Der Narr
Als ich die Mail bekam, wusste ich nicht, was ich davon halten sollte.
Sehr geehrter Mister Sullivan,
man sagte mir, Sie könnten mir vielleicht helfen: Meine Tochter Dorothy ist vor zwei Monaten verschwunden. Die Polizei hat ermittelt, jedoch ohne Erfolg. Sie sagten, sie würden sich darum kümmern, aber seit vier Wochen habe ich nichts mehr von ihnen gehört. Deshalb wollte ich fragen, ob Sie den Fall selbst übernehmen könnten.
Ich würde mich sehr über eine Rückmeldung von Ihnen freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Madison Lawrence
Dorothy. Es ist, als wäre sie in eine andere Welt verschwunden.
Gerüchten zufolge hat die Polizei den Fall bereits zu den Akten gelegt, weil sie – wie üblich – nicht mehr weiter wissen.
Aber das spielt jetzt keine Rolle.
Was zählt, ist, wie wir Dorothy finden können.
Ich will das nicht allein durchziehen.
Dorothy war eine Freundin von mir.
Ich könnte Hilfe gebrauchen.
Zwei Monate. Und erst jetzt werde ich in den Fall einbezogen.
Aber ich verstehe es – die meisten Menschen trauen den Fähigkeiten eines zwanzigjährigen Amateurs nicht besonders viel zu.
Ich mag meine eigenen Probleme haben, doch ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, die Geheimnisse um uns herum zu entschlüsseln – ganz gleich, wie grausam die Antworten ausfallen mögen.
Also beginnt meine Ermittlung an einem Ort, den ich sonst eher meide.
Ein Ort, ideal für Schritt eins:
Informanten finden.
Ein Rockkonzert am Stadtrand.
Die Leute jubelten, sprangen, verschütteten ihr Bier, saßen auf der Wiese und kifften. Alles wie erwartet.
Ich wartete an einem Stand auf meine zuverlässigen Informanten.
Da erschienen sie in meinem Augenwinkel.
Man konnte sie gar nicht übersehen:
Ada und Rachel.
Ada mit ihren wilden schwarzen Locken, durchzogen von einer einzelnen weißen Strähne, schwarzem Lippenstift, stechend grünen Augen und Rosentattoos auf ihren Armen.
Rachel mit ihren feinen Gesichtszügen, verborgen unter einer dicken Schicht außergewöhnlichen Make-ups, und ihren blonden, seitlich fallenden Ponyfransen mit einer einzelnen roten Strähne darin.
Wann immer ich sie sah, fühlte ich mich … sicher.
Zwei starke Persönlichkeiten – und ich gehörte zu ihnen.
Als sich unsere flüchtigen Blicke kreuzten, nahm ich einen Schluck von meiner Cola und lehnte mich über den hohen, runden Tisch vor mir, bis ich fast darauf lag.
Das Nächste, was ich spürte, war Adas Hand, die mir auf den Hintern klatschte.
Sie legte ihren Arm um meinen Nacken und begann, mir ins Ohr zu atmen. Sie roch nach Wodka und Zigaretten – eine Mischung, an die man sich nie wirklich gewöhnt.
In dem Moment, als ich nach links sah, um ihr schönes Gesicht zu betrachten, kam Rachel von rechts und versuchte, ihren nassen Finger in mein anderes Ohr zu stecken.
Ich wich aus und beide brachen in schallendes Gelächter aus.
,,Oh, wie ich meine zwei liebsten Engel des Todes vermisst habe.“
Plötzlich starrten sie mich überrascht an.
Ada wiederholte: ,,Deine liebsten Engel des Todes?“
Worauf Rachel ergänzte: ,,Kennst du etwa noch mehr als uns?“
,,Ihr seid vielleicht die Einzigen, die ich wirklich gern sehe. Ich habe euch schon von Weitem bemerkt. Vor allem Ada – sie ist die einzige Frau auf diesem Konzert, die nicht an BHs glaubt.“
,,Sehr witzig“, erwiderte Ada und verdrehte die Augen. ,,So hab ich zumindest schon drei Biere bestellen können, ohne zahlen zu müssen. Du hingegen musst in diesem Trenchcoat doch kochen.“
,,Und wie. Aber er gehört zu meiner beruflichen Ausstattung.“
Rachel konterte: ,,Ich glaube ja, du hast einfach zu viele Humphrey-Bogart-Filme gesehen.“
,,Ich sollte zumindest wiedererkennbar sein.“
,,Klar solltest du das“, stimmte Ada zu, ,,aber wo ist deine Lupe, Sh’lock?“
„Moment mal“, unterbrach Rachel. ,,Du arbeitest? Um diese Uhrzeit? An diesem Ort? Worum geht's?“
Auf ihre Fragen hin zog ich mein Notizbuch und meinen Bleistift hervor und erklärte:
,,Ich brauche Informationen über Dorothy Lawrence – und ihr zwei kennt jeden Klatsch dieser Stadt.“
,,Das stimmt doch gar nicht – wenn du Klatsch brauchst, solltest du mit Stacey Bellamare reden, dieser arroganten, falschen Blondine. Aber sag mal, Jack, bist du dir da sicher? Du standest Dorothy ziemlich nahe. Beeinflusst das deine Ermittlungen nicht ein bisschen?“
,,Ihre Mutter hat mir geschrieben. Ich werde einen Hilferuf nicht ignorieren – schon gar nicht diesen.“
Ich wollte ihnen nicht sofort sagen, dass dieser Fall für mich tatsächlich eine ganz persönliche Motivation hat – sie wussten es ohnehin.
Aber jedes Mal, wenn ich an Dory dachte, verlor ich die Distanz.
,,Weiß ihre Mutter, dass du Dorothy ... sehr mochtest?"
,,Ich weiß es nicht. Es wurde nie was aus uns. Aber das soll mich nicht aufhalten. Also: Infos, Daten, selbst Gerüchte - was könnt ihr mir sagen?"
Die beiden tauschten sich besorgte Blicke aus, bevor Ada erklärte:
,,Das letzte Mal hat man sie im College gesehen. Vielleicht gibt's dort jemanden, der was Näheres weiß."
,,Hat sich die Polizei nicht dort schon umgesehen?"
,,Nicht so richtig. Sie sprachen mit Professoren und dem Direktor, aber nicht mit uns. Nicht, dass ich das Bedürfnis hatte, mit den Bullen zu reden."
,,Ja, ich bin mir sicher, dass sie euch zwei schon sehr gut kennen."
Während wir sprachen, folgte der nächste Song auf der Bühne.
Und am Mikro stand kein Geringerer als Dylan Costa - ein richtiger Wichtigtuer.
,,Oh, Scheiße, nicht der.", murmelte ich. ,,Mögt ihr den Kerl etwa?"
Ada und Rachel sahen sich an, worauf sie tiefe Lacher ausstießen und Ada meinte:
,,Ich nicht, aber seine geile Gitarre - 'ne gute Les Paul."
Rachel meinte dazu: ,,Ist 'n Wunder, dass er die spielen kann - in seinem Oberstübchen muss viel Luft sein."
Das mochte ich an den beiden, wir teilten uns viele Ansichten.
Costa war in Jericho und Umgebung berühmt. Jeder kannte ihn als den 'Stage Diver', aber ich nur als den Typen, der im Keller seines Vaters mit zwei anderen Trotteln geprobt hat, während ich in der Ecke auf einem löchrigen Sofa saß und mir die Ohren zuhielt.
Ich wartete nur auf den Tag, an dem er in die Menge springt - und keiner ihn auffängt.
Er pflegte eine alte Feindschaft mit Eve Levy. Ein Engel auf Erden. Sie kam aus der Nachbarstadt und erschien immer wieder in Jericho, um jeden mit ihrer bezaubernden Stimme in den Bann zu ziehen.
Dylan konnte ich zwar nicht leiden, aber sein Rock traf meinen Geschmack besser. Eve brachte mich zwar zum Schmelzen, doch ich war kein Freund von Pop.
,,Sollen wir näher ran?", fragte mich Ada.
Bevor ich ihr antworten konnte, bewegte ich mich bereits durch die enge Masse, bis wir ganz vorne ankamen.
Da rief Dylan ins Mikro: ,,Habt ihr irgendwelche Wünsche?"
,,Let Me Hear You Scream.", rief ich zurück. ,,Von Ozzy Osbourne. Kennst du den?"
,,Ob ich den kenne? Klar doch, ist 'n guter Freund von mir."
Rachel rollte mit den Augen und erwiderte: ,,Die Bühne ist zu klein für seinen riesigen Kopf."
,,Hey", meinte Ada und stupste mich mit dem Ellbogen an, ,,sollen wir seinen großen Auftritt sprengen?"
,,Tue dir keinen Zwang an."
Sowie ich dies sagte, lehnte sie sich über die Barriere und fragte:
,,Dylan, darf ich auf die Bühne?"
Er sah sie und riss die Augen auf.
,,Aber gern, Kleines."
Sofort stieg Ada über die Barriere und ging die Treppe zur Bühne hinauf, während sie den aufgeregten Fan spielte. Rachel und ich tauschten uns erwartungsvolle Blicke aus.
Wir sahen mit an, wie Ada kurz etwas zu Dylan sagte und er mit einem breiten Grinsen nickte.
Sie machte mich allmählich nervös.
Plötzlich zog sich Dylan die Gitarre herunter und übergab sie Ada ganz behutsam.
Fasziniert nahm sie sie an und begann, einen heftigen Riff darauf zu spielen.
Noch grinste Dylan, aber nicht mehr lange.
Denn als er einmal unachtsam war, sprang Ada von der Bühne mitsamt der Les Paul und rannte davon.
,,Schnell!", rief sie uns hinterher.
Und ohne zu zögern eilten wir ihr nach, während wir von ein paar wütenden Fans verfolgt wurden. Währenddessen riss ich mir den schweren Trenchcoat vom Leib.
Unser herzhaftes Lachen konnte man über den ganzen Platz hören, als wir am Horizont verschwanden.
Als wir langsamer wurden, hielt Ada die Les Paul hoch und meinte: ,,Schau dir dieses Schmuckstück in Perlmut an! Die muss ich morgen sofort Deathscream zeigen - der wird vor Neid noch blasser als sonst werden."
'Deathscream' war kein anderer als Vincent Stratton - ein langes, faules Bündel voller Überraschungen aus unserer Klasse - wenn ihn auch nichts im Leben interessierte, aber er wusste eine gute Gitarre durchaus zu schätzen.
Doch wie ich so in die Taschen meines Mantels griff, fiel mir etwas auf:
Es ist verschwunden.
Das Bild von Dorothy und mir, das sie mit ihrer Polaroid machte.
Das war nicht gut.
Ich schaute zur Meute, die die Verfolgung aufgab. Jetzt wurde ich so richtig nervös.
,,Jacky", rief Ada, ,,kommst du?"
So ein Mist.
Ich nickte nur und folgte ihnen. Morgen würde ich zurückkommen müssen. Auf der Rückseite stand nämlich etwas Wichtiges...








