nur Träume zu sein scheinen. Außerdem glaube ich nicht, dass die Leute es ernst nehmen würden. „Du bist müde“, würden sie sagen. Oder: „Stressreaktion.“ Vielleicht hätten sie recht. Vielleicht will ich die Erklärung hören, weil sie mich beruhigt.
Dennoch klebt etwas an den Träumen wie Tau an einem Grashalm: Vertrautheit. Nicht das flache Vertraute, das man über neue Orte sagt, sondern etwas Tiefes, wie das Wissen um eine Melodie, die man im Schlaf summt, weil man sie einst gehört hat. Wenn ich morgens aus dem Fenster sehe und der Campus im goldenen Licht liegt, habe ich das Gefühl, als säße die Erinnerung schon in mir, wie ein eingestochenes Wort, das man nicht ganz lesen kann.
Dawson bleibt still. Manchmal sitzt er näher, als es der Zufall erlaubt zu glauben. In einem Seminar redet die Referentin über Kommunikationstheorie; ich schreibe mit, aber meine Gedanken sind nicht zuhause. Als ich den Kopf hebe, sitzt er da, ein Schatten an der Seite des Saals, und ich habe für einen Sekundenbruchteil das Gefühl, er kennt meine Träume. Es erscheint mir übertrieben, und doch ist da dieses kleine Ziehen in meiner Brust.
Eines Abends, als Regen die Bibliothek von außen wäscht und die Lampen wie flackernde Sterne wirken, sitze ich mit einer Tasse verbrannten Kaffees auf dem Tisch. Die Seite meines Skripts wird feucht vom Nebel, den die Tür herein schüttet. Jemand setzt sich ohne Worte gegenüber. Ich hebe den Blick – Dawson. Er hat sein Notizbuch aufgeschlagen, zeigt keine Seiten. Er sieht aus, als hätte er die Bibliothek mit einer anderen Aura gesehen, die nur er erkennt.
„Du arbeitest spät“, sage ich, mehr als Feststellung denn als Frage.
„Die Ruhe ist gut zum Denken“, antwortet er leise. Seine Stimme ist tiefer, als ich erwartet habe, und das Wort „denken“ trägt eine Schwere, als ginge es ihm nicht um Vorlesungen, sondern um etwas, das schwerer wiegt.
„Ich nenne es Überleben“, antworte ich und lächle, doch das Lächeln bleibt an der Oberfläche hängen.
Ich erzähle ihm nicht von den Träumen. Ich weiß nicht, ob ich es will. Stattdessen beobachte ich, wie er das Notizbuch schließt. Auf dem Einband ist ein gezeichneter Kreis mit elf Punkten — wie ein Stern, nur anders.
„Kann ich fragen, woher du kommst?“ frage ich, weil es einfacher ist, über Belangloses zu reden.
Er zuckt kaum merklich mit den Schultern. „Nicht weit.“ Es klingt distanziert, wie ein Wort, das nicht aus einer konkreten Stadt stammt. „Und du?“
„San Diego.“ Ich füge hinzu: „Aber das ist Jahre her.“ Ein unnötiges Detail, das meine Stimme weich macht.
„Bist du glücklich hier?“
Seine Frage trifft mich in einer Weise, die eine Instanz entfernt in mir berührt. Glück ist nicht das richtige Wort. Ich denke an meine Eltern, an die Erwartungen, an die Listen. Ich denke an die Träume, die an meiner Seele zehren.
„Manchmal“, sage ich. „Meist ist es eher… kompliziert.“
Er nickt, als bestätige er etwas, das keiner Worte bedarf. „Kompliziert ist ehrlich.“ Seine Augen bleiben einen Moment zu lange an meinem Gesicht haften, als suche er nach einem Zeichen, das ich nicht geben will.
„Dawson“, sage ich. „Warum…?“ Ich stoppe, weil ich nicht weiß, wie ich die Frage beenden soll.
„Warum ich oft hier bin?“, schlägt er vor. „Warum ich beobachte?“
„Ja.“
Er atmet aus. „Vielleicht interessiere ich mich für Dinge, die andere übersehen“, sagt er einfach. „Manche Leute sind empfänglicher für Muster.“
„Muster?“ Ich taste nach einem Anker. „Muster wovon?“
Er lächelt ohne Humor. „Von der Art, wie Orte atmen. Wie sie Erinnerungen halten. Manche Orte sind wie Bücher, die man falsch zuschlägt – man liest sie nicht, und trotzdem bleibt eine Seite offen. Andere Orte rufen.“
Sein Blick bleibt auf mir. „Und manchmal“, fügt er hinzu, „rufen sie dieselbe Person.“
Es ist eine Eigenschaft von Sätzen, die plötzlich entscheidend klingen, obwohl sie es vielleicht nicht sind. Ich muss lachen, um nicht mit der Angst fertigzuwerden, die mir wie eine kalte Hand die Kehle umklammert. „Also bin ich ein Ort?“
„Nicht nur“, sagt er. „Eher ein Echo.“
In dieser Nacht schlafe ich schlecht. Die Bilder kommen dichter. Ich sehe Hügel, die wie Rücken alter Riesen aus dem Nebel spitzen; ein Stern, der wie ein Auge scheint; Schatten, die nicht ganz Schatten sind. Einmal streiche ich im Traum mit der Hand über raues Gestein, und als ich aufwache, ist meine Hand weiß von etwas, das wie Puder aussieht. Ich reibe sie, aber es ist nur mein eigenes Herz, das in meiner Haut arbeitet.
Am nächsten Tag laufe ich durch den Campus, und die Sonne steht schräg über den Dächern. Ich habe das Gefühl, mich zu verlangsamen, als würde die Welt nebenher laufen und ich selbst bin in eine andere Frequenz geschaltet. Menschen sprechen, Telefone klingeln, aber alles kommt von einer Distanz, wie aus einem Raum mit zu dichten Wänden. Ich beginne, Dinge zu bemerken, die mir vorher egal gewesen wären: die Art, wie das Moos an einer Mauer wächst, die kleine Einkerbung an einer Treppenstufe, die, wenn man genau hinsieht, wie ein Finger aussieht, der nach etwas greift.
In der Mensa biege ich um eine Ecke und sehe ihn wieder – Dawson, in der Schlange, in der Hand eine Brotdose.
Unsere Blicke kreuzen sich, und er kommt näher, um etwas zu sagen. Wir stellen uns nebeneinander an, als wäre das Arrangement vorher beschlossen.
„Ich habe gestern mit dir geredet“, sagt er unvermittelt.
„Ja“, antworte ich, obwohl ich nicht weiß, ob er mir damit einen Vorwurf macht oder eine Beobachtung.
„Ich habe nachgedacht“, sagt er. „Über das, was du sagst. Über die Träume.“
Mein Herz setzt einen Schlag aus. „Du hast…?“ Ich versuche, ruhig zu klingen, bringe es aber nicht übers Herz zu fragen, was er denkt.
„Manchmal sind Träume keine Fehler“, sagt er langsam. „Manchmal sind sie Erinnerungen, die das Hirn nicht ganz bearbeiten kann. Manchmal sind sie Signale.“
„Signale wovon?“ Ich merke, wie die Worte zusammenziehen, als legte man eine Hand um sie.
Er sieht mich an, und jetzt ist sein Blick entschlossen, als hätte er sich entschieden, näher zu treten, etwas auszusprechen, das lange in ihm gelegen hat. „Dass da eine andere Welt ist, die Menschen wie uns erreichen kann. Dass manche Menschen…“ Er macht eine kleine, ungenaue Geste mit der Hand. „…sensibel sind für diese Risse.“
Ich weiß auf einmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die Möglichkeit, dass er mich für verrückt hält, ist plötzlich weniger beängstigend als die Tatsache, dass er möglicherweise Recht haben könnte. „Du scheinst das zu wissen“, sage ich, in der Hoffnung, dass seine Antwort mich trocknet wie ein Fön.
„Ich weiß mehr, als ich sagen darf“, antwortet er. „Manchmal ist es schwer, Dinge auszudrücken, ohne dass sie aussehen wie Geschichten.“
Er geht weg, ohne dass ich ihn zurückhalte. Ich stehe einen Moment länger, halte meinen Löffel in der Hand, spüre die Kälte von Aluminium, die mich an den Rand der Realität zurückholt. Sein Gesicht bleibt vor meinem inneren Auge, als wäre es auf Glas gemalt.
Die Tage vergehen, und die Träume werden nicht seltener. Sie werden lauter. Ich beginne, kleine Muster zu sehen: ein bestimmter Geruch, wenn der Traum kommt – verbranntes Harz; eine Erinnerung, die bruchstückhaft wiederkehrt: ich halte etwas, das wie ein Amulett aussieht, in der Hand; jemand ruft meinen Namen, und die Stimme ist vertraut, als stamme sie aus meinem eigenen Mund. Ich frage mich, ob ich früher ein anderes Leben hatte, oder ob mein Verstand mir Streiche spielt. Beides fühlt sich gleichermaßen möglich an.
Eines Abends, als ich die Tür zu meinem Wohnheim aufschließe, bleibt mein Blick an den Bewegungen der Bäume hängen. Sie schaukeln nicht, aber ich habe das Gefühl, als würden sie lauschen. Ich schalte das Licht ein, und für einen Moment ist das Zimmer normal: mein Bett, ein Poster, ein aufgeschlagenes Buch. Dann, als würde etwas Gewicht auf der Luft liegen, spüre ich es wieder – das Beobachten. Nicht körperlich, kein Schatten, kein Geräusch. Eher ein Druck, ein Blick, der direkt hinter mir ruht, so nah, dass ich das Gefühl habe, meine Schultern krümmen sich unter ihm.
Ich drehe mich langsam um. Niemand. Nur die Reflexion des Fensters, in dem die Lichter der Stadt als ferne Sterne glimmen. Ich lache, weil Lachen leichter ist als Angst. Aber das Lachen klingt hohl in meinen Ohren. Ich ziehe die Vorhänge zu, als würde Stoff irgendeine Barriere ziehen können.
Ich lege mich hin. Das Licht der Lampe zeichnet ein Rechteck auf die Decke. Ich starre hinein, bis meine Augen schwer werden. Die Träume kommen nicht gleich, aber wenn sie kommen, sind sie wie Fluten, die über die Deichmauer schießen. Dieses Mal ist der Hügel näher; ich kann die Maserung eines Steins sehen, als hätte ich ihn gestern berührt. Und in einem Teil des Traums – so klar, dass mein Hals trocken wird – höre ich eine Stimme, die nicht mein eigenes Denken ist, die mein Namen flüstert mit einer Zärtlichkeit, die mir fremd ist und die mich zugleich tröstet. Ich liege ruhig da und nehme das seltsame Flüstern in mich auf, ohne die Worte zu verstehen.
Als ich erwache, ist der Morgen über den Dächern weich wie Wachspapier. Ich sitze aufrecht, mein Herz rattert. Ich weiß nicht, ob ich träume oder wach bin. Gedanken sind unruhig wie ein Schwarm Insekten. Irgendetwas ist anders als am Tag zuvor, eine Feinheit, die mir das Innere vibrieren lässt. Jemand oder etwas hat meine Anwesenheit bemerkt – nicht abstrakt, nicht als Statistik, sondern persönlich. Und es scheint nicht unbedingt neutral zu sein. Das Gefühl, das sich wie ein Mantel über mich legt, ist weder rein drohend noch rein freundlich; es ist nur aufmerksam.
Ich öffne die Tür, gehe in den Flur, und auf dem Weg zurück zum Campus fühle ich mich beobachtet. Nicht von Menschen, von etwas Anderem, Glatterem, das an der Kante der Wahrnehmung sitzt. An der Bushaltestelle sehe ich Leute, die in ihre Telefone starren, eine Frau, die mit einem Kind spricht, zwei Männer, die laut lachen. All das spielt sich ab, während ich das Gewicht dieser Beobachtung wie ein zusätzliches Kleidungsstück trage.
Am Nachmittag finde ich Dawson in der Bibliothek, auf dem gleichen Platz wie immer. Er hebt kaum den Blick, als ich ankomme, aber als er mich sieht, ist da eine Art Erwarten in seinem Gesicht, als würde er auf ein Signal warten.
„Du siehst müde aus“, sagt er, und diesmal ist es mehr Feststellung als Frage.
„Ich bin es“, antworte ich. Ich setze mich ihm gegenüber. „Ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden.“
Seine Augen verengen sich. „Nicht nur du“, sagt er. „Es gibt da etwas, das Aufmerksamkeit sucht. Manchmal ist es neugierig, manchmal… hungrig.“
„Hungrig?“, wiederhole ich beinahe lachend, weil das Wort so groß ist, klobig und ungeeignet.
„Hungrig ist vielleicht zu stark“, sagt er. „Sagen wir: aufmerksam und erwartend.“
„Warum ich?“, frage ich und sehe ihn direkt an.
„Weil du dich erinnerst, mehr, als du zugibst“, antwortet er. „Weil du… etwas bist, das diese Welt noch nicht ganz kennt.“
Ich lasse die Frage, die in mir brennt, unausgesprochen: Kennst du dieses Etwas? Bist du Teil davon? Stattdessen sage ich: „Warum sagst du das?“
Er klappt sein Notizbuch auf, zeigt mir eine leere Seite, auf die er mit einem Bleistift einen Kreis zeichnet und darin elf Punkte setzt – exakt dieselbe Zeichnung, die ich an seinem Einband gesehen habe. „Weil ich darauf vorbereitet bin“, sagt er. „Nicht auf alles, aber auf genug.“
Ich sehe die Punkte, und in meinem Innern regt sich etwas wie eine Übereinkunft. Es ist kein klares Wissen, eher ein Ziehen. „Was, wenn ich Angst habe?“, frage ich schließlich.
„Dann sag es mir“, antwortet er. „Angst ist nicht etwas, das man alleine tragen muss.“
Seine Worte sind einfach, aber sie klingen wie ein Versprechen, und ich finde, dass das Versprechen mich ruhiger macht. Ich lächele schwach, und er lächelt zurück, ohne dass es auf seinen Lippen richtig warm wird.
Am Abend gehe ich hinaus in die kühle Luft. Die Palmen zeichnen Muster in den Himmel, und über allem liegt der immer gleiche Geruch von Stadt. Ich bleibe stehen und drehe mich langsam. Für einen Moment – oder eine Minute oder eine Ewigkeit, ich weiß es nicht mehr – habe ich das Gefühl, dass etwas unmittelbar hinter mir atmet. Nicht körperlich, nicht warm. Ein kalter Hauch, der die Nackenhaare aufrichtet. Ich drehe mich um. Nichts. Nur die Nacht, die Bäume, das diffuse Licht der Straßenlaternen.
Ich laufe die Treppe hinauf, die zum Wohnheim führt, und plötzlich ist das Beobachten so dicht, dass es sich wie eine zweite Haut anfühlt. Ich will schreien, will jemanden wecken, will die Welt verkünden, dass hier etwas ist, das man beachten muss. Aber die Stimme bleibt in mir, klein wie ein Funken, der sich fürchtet, angezündet zu werden.
Als ich die Tür aufschließe und mein Zimmer betrete, schalte ich das Licht an. Die Lampe wirft ihr gedämmtes Rechteck über den Schreibtisch, und auf dem Regal scheint ein Schatten zu zittern, so als hätte er Atem. Ich schnappe nach Luft. „Das ist lächerlich“, murmele ich zu mir selbst und lege die Schlüssel auf den Tisch.
Ich setze mich auf mein Bett und starre die Decke an. Die Träume hatten mir nie einen Namen gegeben, aber plötzlich fühlt sich alles, was ich erlebe, wie eine Vorbereitung an, als würde etwas lauern, das auf meinen nächsten Schritt wartet. Etwas, das mich kennt. Etwas, das mich sucht.
Draußen auf dem Campus verschiebt sich das Leben weiter, wie eh und je. Studenten lachen, Liebespaare teilen Kopfhörer, jemand wirft einen Ball über den Rasen. Und unter dieser normalen Oberfläche läuft etwas, unsichtbar wie ein Fluss unter Eis. Ich weiß in diesem Moment nicht, ob ich mich darauf freuen soll oder ob ich mich fürchte. Ich weiß nur, dass die Träume bleiben, dass Dawson nicht nur ein stiller Beobachter ist, und dass – so seltsam es klingt – ein Echo in mir antwortet, wenn der Stern im Traum aufleuchtet.
Am Fenster sitzend, den Sternanhänger in Gedanken tastend, lausche ich dem leisen Flüstern, das am Rand meiner Wahrnehmung hängt. Jemand – oder etwas – beobachtet mich. Es ist kein endgültiges Urteil, nicht einmal eine klare Bedrohung. Es ist nur Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit hat Gewicht. Ich spüre es wie einen Druck auf der Brust, als würde die Welt mich prüfen, ob ich bereit bin.