Kapitel 1
Ich atme tief ein. Warten, ausatmen. Nochmal. Mir ist schlecht. Ich sehe mich in dem endlosen Flur um. Seit wann gibt es in deutschen Schulen Spinde? Bin ich plötzlich im falschen Film? Dass ich im falschen Film bin, denke ich schon länger, aber dass es mir hier quasi vorgeführt wird, macht das Ganze nicht besser. Ich bin fünf Stunden entfernt von Zuhause und nicht nach Amerika gezogen. “Und das ist das Sekretariat”. Die Stimme des Co-Rektors reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blinzle und tue so, als wäre ich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit bei der Führung, die mir zu Liebe mitten im Schuljahr gegeben wird. Die Flure sind leer. “Frau Pollen wird dir gleich deinen Stundenplan aushändigen. Sie ist die Schulsekräterin. Dann wird sie dich in deinen ersten Kurs begleiten. Da du Biologie und Deutsch im Leistungskurs hast, wirst du gleich auch deinen Tutor kennenlernen. Herr Vogt ist dein Ansprechpartner in allen Belangen und dein Biologie-Lehrer.“, erklärt der Mann vor mir weiter. Ich habe seinen Namen bereits nach dem Vorstellen vergessen. Ich glaube es war irgendetwas mit einem K. Kramer? König? Klaustrophobie? Jedenfalls versucht er gerade mich aufmunternd anzugrinsen. Ich versuche es ihm gleichzutun, habe aber den blöden Verdacht, dass ich aussehe wie einer der Horrorclowns von 2015. Er scheint etwas hilflos, entscheidet sich aber dazu nicht anzusprechen, was er denkt. Die Tür zum Sekretariat geht auf und mir kommt ein Schwall Kaffee-Geruch entgegen. Den bräuchte ich auch gerade. Hinter dem Tresen, der ungelogen aussieht wie bei einem kleinen Hotel, sitzt eine Frau. Mitte 30, würde ich schätzen. Eine runde Brille auf der Nase und auf einem Bleistift kauend, bemerkt sie uns gar nicht. Herr Klaustrophobie räuspert sich und sie erschrickt. Ich beobachte das Spektakel schweigend. Es fühlt sich an, als wäre ich nicht hier, sondern würde von außen auf eine skurile Situation blicken. Frau Pollen, nehme ich an, errötet und sieht erst zu dem Mann und dann zu mir. Sie mustert mich kurz und setzt nach kurzem Zögern ein sympathisches Lächeln auf. “Du musst Lynn sein.“, flötet sie, eine Spur zu gut gelaunt führ 8:30 Uhr am Morgen. Ich nicke, versuche zu lächeln. Habe ich erwähnt, dass mir schlecht ist? Sie winkt mich näher an sich heran und ich folge ihrer Bitte. Als hätte sie seit Stunden auf mich gewartet, holt sie mit einer schnellen Handbewegung 2 Ordner und einen Haufen Papiere aus einer Schublade rechts von sich. “Danke, Daniel, wir kommen jetzt klar.“, sagt sie zu dem Mann neben mir und gestikuliert ihm zu gehen. Ist Daniel jetzt der Vor oder Nachname? “Männer, so unbeholfen.“, schnaubt sie, als Daniel den Raum verlässt. Ihre lockere Art lässt auch mich etwas weniger frieren. Eine schlagfertige, witzige oder überhaupt eine Antwort darauf, fällt mir trotzdem nicht ein. Ich versuche es wieder mit einem Lächeln. Ich würde sagen, mein bestes Lächeln bisher. Abgesehen von der Sekretärin und mir ist das Büro leer. Im Hintergrund summt ein Ventilator, was für mich keinen Sinn ergibt. Es ist Anfang April und wir haben keine 15 Grad draußen. “Also, Lynn.“, beginnt sie und ich versuche meine Aufmerksamkeit wieder auf die Frau vor mir zu lenken. “Es mag dir zwar so vorkommen, aber es ist gar nicht so unüblich mitten im Jahr die Schule zu wechseln. Du kommst aus Berlin, richtig?“, sie schielt auf ein Mäppchen, auf dem ich meinen Namen lesen kann. “Was ein Kontrast.“, sie schüttelt den Kopf aber fährt fort: “Jedenfalls! Willkommen in Haltern am See! Hier ist es zwar nicht so laut und voll wie in Berlin, aber wir haben auch unseren Charme. Ich bin mir sicher du hast 1000 Fragen.” - nicht eine, ehrlich gesagt. “Aber erst einmal: Ich bin Helen. Helen Pollen, aber ich fühle mich noch nicht alt genug, um hier gesiezt zu werden. Ich brauche gleich einige Unterschriften von dir. Dann gehen wir deinen Stundenplan durch und gucken, ob es für dich passt. Deutsch und Bio-LK, mh?” Ich bin überrumpelt, aber bringe ein kratziges “Ja.” raus. Hab ich heute überhaupt schon gesprochen? Frau Pollen, Helen, scheint zu merken, dass ich mich sehr unwohl fühle und nicht weiß, was ich gerade tun soll. Sie steht auf, geht um den Hoteltresen herum und deutet auf eine Sitzecke. „Setz dich hin, füll das aus. Ich suche den Rest zusammen und komme dann zu dir.“, sie drückt mir einen Ordner in die Hand. Dankbar dafür, dass ich endlich eine Aufgabe habe, setze ich meine Beine in Bewegung und gehe auf die Sitzecke zu. Hier stehen 3 Sessel um einen Mini-Kaffee-Tisch. Qual der Wahl. Ich setze mich auf den Stuhl, der direkt neben der Ausgangstür ist. Erscheint mir klug, auch wenn ich wahrscheinlich nicht einfach wegrennen kann. Schule ist wichtig, Bildung ist alles. Ohne Job kein Geld, ohne Geld keine Wohnung, ohne Wohnung sieht es echt mies aus. Mein Mantra gegen meine starke Abneigung der Schulpflicht. Ich setze mich hin, atme noch einmal tief durch und schlage den Ordner auf. Auf dem ersten Blatt steht „Stammblatt“, daneben klebt ein Post-it mit: „Alle Daten korrekt? :-)“
Lynn Winter (geb. Jäger)
Kohleweg 15a
45721 Haltern am See
Email: Lynn.Jä[email protected]
Telefon: ____________
Wieder ein Post-it: Eine Telefonnummer haben wir noch nicht! Handy geht auch.
Ich wühle in meiner Handtasche und krame einen Kugelschreiber heraus. Mit möglichst ruhiger Hand trage ich meine Handynummer ein. Einen Festnetzanschluss haben wir noch nicht, wir sind gerade mal 5 Tage hier. Darunter stehen meine Fächer, da scheint alles zu stimmen. Der nächste Post-it weist mich an, umzublättern. Irgendwie schrullig. Ich folge den Nachrichten aus Post-its und blättere um. Dort stehen die Daten meiner Eltern. Ohne groß darüber nachzudenken, streiche ich alles durch, was etwas mit meinem Vater zu tun hat. „Oh. Hat sich da etwas geändert?“, fragt Helen Pollen, die plötzlich (Oder schon länger?) neben mir steht und blickt auf meine absolut schiefen Linien. „Er ist kein Ansprechpartner.“, sage ich nur knapp und hoffe, dass sie es dabei belässt. Ich warte auf irgendeine Reaktion, aber es kommt nichts. Wie unangenehm. „Gut, dann nehme ich diese Person auch gleich aus dem System raus. Die Daten deiner Mutter passen?“, ich nicke. Wow, das war einfach. Der Rest dieses Ordners besteht aus Schulordnung, Broschüren und Angeboten der Weiterbildung, Als hätte ich im Abitur nicht schon genug zu tun, klar – lass mich auch noch fünf freiwillige, außerschulische, aber schulische, Aktivitäten ausüben! Das macht sich schließlich super auf meiner Bewerbung. Ich habe meinen Unmut wohl kundgetan, denn mir wird der Ordner vorsichtig aus der Hand genommen und ich spüre eine Hand auf meiner Schulter. „Komm, lass uns gehen. Ein bisschen Biologie tut uns doch allen mal gut.“, höre ich Frau Pollen sagen. Bitte was?