Chapter 1
Die Hitze stand flimmernd über dem Rasen des SC Green Valley. Cleo wischte sich den Schweiß von der Stirn und strich sich eine blonde Strähne hinter das Ohr, während sie tief durchatmete. Nova hatte recht gehabt – das Probetraining bei dem Verein ihres Cousin ihrer freundin war genau das, was Cleo jetzt brauchte. Am Spielfeldrand sah sie Nova, die ihre blonden Haare im gewohnten Dutt trug und ihr mit einem Daumen-hoch-Zeichen Mut machte.
„Cleo, zeig ihnen, was du draufhast!“, rief Coach Matthew über den Platz, seine italienischen Wurzeln in jedem energischen Wort spürbar.
Im Abschlussspiel spürte Cleo das Adrenalin. In der Abwehr stehend, deutet sie den Laufweg des Gegners, schob ihren Körper dazwischen und eroberte den Ball mit einer Dominanz, die selbst die Jungs kurz stutzen ließ. Sie dribbelte los, den Blick fest nach vorne gerichtet, direkt ins Zentrum.
Dann der Moment der Entscheidung: Links stand Leon, belagert von vier Gegenspielern, fast direkt vorm Kasten. Rechts stand er. Luke. Seine braunen Löckchen sprangen bei jeder Bewegung mit, und seine grünen Augen fixierten Cleo erwartungsvoll. Er war frei, aber die Distanz zum Tor war groß.
Cleo zögerte keine Sekunde. Sie spielte einen messerscharfen Pass flach über das Gras, genau in Lukes Lauf. Luke nahm den Ball perfekt an, zog ab – und das Leder schlug krachend im Netz ein.
Luke drehte sich jubelnd zu ihr um, ein breites Grinsen im Gesicht. „Geiler Pass, Cleo!“, rief er ihr zu.
Der Schlusspfiff von Matthew gellte über den Platz des SC Green Valley. 1:0. Das Team um Cleo und Luke hatte gewonnen, und Cleo spürte ein breites, stolzes Grinsen auf ihrem Gesicht. Sie hatte sich bewiesen.
Sie lief auf Luke zu, die Hand schon zum Abklatschen gehoben, so wie sie es gerade bei Leon und den anderen Jungs gemacht hatte. Ein kurzes „Gut gemacht!“ lag ihr auf den Lippen. Doch als sie bei ihm ankam, passierte etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
Luke schlug nicht ein. Stattdessen machte er einen Schritt auf sie zu, legte seine Arme um ihre Schultern und zog sie in eine feste, herzliche Umarmung. Cleo erstarrte für einen winzigen Moment. Sie konnte den Geruch von frischem Rasen und Sommer an ihm wahrnehmen, und seine braunen Löckchen kitzelten sie ganz leicht an der Stirn.
„Ohne dich hätte ich den nicht reingemacht“, raunte er, während er sie wieder losließ, sie aber immer noch mit diesen intensiven grünen Augen ansah.
Am Rand des Spielfelds sah Cleo, wie Nova ihr vielsagend zuzwinkerte und sich den Dutt richtete. Sogar Matthew nickte ihr anerkennend zu. In der Ferne, fast unbemerkt im flimmernden Licht der Abendsonne, schien für einen Bruchteil einer Sekunde ein violetter Funke aufzublitzen – Vio sah zu. Vio, ihr Freund. Nur Chleo konnte ihn sehen. Er war aus ihrer Fantasie. Ein paar Tage später brannte die Sonne unerbittlich auf den Trainingsplatz des SC Green Valley. Matthew stand mit verschränkten Armen da. „Zehn Runden zum Aufwärmen! Los geht’s!“, rief er.
Cleo biss die Zähne zusammen. Als einziges Mädchen in der Jungenmannschaft spürte sie immer den Drang, sich doppelt so stark zu beweisen. Luke lief dicht neben ihr, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, während seine braunen Locken im Wind wippten. Doch in der neunten Runde passierte es.
Ein plötzlicher Schwindel überrollte Cleo. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, und ein stechender Schmerz schoss durch ihre Taille. Ihr wurde speiübel. Mit zittrigen Knien ließ sie sich am Spielfeldrand ins Gras sinken. Sofort war Luke bei ihr, das Gesicht voller Sorge.
Matthew rief den Mannschaftsarzt herbei. Der Doktor kniete sich vor Cleo und tastete vorsichtig ihre Seite ab, sein Gesichtsausdruck wurde ernst und traurig.
„Was ist los mit ihr?“, fragte Luke drängend, seine grünen Augen fixierten den Arzt.
Der Doktor zögerte. „Sie sollte eigentlich nicht weitermachen. Da ist etwas in ihrem Bauchraum, das ich hier draußen nicht deuten kann... eine Art Schatten.“ Er sah Cleo an, die bleich und verschwitzt war. „Aber für den Moment... trink etwas. Wenn es dir besser geht, kannst du langsam weiterlaufen, aber pass auf dich auf.“
Cleo zwang sich ein schwaches Lächeln ab. Sie wollte nicht diejenige sein, die aufgibt. Sie stand mühsam auf und begann wieder zu laufen, während Luke sie keinen Moment aus den Augen ließ.
Das Kratzen der Füller auf dem Papier war das einzige Geräusch im Lateinraum. Cleo starrte auf das Aufgabenblatt. Sie hatte Wochen gelernt, kannte jede Deklination auswendig. Doch plötzlich verschwammen die lateinischen Wörter vor ihren Augen. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, gefolgt von einer Hitzequelle in ihrer Brust. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel.
Alles war weg. Ihr Kopf war leer.
Mit zitternden Händen stand sie auf, legte das völlig weiße Blatt auf das Pult des Lehrers und stürmte wortlos aus dem Raum, bevor jemand reagieren konnte. Sie rannte, bis sie die Mädchentoilette erreichte, schloss sich in eine Kabine ein und sackte auf den Boden. Die Übelkeit stieg in ihr hoch.
Mit bebenden Fingern tippte sie Luke eine Nachricht: „Brauche dich. Mädchentoilette 1. Stock. Bitte.“
Kurz darauf hörte sie die Tür. „Cleo?“, flüsterte Lukes vertraute Stimme. Sie schloss die Kabine auf und fiel ihm fast entgegen. Er nahm sie sofort in den Arm, strich ihr sanft über den Rücken und wollte sie fest an sich ziehen, um sie zu beruhigen. Doch als seine Hand ihre Taille berührte, zuckte Cleo heftig zusammen und stieß einen unterdrückten Schrei aus.
„Was ist? Hab ich dir wehgetan?“, fragte Luke erschrocken.
„Nein... alles gut, nur ein kleiner Krampf“, log sie, während sie sich den Schmerz wegzuatmen versuchte. Aber Luke ließ sich nicht täuschen. Seine grünen Augen waren ernst, als er vorsichtig ihr Shirt ein Stück nach oben schob.
Dort, auf ihrer hellen Haut an der Taille, prangte ein dunkelroter, unregelmäßiger Fleck. Es floss kein Blut, aber die Verfärbung sah bedrohlich aus, fast wie ein böses Omen unter der Haut. Luke sah sie entsetzt an. „Cleo... das ist nicht 'alles gut'.“
Das grelle Licht der Krankenhausflure brannte in Cleos Augen. Luke hatte den Krankenwagen gerufen, doch er durfte nicht mitfahren und blieb verzweifelt vor dem Schulgebäude zurück. Kurze Zeit später stürmten ihre Eltern in das Zimmer, ihre Gesichter bleich vor Angst.
Nach einer Ewigkeit aus Scans und Untersuchungen trat der Doktor ein. Sein Blick war gesenkt, seine Stimme klang belegt und tief traurig.
„Es ist ein Sarkom“, begann er leise. „Knochenkrebs.“ Er machte eine lange Pause, die sich anfühlte wie ein Abgrund. „Wir haben ihn zu spät entdeckt. Es gibt keine Behandlung mehr, die ihn vernichten könnte.“ Er sah Cleo direkt an, und in seinen Augen spiegelte sich das Unvermeidbare wider. „Wir können nur noch versuchen, die Schmerzen zu lindern. Cleo... du hast wahrscheinlich noch ein Jahr zu leben.“
Draußen vor dem Fenster, unbemerkt von den weinenden Eltern, flackerte ein schwaches, violettes Licht auf. Vio war da, doch selbst der Schattenwächter wirkte in diesem Moment erstarrt.
Der Morgen nach der Diagnose fühlte sich unwirklich an. Cleo stand vor dem Spiegel und betrachtete ihre mittellangen blonden Haare. Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, doch ihr Entschluss stand fest: Keine Kliniken, keine Chemotherapien, die sie nur noch schwächer machen würden. Sie wollte frei sein.
In der Mittagspause suchte sie Luke. Er saß auf ihrer gewohnten Mauer, sein Blick hektisch und voller Sorge, bis er sie sah und sofort aufsprang.
„Cleo! Gott sei Dank, wie geht es dir? Was haben sie gesagt?“, sprudelte es aus ihm heraus, während er ihre Hände nahm.
Cleo sah ihm tief in die grünen Augen und atmete die warme Sommerluft ein. „Es ist Knochenkrebs, Luke. Ein Sarkom. Der Doktor sagt... ich habe noch etwa ein Jahr.“
Luke erstarrte. Das Lächeln in seinem Gesicht erlosch, und seine Finger verkrampften sich leicht um ihre. „Ein Jahr? Aber... sie können doch was tun? Es muss eine Operation geben, oder...?“
Cleo schüttelte langsam den Kopf. „Es ist zu spät für eine Heilung. Aber ich werde nicht im Krankenhaus sterben, Luke. Ich will dieses Jahr leben. Mit dir. Mit Fußball. Ganz normal.“
In einem Baumwipfel über ihnen leuchtete für einen Moment ein violetter Schimmer auf. Vio war da und versprach im Stillen, jeden dieser verbleibenden Tage als Glücksbringer an ihrer Seite zu sein.
Lukes Hände begannen zu zittern, während er Cleos Finger noch fester umschloss. Er starrte sie aus seinen grünen Augen fassungslos an, als hätte sie gerade eine Sprache gesprochen, die er nicht verstand.
„Ein Jahr?“, wiederholte er mit brüchiger Stimme. „Cleo, das... das kann nicht sein. Wir fangen doch gerade erst an.“ Er schüttelte heftig den Kopf, und eine seiner braunen Locken fiel ihm tief ins Gesicht. „Wir finden einen anderen Arzt. Mein Bruder kennt Leute vom Basketball, Spezialisten... es muss eine Lösung geben!“
Er wollte aufspringen, wollte irgendetwas tun, kämpfen, rennen – so wie er es auf dem Platz tat, wenn sein Team hinten lag. Doch als er in Cleos ruhige, blau-graue Augen sah, blieb er sitzen. Er sah die traurige Gewissheit darin, die ihm der Doktor am Vortag schon angedeutet hatte.
Eine Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel und rollte über seine Wange. Er zog sie ruckartig zu sich und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. „Dann machen wir es“, flüsterte er gegen ihren Hals. „Wenn es nur dieses Jahr ist, dann wird es das lauteste, verrückteste und schönste Jahr, das die Welt je gesehen hat. Ich lasse dich keine Sekunde allein.“
Ein paar Meter entfernt blieb Nova stehen. Sie hatte die beiden gesehen, sah Lukes Tränen und Cleos blasse Haut. Sie hielt sich krampfhaft an ihrem Rucksack fest, und ihre blauen Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Nova machte einen zögerlichen Schritt auf die Mauer zu. Ihr Blick huschte zwischen dem völlig aufgelösten Luke und Cleo hin und her. „Leute? Was ist los? Warum weint Luke?“, fragte sie mit einer Stimme, die so dünn klang, als würde sie gleich brechen.
Cleo löste sich sanft aus Lukes Umarmung und sah ihre beste Freundin an. Sie wollte stark sein, doch als sie in Novas vertrautes Gesicht sah, spürte sie einen dicken Kloß im Hals. „Nova... komm her“, flüsterte sie und klopfte auf den Platz neben sich.
Nova setzte sich, ihre Knie zitterten. Cleo nahm ihre Hand – die Hand, die sie schon im Kindergarten gehalten hatte. „Gestern im Krankenhaus... sie haben herausgefunden, was der Fleck ist. Es ist Krebs, Nova. In den Knochen.“
Nova schüttelte den Kopf, als könnte sie die Worte so einfach aus der Luft wischen. „Nein. Nein, du hast nur zu viel trainiert. Das ist ein Irrtum. Wir gehen morgen zu einem anderen Arzt...“
„Nova, hör mir zu“, unterbrach Cleo sie sanft, während Tränen nun auch über ihre Wangen liefen. „Der Doktor sagt, es ist zu spät für eine Behandlung. Ich habe noch ein Jahr.“
Ein gellender Schrei des Entsetzens entfuhr Nova, bevor sie Cleo so fest umschlang, als könnte sie den Tod einfach wegdrücken. Sie vergrub ihr Gesicht in Cleos blonden Haaren und schluchzte so heftig, dass ihr ganzer Körper bebte. Luke legte von der anderen Seite seinen Arm um beide Mädchen.
In diesem Moment wirkte der sonnige Schulhof wie eine ferne Kulisse. Die Zeit schien für die drei Freunde einfach stehen geblieben zu sein.
Die Sonne brannte wie am Vortag, doch für Cleo fühlte sich das Licht heute anders an – kostbarer. Während der Rest der Welt sich über Hausaufgaben oder das Wetter beschwerte, schnürte sie ihre Fußballschuhe fester als je zuvor.
Als sie den Rasen des SC Green Valley betrat, herrschte für einen Moment Stille. Nova und Luke standen am Rand, ihre Augen gerötet, aber ihre Blicke fest auf Cleo gerichtet. Coach Matthew hielt kurz inne, die Pfeife in der Hand, und nickte ihr mit einer Mischung aus tiefem Respekt und unterdrücktem Schmerz zu.
„Auf geht’s, Cleo! Ins Zentrum!“, rief er, und seine Stimme klang belegter als sonst.
Und Cleo lieferte. Es war, als hätte die Gewissheit über ihren Tod eine unglaubliche Kraft in ihr freigesetzt. Sie dribbelte an Leon vorbei, als wäre er eine Slalomstange, ihre Bewegungen waren präzise, fast tänzerisch. Der dumpfe Schmerz in ihrer Taille war da, ein ständiger Begleiter, doch sie schob ihn in eine dunkle Ecke ihres Bewusstseins.
Sie schlug eine Flanke, so perfekt getimt, dass Luke sie nur noch mit dem Kopf ins Eck drücken musste. Als der Ball im Netz zappelte, jubelte Luke nicht wie sonst. Er rannte direkt zu Cleo, hob sie hoch und drehte sie im Kreis.
In den Maschen des Tores flackerte für einen Herzschlag ein helles, violettes Licht auf. Vio grinste. Wenn sie spielen wollte, würde er dafür sorgen, dass jeder ihrer Pässe sein Ziel fand.
Die Atmosphäre am Sportplatz des SC Green Valley war elektrisierend. Es war Cleos erstes offizielles Spiel seit der Diagnose. Die Sonne war längst untergegangen, und das kalte, weiße Flutlicht verwandelte den Rasen in eine Bühne.
Cleo stand im Tunnel und spürte, wie ihre Hände leicht zitterten – nicht nur vor Aufregung, sondern auch, weil der Schmerz in ihrer Taille heute wie ein dunkles Echo unter ihrer Haut pulsierte. Sie sah zu Luke, der direkt vor ihr stand. Er drehte sich kurz um, zwinkerte ihr zu und formte mit den Lippen die Worte: „Wir zwei.“
„Cleo! Konzentration!“, rief Coach Matthew, während er seine taktischen Anweisungen gab. Er wirkte nervöser als sonst, sein Blick wanderte immer wieder besorgt zu seiner Nummer 10.
Das Spiel war hart. Die Gegner schonten Cleo nicht, und sie wollte es auch nicht anders. In der 30. Minute geschah es: Cleo eroberte den Ball im Mittelfeld. Sie spürte einen stechenden Schmerz, der sie fast in die Knie zwang, doch in ihrem Augenwinkel sah sie ein kurzes, violettes Flimmern. Vio war da.
Wie von einer unsichtbaren Kraft getrieben, setzte sie zum Sprint an. Sie tanzte an zwei Verteidigern vorbei, das Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als wollte es ausbrechen. Sie sah Luke im Zentrum, doch diesmal schrie ihre Intuition: Zieh selbst ab!
Sie schoss. Der Ball flog wie ein Strahl in den oberen Winkel. Tor!
Der Jubel der Zuschauer war ohrenbetäubend, doch für Cleo war es plötzlich ganz still. Sie spürte, wie Luke auf sie zustürmte und sie in die Luft hob. In der Menge sah sie Nova, die vor Freude weinte und ihren Schal schwenkte. Cleo lachte, während eine einzelne Träne über ihre Wange lief. Sie war am Leben. Heute, in diesem Moment, gehörte ihr die Welt.
Der Jubel hallte noch in ihren Ohren, doch während ihre Mitspieler sie abklatschten, fühlte Cleo, wie die Kraft aus ihren Gliedmaßen wich, als würde jemand einen Stecker ziehen. Das Atmen fiel ihr plötzlich schwer, und jeder Schritt auf dem harten Rasen fühlte sich an, als würde ein Messer in ihre Taille stechen.
Sie orientierte sich nicht wieder nach vorne zum gegnerischen Tor. Stattdessen ließ sie sich immer weiter zurückfallen. Erst ins Mittelfeld, dann fast bis zur eigenen Abwehrkette. Sie brauchte den Raum, die Luft, die Stille zwischen den Zweikämpfen.
Luke sah sich immer wieder nach ihr um. Sein strahlendes Lächeln nach dem Tor war purer Besorgnis gewichen. Er sah, wie ihre Schultern hingen und wie sie versuchte, das Zittern ihrer Knie zu verbergen.
Coach Matthew am Seitenrand hatte die Stirn tief in Falten gelegt. Er griff nach seiner Trillerpfeife, zögerte aber. Er wusste, was in Cleo vorging – sie wollte das Spiel zu Ende bringen, koste es, was es wolle.
Am Spielfeldrand saß Vio im Schatten der Auswechselbank. Sein violettes Leuchten war nur noch ein schwaches Glimmen, als würde er versuchen, seine Energie direkt auf Cleo zu übertragen, um sie auf den Beinen zu halten.
Cleo starrte auf ihre Füße. Der grüne Rasen unter dem Flutlicht verschwamm. Nur noch zehn Minuten, flehte sie ihren eigenen Körper an. Lass mich dieses eine Spiel zu Ende bringen.
Das ferne Rufen der Zuschauer wurde zu einem dumpfen Rauschen, wie Wellen, die weit weg an einen Strand schlagen. Cleo fixierte einen Grashalm direkt vor ihren Füßen, der im grellen Weiß des Flutlichts fast silbern schimmerte. Ihre Augenlider fühlten sich an, als wären sie aus Blei.
Nur noch einen Schritt..., dachte sie, doch die Verbindung zwischen ihrem Kopf und ihren Beinen war gekappt.
Die Geräusche des Spiels – das dumpfe Treten des Balls, die Kommandos von Matthew – verschwammen zu einem unkenntlichen Brei. Dann gab ihr Körper endgültig nach. Ohne ein Wort, ohne den Versuch, sich abzufangen, kippte Cleo vornüber. Der Aufprall auf dem harten Rasen war kaum zu hören, doch für Luke, der gerade zum Sprint ansetzen wollte, war es wie ein Donnerschlag.
„CLEO!“, gellte sein Schrei über den Platz.
Bevor Matthew oder die Sanitäter reagieren konnten, war Luke schon bei ihr. Er warf sich auf die Knie, sein Herz hämmerte so laut, dass er kaum etwas anderes hörte. Er drehte sie vorsichtig auf den Rücken. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesicht so blass wie der Mond.
In diesem Moment breitete sich im Schatten hinter der Auswechselbank ein intensives, violettes Leuchten aus. Vio stand dort, die Arme ausgestreckt, als wollte er die Zeit anhalten oder Cleo mit seiner eigenen Energie wieder aufwecken. Ein heftiger Windstoß fegte über den Platz, obwohl die Nacht eigentlich windstill war.
Nova stand am Rand, ihre Hände vor den Mund gepresst, die Tränen schossen ihr augenblicklich in die Augen. Das Spiel wurde abgebrochen, doch das interessierte niemanden mehr.
Die Welt kehrte in Bruchstücken zurück. Zuerst war da das grelle, weiße Flutlicht, das schmerzhaft in ihren Augen brannte. Dann der Geruch von feuchtem Gras und Lukes Parfüm. Cleo blinzelte mühsam. Ihre Wimpern fühlten sich schwer an.
„Ganz ruhig, Cleo. Bleib liegen“, hörte sie Lukes Stimme. Sie klang rau und brüchig, als hätte er eben stundenlang geschrien.
Cleo versuchte zu schlucken, doch ihr Mund war staubtrocken. Eine heftige Welle von Übelkeit rollte über sie hinweg und ließ ihren Magen krampfen. Die Gesichter von Matthew, Nova und dem Sanitäter tauchten über ihr auf wie verzerrte Schatten in einem Albtraum.
„Mir ist... schlecht“, krächzte sie kaum hörbar. Sie wollte sich aufsetzen, aber eine bleierne Schwere hielt sie am Boden fest.
Luke hielt ihren Kopf ganz vorsichtig in seinen Händen. Seine grünen Augen waren dunkel vor Panik und Schmerz. „Ich weiß, Süße. Hilfe ist da. Atme einfach nur.“
Im Hintergrund flackerte ein letztes Mal das violette Licht auf, bevor es im Schatten der Tribüne verschwand. Vio schien zu spüren, dass er Cleo diesen Moment der Schwäche nicht abnehmen konnte.
Drei Tage lang hatte Cleo fast nur geschlafen. Ihr Zimmer war abgedunkelt, und das einzige Geräusch war das Ticken der Uhr, das sie ständig an die schwindende Zeit erinnerte. Doch am vierten Tag hielt sie es nicht mehr aus. Die Stille fühlte sich an wie der Tod, und sie war noch nicht bereit zu gehen.
Mit zittrigen Beinen, aber einem Blick, der keinen Widerspruch duldete, packte sie ihre Sporttasche. Als sie in die Küche kam, ließen ihre Eltern vor Schreck fast die Kaffeetassen fallen. Doch Cleo ging einfach an ihnen vorbei. „Ich brauche das“, war alles, was sie sagte.
Am Trainingsplatz des SC Green Valley angekommen, herrschte schlagartig Schweigen, als sie aus Novas Auto stieg. Die Jungs aus der Mannschaft sahen sich unsicher an.
Luke rannte sofort auf sie zu. Er sah aus, als hätte er selbst drei Tage nicht geschlafen; seine braunen Locken waren zerzaust und seine grünen Augen wirkten fiebrig. „Cleo, was machst du hier? Du solltest im Bett liegen!“, rief er und wollte sie am Arm fassen, um sie zurückzuhalten.
Cleo sah ihn fest an. „Wenn ich im Bett liege, gewinnt der Krebs heute schon, Luke. Ich will trainieren.“
Coach Matthew trat aus dem Schatten des Vereinshauses hervor. Er verschränkte die Arme vor der Brust, und sein Blick war eine Mischung aus Bewunderung und tiefem Entsetzen. „Cleo...“, begann er leise, doch sie unterbrach ihn.
„Nur Passübungen, Matthew. Bitte.“
In diesem Moment wehte ein ungewöhnlich kühler Wind über den Platz, und ein violetter Funke tanzte kurz auf dem Metall der Torpfosten. Vio war bereit, über sie zu wachen, während sie ihren Körper erneut herausforderte.
Das Training war eine einzige Qual – aber nicht wegen der Schmerzen.
Jedes Mal, wenn Cleo den Ball forderte, spielten die Jungs ihn extra sanft, fast schon in Zeitlupe. Wenn Leon in einen Zweikampf mit ihr ging, stoppte er zwei Meter vor ihr ab und ließ sie einfach gewähren.
„Geh doch drauf, Leon!“, herrschte Cleo ihn an, doch er sah nur betreten zu Boden.
Am schlimmsten aber war Luke. Er wich ihr nicht von der Seite. Jedes Mal, wenn sie etwas schwerer atmete, stand er mit der Wasserflasche parat. „Vielleicht solltest du eine Pause machen?“, flüsterte er alle fünf Minuten und legte ihr besorgt die Hand auf die Schulter.
Cleo spürte, wie die Wut in ihr hochkochte. Es brannte heißer in ihrer Brust als der Krebs in ihrer Taille. Sie riss sich Lukes Hand von der Schulter.
„Hört auf damit!“, schrie sie plötzlich über den Platz, sodass selbst Matthew zusammenzuckte. „Ich bin keine Porzellanpuppe! Ich bin immer noch eure Mittelfeldspielerin! Wenn ihr mich nicht wie eine normale Spielerin behandelt, dann könnt ihr mich gleich beerdigen, bevor das Jahr um ist!“
Die Stille, die darauf folgte, war ohrenbetäubend. Am Rand des Feldes flackerte Vios Licht hell auf – er schien ihren Zorn zu genießen. Nova hielt am Spielfeldrand den Atem an, eine Decke über den Knien, die sie Cleo eigentlich gleich bringen wollte.
Das Flutlicht war längst erloschen. Die Jungs waren weg, Matthew hatte die Kabinen abgeschlossen und sogar Nova und Luke hatten sie nach langem Flehen schweren Herzens allein gelassen, weil sie geschworen hatte, gleich nachzukommen.
Nun saß Cleo im Schneidersitz genau am Mittelpunkt des Platzes. Der Rasen war feucht vom Tau und kühl gegen ihre nackten Beine. Die Dunkelheit umhüllte sie wie ein schwerer Mantel.
Sie weinte nicht laut. Es waren stille, heiße Tränen, die unaufhörlich über ihre Wangen liefen und auf ihr Trikot tropften. Ihr ganzer Körper zitterte – nicht nur vor Kälte, sondern vor der Erschöpfung, den ganzen Tag so tun zu müssen, als wäre alles okay. Der Schmerz in ihrer Taille pochte im Rhythmus ihres Herzens, eine grausame Erinnerung an die Uhr, die unerbittlich ablief.
Ich will nicht weg, dachte sie und krallte ihre Finger in die Grashalme. Ich will einfach nur hier bleiben.
Plötzlich spürte sie eine vertraute Wärme im Nacken. Ein violetter Schimmer legte sich sanft über ihre Schultern. Vio setzte sich hinter sie, seine schattenhaften Arme wie ein Schutzschild um sie gelegt. Er sagte nichts, er tröstete nicht mit Worten – er war einfach nur der Zeuge ihrer Trauer, der einzige, vor dem sie nicht stark sein musste.
Cleo zuckte nicht zusammen, als sie die violette Wärme spürte. Sie wusste irgendwie, dass er da war. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und starrte in die Schwärze des Strafraums.
„Bist du gekommen, um die Sekunden zu zählen?“, krächzte sie, ohne sich umzudrehen.
„Ich zähle keine Sekunden, Cleo“, erklang Vios Stimme direkt in ihrem Inneren. Sie war tief und vibrierte wie eine Basssaite, aber sie war seltsam sanft. „Ich sammle die Momente, die hell genug leuchten, um die Dunkelheit zu vertreiben.“
Cleo lachte bitter auf, ein kurzes, hohles Geräusch. „Viel Licht ist da nicht mehr übrig. Ich sterbe, Vio. Mein Körper zerfällt, während ich versuche, einen verdammten Ball zu treten.“
Vio schwebte langsam vor sie, seine violetten Umrisse verschwammen mit der Nacht. Er setzte sich ihr gegenüber, ein Wesen aus Sternenstaub und Schatten. „Sterben ist nur ein Tor, kleine Kämpferin. Aber heute bist du hier. Du hast heute gebrannt vor Zorn und Leidenschaft. Das ist mehr Leben, als manche in hundert Jahren spüren.“
„Es tut weh“, flüsterte sie und hielt sich die Taille. „Jeden Tag ein bisschen mehr.“
Vio neigte den Kopf, und seine Augen leuchteten in einem intensiven Lila auf. „Der Schmerz ist der Beweis, dass du noch nicht aufgegeben hast. Er ist das Feuer, das den Stahl härtet. Willst du, dass ich ihn für einen Moment wegnehme?“
Cleo sah ihn lange an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Nein. Wenn ich den Schmerz nicht mehr spüre, spüre ich vielleicht gar nichts mehr. Ich will alles fühlen. Bis zum Ende.“
Ein schwaches Lächeln legte sich auf Vios schattenhafte Züge. „Dann werde ich dein Licht festhalten, wenn deine Hände zu zittern beginnen.“
Die Morgensonne flutete das Klassenzimmer und tauchte alles in ein goldenes Licht. Cleo und Luke standen eng umschlungen zwischen den leeren Pulten. In diesem Moment gab es keine Krankheit, keine ablaufende Uhr, nur sie beide. Luke zog sie fest an sich, und sie küssten sich so intensiv, als wollten sie die Welt um sich herum einfach ausblenden. Cleo krallte ihre Finger in sein Shirt, um sich an der Realität festzuhalten.
Plötzlich knarrte die Tür. Die beiden schreckten auseinander, als Thiago eintrat. Er blieb abrupt stehen und hob abwehrend die Hände. „Ups. Sorry, wollte nicht stören.“
Luke atmete tief durch, fuhr sich verlegen durch seine braunen Locken und zwinkerte Cleo noch einmal zu. „Wir sehen uns später, okay?“, flüsterte er, bevor er an Thiago vorbei auf den Flur verschwand.
Cleo drehte sich schnell zum Fenster um, presste die Lippen zusammen und tat so, als würde sie ihre Bücher ordnen. Ihr Herz raste noch immer.
„Du hast dich verändert, Cleo“, sagte Thiago plötzlich. Er ging nicht zu seinem Platz, sondern blieb ein paar Schritte von ihr entfernt stehen. „Du bist blass. Und dieses ganze Getue... das bist nicht du. Was ist los?“
„Nichts ist los, Thiago. Ich hab nur wenig geschlafen, okay?“, blockte sie ab, ohne ihn anzusehen. Sie wollte stark wirken, die coole Fußballerin bleiben.
Doch Thiago ließ nicht locker. „Erzähl keinen Mist. Ich hab gesehen, wie du dich vorhin an Luke festgehalten hast, als würdest du gleich umkippen.“
Cleo spürte, wie die Mauer in ihr zu bröckeln begann. Die Erschöpfung der letzten Tage war stärker als ihr Stolz. Sie drehte sich langsam zu ihm um. Hinter Thiago, im Schatten der Tür, flackerte für einen Moment ein intensives, violettes Licht auf – Vio war da und wartete auf ihre Entscheidung.
„Es ist Krebs, Thiago“, sagte sie leise, und das Wort klang in der Stille des Raumes wie ein Urteil. „Knochenkrebs. Ich habe noch ein Jahr. Und jetzt geh bitte einfach.“
Cleo starrte auf ihre Hände, die auf der Tischkante zitterten. Sie wartete darauf, dass Thiago sich umdrehte und ging, so wie sie es verlangt hatte. Doch anstatt das Geräusch der Tür zu hören, spürte sie plötzlich eine sanfte Präsenz hinter sich.
Thiago trat ganz nah heran und legte seine Arme vorsichtig um sie. Es war keine fordernde Umarmung, sondern ein stilles Versprechen. Er legte sein Kinn kurz auf ihre Schulter. „Ich gehe nirgendwohin, Cleo“, murmelte er.
Cleo versteifte sich erst, doch die Wärme, die von ihm ausging, ließ ihren Widerstand schmelzen. Bei Luke fühlte sie sich oft schuldig, weil sie ihn so sehr verletzte, aber Thiago... Thiago war einfach da.
„Du weißt, dass ich auf Jungs stehe, oder?“, sagte er mit einem leichten, traurigen Lächeln in der Stimme, um das Eis zu brechen. „Du musst also keine Angst haben, dass ich dich jetzt anmache. Ich bin einfach nur dein Freund. Und Freunde lassen einander nicht allein, wenn es brenzlig wird.“
Cleo schloss die Augen und lehnte ihren Kopf gegen seinen. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich nicht wie eine Patientin oder ein „Porzellanpüppchen“, sondern einfach nur gehalten.
In der Ecke des Klassenzimmers, zwischen den Schatten der Schränke, pulsierte Vios Licht in einem tiefen, beruhigenden Lila. Er schien Thiago zu akzeptieren. In diesem Moment war der Schattenwächter nicht das einzige Wesen, das über Cleo wachte.
Lukes Zimmer roch nach ihm – eine Mischung aus frischer Wäsche und dem Leder seines Fußballs. Als er die Tür hinter ihnen schloss, schien der Lärm der Welt schlagartig zu verstummen. Cleo ließ ihren Rucksack einfach zu Boden fallen. Sie war müde, so unendlich müde, aber hier musste sie keine Maske tragen.
Luke kam auf sie zu und nahm ihre Hände. Er sah sie nicht an, als wäre sie zerbrechlich, sondern mit einer tiefen, ehrlichen Sehnsucht. „Willst du dich kurz hinlegen?“, fragte er leise.
Cleo nickte nur. Gemeinsam ließen sie sich auf sein Bett sinken. Luke zog die Decke über sie beide und nahm sie vorsichtig in den Arm. Cleo kuschelte sich an seine Brust, lauschte dem stetigen, kräftigen Schlag seines Herzens. Für einen Moment schloss sie die Augen und stellte sich vor, dass die Zeit einfach anhielt. Dass es kein „noch 340 Tage“ gab.
„Ich hab heute über uns nachgedacht“, flüsterte Luke in ihr Haar. Seine Hand strich sanft über ihren Rücken, wobei er die Stelle an ihrer Taille, wo der dunkle Fleck saß, mit einer fast ehrfürchtigen Vorsicht berührte. „Egal was passiert, Cleo... ich bin hier. Ich bleibe hier. In diesem Bett, in diesem Leben.“
Cleo spürte eine Träne der Erleichterung, die ihren Weg auf sein Shirt fand. Sie löste sich ein Stück von ihm und sah in seine grünen Augen. In der halbdunklen Ecke des Zimmers, oben auf dem Kleiderschrank, leuchteten zwei violette Punkte auf. Vio beobachtete sie, doch er hielt sich im Hintergrund. Dies war kein Moment für Schattenwesen. Dies war ein Moment für zwei Menschen, die versuchten, die Unendlichkeit in ein einziges Jahr zu quetschen.
Sie küssten sich, erst vorsichtig, dann tiefer, hungrig nach dem Leben, das ihnen noch blieb.
In der Stille von Lukes Zimmer wurde das Atmen schwerer. Jede Berührung fühlte sich elektrisierend an, als würden ihre Nerven versuchen, jede Sekunde abzuspeichern. Luke schob ganz vorsichtig Cleos T-Shirt nach oben. Sein Blick fiel kurz auf den dunkelroten Fleck an ihrer Taille – das Mal der Zeit –, doch er sah nicht mit Schrecken darauf, sondern mit unendlicher Zärtlichkeit. Er beugte sich vor und drückte einen federleichten Kuss genau auf die Stelle, bevor er sie wieder in die Augen sah.
„Du bist wunderschön, Cleo“, flüsterte er, und seine Stimme war rau vor Verlangen und Liebe.
Cleo antwortete nicht mit Worten. Sie zog ihn zu sich herunter, vergrub ihre Hände in seinen braunen Locken und ließ sich fallen. In dieser Nacht gab es keine Tabus, keine Grenzen. Es war ein verzweifelter, wunderschöner Tanz gegen die Dunkelheit. Ihre Körper verschmolzen miteinander, und für diese Stunden war Cleo nicht „das kranke Mädchen“ oder die „Kämpferin“. Sie war einfach nur eine junge Frau, die liebte und geliebt wurde.
Draußen vor dem Fenster tanzten violette Funken im Wind, als würde Vio eine unsichtbare Barriere um das Haus ziehen, damit niemand diesen heiligen Moment stören konnte. Der Mond warf lange Schatten, doch in Lukes Bett brannte ein Feuer, das heller leuchtete als jedes Flutlicht auf dem Fußballplatz.
Das Klassenzimmer war so still, dass man nur das Kratzen der Stifte auf dem Papier hörte. Vor Cleo lag der Mathematik-Test. Sie starrte auf die Gleichungen, die dort schwarz auf weiß standen, doch für sie sahen sie aus wie tanzende Hieroglyphen. Sie wusste, dass sie das gelernt hatte. Sie wusste, dass sie die Formeln gestern noch mit Nova durchgegangen war. Doch heute war da nur eine gähnende Leere in ihrem Kopf.
Sie presste den Stift so fest auf das Blatt, dass die Spitze fast durch das Papier stach. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre Taille bis hoch in ihren Nacken.
Cleo sah nach links zu Luke, der konzentriert schrieb, und dann nach rechts zu Thiago, der kurz aufblickte und ihr einen besorgten Blick zuwarf. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Es ging nicht. Die Wörter, die Zahlen, die Logik – alles entglitt ihr wie Sand zwischen den Fingern.
Schließlich legte sie den Stift weg. Sie schob das leere Blatt nach vorne und meldete sich mit zitternder Hand.
„Herr Weber? Mir ist... nicht gut. Kann ich bitte rausgehen?“, flüsterte sie. Der Lehrer, der von ihrer Diagnose wusste, nickte sofort mit einem Blick voller Mitleid, den Cleo so sehr hasste.
Draußen auf dem menschenleeren Flur lehnte sie sich gegen die kalten Schließfächer. Tränen der Frustration stiegen ihr in die Augen.
„Es sind nicht die Gedanken, die gehen, Cleo“, wisperte Vios Stimme plötzlich in ihrem Kopf. Ein violetter Schatten tanzte an der Decke über ihr. „Es ist dein Fokus, der sich verschiebt. Dein Geist bereitet sich auf eine Reise vor, auf der man keine Gleichungen braucht.“
„Ich will aber keine Reise!“, schrie sie lautlos gegen die Stille des Flurs. „Ich will einfach nur diesen blöden Test mitschreiben!“
Im Klassenzimmer herrschte das gewohnte Rascheln von Papier und das monotone Kratzen von Dutzenden Kugelschreibern. Nur an Cleos Platz blieb es still. Sie saß da, die Hände in den Schoß gelegt, und starrte auf das Whiteboard. Ihre rechte Hand pochte in einem dumpfen, unregelmäßigen Rhythmus. Jedes Mal, wenn sie versuchte, einen Stift zu halten, schoss ein krampfartiger Schmerz bis in ihren Ellenbogen, als würden ihre Nerven gegen die Anstrengung rebellieren.
Die Schulleitung hatte entschieden: Cleo ist befreit. Keine Tests, keine Hausaufgaben, kein Mitschreiben.
Nova, die neben ihr saß, schiebte ihren Block immer wieder ein Stück in Cleos Richtung, damit sie wenigstens mitlesen konnte. Doch Cleos Blick schweifte ab. Was nützten ihr die Analysen von Gedichten oder chemische Formeln? Sie lernte für ein Leben, das sie nicht mehr führen würde.
In der Pause blieb sie im Klassenzimmer sitzen. Thiago kam zu ihr und setzte sich verkehrt herum auf den Stuhl vor ihr. Er nahm ganz vorsichtig ihre schmerzende Hand und begann, sie mit seinen Daumen zu massieren. Er fragte nicht, wie es ihr ging – er wusste es.
„Soll ich deine Notizen für dich machen?“, fragte er leise. „Oder wir schwänzen die nächste Stunde und setzen uns einfach auf die Tribüne am Fußballplatz?“
Ein schwaches Lächeln stahl sich auf Cleos blasses Gesicht. Hinter Thiago an der Wand bildete der Schatten eines Baumes ein vertrautes, violettes Muster. Vio war da. Er schien mit seinem Schimmer die Kälte aus ihrer Hand zu vertreiben. „Worte auf Papier sind vergänglich, Cleo“, flüsterte sein Echo in ihrem Geist. „Die Geschichten, die du in die Herzen deiner Freunde schreibst, bleiben.“
Der schrille Ton der Trillerpfeife hallte durch die Turnhalle, doch für Cleo bedeutete er heute keinen Startschuss mehr. Während ihre Mitschüler in bunten Trikots zum Aufwärmen losliefen, saß sie auf der untersten Stufe der Holztribüne. Sie trug ihren dicken Kapuzenpullover, weil sie selbst in der stickigen Halle fröstelte.
Später am Nachmittag, beim Training des SC Green Valley, war es noch schlimmer. Der Geruch von frisch gemähtem Gras stieg ihr in die Nase – ein Geruch, der für sie immer Freiheit bedeutet hatte.
Luke rannte über den Flügel, sein Trikot war schweißnass, seine Bewegungen kraftvoll. Er schoss ein Tor und hob instinktiv die Hand, um mit Cleo abzuklatschen – doch dann blieb sein Blick an ihr hängen, wie sie dort auf ihrem Klappstuhl am Rand saß, die Beine in eine Decke gehüllt. Sein Lächeln erstarb augenblicklich.
„Cleo...“, murmelte er, als er in der Trinkpause zu ihr herüberkam. Er wollte ihr von dem Spielzug erzählen, doch er hielt inne. Er sah, wie sie ihre schmerzende rechte Hand unter der Decke versteckte.
„Erzähl weiter, Luke“, sagte sie mit einer Stimme, die viel zu alt für ihr Gesicht klang. „Ich will wissen, wie es sich anfühlt. Das Rennen. Der Wind im Gesicht.“
In den Schatten unter der Tribüne pulsierte ein tiefes Violett. Vio saß dort, fast unsichtbar im Tageslicht. „Du rennst immer noch, Cleo“, flüsterte er in ihre Gedanken. „Nur nicht mehr mit den Beinen. Du rennst dem Schicksal entgegen, und das erfordert mehr Mut als jeder Sprint auf diesem Rasen.“
Nova setzte sich schweigend neben sie und nahm ihre gesunde Hand. Sie schauten gemeinsam zu, wie die Sonne hinter den Torpfosten unterging und die Schatten der Spieler immer länger wurden.
Draußen peitschte der Wind den ersten Schneeregen gegen die Fenster des Klassenzimmers, aber drinnen war es stickig warm. Cleo war froh um ihren übergroßen, schwarzen Wollpullover. Die Ärmel waren so lang, dass sie fast ihre Fingerspitzen verdeckten.
Am Morgen war sie vor dem Spiegel erschrocken. Das dunkle, fast violette Mal an ihrer Taille hatte Ableger gebildet. Wie feine, dunkle Ranken eines giftigen Efeus zogen sich die Verfärbungen nun über ihre Rippen bis hoch zu ihren Unterarmen. Es sah nicht aus wie blaue Flecken – es sah aus, als würde ihr Körper sich von innen heraus verfärben.
„Wenigstens muss ich keine Ausreden mehr für die langen Ärmel suchen“, murmelte sie, als sie sich in der Pause zu Thiago setzte.
Thiago beobachtete sie genau. Er sah, wie sie unbewusst an den Ärmeln zerrte, um sicherzugehen, dass keine Haut zu sehen war. Er griff nach ihrer Hand – die jetzt oft eiskalt war – und schob den Ärmel nur einen Millimeter nach oben. Er sah den Rand einer dunklen Stelle an ihrem Handgelenk.
Er sah sie nicht angewidert an. Er lächelte traurig. „Sieht aus wie ein Tattoo von einem fernen Planeten, Cleo. Es macht dich... besonders.“
Cleo zog die Hand weg. „Es macht mich kaputt, Thiago.“
Im schummrigen Licht des Flurs materialisierte sich Vio. In der Winterdämmerung wirkte sein Leuchten fast silbern. „Dein Körper wird zu einer Landkarte deiner Reise“, flüsterte er. „Jeder Fleck ist ein Tag, an dem du der Dunkelheit standgehalten hast.“
Luke kam um die Ecke, eine warme heiße Schokolade in der Hand. Er sah die drei zusammen – Cleo, Thiago und den Schatten, den nur Cleo wirklich spüren konnte. Er ahnte nicht, was sich unter dem Pullover verbarg, aber er sah die Angst in ihren Augen.
Der Winter hatte die Stadt fest im Griff. In der Schulkantine saßen Cleo und Thiago eng zusammen an einem Ecktisch. Thiago zeigte ihr etwas auf seinem Handy und Cleo kicherte – ein echtes, ehrliches Lachen, das Luke schon seit Wochen nicht mehr von ihr gehört hatte.
Luke stand ein paar Meter entfernt am Getränkeautomaten und zerdrückte fast seine Cola-Dose. Er sah, wie Thiago Cleo am Oberarm berührte – ganz selbstverständlich, ganz nah. Er wusste nicht, dass Thiago gerade nur kontrollierte, ob Cleo genug Schichten Kleidung anhatte, um nicht zu frieren. Für Luke sah es aus wie... mehr.
Später, nach der Schule, hielt er Cleo am Arm fest, als sie gerade zu Thiago ins Auto steigen wollte.
„Musst du schon wieder mit ihm weg?“, fragte Luke, und seine Stimme klang härter, als er es beabsichtigt hatte. Seine grünen Augen blitzten dunkel vor unterdrücktem Zorn.
Cleo sah ihn überrascht an. „Er fährt mich nur kurz in die Stadt, Luke. Ich bin müde und er ist sowieso unterwegs.“
„Ach ja? Er scheint ja neuerdings immer 'sowieso' da zu sein, wo du bist“, zischte Luke. „Was ist mit uns? Ich dachte, wir verbringen die Zeit, die uns bleibt, zusammen. Aber stattdessen hängst du ständig mit diesem Typen rum.“
Cleo wollte geDie Hitze stand flimmernd über dem Rasen des SC Green Valley. Cleo wischte sich den Schweiß von der Stirn und strich sich eine blonde Strähne hinter das Ohr, während sie tief durchatmete. Nova hatte recht gehabt – das Probetraining bei dem Verein ihres Cousin ihrer freundin war genau das, was Cleo jetzt brauchte. Am Spielfeldrand sah sie Nova, die ihre blonden Haare im gewohnten Dutt trug und ihr mit einem Daumen-hoch-Zeichen Mut machte.
„Cleo, zeig ihnen, was du draufhast!“, rief Coach Matthew über den Platz, seine italienischen Wurzeln in jedem energischen Wort spürbar.
Im Abschlussspiel spürte Cleo das Adrenalin. In der Abwehr stehend, deutet sie den Laufweg des Gegners, schob ihren Körper dazwischen und eroberte den Ball mit einer Dominanz, die selbst die Jungs kurz stutzen ließ. Sie dribbelte los, den Blick fest nach vorne gerichtet, direkt ins Zentrum.
Dann der Moment der Entscheidung: Links stand Leon, belagert von vier Gegenspielern, fast direkt vorm Kasten. Rechts stand er. Luke. Seine braunen Löckchen sprangen bei jeder Bewegung mit, und seine grünen Augen fixierten Cleo erwartungsvoll. Er war frei, aber die Distanz zum Tor war groß.
Cleo zögerte keine Sekunde. Sie spielte einen messerscharfen Pass flach über das Gras, genau in Lukes Lauf. Luke nahm den Ball perfekt an, zog ab – und das Leder schlug krachend im Netz ein.
Luke drehte sich jubelnd zu ihr um, ein breites Grinsen im Gesicht. „Geiler Pass, Cleo!“, rief er ihr zu.
Der Schlusspfiff von Matthew gellte über den Platz des SC Green Valley. 1:0. Das Team um Cleo und Luke hatte gewonnen, und Cleo spürte ein breites, stolzes Grinsen auf ihrem Gesicht. Sie hatte sich bewiesen.
Sie lief auf Luke zu, die Hand schon zum Abklatschen gehoben, so wie sie es gerade bei Leon und den anderen Jungs gemacht hatte. Ein kurzes „Gut gemacht!“ lag ihr auf den Lippen. Doch als sie bei ihm ankam, passierte etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
Luke schlug nicht ein. Stattdessen machte er einen Schritt auf sie zu, legte seine Arme um ihre Schultern und zog sie in eine feste, herzliche Umarmung. Cleo erstarrte für einen winzigen Moment. Sie konnte den Geruch von frischem Rasen und Sommer an ihm wahrnehmen, und seine braunen Löckchen kitzelten sie ganz leicht an der Stirn.
„Ohne dich hätte ich den nicht reingemacht“, raunte er, während er sie wieder losließ, sie aber immer noch mit diesen intensiven grünen Augen ansah.
Am Rand des Spielfelds sah Cleo, wie Nova ihr vielsagend zuzwinkerte und sich den Dutt richtete. Sogar Matthew nickte ihr anerkennend zu. In der Ferne, fast unbemerkt im flimmernden Licht der Abendsonne, schien für einen Bruchteil einer Sekunde ein violetter Funke aufzublitzen – Vio sah zu. Vio, ihr Freund. Nur Chleo konnte ihn sehen. Er war aus ihrer Fantasie. Ein paar Tage später brannte die Sonne unerbittlich auf den Trainingsplatz des SC Green Valley. Matthew stand mit verschränkten Armen da. „Zehn Runden zum Aufwärmen! Los geht’s!“, rief er.
Cleo biss die Zähne zusammen. Als einziges Mädchen in der Jungenmannschaft spürte sie immer den Drang, sich doppelt so stark zu beweisen. Luke lief dicht neben ihr, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, während seine braunen Locken im Wind wippten. Doch in der neunten Runde passierte es.
Ein plötzlicher Schwindel überrollte Cleo. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, und ein stechender Schmerz schoss durch ihre Taille. Ihr wurde speiübel. Mit zittrigen Knien ließ sie sich am Spielfeldrand ins Gras sinken. Sofort war Luke bei ihr, das Gesicht voller Sorge.
Matthew rief den Mannschaftsarzt herbei. Der Doktor kniete sich vor Cleo und tastete vorsichtig ihre Seite ab, sein Gesichtsausdruck wurde ernst und traurig.
„Was ist los mit ihr?“, fragte Luke drängend, seine grünen Augen fixierten den Arzt.
Der Doktor zögerte. „Sie sollte eigentlich nicht weitermachen. Da ist etwas in ihrem Bauchraum, das ich hier draußen nicht deuten kann... eine Art Schatten.“ Er sah Cleo an, die bleich und verschwitzt war. „Aber für den Moment... trink etwas. Wenn es dir besser geht, kannst du langsam weiterlaufen, aber pass auf dich auf.“
Cleo zwang sich ein schwaches Lächeln ab. Sie wollte nicht diejenige sein, die aufgibt. Sie stand mühsam auf und begann wieder zu laufen, während Luke sie keinen Moment aus den Augen ließ.
Das Kratzen der Füller auf dem Papier war das einzige Geräusch im Lateinraum. Cleo starrte auf das Aufgabenblatt. Sie hatte Wochen gelernt, kannte jede Deklination auswendig. Doch plötzlich verschwammen die lateinischen Wörter vor ihren Augen. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, gefolgt von einer Hitzequelle in ihrer Brust. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel.
Alles war weg. Ihr Kopf war leer.
Mit zitternden Händen stand sie auf, legte das völlig weiße Blatt auf das Pult des Lehrers und stürmte wortlos aus dem Raum, bevor jemand reagieren konnte. Sie rannte, bis sie die Mädchentoilette erreichte, schloss sich in eine Kabine ein und sackte auf den Boden. Die Übelkeit stieg in ihr hoch.
Mit bebenden Fingern tippte sie Luke eine Nachricht: „Brauche dich. Mädchentoilette 1. Stock. Bitte.“
Kurz darauf hörte sie die Tür. „Cleo?“, flüsterte Lukes vertraute Stimme. Sie schloss die Kabine auf und fiel ihm fast entgegen. Er nahm sie sofort in den Arm, strich ihr sanft über den Rücken und wollte sie fest an sich ziehen, um sie zu beruhigen. Doch als seine Hand ihre Taille berührte, zuckte Cleo heftig zusammen und stieß einen unterdrückten Schrei aus.
„Was ist? Hab ich dir wehgetan?“, fragte Luke erschrocken.
„Nein... alles gut, nur ein kleiner Krampf“, log sie, während sie sich den Schmerz wegzuatmen versuchte. Aber Luke ließ sich nicht täuschen. Seine grünen Augen waren ernst, als er vorsichtig ihr Shirt ein Stück nach oben schob.
Dort, auf ihrer hellen Haut an der Taille, prangte ein dunkelroter, unregelmäßiger Fleck. Es floss kein Blut, aber die Verfärbung sah bedrohlich aus, fast wie ein böses Omen unter der Haut. Luke sah sie entsetzt an. „Cleo... das ist nicht 'alles gut'.“
Das grelle Licht der Krankenhausflure brannte in Cleos Augen. Luke hatte den Krankenwagen gerufen, doch er durfte nicht mitfahren und blieb verzweifelt vor dem Schulgebäude zurück. Kurze Zeit später stürmten ihre Eltern in das Zimmer, ihre Gesichter bleich vor Angst.
Nach einer Ewigkeit aus Scans und Untersuchungen trat der Doktor ein. Sein Blick war gesenkt, seine Stimme klang belegt und tief traurig.
„Es ist ein Sarkom“, begann er leise. „Knochenkrebs.“ Er machte eine lange Pause, die sich anfühlte wie ein Abgrund. „Wir haben ihn zu spät entdeckt. Es gibt keine Behandlung mehr, die ihn vernichten könnte.“ Er sah Cleo direkt an, und in seinen Augen spiegelte sich das Unvermeidbare wider. „Wir können nur noch versuchen, die Schmerzen zu lindern. Cleo... du hast wahrscheinlich noch ein Jahr zu leben.“
Draußen vor dem Fenster, unbemerkt von den weinenden Eltern, flackerte ein schwaches, violettes Licht auf. Vio war da, doch selbst der Schattenwächter wirkte in diesem Moment erstarrt.
Der Morgen nach der Diagnose fühlte sich unwirklich an. Cleo stand vor dem Spiegel und betrachtete ihre mittellangen blonden Haare. Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, doch ihr Entschluss stand fest: Keine Kliniken, keine Chemotherapien, die sie nur noch schwächer machen würden. Sie wollte frei sein.
In der Mittagspause suchte sie Luke. Er saß auf ihrer gewohnten Mauer, sein Blick hektisch und voller Sorge, bis er sie sah und sofort aufsprang.
„Cleo! Gott sei Dank, wie geht es dir? Was haben sie gesagt?“, sprudelte es aus ihm heraus, während er ihre Hände nahm.
Cleo sah ihm tief in die grünen Augen und atmete die warme Sommerluft ein. „Es ist Knochenkrebs, Luke. Ein Sarkom. Der Doktor sagt... ich habe noch etwa ein Jahr.“
Luke erstarrte. Das Lächeln in seinem Gesicht erlosch, und seine Finger verkrampften sich leicht um ihre. „Ein Jahr? Aber... sie können doch was tun? Es muss eine Operation geben, oder...?“
Cleo schüttelte langsam den Kopf. „Es ist zu spät für eine Heilung. Aber ich werde nicht im Krankenhaus sterben, Luke. Ich will dieses Jahr leben. Mit dir. Mit Fußball. Ganz normal.“
In einem Baumwipfel über ihnen leuchtete für einen Moment ein violetter Schimmer auf. Vio war da und versprach im Stillen, jeden dieser verbleibenden Tage als Glücksbringer an ihrer Seite zu sein.
Lukes Hände begannen zu zittern, während er Cleos Finger noch fester umschloss. Er starrte sie aus seinen grünen Augen fassungslos an, als hätte sie gerade eine Sprache gesprochen, die er nicht verstand.
„Ein Jahr?“, wiederholte er mit brüchiger Stimme. „Cleo, das... das kann nicht sein. Wir fangen doch gerade erst an.“ Er schüttelte heftig den Kopf, und eine seiner braunen Locken fiel ihm tief ins Gesicht. „Wir finden einen anderen Arzt. Mein Bruder kennt Leute vom Basketball, Spezialisten... es muss eine Lösung geben!“
Er wollte aufspringen, wollte irgendetwas tun, kämpfen, rennen – so wie er es auf dem Platz tat, wenn sein Team hinten lag. Doch als er in Cleos ruhige, blau-graue Augen sah, blieb er sitzen. Er sah die traurige Gewissheit darin, die ihm der Doktor am Vortag schon angedeutet hatte.
Eine Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel und rollte über seine Wange. Er zog sie ruckartig zu sich und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. „Dann machen wir es“, flüsterte er gegen ihren Hals. „Wenn es nur dieses Jahr ist, dann wird es das lauteste, verrückteste und schönste Jahr, das die Welt je gesehen hat. Ich lasse dich keine Sekunde allein.“
Ein paar Meter entfernt blieb Nova stehen. Sie hatte die beiden gesehen, sah Lukes Tränen und Cleos blasse Haut. Sie hielt sich krampfhaft an ihrem Rucksack fest, und ihre blauen Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Nova machte einen zögerlichen Schritt auf die Mauer zu. Ihr Blick huschte zwischen dem völlig aufgelösten Luke und Cleo hin und her. „Leute? Was ist los? Warum weint Luke?“, fragte sie mit einer Stimme, die so dünn klang, als würde sie gleich brechen.
Cleo löste sich sanft aus Lukes Umarmung und sah ihre beste Freundin an. Sie wollte stark sein, doch als sie in Novas vertrautes Gesicht sah, spürte sie einen dicken Kloß im Hals. „Nova... komm her“, flüsterte sie und klopfte auf den Platz neben sich.
Nova setzte sich, ihre Knie zitterten. Cleo nahm ihre Hand – die Hand, die sie schon im Kindergarten gehalten hatte. „Gestern im Krankenhaus... sie haben herausgefunden, was der Fleck ist. Es ist Krebs, Nova. In den Knochen.“
Nova schüttelte den Kopf, als könnte sie die Worte so einfach aus der Luft wischen. „Nein. Nein, du hast nur zu viel trainiert. Das ist ein Irrtum. Wir gehen morgen zu einem anderen Arzt...“
„Nova, hör mir zu“, unterbrach Cleo sie sanft, während Tränen nun auch über ihre Wangen liefen. „Der Doktor sagt, es ist zu spät für eine Behandlung. Ich habe noch ein Jahr.“
Ein gellender Schrei des Entsetzens entfuhr Nova, bevor sie Cleo so fest umschlang, als könnte sie den Tod einfach wegdrücken. Sie vergrub ihr Gesicht in Cleos blonden Haaren und schluchzte so heftig, dass ihr ganzer Körper bebte. Luke legte von der anderen Seite seinen Arm um beide Mädchen.
In diesem Moment wirkte der sonnige Schulhof wie eine ferne Kulisse. Die Zeit schien für die drei Freunde einfach stehen geblieben zu sein.
Die Sonne brannte wie am Vortag, doch für Cleo fühlte sich das Licht heute anders an – kostbarer. Während der Rest der Welt sich über Hausaufgaben oder das Wetter beschwerte, schnürte sie ihre Fußballschuhe fester als je zuvor.
Als sie den Rasen des SC Green Valley betrat, herrschte für einen Moment Stille. Nova und Luke standen am Rand, ihre Augen gerötet, aber ihre Blicke fest auf Cleo gerichtet. Coach Matthew hielt kurz inne, die Pfeife in der Hand, und nickte ihr mit einer Mischung aus tiefem Respekt und unterdrücktem Schmerz zu.
„Auf geht’s, Cleo! Ins Zentrum!“, rief er, und seine Stimme klang belegter als sonst.
Und Cleo lieferte. Es war, als hätte die Gewissheit über ihren Tod eine unglaubliche Kraft in ihr freigesetzt. Sie dribbelte an Leon vorbei, als wäre er eine Slalomstange, ihre Bewegungen waren präzise, fast tänzerisch. Der dumpfe Schmerz in ihrer Taille war da, ein ständiger Begleiter, doch sie schob ihn in eine dunkle Ecke ihres Bewusstseins.
Sie schlug eine Flanke, so perfekt getimt, dass Luke sie nur noch mit dem Kopf ins Eck drücken musste. Als der Ball im Netz zappelte, jubelte Luke nicht wie sonst. Er rannte direkt zu Cleo, hob sie hoch und drehte sie im Kreis.
In den Maschen des Tores flackerte für einen Herzschlag ein helles, violettes Licht auf. Vio grinste. Wenn sie spielen wollte, würde er dafür sorgen, dass jeder ihrer Pässe sein Ziel fand.
Die Atmosphäre am Sportplatz des SC Green Valley war elektrisierend. Es war Cleos erstes offizielles Spiel seit der Diagnose. Die Sonne war längst untergegangen, und das kalte, weiße Flutlicht verwandelte den Rasen in eine Bühne.
Cleo stand im Tunnel und spürte, wie ihre Hände leicht zitterten – nicht nur vor Aufregung, sondern auch, weil der Schmerz in ihrer Taille heute wie ein dunkles Echo unter ihrer Haut pulsierte. Sie sah zu Luke, der direkt vor ihr stand. Er drehte sich kurz um, zwinkerte ihr zu und formte mit den Lippen die Worte: „Wir zwei.“
„Cleo! Konzentration!“, rief Coach Matthew, während er seine taktischen Anweisungen gab. Er wirkte nervöser als sonst, sein Blick wanderte immer wieder besorgt zu seiner Nummer 10.
Das Spiel war hart. Die Gegner schonten Cleo nicht, und sie wollte es auch nicht anders. In der 30. Minute geschah es: Cleo eroberte den Ball im Mittelfeld. Sie spürte einen stechenden Schmerz, der sie fast in die Knie zwang, doch in ihrem Augenwinkel sah sie ein kurzes, violettes Flimmern. Vio war da.
Wie von einer unsichtbaren Kraft getrieben, setzte sie zum Sprint an. Sie tanzte an zwei Verteidigern vorbei, das Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als wollte es ausbrechen. Sie sah Luke im Zentrum, doch diesmal schrie ihre Intuition: Zieh selbst ab!
Sie schoss. Der Ball flog wie ein Strahl in den oberen Winkel. Tor!
Der Jubel der Zuschauer war ohrenbetäubend, doch für Cleo war es plötzlich ganz still. Sie spürte, wie Luke auf sie zustürmte und sie in die Luft hob. In der Menge sah sie Nova, die vor Freude weinte und ihren Schal schwenkte. Cleo lachte, während eine einzelne Träne über ihre Wange lief. Sie war am Leben. Heute, in diesem Moment, gehörte ihr die Welt.
Der Jubel hallte noch in ihren Ohren, doch während ihre Mitspieler sie abklatschten, fühlte Cleo, wie die Kraft aus ihren Gliedmaßen wich, als würde jemand einen Stecker ziehen. Das Atmen fiel ihr plötzlich schwer, und jeder Schritt auf dem harten Rasen fühlte sich an, als würde ein Messer in ihre Taille stechen.
Sie orientierte sich nicht wieder nach vorne zum gegnerischen Tor. Stattdessen ließ sie sich immer weiter zurückfallen. Erst ins Mittelfeld, dann fast bis zur eigenen Abwehrkette. Sie brauchte den Raum, die Luft, die Stille zwischen den Zweikämpfen.
Luke sah sich immer wieder nach ihr um. Sein strahlendes Lächeln nach dem Tor war purer Besorgnis gewichen. Er sah, wie ihre Schultern hingen und wie sie versuchte, das Zittern ihrer Knie zu verbergen.
Coach Matthew am Seitenrand hatte die Stirn tief in Falten gelegt. Er griff nach seiner Trillerpfeife, zögerte aber. Er wusste, was in Cleo vorging – sie wollte das Spiel zu Ende bringen, koste es, was es wolle.
Am Spielfeldrand saß Vio im Schatten der Auswechselbank. Sein violettes Leuchten war nur noch ein schwaches Glimmen, als würde er versuchen, seine Energie direkt auf Cleo zu übertragen, um sie auf den Beinen zu halten.
Cleo starrte auf ihre Füße. Der grüne Rasen unter dem Flutlicht verschwamm. Nur noch zehn Minuten, flehte sie ihren eigenen Körper an. Lass mich dieses eine Spiel zu Ende bringen.
Das ferne Rufen der Zuschauer wurde zu einem dumpfen Rauschen, wie Wellen, die weit weg an einen Strand schlagen. Cleo fixierte einen Grashalm direkt vor ihren Füßen, der im grellen Weiß des Flutlichts fast silbern schimmerte. Ihre Augenlider fühlten sich an, als wären sie aus Blei.
Nur noch einen Schritt..., dachte sie, doch die Verbindung zwischen ihrem Kopf und ihren Beinen war gekappt.
Die Geräusche des Spiels – das dumpfe Treten des Balls, die Kommandos von Matthew – verschwammen zu einem unkenntlichen Brei. Dann gab ihr Körper endgültig nach. Ohne ein Wort, ohne den Versuch, sich abzufangen, kippte Cleo vornüber. Der Aufprall auf dem harten Rasen war kaum zu hören, doch für Luke, der gerade zum Sprint ansetzen wollte, war es wie ein Donnerschlag.
„CLEO!“, gellte sein Schrei über den Platz.
Bevor Matthew oder die Sanitäter reagieren konnten, war Luke schon bei ihr. Er warf sich auf die Knie, sein Herz hämmerte so laut, dass er kaum etwas anderes hörte. Er drehte sie vorsichtig auf den Rücken. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesicht so blass wie der Mond.
In diesem Moment breitete sich im Schatten hinter der Auswechselbank ein intensives, violettes Leuchten aus. Vio stand dort, die Arme ausgestreckt, als wollte er die Zeit anhalten oder Cleo mit seiner eigenen Energie wieder aufwecken. Ein heftiger Windstoß fegte über den Platz, obwohl die Nacht eigentlich windstill war.
Nova stand am Rand, ihre Hände vor den Mund gepresst, die Tränen schossen ihr augenblicklich in die Augen. Das Spiel wurde abgebrochen, doch das interessierte niemanden mehr.
Die Welt kehrte in Bruchstücken zurück. Zuerst war da das grelle, weiße Flutlicht, das schmerzhaft in ihren Augen brannte. Dann der Geruch von feuchtem Gras und Lukes Parfüm. Cleo blinzelte mühsam. Ihre Wimpern fühlten sich schwer an.
„Ganz ruhig, Cleo. Bleib liegen“, hörte sie Lukes Stimme. Sie klang rau und brüchig, als hätte er eben stundenlang geschrien.
Cleo versuchte zu schlucken, doch ihr Mund war staubtrocken. Eine heftige Welle von Übelkeit rollte über sie hinweg und ließ ihren Magen krampfen. Die Gesichter von Matthew, Nova und dem Sanitäter tauchten über ihr auf wie verzerrte Schatten in einem Albtraum.
„Mir ist... schlecht“, krächzte sie kaum hörbar. Sie wollte sich aufsetzen, aber eine bleierne Schwere hielt sie am Boden fest.
Luke hielt ihren Kopf ganz vorsichtig in seinen Händen. Seine grünen Augen waren dunkel vor Panik und Schmerz. „Ich weiß, Süße. Hilfe ist da. Atme einfach nur.“
Im Hintergrund flackerte ein letztes Mal das violette Licht auf, bevor es im Schatten der Tribüne verschwand. Vio schien zu spüren, dass er Cleo diesen Moment der Schwäche nicht abnehmen konnte.
Drei Tage lang hatte Cleo fast nur geschlafen. Ihr Zimmer war abgedunkelt, und das einzige Geräusch war das Ticken der Uhr, das sie ständig an die schwindende Zeit erinnerte. Doch am vierten Tag hielt sie es nicht mehr aus. Die Stille fühlte sich an wie der Tod, und sie war noch nicht bereit zu gehen.
Mit zittrigen Beinen, aber einem Blick, der keinen Widerspruch duldete, packte sie ihre Sporttasche. Als sie in die Küche kam, ließen ihre Eltern vor Schreck fast die Kaffeetassen fallen. Doch Cleo ging einfach an ihnen vorbei. „Ich brauche das“, war alles, was sie sagte.
Am Trainingsplatz des SC Green Valley angekommen, herrschte schlagartig Schweigen, als sie aus Novas Auto stieg. Die Jungs aus der Mannschaft sahen sich unsicher an.
Luke rannte sofort auf sie zu. Er sah aus, als hätte er selbst drei Tage nicht geschlafen; seine braunen Locken waren zerzaust und seine grünen Augen wirkten fiebrig. „Cleo, was machst du hier? Du solltest im Bett liegen!“, rief er und wollte sie am Arm fassen, um sie zurückzuhalten.
Cleo sah ihn fest an. „Wenn ich im Bett liege, gewinnt der Krebs heute schon, Luke. Ich will trainieren.“
Coach Matthew trat aus dem Schatten des Vereinshauses hervor. Er verschränkte die Arme vor der Brust, und sein Blick war eine Mischung aus Bewunderung und tiefem Entsetzen. „Cleo...“, begann er leise, doch sie unterbrach ihn.
„Nur Passübungen, Matthew. Bitte.“
In diesem Moment wehte ein ungewöhnlich kühler Wind über den Platz, und ein violetter Funke tanzte kurz auf dem Metall der Torpfosten. Vio war bereit, über sie zu wachen, während sie ihren Körper erneut herausforderte.
Das Training war eine einzige Qual – aber nicht wegen der Schmerzen.
Jedes Mal, wenn Cleo den Ball forderte, spielten die Jungs ihn extra sanft, fast schon in Zeitlupe. Wenn Leon in einen Zweikampf mit ihr ging, stoppte er zwei Meter vor ihr ab und ließ sie einfach gewähren.
„Geh doch drauf, Leon!“, herrschte Cleo ihn an, doch er sah nur betreten zu Boden.
Am schlimmsten aber war Luke. Er wich ihr nicht von der Seite. Jedes Mal, wenn sie etwas schwerer atmete, stand er mit der Wasserflasche parat. „Vielleicht solltest du eine Pause machen?“, flüsterte er alle fünf Minuten und legte ihr besorgt die Hand auf die Schulter.
Cleo spürte, wie die Wut in ihr hochkochte. Es brannte heißer in ihrer Brust als der Krebs in ihrer Taille. Sie riss sich Lukes Hand von der Schulter.
„Hört auf damit!“, schrie sie plötzlich über den Platz, sodass selbst Matthew zusammenzuckte. „Ich bin keine Porzellanpuppe! Ich bin immer noch eure Mittelfeldspielerin! Wenn ihr mich nicht wie eine normale Spielerin behandelt, dann könnt ihr mich gleich beerdigen, bevor das Jahr um ist!“
Die Stille, die darauf folgte, war ohrenbetäubend. Am Rand des Feldes flackerte Vios Licht hell auf – er schien ihren Zorn zu genießen. Nova hielt am Spielfeldrand den Atem an, eine Decke über den Knien, die sie Cleo eigentlich gleich bringen wollte.
Das Flutlicht war längst erloschen. Die Jungs waren weg, Matthew hatte die Kabinen abgeschlossen und sogar Nova und Luke hatten sie nach langem Flehen schweren Herzens allein gelassen, weil sie geschworen hatte, gleich nachzukommen.
Nun saß Cleo im Schneidersitz genau am Mittelpunkt des Platzes. Der Rasen war feucht vom Tau und kühl gegen ihre nackten Beine. Die Dunkelheit umhüllte sie wie ein schwerer Mantel.
Sie weinte nicht laut. Es waren stille, heiße Tränen, die unaufhörlich über ihre Wangen liefen und auf ihr Trikot tropften. Ihr ganzer Körper zitterte – nicht nur vor Kälte, sondern vor der Erschöpfung, den ganzen Tag so tun zu müssen, als wäre alles okay. Der Schmerz in ihrer Taille pochte im Rhythmus ihres Herzens, eine grausame Erinnerung an die Uhr, die unerbittlich ablief.
Ich will nicht weg, dachte sie und krallte ihre Finger in die Grashalme. Ich will einfach nur hier bleiben.
Plötzlich spürte sie eine vertraute Wärme im Nacken. Ein violetter Schimmer legte sich sanft über ihre Schultern. Vio setzte sich hinter sie, seine schattenhaften Arme wie ein Schutzschild um sie gelegt. Er sagte nichts, er tröstete nicht mit Worten – er war einfach nur der Zeuge ihrer Trauer, der einzige, vor dem sie nicht stark sein musste.
Cleo zuckte nicht zusammen, als sie die violette Wärme spürte. Sie wusste irgendwie, dass er da war. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und starrte in die Schwärze des Strafraums.
„Bist du gekommen, um die Sekunden zu zählen?“, krächzte sie, ohne sich umzudrehen.
„Ich zähle keine Sekunden, Cleo“, erklang Vios Stimme direkt in ihrem Inneren. Sie war tief und vibrierte wie eine Basssaite, aber sie war seltsam sanft. „Ich sammle die Momente, die hell genug leuchten, um die Dunkelheit zu vertreiben.“
Cleo lachte bitter auf, ein kurzes, hohles Geräusch. „Viel Licht ist da nicht mehr übrig. Ich sterbe, Vio. Mein Körper zerfällt, während ich versuche, einen verdammten Ball zu treten.“
Vio schwebte langsam vor sie, seine violetten Umrisse verschwammen mit der Nacht. Er setzte sich ihr gegenüber, ein Wesen aus Sternenstaub und Schatten. „Sterben ist nur ein Tor, kleine Kämpferin. Aber heute bist du hier. Du hast heute gebrannt vor Zorn und Leidenschaft. Das ist mehr Leben, als manche in hundert Jahren spüren.“
„Es tut weh“, flüsterte sie und hielt sich die Taille. „Jeden Tag ein bisschen mehr.“
Vio neigte den Kopf, und seine Augen leuchteten in einem intensiven Lila auf. „Der Schmerz ist der Beweis, dass du noch nicht aufgegeben hast. Er ist das Feuer, das den Stahl härtet. Willst du, dass ich ihn für einen Moment wegnehme?“
Cleo sah ihn lange an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Nein. Wenn ich den Schmerz nicht mehr spüre, spüre ich vielleicht gar nichts mehr. Ich will alles fühlen. Bis zum Ende.“
Ein schwaches Lächeln legte sich auf Vios schattenhafte Züge. „Dann werde ich dein Licht festhalten, wenn deine Hände zu zittern beginnen.“
Die Morgensonne flutete das Klassenzimmer und tauchte alles in ein goldenes Licht. Cleo und Luke standen eng umschlungen zwischen den leeren Pulten. In diesem Moment gab es keine Krankheit, keine ablaufende Uhr, nur sie beide. Luke zog sie fest an sich, und sie küssten sich so intensiv, als wollten sie die Welt um sich herum einfach ausblenden. Cleo krallte ihre Finger in sein Shirt, um sich an der Realität festzuhalten.
Plötzlich knarrte die Tür. Die beiden schreckten auseinander, als Thiago eintrat. Er blieb abrupt stehen und hob abwehrend die Hände. „Ups. Sorry, wollte nicht stören.“
Luke atmete tief durch, fuhr sich verlegen durch seine braunen Locken und zwinkerte Cleo noch einmal zu. „Wir sehen uns später, okay?“, flüsterte er, bevor er an Thiago vorbei auf den Flur verschwand.
Cleo drehte sich schnell zum Fenster um, presste die Lippen zusammen und tat so, als würde sie ihre Bücher ordnen. Ihr Herz raste noch immer.
„Du hast dich verändert, Cleo“, sagte Thiago plötzlich. Er ging nicht zu seinem Platz, sondern blieb ein paar Schritte von ihr entfernt stehen. „Du bist blass. Und dieses ganze Getue... das bist nicht du. Was ist los?“
„Nichts ist los, Thiago. Ich hab nur wenig geschlafen, okay?“, blockte sie ab, ohne ihn anzusehen. Sie wollte stark wirken, die coole Fußballerin bleiben.
Doch Thiago ließ nicht locker. „Erzähl keinen Mist. Ich hab gesehen, wie du dich vorhin an Luke festgehalten hast, als würdest du gleich umkippen.“
Cleo spürte, wie die Mauer in ihr zu bröckeln begann. Die Erschöpfung der letzten Tage war stärker als ihr Stolz. Sie drehte sich langsam zu ihm um. Hinter Thiago, im Schatten der Tür, flackerte für einen Moment ein intensives, violettes Licht auf – Vio war da und wartete auf ihre Entscheidung.
„Es ist Krebs, Thiago“, sagte sie leise, und das Wort klang in der Stille des Raumes wie ein Urteil. „Knochenkrebs. Ich habe noch ein Jahr. Und jetzt geh bitte einfach.“
Cleo starrte auf ihre Hände, die auf der Tischkante zitterten. Sie wartete darauf, dass Thiago sich umdrehte und ging, so wie sie es verlangt hatte. Doch anstatt das Geräusch der Tür zu hören, spürte sie plötzlich eine sanfte Präsenz hinter sich.
Thiago trat ganz nah heran und legte seine Arme vorsichtig um sie. Es war keine fordernde Umarmung, sondern ein stilles Versprechen. Er legte sein Kinn kurz auf ihre Schulter. „Ich gehe nirgendwohin, Cleo“, murmelte er.
Cleo versteifte sich erst, doch die Wärme, die von ihm ausging, ließ ihren Widerstand schmelzen. Bei Luke fühlte sie sich oft schuldig, weil sie ihn so sehr verletzte, aber Thiago... Thiago war einfach da.
„Du weißt, dass ich auf Jungs stehe, oder?“, sagte er mit einem leichten, traurigen Lächeln in der Stimme, um das Eis zu brechen. „Du musst also keine Angst haben, dass ich dich jetzt anmache. Ich bin einfach nur dein Freund. Und Freunde lassen einander nicht allein, wenn es brenzlig wird.“
Cleo schloss die Augen und lehnte ihren Kopf gegen seinen. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich nicht wie eine Patientin oder ein „Porzellanpüppchen“, sondern einfach nur gehalten.
In der Ecke des Klassenzimmers, zwischen den Schatten der Schränke, pulsierte Vios Licht in einem tiefen, beruhigenden Lila. Er schien Thiago zu akzeptieren. In diesem Moment war der Schattenwächter nicht das einzige Wesen, das über Cleo wachte.
Lukes Zimmer roch nach ihm – eine Mischung aus frischer Wäsche und dem Leder seines Fußballs. Als er die Tür hinter ihnen schloss, schien der Lärm der Welt schlagartig zu verstummen. Cleo ließ ihren Rucksack einfach zu Boden fallen. Sie war müde, so unendlich müde, aber hier musste sie keine Maske tragen.
Luke kam auf sie zu und nahm ihre Hände. Er sah sie nicht an, als wäre sie zerbrechlich, sondern mit einer tiefen, ehrlichen Sehnsucht. „Willst du dich kurz hinlegen?“, fragte er leise.
Cleo nickte nur. Gemeinsam ließen sie sich auf sein Bett sinken. Luke zog die Decke über sie beide und nahm sie vorsichtig in den Arm. Cleo kuschelte sich an seine Brust, lauschte dem stetigen, kräftigen Schlag seines Herzens. Für einen Moment schloss sie die Augen und stellte sich vor, dass die Zeit einfach anhielt. Dass es kein „noch 340 Tage“ gab.
„Ich hab heute über uns nachgedacht“, flüsterte Luke in ihr Haar. Seine Hand strich sanft über ihren Rücken, wobei er die Stelle an ihrer Taille, wo der dunkle Fleck saß, mit einer fast ehrfürchtigen Vorsicht berührte. „Egal was passiert, Cleo... ich bin hier. Ich bleibe hier. In diesem Bett, in diesem Leben.“
Cleo spürte eine Träne der Erleichterung, die ihren Weg auf sein Shirt fand. Sie löste sich ein Stück von ihm und sah in seine grünen Augen. In der halbdunklen Ecke des Zimmers, oben auf dem Kleiderschrank, leuchteten zwei violette Punkte auf. Vio beobachtete sie, doch er hielt sich im Hintergrund. Dies war kein Moment für Schattenwesen. Dies war ein Moment für zwei Menschen, die versuchten, die Unendlichkeit in ein einziges Jahr zu quetschen.
Sie küssten sich, erst vorsichtig, dann tiefer, hungrig nach dem Leben, das ihnen noch blieb.
In der Stille von Lukes Zimmer wurde das Atmen schwerer. Jede Berührung fühlte sich elektrisierend an, als würden ihre Nerven versuchen, jede Sekunde abzuspeichern. Luke schob ganz vorsichtig Cleos T-Shirt nach oben. Sein Blick fiel kurz auf den dunkelroten Fleck an ihrer Taille – das Mal der Zeit –, doch er sah nicht mit Schrecken darauf, sondern mit unendlicher Zärtlichkeit. Er beugte sich vor und drückte einen federleichten Kuss genau auf die Stelle, bevor er sie wieder in die Augen sah.
„Du bist wunderschön, Cleo“, flüsterte er, und seine Stimme war rau vor Verlangen und Liebe.
Cleo antwortete nicht mit Worten. Sie zog ihn zu sich herunter, vergrub ihre Hände in seinen braunen Locken und ließ sich fallen. In dieser Nacht gab es keine Tabus, keine Grenzen. Es war ein verzweifelter, wunderschöner Tanz gegen die Dunkelheit. Ihre Körper verschmolzen miteinander, und für diese Stunden war Cleo nicht „das kranke Mädchen“ oder die „Kämpferin“. Sie war einfach nur eine junge Frau, die liebte und geliebt wurde.
Draußen vor dem Fenster tanzten violette Funken im Wind, als würde Vio eine unsichtbare Barriere um das Haus ziehen, damit niemand diesen heiligen Moment stören konnte. Der Mond warf lange Schatten, doch in Lukes Bett brannte ein Feuer, das heller leuchtete als jedes Flutlicht auf dem Fußballplatz.
Das Klassenzimmer war so still, dass man nur das Kratzen der Stifte auf dem Papier hörte. Vor Cleo lag der Mathematik-Test. Sie starrte auf die Gleichungen, die dort schwarz auf weiß standen, doch für sie sahen sie aus wie tanzende Hieroglyphen. Sie wusste, dass sie das gelernt hatte. Sie wusste, dass sie die Formeln gestern noch mit Nova durchgegangen war. Doch heute war da nur eine gähnende Leere in ihrem Kopf.
Sie presste den Stift so fest auf das Blatt, dass die Spitze fast durch das Papier stach. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre Taille bis hoch in ihren Nacken.
Cleo sah nach links zu Luke, der konzentriert schrieb, und dann nach rechts zu Thiago, der kurz aufblickte und ihr einen besorgten Blick zuwarf. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Es ging nicht. Die Wörter, die Zahlen, die Logik – alles entglitt ihr wie Sand zwischen den Fingern.
Schließlich legte sie den Stift weg. Sie schob das leere Blatt nach vorne und meldete sich mit zitternder Hand.
„Herr Weber? Mir ist... nicht gut. Kann ich bitte rausgehen?“, flüsterte sie. Der Lehrer, der von ihrer Diagnose wusste, nickte sofort mit einem Blick voller Mitleid, den Cleo so sehr hasste.
Draußen auf dem menschenleeren Flur lehnte sie sich gegen die kalten Schließfächer. Tränen der Frustration stiegen ihr in die Augen.
„Es sind nicht die Gedanken, die gehen, Cleo“, wisperte Vios Stimme plötzlich in ihrem Kopf. Ein violetter Schatten tanzte an der Decke über ihr. „Es ist dein Fokus, der sich verschiebt. Dein Geist bereitet sich auf eine Reise vor, auf der man keine Gleichungen braucht.“
„Ich will aber keine Reise!“, schrie sie lautlos gegen die Stille des Flurs. „Ich will einfach nur diesen blöden Test mitschreiben!“
Im Klassenzimmer herrschte das gewohnte Rascheln von Papier und das monotone Kratzen von Dutzenden Kugelschreibern. Nur an Cleos Platz blieb es still. Sie saß da, die Hände in den Schoß gelegt, und starrte auf das Whiteboard. Ihre rechte Hand pochte in einem dumpfen, unregelmäßigen Rhythmus. Jedes Mal, wenn sie versuchte, einen Stift zu halten, schoss ein krampfartiger Schmerz bis in ihren Ellenbogen, als würden ihre Nerven gegen die Anstrengung rebellieren.
Die Schulleitung hatte entschieden: Cleo ist befreit. Keine Tests, keine Hausaufgaben, kein Mitschreiben.
Nova, die neben ihr saß, schiebte ihren Block immer wieder ein Stück in Cleos Richtung, damit sie wenigstens mitlesen konnte. Doch Cleos Blick schweifte ab. Was nützten ihr die Analysen von Gedichten oder chemische Formeln? Sie lernte für ein Leben, das sie nicht mehr führen würde.
In der Pause blieb sie im Klassenzimmer sitzen. Thiago kam zu ihr und setzte sich verkehrt herum auf den Stuhl vor ihr. Er nahm ganz vorsichtig ihre schmerzende Hand und begann, sie mit seinen Daumen zu massieren. Er fragte nicht, wie es ihr ging – er wusste es.
„Soll ich deine Notizen für dich machen?“, fragte er leise. „Oder wir schwänzen die nächste Stunde und setzen uns einfach auf die Tribüne am Fußballplatz?“
Ein schwaches Lächeln stahl sich auf Cleos blasses Gesicht. Hinter Thiago an der Wand bildete der Schatten eines Baumes ein vertrautes, violettes Muster. Vio war da. Er schien mit seinem Schimmer die Kälte aus ihrer Hand zu vertreiben. „Worte auf Papier sind vergänglich, Cleo“, flüsterte sein Echo in ihrem Geist. „Die Geschichten, die du in die Herzen deiner Freunde schreibst, bleiben.“
Der schrille Ton der Trillerpfeife hallte durch die Turnhalle, doch für Cleo bedeutete er heute keinen Startschuss mehr. Während ihre Mitschüler in bunten Trikots zum Aufwärmen losliefen, saß sie auf der untersten Stufe der Holztribüne. Sie trug ihren dicken Kapuzenpullover, weil sie selbst in der stickigen Halle fröstelte.
Später am Nachmittag, beim Training des SC Green Valley, war es noch schlimmer. Der Geruch von frisch gemähtem Gras stieg ihr in die Nase – ein Geruch, der für sie immer Freiheit bedeutet hatte.
Luke rannte über den Flügel, sein Trikot war schweißnass, seine Bewegungen kraftvoll. Er schoss ein Tor und hob instinktiv die Hand, um mit Cleo abzuklatschen – doch dann blieb sein Blick an ihr hängen, wie sie dort auf ihrem Klappstuhl am Rand saß, die Beine in eine Decke gehüllt. Sein Lächeln erstarb augenblicklich.
„Cleo...“, murmelte er, als er in der Trinkpause zu ihr herüberkam. Er wollte ihr von dem Spielzug erzählen, doch er hielt inne. Er sah, wie sie ihre schmerzende rechte Hand unter der Decke versteckte.
„Erzähl weiter, Luke“, sagte sie mit einer Stimme, die viel zu alt für ihr Gesicht klang. „Ich will wissen, wie es sich anfühlt. Das Rennen. Der Wind im Gesicht.“
In den Schatten unter der Tribüne pulsierte ein tiefes Violett. Vio saß dort, fast unsichtbar im Tageslicht. „Du rennst immer noch, Cleo“, flüsterte er in ihre Gedanken. „Nur nicht mehr mit den Beinen. Du rennst dem Schicksal entgegen, und das erfordert mehr Mut als jeder Sprint auf diesem Rasen.“
Nova setzte sich schweigend neben sie und nahm ihre gesunde Hand. Sie schauten gemeinsam zu, wie die Sonne hinter den Torpfosten unterging und die Schatten der Spieler immer länger wurden.
Draußen peitschte der Wind den ersten Schneeregen gegen die Fenster des Klassenzimmers, aber drinnen war es stickig warm. Cleo war froh um ihren übergroßen, schwarzen Wollpullover. Die Ärmel waren so lang, dass sie fast ihre Fingerspitzen verdeckten.
Am Morgen war sie vor dem Spiegel erschrocken. Das dunkle, fast violette Mal an ihrer Taille hatte Ableger gebildet. Wie feine, dunkle Ranken eines giftigen Efeus zogen sich die Verfärbungen nun über ihre Rippen bis hoch zu ihren Unterarmen. Es sah nicht aus wie blaue Flecken – es sah aus, als würde ihr Körper sich von innen heraus verfärben.
„Wenigstens muss ich keine Ausreden mehr für die langen Ärmel suchen“, murmelte sie, als sie sich in der Pause zu Thiago setzte.
Thiago beobachtete sie genau. Er sah, wie sie unbewusst an den Ärmeln zerrte, um sicherzugehen, dass keine Haut zu sehen war. Er griff nach ihrer Hand – die jetzt oft eiskalt war – und schob den Ärmel nur einen Millimeter nach oben. Er sah den Rand einer dunklen Stelle an ihrem Handgelenk.
Er sah sie nicht angewidert an. Er lächelte traurig. „Sieht aus wie ein Tattoo von einem fernen Planeten, Cleo. Es macht dich... besonders.“
Cleo zog die Hand weg. „Es macht mich kaputt, Thiago.“
Im schummrigen Licht des Flurs materialisierte sich Vio. In der Winterdämmerung wirkte sein Leuchten fast silbern. „Dein Körper wird zu einer Landkarte deiner Reise“, flüsterte er. „Jeder Fleck ist ein Tag, an dem du der Dunkelheit standgehalten hast.“
Luke kam um die Ecke, eine warme heiße Schokolade in der Hand. Er sah die drei zusammen – Cleo, Thiago und den Schatten, den nur Cleo wirklich spüren konnte. Er ahnte nicht, was sich unter dem Pullover verbarg, aber er sah die Angst in ihren Augen.
Der Winter hatte die Stadt fest im Griff. In der Schulkantine saßen Cleo und Thiago eng zusammen an einem Ecktisch. Thiago zeigte ihr etwas auf seinem Handy und Cleo kicherte – ein echtes, ehrliches Lachen, das Luke schon seit Wochen nicht mehr von ihr gehört hatte.
Luke stand ein paar Meter entfernt am Getränkeautomaten und zerdrückte fast seine Cola-Dose. Er sah, wie Thiago Cleo am Oberarm berührte – ganz selbstverständlich, ganz nah. Er wusste nicht, dass Thiago gerade nur kontrollierte, ob Cleo genug Schichten Kleidung anhatte, um nicht zu frieren. Für Luke sah es aus wie... mehr.
Später, nach der Schule, hielt er Cleo am Arm fest, als sie gerade zu Thiago ins Auto steigen wollte.
„Musst du schon wieder mit ihm weg?“, fragte Luke, und seine Stimme klang härter, als er es beabsichtigt hatte. Seine grünen Augen blitzten dunkel vor unterdrücktem Zorn.
Cleo sah ihn überrascht an. „Er fährt mich nur kurz in die Stadt, Luke. Ich bin müde und er ist sowieso unterwegs.“
„Ach ja? Er scheint ja neuerdings immer 'sowieso' da zu sein, wo du bist“, zischte Luke. „Was ist mit uns? Ich dachte, wir verbringen die Zeit, die uns bleibt, zusammen. Aber stattdessen hängst du ständig mit diesem Typen rum.“
Cleo wollte gerade antworten, wollte ihm sagen, dass Thiago nur ein Freund ist, aber der Stolz und die Erschöpfung hielten sie zurück. Sie war es leid, sich ständig erklären zu müssen.
Hinter Luke, im Schatten des Schulgebäudes, materialisierte sich Vio. Sein Leuchten war kalt und scharf wie Eiskristalle. „Missgunst ist ein Dieb, Luke“, flüsterte er, doch nur Cleo konnte es hören. „Sie stiehlt die Momente, für die ihr keine Zeit zu verlieren habt.“
Luke starrte Thiago an, der am Steuer saß und betont neutral aus dem Fenster sah. Thiago wusste genau, was Luke dachte, aber er hatte Cleo versprochen, ihre Vertrautheit nicht durch ein Outing zu stören, wenn sie es nicht wollte.
Als Cleo Luke endlich die Wahrheit über Thiago erzählte, war es, als würde eine schwere Last von seinen Schultern abfallen. Er hatte sich so geschämt für seine Eifersucht, dass er sie den ganzen Abend besonders fest im Arm hielt.
Die Tage waren nun kurz und die Luft eiskalt, aber sie ließen sich nicht einsperren. Cleo wollte alles noch einmal sehen. Sie machten lange Spaziergänge durch den verschneiten Stadtpark, wobei Luke sie fast die ganze Zeit stützte oder sie ein Stück trug, wenn ihre Beine zu zittern begannen.
Das Highlight war jedoch der Besuch im Stadion. Matthew hatte ihnen VIP-Karten besorgt, damit Cleo nicht in der Kälte der Kurve stehen musste. Sie saßen hinter der Glasscheibe, während unten auf dem Rasen ihr Team, der SC Green Valley, kämpfte.
Cleo beobachtete das Spiel mit einer melancholischen Ruhe. Sie schaute nicht mehr darauf, wer das Tor schoss, sondern wie das Licht der Flutlichter auf dem gefrorenen Gras tanzte.
„Weißt du noch, unser erstes Spiel zusammen?“, flüsterte Luke und legte eine Decke über ihre Knie.
Cleo nickte schwach. „Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen.“
Vio stand hinter ihnen im dunklen Gang der Loge. Sein violetter Schimmer spiegelte sich in der Glasscheibe und vermischte sich mit dem Licht des Stadions. „Erinnerungen sind wie Sterne“, vibrierte seine Stimme in ihr. „In der dunkelsten Nacht leuchten sie am hellsten.“
Luke bemerkte, dass Cleo immer öfter die Augen schloss, um die Geräusche der Fangesänge aufzusaugen. Er wusste, dass sie diese Momente in ihrem Herzen wegschloss – für die Zeit, in der sie nicht mehr hier sein würde.
Die Zeit der Fußballhosen und engen Hoodies war vorbei. Cleo stand vor ihrem Kleiderschrank und betrachtete die neuen Stücke, die ihre Mutter ihr gekauft hatte. Lange, fließende Kleider aus dunklem Samt oder schwerer Baumwolle, alle mit hochgeschlossenen Krägen und Ärmeln, die bis über die Handgelenke reichten.
Es war eine neue Rüstung.
Als sie an diesem Morgen in die Schule kam, blieben viele Mitschüler stehen. Sie sah zerbrechlich aus, fast wie eine Elfe aus einer anderen Welt. Das tiefe Dunkelblau des Stoffes ließ ihre Haut noch blasser wirken, aber es verbarg perfekt die dunklen, rankenartigen Male, die mittlerweile fast ihre gesamten Unterarme bedeckten.
„Du siehst wunderschön aus“, sagte Luke leise, als er sie am Spind abholte. Er traute sich kaum, sie fest anzufassen, aus Angst, den Stoff oder sie zu beschädigen.
Cleo versuchte zu lächeln, doch das Ziehen in ihrer Taille war heute besonders stark. „Ich wollte mich nicht mehr verstecken, Luke. Aber ich wollte auch nicht, dass sie das sehen.“ Sie deutete vage auf ihre verdeckten Arme.
Thiago kam dazu und nickte ihr anerkennend zu. „Stil steht dir, Cleo. Es erinnert mich an eine Königin, die in den Krieg zieht.“
In der Spiegelung der Fensterscheibe sah Cleo nicht nur sich selbst. Hinter ihr schwebte Vio, dessen violette Konturen heute weich und fast wie flüssiger Stoff wirkten. „Die Hülle ändert sich, Cleo“, wisperte er, während er eine schattenhafte Hand auf ihre Schulter legte. „Aber das Licht darunter wird nur noch heller, je dunkler der Stoff wird.“
Es war totenstill im Biologiesaal. Das einzige Geräusch war das leise Summen des Beamers. Cleo stand vorne am Pult. Sie trug eines ihrer langärmligen Kleider, doch ihre Hände zitterten nicht. Auf der Leinwand erschien die letzte Folie: „Leben mit der Diagnose“.
„Ihr habt euch alle gefragt, warum ich nicht mehr mitspiele“, begann sie, und ihre Stimme war klar und fest. „Warum ich im Sportunterricht nur noch zuschaue und warum ich diese Kleider trage.“
Sie sah in die hinterste Reihe. Dort saßen Oskar, Levin, Alex, Valentin und Tobi – die Jungs, die sonst immer einen dummen Spruch auf den Lippen hatten. Doch jetzt starrten sie sie mit weit aufgerissenen Augen an.
„Krebs ist nicht nur eine Statistik“, sagte Cleo. „Er ist real. Er frisst dich von innen auf. Und er hinterlässt Spuren.“
Mit einer langsamen, fast feierlichen Bewegung schob sie die Ärmel ihres Kleides bis zu den Ellenbogen hoch. Ein kollektives Einatmen ging durch den Raum. Die dunklen, violett-schwarzen Male zogen sich wie die Wurzeln eines toten Baumes über ihre blasse Haut. Sie sahen aus wie Brandmale oder dunkle Tattoos, die sich unaufhörlich ausbreiteten.
Oskar, der sonst den Anführer der Sprücheklopfer markierte, wurde kreidebleich und senkte den Blick. Levin hielt sich die Hand vor den Mund. Die Arroganz in ihren Gesichtern war wie weggewischt – ersetzt durch nacktes Entsetzen und eine tiefe, beschämte Ehrfurcht.
In der Ecke des Raumes leuchtete Vio so hell wie noch nie. Sein Licht hüllte Cleo ein, als wollte er sie vor der Kälte der Wahrheit schützen. „Du hast sie besiegt, Cleo“, wisperte er. „Nicht mit Toren, sondern mit der Wahrheit. Jetzt kann dich niemand mehr verletzen.“
Luke und Thiago saßen in der ersten Reihe. Luke hatte Tränen in den Augen, während Thiago ihr ein winziges, stolzes Nicken schenkte.
Es war spät am Nachmittag, und der Trainingsplatz war fast leer. Cleo hatte gewartet, bis die meisten weg waren. Sie trug ihre alten Fußballschuhe – sie fühlten sich schwer an, wie aus Blei gegossen. In ihren Händen hielt sie einen Ball. Nur ein paar Meter rennen. Nur ein Schuss. Das war alles, was sie wollte.
Sie legte den Ball auf den Elfmeterpunkt. Ihr Atem ging stoßweise, und kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.
„Komm schon, Cleo. Nur einer“, flüsterte sie sich selbst zu.
Sie nahm Anlauf. Doch schon beim zweiten Schritt versagte ihr rechtes Bein. Ein stechender, brennender Schmerz schoss von ihrer Taille bis hinunter in den Knöchel. Sie stolperte, trat halb in den Rasen und stürzte ungebremst nach vorne.
Der Aufprall auf dem harten Boden raubte ihr den Atem. Sie blieb im feuchten Gras liegen, das Gesicht zur Erde gewandt. Der Ball rollte nur ein paar Meter weit und blieb höhnisch liegen.
„Verdammt... verdammt!“, schrie sie in den Boden, und ihre Stimme brach in einem Schluchzen. Sie schlug mit der Faust auf den Rasen, doch selbst dieser Schlag war kraftlos.
Vio materialisierte sich direkt neben ihr auf dem Boden. Er lag im Gras, sein violetter Körper wirkte heute fast durchsichtig, als würde er ihren Schmerz teilen. „Die Erde trägt dich, auch wenn deine Beine es nicht mehr können, Cleo“, wisperte er ganz nah an ihrem Ohr. „Du musst nicht mehr rennen, um wertvoll zu sein.“
„Ich will nicht wertvoll sein!“, schluchzte sie. „Ich will einfach nur spielen!“
In diesem Moment tauchte ein Schatten über ihr auf. Es war Luke. Er hatte sie vom Vereinsheim aus beobachtet. Er sagte nichts. Er kniete sich einfach neben sie, legte seinen Arm um ihre zitternden Schultern und zog sie hoch in seinen Schoß, während der Wind die ersten Blätter des Frühlings über den Platz trieb.
Sie saßen noch immer auf dem Rasen, die Stille des leeren Stadions umhüllte sie wie eine Glocke. Cleo lehnte ihren Kopf an Lukes Schulter, ihre Finger spielten schwach mit dem Stoff seines Trikots. Der Sturz eben hatte ihr gezeigt, dass der Abschied vom Leben nicht mehr nur ein fernes Datum war, sondern eine tägliche Realität.
„Luke?“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte. „Ich will nicht gehen. Ich will nicht, dass das hier endet.“
Luke drückte sie fester an sich, er vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken. Er konnte nichts sagen, weil der Kloß in seinem Hals zu groß war.
„Aber wenn es soweit ist...“, fuhr Cleo fort, und eine heiße Träne rollte über ihre Wange, „...dann will ich nicht, dass du allein bleibst. Ich will nicht, dass du in diesem Zimmer sitzt und auf mein Foto starrst, bis du alt bist. Du musst mir versprechen, dass du wieder jemanden suchst. Eine neue Freundin. Jemand, der mit dir rennen kann, Luke.“
Luke schreckte zurück und sah sie entgeistert an. Seine Augen waren rot unterlaufen. „Hör auf, Cleo! Sag sowas nicht. Es gibt keine 'neue Freundin'. Es gibt nur dich.“
„Doch, es muss sie geben“, sagte sie mit einer plötzlichen, traurigen Entschlossenheit. „Weil dein Leben weitergeht. Ich erlaube es dir. Ich will, dass du glücklich bist, auch wenn ich nicht mehr diejenige bin, die dich zum Lachen bringt.“
Hinter ihnen, im Schatten des Tors, leuchtete Vio in einem tiefen, fast schmerzhaften Violett. Er legte seine schattenhaften Hände übereinander, als würde er ein Gebet sprechen. „Wahre Liebe ist kein Käfig, Cleo“, wisperte er. „Sie ist ein Licht, das man weiterreicht, damit die Welt nicht ganz dunkel wird.“ Die Schuluhr im Flur tickte unerbittlich, aber Cleo hörte sie nicht. Es war bereits 10:30 Uhr, die dritte Stunde war fast vorbei, als sie langsam durch den Haupteingang humpelte. Sie trug ein langes, smaragdgrünes Kleid, das ihre Blässe fast schon geisterhaft wirken ließ. Ihre rechte Hand ruhte schwer in der Tasche ihres Mantels – sie zitterte so stark, dass sie sie nicht mehr zeigen wollte.
Immer öfter blieb ihr Platz in der ersten Reihe leer. Manchmal schaffte sie es erst zur Mittagspause, manchmal tauchte sie gar nicht auf. Das Kollegium hatte aufgehört, nach Attesten zu fragen. Wenn sie kam, herrschte eine andächtige Stille auf den Gängen.
„Da bist du ja“, flüsterte Thiago, der im Flur auf sie gewartet hatte. Er nahm ihr den Rucksack ab, der mittlerweile viel zu schwer für ihre schmalen Schultern war. „Luke ist schon im Unterricht. Er ist fast wahnsinnig geworden vor Sorge.“
„Ich konnte einfach nicht... die Beine waren wie aus Stein“, murmelte Cleo. Sie lehnte sich schwer gegen die kalte Wand. Die dunklen Male an ihren Armen pochten unter dem Stoff des Kleides.
Vio schwebte über ihnen an der Decke, sein violetter Schatten wirkte in dem hellen Flur fast wie ein Riss in der Realität. „Die Zeit dehnt sich, Cleo“, wisperte er sanft. „Ein Vormittag im Bett kann wertvoller sein als tausend Stunden in diesem Raum. Du verpasst nichts mehr, denn du hast bereits alles verstanden.“
Als sie schließlich die Tür zum Klassenzimmer öffnete, unterbrach der Lehrer mitten im Satz. Luke wirbelte herum, und die Erleichterung in seinem Gesicht war so schmerzhaft schön, dass Cleo wegschauen musste. Er wusste, dass jeder Tag, an dem sie fehlte, eine Generalprobe für das Unausweichliche war.
Das Geräusch war neu. Kein rhythmisches Auftreten von Turnschuhen, sondern ein leises, gleichmäßiges Rollen auf dem Linoleum des Schulflurs. Cleo saß im Rollstuhl. Ihre Beine, die einst so kraftvoll Tore geschossen hatten, lagen jetzt schlaff und dünn unter einer Decke, die Thiago ihr über die Knie gelegt hatte.
Sie hatte sich geweigert, zu Hause zu bleiben. „Ich gehe“, hatte sie ihrer weinenden Mutter gesagt. „Solange ich noch sehen und sprechen kann, gehe ich dorthin, wo mein Leben ist.“
Als Thiago sie durch die Tür des Klassenzimmers schob, erstarrte alles. Oskar, Levin und die anderen Jungs, die nach ihrer Präsentation schon leiser geworden waren, schauten jetzt betreten weg oder starrten mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen auf die Räder.
Luke sprang sofort auf. Sein Stuhl kippte scheppernd um, aber das war ihm egal. Er eilte zu ihr, kniete sich direkt vor den Rollstuhl und legte seine Hände auf ihre Knie, genau dorthin, wo er sie früher immer festgehalten hatte.
„Hey“, flüsterte er, und seine Stimme zitterte. Er versuchte zu lächeln, aber seine Augen suchten verzweifelt nach der alten Cleo.
„Hey“, antwortete sie und strich ihm mit ihrer zitternden Hand durchs Haar. „Jetzt musst du wenigstens nicht mehr rennen, um mit mir Schritt zu halten.“
Vio hockte auf den Griffen des Rollstuhls, seine violetten Schwingen umhüllten Cleos Rücken wie ein schützender Mantel. Er war jetzt fast ständig bei ihr, eine dunkle, tröstende Präsenz. „Der Thron hat sich verändert, Königin“, klang seine Stimme wie ein dunkler Akkord in ihr. „Aber deine Herrschaft über die Herzen derer, die dich lieben, ist jetzt absolut.“
Es begann an einem Dienstagmorgen. Cleo saß in ihrem Zimmer, die Sonne schien warm durch das Fenster, und plötzlich spürte sie ein Kribbeln in ihren Zehen. Kein Schmerz, kein Taubheitsgefühl – sondern Leben. Sie hielt sich am Bettrand fest, biss sich auf die Lippen und drückte sich hoch. Ihre Beine zitterten, aber sie hielten. Sie machten nicht nach zwei Schritten schlapp.
Als sie zwei Stunden später ohne Rollstuhl, nur auf Lukes Arm gestützt, in die Schule kam, hielten alle den Atem an. Sie ging. Langsam, fast bedächtig, aber sie ging aus eigener Kraft.
Sogar die dunklen Male an ihren Armen schienen blasser geworden zu sein, fast so, als würde das Licht in ihrem Inneren die Dunkelheit zurückdrängen. Cleo fühlte sich stark. Sie lachte wieder, und dieses Mal klang es nicht wie ein Abschied, sondern wie ein Sieg.
„Ich kann es nicht glauben“, flüsterte Luke, während sie in der Pause über den Schulhof spazierten. Er hielt ihre Hand so fest, als würde sie wegfliegen, wenn er losließe. „Cleo, du bist wieder da.“
Thiago beobachtete sie mit Tränen in den Augen von der Bank aus. Er war der Realist unter ihnen, aber selbst er wollte an dieses Wunder glauben.
Vio tanzte als kleiner, violetter Wirbelwind um Cleos Füße. Er wirkte aufgeregt, fast nervös. Sein Leuchten war so intensiv, dass die Blumen im Schulgarten sich zu ihm neigten. „Genieße das Licht, Cleo“, sang seine Stimme in ihrem Geist. „Es ist das Geschenk der Erde an eine Kämpferin. Renne, solange die Sonne für dich scheint.“
An diesem Nachmittag zog Cleo tatsächlich wieder ihre Fußballschuhe an. Nur für ein paar Minuten. Nur um das Leder an ihren Füßen zu spüren.
Cleo stand vor dem Spiegel und schloss den Knopf ihrer Blue Jeans. Es tat weh, der Stoff rieb an der empfindlichen Haut ihrer Taille, aber das war ihr egal. Sie sah wieder aus wie ein ganz normales Mädchen. Die dunklen Ranken an ihren Armen waren zu blassen, grauen Schatten verblasst, seit sie die kleinen weißen Pillen nahm, die sie in einer alten Kaugummipackung in ihrem Rucksack versteckt hielt. Niemand wusste davon – nicht Luke, nicht ihre Mutter und nicht einmal Thiago.
Sie wusste nicht, wie lange die Wirkung anhalten würde, aber jeder Tag, an dem sie ohne fremde Hilfe die Treppen im Schulhaus hochsteigen konnte, war ein gewonnener Krieg.
„Gott, Cleo, du siehst... gesund aus“, sagte Nova, als sie gemeinsam zum Kiosk gingen. Sie kaufte Cleo ein Eis, und zum ersten Mal seit Monaten hatte Cleo wirklich Appetit darauf.
In der Mittagspause saß sie mit Luke auf der Mauer hinter der Turnhalle. Sie lachte über einen seiner Witze und biss herzhaft in ihren Apfel. Luke beobachtete sie mit einer Mischung aus Hoffnung und Unglauben. Er strich über ihre Jeans und sah sie an, als wäre sie ein Geist, der plötzlich wieder Fleisch und Blut geworden war.
„Ich hab dich fast schon vermisst“, flüsterte er und küsste sie leidenschaftlich.
Vio saß auf dem Dach der Turnhalle und baumelte mit seinen violetten Schattenbeinen. Er wirkte nachdenklich. Er sah die kleinen weißen Pillen in ihrer Tasche leuchten wie winzige, künstliche Sterne. „Du kaufst dir Zeit mit Magie aus Glas und Chemie, Cleo“, wisperte er windhauchleise. „Genieße den Rausch, aber vergiss nicht, wer du bist, wenn der Nebel sich wieder senkt.“
Es sollte ein schöner Nachmittag in Lukes Zimmer werden. Cleo war kurz im Bad, und als Luke ihren Rucksack zur Seite stellen wollte, fiel die Kaugummipackung heraus. Das Geräusch war nicht das Klappern von Dragees, sondern das harte Klicken von Tabletten.
Als Cleo aus dem Bad kam, stand Luke mitten im Raum. Er hielt die Packung in der zitternden Hand, sein Gesicht war eine Maske aus Wut und Entsetzen.
„Was ist das, Cleo?“, seine Stimme war gefährlich leise.
„Luke, leg das weg, das ist...“
„Was ist das?!“, schrie er plötzlich los. „Drogen? Nimmst du jetzt irgendwelchen Scheiß, um den Schmerz zu betäuben? Ist das der Grund, warum du plötzlich wieder laufen kannst? Du bringst dich um, Cleo! Du hast eh schon kaum noch Zeit, und jetzt wirfst du sie mit diesem Zeug weg?“
Er schleuderte die Packung auf das Bett. „Ich dachte, wir kämpfen zusammen! Aber du lügst mich an. Du willst dich wohl schneller verabschieden, als wir alle dachten!“
Cleo stand wie versteinert da. Die Jeans, die sie so stolz trug, fühlte sich plötzlich wie eine fremde Haut an. Sie wollte ihm erklären, dass es eine experimentelle Therapie ist, die sie sich mühsam besorgt hat, aber sein Misstrauen traf sie tiefer als jeder körperliche Schmerz.
In der dunklen Ecke hinter Lukes Schreibtisch pulsierte Vio in einem aggressiven, gezackten Lila. „Das Vertrauen ist ein Glas, das bricht, wenn man es zu fest drückt“, wisperte er. Sein Schatten legte sich wie eine Barriere zwischen die beiden. „Er sieht die Rettung und nennt sie Gift, weil er die Wahrheit nicht erträgt.“
Cleo machte einen Schritt auf Luke zu, obwohl er immer noch aussah, als wollte er die ganze Welt zertrümmern. Sie nahm die Packung vom Bett und hielt sie ihm direkt vor das Gesicht.
„Es sind keine Drogen, Luke!“, rief sie, und ihre Stimme war fest, obwohl Tränen über ihre Wangen liefen. „Es ist eine experimentelle Therapie. Ich habe sie von einem Spezialisten. Sie heilen mich nicht, das weißt du... aber sie schalten den Schmerz aus. Sie geben mir meine Beine zurück. Sie geben mir dich zurück!“
Luke starrte sie an, sein Atem ging immer noch schwer. Die Wut in seinem Gesicht wich langsam einer bodenlosen Verwirrung.
„Warum hast du nichts gesagt?“, presste er hervor.
„Weil ich nicht wollte, dass wir über Medikamente reden! Ich wollte, dass wir über Fußball reden, über das Meer, über uns. Ich wollte, dass du mich ansiehst und nicht an eine Patientin denkst, sondern an deine Freundin, die Jeans trägt und mit dir spazieren geht.“
Sie öffnete ihre Handfläche und zeigte ihm die kleine weiße Tablette. „Das hier sind 24 Stunden ohne Rollstuhl, Luke. Würdest du sie nicht auch nehmen?“
Vio trat aus dem Schatten und legte seine Arme von hinten um Cleo. Er wirkte jetzt fast so solide wie ein Mensch, sein Violett war tief und beruhigend. „Die Wahrheit ist ein bitteres Heilmittel“, klang sein Echo durch den Raum. „Aber sie ist das Einzige, was euch zusammenhält, wenn alles andere zerfällt.“
Luke sank auf die Bettkante. Er vergrub das Gesicht in seinen Händen und fing an zu weinen – nicht vor Wut, sondern vor Erleichterung und Schmerz über die verbleibende Zeit.
Der Wind wehte durch Cleos Haar, das im Sonnenlicht fast wieder so glänzte wie früher. Sie saß auf der Veranda des Strandhauses, die Beine in der Jeans über das Geländer geschwungen. Das Rauschen der Wellen übertönte das Pochen in ihrem Kopf, das trotz der Medikamente manchmal leise anklopfte.
Lukes Eltern und sein großer Bruder Matthew waren unglaublich rücksichtsvoll. Sie behandelten sie nicht wie eine Sterbende, sondern wie ein Familienmitglied, das einfach eine Pause brauchte. Matthew hatte sogar eine Rampe für das Haus gebaut, „nur für alle Fälle“, wie er sagte, ohne sie dabei anzusehen.
„Willst du runter ans Wasser?“, fragte Luke. Er kam mit zwei Eiswaffeln aus der Küche und setzte sich neben sie.
Cleo nickte. „Ich will den Sand zwischen meinen Zehen spüren, Luke. Solange ich es noch fühlen kann.“
Sie gingen langsam den Dünenweg hinunter. Cleo brauchte keine Hilfe, sie lief sicher auf ihren eigenen Beinen, auch wenn sie wusste, dass die Packung in ihrer Tasche immer leerer wurde. Als sie das Wasser erreichten, zog sie ihre Schuhe aus. Die Kälte der Nordsee schockte ihren Körper auf eine wunderbare Weise.
Vio stand ein Stück entfernt im flachen Wasser. In der hellen Sommersonne wirkte er fast wie eine Fata Morgana, sein violetter Körper verschwamm mit dem Blau des Meeres. „Das Meer vergisst nichts, Cleo“, flüsterte er, und seine Stimme vermischte sich mit dem Kreischen der Möwen. „Jede Welle, die deine Füße berührt, nimmt ein Stück deines Schmerzes mit in die Tiefe.“
Luke nahm sie von hinten in den Arm. Sie schauten gemeinsam auf den endlosen Horizont. Für einen Moment gab es keine Tage, keine Stunden, kein „Noch 40“. Es gab nur das Salz auf ihrer Haut und die Wärme seiner Brust an ihrem Rücken.
Die Sonne schien hell durch die Vorhänge in Cleos Zimmer, doch sie bemerkte es kaum. Die Welt da draußen – die Schule, die baldigen Prüfungen der anderen, der SC Green Valley – war in unerreichbare Ferne gerückt. Cleo lag in ihrem Bett, das jetzt mitten im Raum stand, damit ihre Mutter und die Pfleger besser an sie herankamen.
Ihre Beine waren völlig taub, die dunklen Male hatten sich wie Schatten über ihren ganzen Körper ausgebreitet. Das Atmen fiel ihr schwer, jeder Zug war eine Anstrengung, die sie blass und erschöpft zurückließ.
Luke saß Tag und Nacht an ihrem Bett. Er hielt ihre Hand, die jetzt so leicht und zerbrechlich wirkte wie der Flügel eines Schmetterlings. Er las ihr vor, erzählte ihr vom Training oder hielt einfach nur ihre Hand, wenn sie einschlief.
„Luke?“, flüsterte sie eines Nachmittags. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Ich bin hier, Cleo. Ich gehe nirgendwohin.“
Sie versuchte zu lächeln, doch ihre Augen blieben trüb. „Erzähl mir nochmal... vom Meer. Wie es gerochen hat.“
Vio saß am Fußende des Bettes. Sein Violett war jetzt tiefdunkel, fast schwarz, aber an den Rändern leuchtete er in einem sanften, jenseitigen Gold. Er wirkte nicht mehr bedrohlich, sondern wie ein geduldiger Wächter, der darauf wartet, die Tür zu öffnen. „Die Reise beginnt im Stillen, Cleo“, vibrierte seine Stimme ganz sanft in ihrem Bewusstsein. „Du musst nicht mehr kämpfen. Du darfst dich jetzt tragen lassen.“
An der Wand hingen ihre Fußballmedaillen, sie glänzten im fahlen Licht. Sie waren Zeugen eines Lebens, das viel zu kurz war, aber voller Leidenschaft gesteckt hatte.
Das Zimmer war mit ein paar violetten Luftballons geschmückt, die Nova und Thiago heute Morgen aufgehängt hatten. Es roch nach Vanillekuchen und Bienenwachskerzen. Cleo saß aufrecht im Bett, gestützt von vielen Kissen. Sie trug ihr smaragdgrünes Lieblingskleid – es war ihr mittlerweile viel zu weit, aber die Farbe ließ ihre Augen ein letztes Mal leuchten.
Luke saß direkt neben ihr und hielt eine kleine Torte mit einer brennenden „15“.
„Alles Gute zum Geburtstag, Cleo“, sagte er mit einer Stimme, die vor unterdrückten Tränen rau war. Seine Eltern, Matthew, Thiago und Nova standen im Halbkreis um das Bett. Sie sangen ganz leise, fast wie ein Schlaflied.
Cleo schaute in die kleine Flamme. Sie brauchte zwei Versuche, um genug Luft zu sammeln, um die Kerze auszupusten. Als der Rauch aufstieg, lächelte sie schwach. „Danke“, hauchte sie. „Dass ihr alle da seid.“
Thiago überreichte ihr ein Geschenk: Ein Fotoalbum voller Bilder vom Fußballplatz, vom Strand und von den Momenten im Schulflur. Cleo strich mit ihren dünnen Fingern über ein Foto, das sie lachend im Trikot zeigte.
Vio stand direkt hinter Luke. Sein Leuchten war heute so weich wie Samt, und er hielt seine schattenhaften Hände schützend über die kleine Gruppe. „Fünfzehn Jahre Licht, Cleo“, flüsterte er so zart, dass es fast wie das Rascheln der Vorhänge klang. „Manche Sonnen brennen kurz, aber sie leuchten heller als alle anderen. Dieser Tag gehört dir, jenseits der Zeit.“
An diesem Abend, als alle gegangen waren und nur noch Luke bei ihr saß, schenkte er ihr eine kleine Kette mit einem silbernen Fußballanhänger. Er legte sie ihr um den Hals, und sie schlief ein, während sie seine Hand hielt.
Die Luft im Zimmer war schwer vom Duft der Blumen, die langsam verwelkten. Cleo lag blass in den Kissen, ein Klemmbrett auf den Knien. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie für jedes Wort eine Ewigkeit brauchte. Es war kein juristisches Dokument, es war ein Brief an die Menschen, die ihr Herz bewachten.
„Für Nova“, schrieb sie mühsam, „meine Kleider. Das smaragdgrüne und die aus Samt. Trag sie, wenn du tanzen gehst. Sei die Schönheit, die ich nicht mehr sein kann.“
Sie hielt inne und schloss kurz die Augen. Dann fuhr sie fort:
„Für Luke. Meine Fußballschuhe und mein Trikot mit der Nummer 10. Sie haben mich getragen, jetzt sollen sie dich tragen. Jedes Tor, das du schießt, gehört uns beiden.“
Ein kleiner Fleck Tinte landete auf dem Papier, als sie den nächsten Namen schrieb.
„Für Thiago. Meine ganze Kiste mit Liebesromanen. Du hast immer gesagt, sie seien kitschig, aber ich weiß, dass du heimlich mitgelesen hast. Such dir ein Happy End für mich aus.“
Vio stand am Fenster und zeichnete mit seinem schattenhaften Finger Muster in den Staub auf der Scheibe. Sein Violett war heute tief und feierlich. „Du verteilst keine Dinge, Cleo“, flüsterte er, und seine Stimme klang wie ferner Donner. „Du pflanzt Samen in ihre Herzen. Jedes Mal, wenn sie diese Sachen berühren, wirst du für einen Herzschlag lang wieder lebendig sein.“
Luke kam herein und sah das Papier. Er wusste sofort, was es war. Er setzte sich schweigend an ihre Bettkante, nahm ihr das Klemmbrett ab und küsste ihre blasse Stirn. Er wollte nicht weinen, nicht jetzt, aber seine Augen verrieten ihn.
Es war wie ein Riss im Schicksal. Cleo, die vor wenigen Tagen noch kaum den Stift halten konnte, stand an diesem Nachmittag am Rand des Trainingsplatzes. Sie trug ihre Fußballschuhe – die, die sie eigentlich Luke vermacht hatte. Ihr Gesicht war zwar schmal, aber ihre Augen brannten vor einer Energie, die alle anderen verstummen ließ.
„Ich will nicht nur zuschauen“, sagte sie zu Luke, der sie fassungslos anstarrte.
„Cleo, du solltest im Bett liegen...“, begann er, doch sie schüttelte nur den Kopf.
„Ich habe noch zwei Wochen, Luke. Ich werde sie nicht im Liegen verbringen.“
Sie trat auf den Rasen. Jeder Schritt fühlte sich fest an, fast so, als hätten die dunklen Male auf ihrer Haut für einen Moment ihre Kraft an ihre Muskeln zurückgegeben. Die Mannschaft des SC Green Valley hielt das Training an. Oskar, Tobi und die anderen sahen zu, wie die „Nummer 10“ den Ball forderte.
Sie spielte keine 90 Minuten. Aber für zehn Minuten dribbelte sie, passte den Ball zu Thiago und schoss sogar einmal aufs Tor. Der Ball traf den Pfosten und das Geräusch hallte über den ganzen Platz wie ein Glockenschlag.
Vio rannte neben ihr her, ein Schatten aus purem Violett, der fast mit ihrem eigenen Schatten verschmolz. Er lachte nicht, er wirkte feierlich. „Ein letzter Tanz mit dem Wind, Cleo“, rief seine Stimme in ihrem Kopf. „Zeig ihnen, dass der Geist niemals krank wird, egal was mit dem Körper geschieht.“
Als sie nach den zehn Minuten schweißgebadet in Lukes Arme sank, war sie erschöpft, aber sie lächelte so strahlend wie seit Monaten nicht mehr.
Das Licht im Zimmer war gedimmt. Cleo lag ganz still, ihr Atem war flach und rasselnd. Auf ihrem Nachttisch lagen die Dinge bereit, die sie vor zwei Wochen in ihrem Testament festgelegt hatte. Es war Zeit.
Zuerst kam Nova. Cleo deutete auf den Stapel Kleider, die ordentlich gefaltet auf dem Stuhl lagen. Das smaragdgrüne Kleid lag obenauf. „Trag es... für mich“, flüsterte Cleo. Nova konnte nicht antworten; sie drückte die Stoffe an ihr Gesicht und weinte lautlos. Sie nahm nicht nur Kleider entgegen, sondern das Versprechen, Cleos Schönheit weiter in die Welt zu tragen.
Dann trat Thiago ans Bett. Cleo schob ihm die Kiste mit den abgegriffenen Liebesromanen entgegen. „Such dir... ein Happy End“, hauchte sie mit einem winzigen, schwachen Lächeln. Thiago, der sonst immer so cool war, nahm ein Buch heraus, hielt es fest wie einen heiligen Gegenstand und nickte ihr schwer zu. Er wusste, dass diese Geschichten ihr Hoffnung gegeben hatten, als es keine mehr gab.
Zuletzt blieb Luke. Cleo hielt seine Hand besonders fest, bevor sie auf die Tasche mit ihren Fußballsachen deutete. Das Trikot mit der Nummer 10 lag darauf. „Lauf für uns beide, Luke. Jedes Tor...“
Luke brach zusammen, legte seinen Kopf auf ihre Knie und hielt ihre Beine fest, die sich nie wieder bewegen würden. Er nahm das Trikot an sich, als wäre es eine Reliquie.
Vio stand wie eine riesige, violette Säule in der Mitte des Raums. Sein Licht war jetzt so dicht, dass man es fast greifen konnte. Er legte seine schattenhaften Arme um alle vier. „Das Erbe der Liebe ist schwerer als Gold, Cleo“, klang seine Stimme wie ein ferner Gesang. „Du gehst nicht ganz, solange sie deine Farben tragen und deine Geschichten lesen.“
In der Schule senkten hunderte Schüler die Köpfe. Luke, Thiago und Nova standen im Klassenzimmer, ihre Körper wie versteinert. Die Worte des Direktors schnitten wie Glas durch die Luft. Luke wollte schreien, er wollte sagen, dass sie noch da ist, dass er ihren Puls noch spürt, aber die Lähmung war zu groß. Eine ganze Schule trauerte um ein Mädchen, das noch atmete.
In ihrem Zimmer war es totenstill. Cleo lag in den weißen Laken, ihr Körper so schmal, dass er kaum noch eine Wölbung unter der Decke bildete. Sie wollte niemanden sehen. Nicht aus Wut, sondern weil sie alle Kraft brauchte, um die Schwelle zu finden.
Vio saß direkt neben ihrem Kopfkissen. Er war jetzt kein Schatten mehr, er war pures, tiefes Violett, das den ganzen Raum in ein jenseitiges Licht tauchte. Er legte seine kühle Hand auf ihre Stirn. „Hörst du das, Cleo?“, wisperte er, und seine Stimme war so sanft wie fallender Schnee. „Die Welt hält für dich den Atem an. Sie üben schon einmal, wie es ist, ohne dich zu sein, damit du leichter gehen kannst.“
Cleo öffnete ein letztes Mal die Augen. Sie sah nicht mehr die Wände ihres Zimmers. Sie sah ein fernes, grünes Feld. Sie spürte keinen Schmerz mehr, nur eine unendliche Müdigkeit.
„Noch nicht...“, hauchte sie, und eine einsame Träne rann in ihr Kissen. „Ich bin... noch hier.“
In diesem Moment stürmte Luke aus der Schule. Er rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Er rannte gegen die Schweigeminute an, gegen die Diagnose, gegen den Tod selbst. Er musste bei ihr sein, bevor die Welt recht behielt.
Luke riss die Zimmertür auf. Sein Atem ging stoßweise, seine Lungen brannten, aber als er sie sah, wurde alles in ihm still. Das Zimmer war in ein unnatürliches, sanftes Violett getaucht, als hätte die Abendsonne eine Farbe angenommen, die es auf der Erde eigentlich nicht gibt.
Cleo lag ganz friedlich da. Sie hatte auf ihn gewartet.
Er trat ans Bett und nahm ihre Hand. Sie war kühl, aber ihre Finger zuckten ganz leicht, als sie seine Berührung spürten. Cleo drehte ihren Kopf mühsam zur Seite. Ein letztes Mal trafen ihre Augen die seinen. Da war kein Entsetzen mehr, kein Schmerz – nur eine tiefe, unendliche Ruhe.
„Ich bin da“, flüsterte Luke und Tränen fielen auf ihre verschränkten Hände. „Ich bin hier, Cleo. Du bist nicht allein.“
Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen. Es war das schönste Lächeln, das er je gesehen hatte. Sie schloss langsam die Augen, während ihr Atem immer leiser wurde, wie ein Lied, das in der Ferne verhallt.
Vio legte seine Arme um beide. Er breitete seine großen, violetten Schwingen aus, bis sie das ganze Bett einhüllten. „Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, kleine Kämpferin“, wisperte er mit einer Stimme, die jetzt wie Musik klang. „Das Feld ist grün, der Wind steht günstig. Lauf jetzt. Lauf frei.“
Luke hielt ihr Gesicht in seinen Händen, seine Daumen strichen ganz vorsichtig über ihre Wangenknochen. Er wollte jedes Detail speichern – die Wärme ihrer Haut, das sanfte Leuchten ihrer Augen, das jetzt langsam verblasste.
Cleo sammelte ein letztes Mal ihren Atem. Es war, als würde die Welt für einen Moment den Atem anhalten, sogar Vio erstarrte in seinem violetten Glanz. Mit einer Anstrengung, die größer war als jedes Dribbling und jeder Sprint auf dem Spielfeld, formten ihre Lippen die Worte, die sie ihm noch schenken musste.
„Ich liebe dich, Luke“, hauchte sie, und ein winziger Funke des alten Feuers blitzte in ihren Augen auf. „Mehr als alles andere.“
Dann entwich ein langer, friedlicher Seufzer ihren Lippen. Ihre Augenlider sank herab, und die Spannung wich aus ihrem Körper. Sie sah aus, als würde sie einfach nur schlafen und von einem Sieg im Endspiel träumen.
Vio neigte tief das Haupt. Sein Licht wurde zu einem weichen Nebel, der Cleos Körper sanft einhüllte und dann langsam nach oben stieg, bis er im Deckenlicht verschwand. „Das ist die größte Magie von allen“, klang sein letztes Echo im Raum. „Die Liebe, die bleibt, wenn alles andere geht.“
Luke blieb noch lange so sitzen. Er hielt sie fest, während die Sonne langsam unterging und das Zimmer in tiefe Schatten tauchte. Er weinte nicht mehr laut. Er spürte nur noch diese Worte, die wie ein warmes Siegel auf seiner Seele brannten.








