Der Narr
Mister Sullivan,
Vielleicht haben Sie es schon gehört, aber meine Tochter Dorothy ist vor einem Monat verschwunden. Die Polizei hat noch immer keine Spur von ihr gefunden und ich habe den Eindruck, dass sie nicht mehr weiterweiß.
Ich bitte Sie deshalb nun von Herzen:
Helfen Sie mir!
Ich sorge mich. Mein Mann sorgt sich. Und ich weiß, dass Sie sich auch sorgen.
Deshalb stünden wir tief in Ihrer Schuld, wenn Sie sie finden.
Sie sind unsere letzte Hoffnung.
Bitte.
Mit freundlichen Grüßen
Madison Lawrence
'Mister Sullivan' - so würde Madison niemals schreiben, wenn sie es nicht ernst meinte.
Für sie war ich eigentlich immer nur 'Jack' - genau so wie für Dorothy.
Allein beim Lesen der Nachricht wurde mir klar, dass ihr Fall anders werden würde als die meisten Vermisstenfälle, die ich annahm - bei denen lediglich der eine oder andere Ehemann für ein paar Tage betrunken neben der Hintertür einer Kneipe schlief.
Diesen eindeutigen Hilferuf konnte ich nicht ignorieren.
Trotzdem hat man mich erst nach einem Monat um Hilfe gebeten.
Offenbar vertraute man den Fähigkeiten eines zwanzigjährigen Detektiven ohne Berufsausbildung nicht besonders.
Ich mag meine eigenen Probleme haben, doch ich habe mich einer Aufgabe gewidmet, die mir wichtig ist.
In einer Welt, in der man von vorne bis hinten belogen wird, möchte ich wenigstens für etwas kämpfen, das es wert ist - die Wahrheit.
Und nirgendwo findet man mehr ungefilterte Wahrheit auf einem Haufen als an dem Ort, an den ich mich jetzt begebe.
Ein Ort, den ich an jedem anderen Tag eher gemieden hätte.
Ein Open-Air-Festival am Stadtrand.
Man musste sich nicht weit von der Hauptstraße entfernen und es kamen einem bereits klimpernde Ketten, Mohawks und gepiercte Gesichter entgegen.
Die Menge war euphorisch am Jubeln - und wer nicht ganz vorne im Moshpit stand, saß auf der Wiese, trank Bier aus der Kühltruhe und rauchte ganze Schachteln Zigaretten weg.
Schon erstaunlich, wie sympathisch Menschen wirken konnten, wenn sie ihr wahres Gesicht zeigten, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen.
Allein vom Zusehen kam ich ins Schwitzen, weswegen ich mich an einen runden Tisch im Schatten eines Standes stellte.
Plötzlich erschienen mir im Augenwinkel zwei Gestalten, die ich selbst unter tausend Leuten wiedererkannt hätte.
Ada und Rachel.
Ada ging natürlich mit einem frechen Grinsen und den Händen an den Hüften voraus, mit jedem Schritt hüpften ihre langen, schwarzen Locken auf und ab.
An ihr konnte man sich die Finger verbrennen.
Rachel jedoch starrte einen immer so frostig an, dass selbst die Mittagshitze ihrer extravaganten Make-up-Maske nichts anhaben konnte.
Wenn ich hier nicht mit ihnen gerechnet hätte, hätte ich sie für einen dieser skurrilen Träume halten können, in denen man alte Freunde in den unterschiedlichsten Ecken wiedersieht.
Aber das war kein Traum.
Das hat mir Ada umgehend zu spüren gegeben, nachdem sie sich zu mir stellte und mir einen Klaps auf den Hintern verpasste.
Ihre Schulter drückte sie gegen meine, sodass ich beinahe zur Seite geschoben wurde - wäre da nicht Rachel an der anderen Schulter gewesen.
Ich schaute zuerst nach links zu Ada, deren kesse Miene und stechend grüne Augen mich fast in Verlegenheit brachten.
Dann schwenkte ich den Blick rüber zu Rachel, die mich mit leicht geneigtem Kopf mit ihrer üblichen Geringschätzung in den Augen durch ihre dunkle Brille anstarrte.
Sofort fragte Ada mit ihrer markanten Stimme:
,,Na, alles fit?"
Worauf gleich im Anschluss Rachel bemerkte:
,,Kaum zu glauben, dass man dich an so 'nem Ort sieht. Was führt dich her?"
Ich richtete meinen Blick nach vorne zur Menge, während ich erwiderte:
,,Bin auf der Suche nach 'nem neuen Hobby."
Ada sah mich an, als würde sie mir kein Wort glauben und entgegnete:
,,Warum gehst du nicht unter die Leute?"
,,Ich stehe lieber im Schatten.", meinte ich amüsiert schnaubend.
Dazu warf Rachel nur ein:
,,Wenn dir warm ist, zieh doch einfach diesen bescheuerten Trenchcoat aus."
,,Du läufst auch in schwarzem Leder herum."
,,Das ist mein Stil, aber dieses alte Ding ist definitiv nicht dein Stil."
,,Ach, Rach, du übertriffst dich doch immer wieder selbst mit deinen charmanten und einfallsreichen Komplimenten."
Auf einmal lehnte sich Ada über den runden Tisch und sprach zu Rachel:
,,Siehst du nicht, dass er in Arbeitskleidung ist?"
Dann schaute sie zu mir. ,,Stimmt's nicht, Sh'lock?"
,,Ich weiß ja nicht.", schüttelte Rachel den Kopf. ,,Sieht eher aus wie Humphrey Bogart."
Mit diesen Worten wandte ich mich Ada zu und erklärte:
,,Stimmt genau, ich bin bei der Arbeit."
,,Ich wusste es! Und wen suchst du dieses Mal? 'nen verlorenen Junky, der im Gebüsch sitzt?"
,,Fast, ich suche euch."
,,Dein Ernst? Du bist echt ein Meister auf deinem Gebiet, wie machst du das immer nur?"
,,Das war ja nur der erste Schritt, ich muss euch nach jemandem befragen. Ihr wisst ja sicher, dass ich schon seit einer Weile nicht mehr das College besucht habe."
,,Ja.", gab Rachel neben uns von sich. ,,Seit genau einem Monat."
,,Gut aufgepasst. Erst kürzlich wurde ich beauftragt, jemanden wiederzufinden. Eine unserer Studentinnen ist nämlich verschwunden."
,,Dorothy.", antwortete Ada rasch. ,,Wenn mal jemand aus unserem College verschwindet, ist das schon was Besonderes."
Leicht verdutzt sah ich sie an, wie sie auf ihren Ellbogen gestützt zu mir hoch sah und konzentriert zuhörte.
,,Ja ... das ist schon besonders - wenn man es so bezeichnen will. Wisst ihr zufällig mehr darüber?"
,,Leider nicht. Aber Stacey Bellamare könnte was wissen - die weiß alles über jeden, zumindest ist sie selbst davon sehr überzeugt."
,,Oh nein, mit der rede ich nicht."
,,Nicht einmal für Informationen?"
,,So ist das nicht - ich würde nichts aus ihr herausbekommen, weil sie sich weigert, mit mir in Kontakt zu treten. Normalerweise würde mich das nicht interessieren, aber falls sie tatsächlich was über Dory weiß, wäre es schon nützlich, ihr ein paar wichtige Fragen stellen zu können."
Kaum sprach ich es aus, tauschten sich Ada und Rachel gespielt gerührte Blicke aus.
Ada wiederholte mit einer übertrieben kindlichen Stimme:
,,Dooory!"
Danach sah sie wieder mich an, aber mit einem ungewohnt ernsten Blick und fuhr fort:
,,Sie lag dir sehr am Herzen, oder?"
Langsam nickte ich. Kurz schweifte Ada schmollend rüber zu Rachel, deren Blick so steinern wie immer blieb.
Irgendwann riss ich mich aus der blassen Erinnerung von Dorothy und warf müde lächelnd ein, während ich Ada am Rücken tätschelte:
,,Aber lange nicht so sehr wie du."
Daraufhin machte sich wieder ihr unverkennbares Grinsen breit, bevor sie ihren Arm mit den Rosentattoos um meinen Hals schlang und mich in ihrem Griff beinahe erwürgte.
,,Schön gesagt", meinte sie, ,,aber das war nicht ganz, was ich hören wollte."
Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich ihr hätte sagen sollen - weil ich nicht wusste, was Dory und ich waren. Darauf hätten wir beide wahrscheinlich unterschiedliche Antworten gehabt.
Zum Glück unterbrach die nächste Band diese beengende Situation und wir drei beobachteten gespannt, wer nun auftrat.
Zunächst erkannten wir ihn nicht sofort, aber der Sänger am Mikrofon kam uns bekannt vor.
Als wir drei dann gleichzeitig etwas näher schlichen, bestätigte sich unsere Vermutung.
Es war Dylan Costa.
Ausgerechnet Dylan...
Eine Galionsfigur für die Musiker aus Jericho, aber ganz sicher nicht für die Einwohner.
,,Einen schönen Sonntag euch!", setzte er mit kräftiger Stimme an und fuhr sich über sein öliges Haar. ,,Jetzt kommt, worauf ihr den ganzen Tag gewartet habt!"
Wohl eher nicht.
Ich wandte meinen Blick zu Ada und fragte sie:
,,Ist das dein berüchtigter Ex?"
,,Es war nur eine Woche!", keifte sie zurück. ,,Seitdem bin ich vorsichtiger geworden."
,,Dein Ernst?", warf Rachel zurück.
Schließlich machte Ada den Vorschlag: ,,Sollen wir näher heran?"
,,Du willst da durch?", fragte Rachel die Stirn runzelnd und zeigte auf die enge Masse vor uns.
,,Najaaa..."
Während die beiden noch debattierten, machte ich bereits ohne nachzudenken die ersten Schritte zu den Zuschauern. So anstrengend Dylan auch als Mensch war, ich habe ihn eine Weile nicht mehr gesehen.
Sachte schob ich sie an den Schultern aus dem Weg, Ada und Rachel waren direkt hinter mir.
Je näher wir der Bühne kamen, desto näher kam uns auch der Moshpit - die größte Hürde zwischen uns und Dylan.
Es bedurfte größter Vorsicht, nicht von den Fans zu Boden geschmettert zu werden - unter anderem, weil sich in meiner Manteltasche etwas überaus Wertvolles befand, das nicht rausfallen sollte.
Doch kaum waren wir an den ersten Reihen Streitlustiger vorbei, lichtete sich die Menge und wir konnten ohne Hindernis ganz nach vorne.
Als wir es geschafft hatten, fasste ich in meine Tasche und tastete danach.
,,Alles gut?", fragte Ada. ,,Hast du was verloren?"
,,Nein, zum Glück nicht."
Da zog ich es heraus: Das Polaroid von Dorothy und mir. Sie liebte ihre Polaroid-Kamera und hat bei jeder Gelegenheit Bilder mit ihr gemacht und diese dann an ihren Spiegel geklebt.
Aber das hier gab sie mir, bevor sie verschwand.
Ich bin froh darüber, dass sie mir rechtzeitig eine Erinnerung hinterlassen hat.
Ada sah das Bild und dann mich an - deutlich betrübt.
Deshalb steckte ich es wieder ein.
,,Nicht so viel grübeln", meinte sie, ,,den Moment genießen."
,,Ich weiß ja nicht. Gibt nicht viel zu tun hier..."
Als ich wieder zur Bühne sah, sprang mir Dylan ins Auge, mit seiner weißen Les Paul um seinen Hals, die er mit aggressiven Riffs spielte.
Kaum zu glauben, dass ich mal Mitleid für ein Objekt empfand.
Während er sein erstes Stück spielte, konnte ich eine kleine Anekdote über ihn erzählen:
Dylan ging mit uns aufs College, brach allerdings ab, um seiner Leidenschaft nachzugehen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er in der Garage seines Vaters mit seiner Band übte.
Sein Aufstieg kam jedoch auch mit Konkurrenz.
Nicht nur Jericho war für seine aufstrebenden Musiker bekannt, sondern auch die umliegenden Gegenden.
Aus der nächst größeren Stadt zum Beispiel erschien ein fünf Fuß kleiner Engel, kaum älter als wir:
Eve Levy.
Sie verdankte ihren Erfolg nicht nur ihrer natürlichen Ausstrahlung, sondern auch ihren Touren durch die Umgebung. Auch in Jericho kannte man ihre sonore Stimme, bei der man jedes Mal eine Gänsehaut bekam.
Zu Dylans Glück besuchte sie unser bescheidenes Städtchen nur selten.
Schließlich waren sie dann mit ihrem ersten Song fertig und machten eine kurze Trinkpause, bevor Dylan ans Mikrofon trat und die Frage an die Menge stellte:
,,Gibt's hier irgendwelche bestimmten Wünsche?"
Kurzerhand warf ich ein:
,,Hellraiser, von Ozzy Osbourne!"
Dazu lachte er verlegen und erwiderte schelmisch:
,,Kenn ich nicht, wir spielen nur Songs von echten Musikern."
Sauer tauschten Ada und Rachel sich die Blicke aus.
Da sprach Ada zu mir:
,,'Gibt nicht viel zu tun hier'? Vielleicht müssen wir dich einfach wieder aktivieren."
Worauf Ada sich über die Barriere lehnte und vorschlug:
,,Dylan, ich würde gern auf die Bühne kommen!"
Er erkannte ihre Stimme wieder und riss bei ihrem Anblick überrascht die Augen auf, während sich ein diabolisches Grinsen in ihm breitmachte.
,,Aber immer gerne, mein kleines Luder! Lass uns hören, ob du nicht nur ein hübschen Gesicht hast."
Umgehend stieg sie über die Barriere und rannte die Treppe zur Bühne hoch. Rachel und ich tauschten uns verwunderte Blicke aus, während wir mit ansahen, wie Ada sich charmant lächelnd zu Dylan begab.
Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, wozu sich sein Blick unangenehm freudig verzog.
,,Was hat sie denn jetzt vor?", fragte Rachel, aber ich erwiderte nur:
,,Das gefällt mir nicht."
,,Mir auch nicht."
Auf einmal zog Dylan sich die Les Paul herunter und gab sie Ada in die Hand.
Sowohl die Fans als auch Dylans Band warteten gespannt auf ihren Einsatz.
Und ohne zu zögern setzte sie mit Hellraiser an.
Die Band stieg sofort mit ein, als kannte sie den Song wohl doch, doch Dylan schien wenig begeistert gewesen zu sein - selbst die jubelnden Fans, die mitsangen, ignorierte er.
Kaum war sie fertig, ging er ans Mikrofon und sprach:
,,Das war wirklich sehr gut gespielt, aber jetzt kehren wir mal lieber zu unseren Songs zurück."
Dann aber drehte er sich rüber zu Ada und fragte sie tatsächlich:
,,Von wem ist der?"
Ada runzelte entrüstet die Stirn und erwiderte leicht den Kopf schüttelnd:
,,Von einem echten Musiker!"
Daraufhin tat sie etwas, das wahrscheinlich nur sie in diesem Moment tun konnte:
Sie sprang von der Bühne, mitsamt der Gitarre, und rannte davon.
,,Kommt!", rief sie uns hinterher.
Noch ein letztes Mal schauten Rachel und ich uns an, bevor wir kurz darauf über die Barriere sprangen und ihr hinterher rannten.
Es war beeindruckend zu sehen, wie schnell Rachel in ihren Plateaustiefeln laufen konnte, als sie mich überholte.
Ich musste beim Anblick der beiden lachen, weil ich sie noch nie so schnell rennen gesehen habe.
Doch etwas stimmte nicht.
Es fühlte sich an, als wäre ich nicht der Letzte gewesen.
Also schaute ich über die Schulter und bemerkte, dass wir verfolgt wurden.
Von einer Riesenwelle aus erzürnten Fans.
Ich zapfte meine letzten Reserven an und versuchte, zu Ada und Rachel aufzuschließen, die ihrerseits zu der Situation herzhaft lachten.
Irgendwann gab die Meute die Verfolgung auf und wir blieben in einem Dreieck stehen.
Wir atmeten durch, woraufhin Ada sich an der Gitarre abstützte und meinte:
,,Geschieht dem Bastard recht!"
,,Total...", stimmte Rachel entkräftet zu. ,,Was machst du jetzt mit ihr? Verscherbeln?"
,,Ich geb' sie Vincent, der kennt sich wenigstens aus."
Dann bemerkte Ada, wie ich in einem Schwächeanfall zitterte.
,,Hey, Jacky, ist alles okay?"
,,Ja ... alles gut."
,,Willst du nicht den Mantel ausziehen? Siehst ziemlich final aus."
Ich konnte nur noch nicken und zog den Mantel von mir, angefangen bei den Ärmeln.
Ich faltete ihn zusammen und nahm ihn unterm Arm.
Jedoch fiel mir etwas auf, als ich in die Tasche griff.
Das Polaroid von Dorothy und mir war nicht mehr da.
,,Oh", sprach ich zu mir selbst, während ich panisch herumwühlte, ,,Mist!"
,,Was ist los?", fragte Ada.
,,Das Bild ist weg. Ich glaube, ich muss zurück."
,,Geht's dir noch gut?", warf Rachel ein. ,,Die werden mit dir 'nen Spießrutenlauf machen."
,,Dann muss ich eben morgen zurückkehren."
,,Ist das Bild denn so wichtig?"
,,Nicht nur das Bild. Auf der Rückseite stand etwas sehr, sehr Wichtiges."
Leider musste ich in nächster Zeit ohne das Bild auskommen.
Morgen ging es schon wieder zurück an die Uni - der Ort, an dem jeder Dory kannte.
Es war nur logisch, dass ich dort meine Suche fortführte.
Und der Gedanke, nach einem Monat wieder zurückzukehren, war aufregender, als ich zugeben wollte...








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