Prolog
Man sagt, Zuhause ist ein Gefühl. Ich habe nie verstanden, was das bedeuten soll.
Zuhause war für mich immer nur eine Adresse. Eine Wohnung im dritten Stock, mit zu dünnen Wänden und einem Flur, der nach altem Teppich roch.
Ein Ort, an dem man die Schritte der Nachbarn hörte. Ein Ort, an dem man lernte, leise zu sein.
Ich war fünfzehn, als ich begriff, dass man sich auch in der eigenen Wohnung fremd fühlen kann. Dass man stärker wirkt, wenn man zuerst zuschlägt- mit Worten, mit Blicken, mit Schweigen.
Meine Mutter war ebenfalls fünfzehn, als sie mich bekam. Manchmal denke ich sie hat mir nie verziehen, dass ich existiere.
Ich war der beweis für eine Entscheidung, die sie nicht rückgängig machen konnte. Ein lebender Fehler, der Morgens in der Küche saß und abends in seinem Zimmer verschwand.
"Du musst endlich lernen, dich zu benehmen." sagte sie an dem Abend, an dem alles entschieden wurde. Der Koffer steht schon gepackt neben der Tür. Ich habe ihn nicht gepackt.
Ich lehne im Türrahmen meines Zimmers und verschränke die Arme. "Ich benehme mich...."
Sie lachte trocken. "Du nennst das Benehmen? Du bist respektlos.. Undankbar und Unmöglich."
Und verletzt, will ich sagen. Aber ich sage nichts.
In der Küche läuft der Fernsehre. Irgendeine Show mit lachendem Publikum. Die Stimmen klingen falsch fröhlich. Hinter mir knarrt der Boden. Schritte. ich spüre sie, ohne mich umzudrehen.
Ich weiß, wie man Schritte erkennt. Ich weiß, welche harmlos sind und welche nicht.
"Zehn Wochen", fährt meine Mutter fort, als würde sie über einen Urlaub sprechen. "Eine Ranch in Texas. Eine Freundin von mir kennt die Besitzerin. Du wirst dort arbeiten. Richtig arbeiten. Vielleicht lernst du dann endlich Disziplin."
Texas.
Ich habe noch nie weiter westlich gelebt als bis zum Strand von Santa Monica. Texas besteht für mich nur aus Paar Wörtern. Staub. Pferde. Männer mit Hüten. Hitze.
"Und wenn ich nicht Will?" frage ich. Sie sieht mich an, als hätte ich einen schlechten Witz gemacht. "Du bist siebzehn, Scarlett. Du willst vieles nicht."
Ich hasse es wenn sie meinen Namen so sagt. Als würde sie mich anklagen. Ich gehe zurück in mein Zimmer und schließe die Tür. Nicht Laut. Laut zu sein bringt nichts.
Mein Blick fällt auf den Spiegel über der Kommode. Ich sehe ein Mädchen mit dunklen Haaren und Augen, die älter wirken als sie sollten. ich sehe die Trotzfalte zwischen meinen Augenbrauen, die sich eingebrannt hat wie ein Markenzeichen.
Ich sehe niemanden, der Angst hat. Dabei habe ich Angst. Ja ich habe sogar scheiße Angst.
Nicht vor Texas. Nicht vor Pferden, im Gegenteil ich liebe Pferde, doch meine sogenannte Mutter erlaubte mir nie ein eigenes. Ich habe auch keine Angst vor Harter Arbeit.
Ich habe Angst davor, wieder irgendwo nicht dazuzugehören. Meine Hand wandert unbewusst zu meinem Bauch. Unter dem Stoff meines Shirts liegt die Narbe. Ein schmaler, blasser, Strich, kaum noch sichtbar.
Für andere vielleicht nur eine alte Verletzung doch für mich ein Beweis. Ich habe sie von einem, Mama's Ex Freunden. Sie hat immer so kriminelle freunde, der Typ hat mich oft versucht anzufassen und zu belästigen. ihr wisst was ich meine.
Und als ich mich schaffte zu währen bevor er weiter gehen könnte, hat er mich mit einem Messer angegriffen. Es erwischte meine Rechte Niere und sie musste entfernt werden. Ja dank ihm muss ich schon mit meinen Jungen Jahren doppelt aufpassen was ich tat.
Manche dinge passieren nicht, weil man sich schlecht benimmt. Sondern weil sie einfach passieren.
Ich setze mich auf mein Bett und starre auf meinen halb offenen Rucksack. Ein paar Shirts. Jeans. Mein schwarzes Crop-Top. Kopfhörer, mein Handy und ein Buch. Mehr brauche ich nicht.
Ich reise leicht. Man sollte nie zu viel mitnehmen, wenn man nicht weiß, ob man bleiben darf.
Später lag ich wach. Ich hörte die Stimmen aus dem Wohnzimmer. Gelächter. Das Klirren von Gläsern. Seine Stimme. Sie war zu vertraut.
Ich drehte mich zur Wand. Zehn Wochen, rede ich mir ein. Das ist nichts. Ich halte mehr aus als zehn Wochen.
Am nächsten Morgen ist der Himmel über Los Angeles grau. Kein Filmblau, kein Postkartenlicht. Nur Smog und Hitze, die sich schon früh zwischen die Häuser legt.
Ich stand jetzt vor der Haustür und packte mein Auto. Ein Kleiner Blue Metallic Mazda3 hatchback, da ich vor kurzem meinen Führerschein gemacht habe.
"Mach dort keinen Ärger", sagte meine Mum als ich den Kofferraum schloss. Ich sehe sie an und für einen Moment frage ich mich, ob sie jemals versucht hat, mich zu verstehen.
"Ich mache nie ärger", antwortete ich mit einem leichten Augenrollen. Sie erwiderte daraufhin nichts, aber ihre Miene verfinsterte sich etwas.
Als ich kurz an ihr vorbei schaute, sah ich meinen perversen Stiefvater der mich angrinste und neckisch Winkte. ich bin froh dieses Arschloch für 10 Wochen nicht mehr sehen zu müssen.
Schnell öffnete ich die Autotür, und stieg ein. Ich starte den Wagen, schaltete die Klimaanlage ein, stellte das Navi auf Bandera/ Texas und drücke aufs Gas.
Ich bin jetzt schon eine Halbe Stunde unterwegs. Klar ich könnte einfach wo anders hinfahren, aber irgendwie Tat ich es nicht.
Texas, denke ich. Vielleicht ist es dort einfacher. Vielleicht interessiert es dort niemanden, wer ich bin. Vielleicht kann ich dort einfach nur arbeiten. Tiere können nicht lügen und Pferde fragen nicht nach deiner Vergangenheit.
Ich lehne den kopf gegen das Kopfteil meines Sitz. Ich werde niemandem vertrauen. ich werde meinen Job machen. ich werde nach zehn Wochen wieder gehen.
Das ist der Plan.
Doch irgendwo zwischen Los Angeles und Texas spüre ich ein Ziehen in meiner Brust. Kein Schmerz. Eher....Erwartung.
Und ich hasse es, dass ein Teil von mir hofft, das es stimmt.