Kapitel 1
Quarinah
Der Tag des Bankettes war gekommen.
Lionel, Miquel, Jerome und ich saßen im Auto und trafen gerade auf dem weitläufigen Parkplatz vor dem Schloss ein.
Sobald Miquel geparkt hatte, stiegen wir aus und holten die Reisetaschen aus dem Kofferraum.
Auf dem Parkplatz selbst standen bereits sehr viele Autos und einige Leute, die ebenfalls erst jetzt angekommen waren.
Wir hatten uns bewusst entschieden, erst um 18:00 Uhr zu erscheinen, denn gegen 20:00 Uhr sollte die Begrüßung aller Gäste stattfinden.
Meine magische Maske verbarg mein wahres Erscheinungsbild.
Ich hatte nun blonde, lange, lockige Haare und grüne Augen. Das Einzige, das wie gehabt blieb, war die Form meines Gesichtes und die meines Körpers.
Während wir der Masse zum Eingang folgten, überkam mich ein ungutes Gefühl.
Ich nahm zwar keine Bedrohung wahr, aber selbst Lamia war hellwach und hüpfte angespannt in mir auf und ab.
Ein großes, offenes, hölzernes Eingangstor zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
Sobald wir hindurch gingen, sah ich auf der linken und rechten Seite grüne Rasenflächen, die mit wunderschönen Blumen und zwei Brunnen beschmückt waren.
Die Brunnen, die an der Spitze jeweils eine Wolfsfigur zeigten, sahen sehr alt, aber dennoch unfassbar schön aus.
Auch die anderen Gäste schienen davon positiv überrascht zu sein.
Wir folgten einem geraden, gepflasterten Weg zum Schloss, das aussah, als wäre es über 500 Jahre alt.
Drei große Türme ragten aus dem riesigen Backsteinschloss.
Am Eingang waren lange Tische mit Angestellten platziert, die die Ankommenden in Empfang nahmen.
Hier und da erneuerten wir die Blicke einiger Neugieriger, was wahrscheinlich daran lag, dass wir Masken trugen.
Eine Frau mittleren Alters mit einem strengen Pferdeschwanz und einer Dienstmagduniform kam direkt auf uns zu.
Sie machte einen Knix und begrüßte uns: „Herzlich willkommen Ich hoffe, sie hatten eine angenehme Reise.“
Wir nickten, woraufhin sie lächelnd erwiderte: „Zeigen Sie mir bitte ihre Einladungen, damit ich sie eintragen und ihnen ihre Zimmer zuweisen kann.“
Ich spürte bereits, dass sie eine Hexe war.
Sobald sie unsere Einladungen geprüft hatte, hob sie ihre rechte Hand und auf unser aller Handrücken tauchten verschiedenfarbige Muster auf.
Sie erklärte: „Die Zeichen sind sowohl ihre Eintrittskarten als auch ihr Erkennungsmerkmal ihres Ranges und ihre Türöffner für ihre Apartments. Ich werde ihnen nun die Räumlichkeiten zeigen, bitte folgen sie mir.“
Im gleichen Zuge schnippte sie mit den Fingern: „Ihr Gepäck wird in ihre Zimmer teleportiert.“
Das war ziemlich überraschend, genauso wie unsere Muster.
Mein Muster war goldfarben.
Ein Kreis, als Grundriss wie bei den anderen.
Fangzähne in der Mitte und links und rechts am Kreis eine Art von Runen. Direkt daran geknöpft jeweils ein Flügel.
Die anderen hatten nur die Fangzähne in der Mitte.
Jeromes war rot, Lionels und Miquels waren halb schwarz und halb golden.
Was das allerdings zu bedeuten hatte, erklärte die Frau nicht.
Sowohl die Männer als auch ich staunten nicht schlecht, denn direkt im Schloss war alles weiß und hochmodern.
Jede einzelne Wand war zusätzlich mit weiß-grau gefärbten Aufdrucken verziert.
Manche stellten eine Schlacht dar, andere Porträts von Personen und andere Orte.
Hier und da sahen sie auch aus wie sich bewegende Bilder, was höchst erstaunlich war und meine Aufmerksamkeit immer wieder ablenkte.
Den anderen schien es auch nicht anders zu gehen.
Naja, zumindest bis auf Jerome, denn er war schon mal in diesem Schloss.
Wir folgten ihr eine Wendeltreppe bis zur dritten Etage.
Links und rechts gab es zwei Gänge, die ebenfalls weiße Türen auf beiden Seiten hatten.
Wir gingen nach rechts bis fast zum Ende des Ganges.
Die rechte Tür wies sie Jerome zu.
Die Tür, die ganz am Ende des Gangs und in der Mitte war, wies sie mir und den anderen beiden zu, was mich stutzig werden ließ.
Sie schien zu bemerken, dass mich das verwunderte, denn sie erklärte prompt: „Die Muster auf ihren Handrücken teilen die Räumlichkeiten zu. Die Magie erkennt, wer zusammengehört, daher erhalten Sie drei, ein Apartment. Falls sie damit nicht einverstanden sein sollten, können wir dies natürlich ändern.“
Sowohl die Jungs als auch ich verneinten sofort.
Es war mir ehrlich gesagt viel lieber, wenn wir keine getrennten Zimmer hatten.
Dann erklärte sie: „Sobald sie den Griff der Tür berühren, öffnet sich das Schloss automatisch. Das Gleiche gilt auch zum Schließen der Tür. In ihren Räumlichkeiten finden sie alles, was sie benötigen, inklusive eines Zeitplans mit den Events, einem groben Umriss des Gebäudes und geplanten Treffen zu den bevorstehenden Abstimmungen. In jedem Apartment gibt es ein Telefon. Sollten Sie Fragen haben oder etwas benötigen, wählen Sie bitte die Kurzwahl 933. Um ihre Privatsphäre zu schützen, sind die Fenster so konstruiert, dass sie raus sehen, aber niemand reinsehen kann.“
Wir nickten erneut, woraufhin sie sich verbeugte: „Ich wünsche ihnen einen schönen Aufenthalt.“
Sobald sie außer Sichtweite war, witzelte Jerome: „Ziemlich extravagant.“
Da konnte ich nur zustimmen: „Da hast du recht, dann lasst uns mal sehen, wo wir übernachten werden.“
Sobald wir drin waren, zeigte sich ein großes Wohnzimmer, das alles hatte, was man sich nur wünschen konnte.
In der Mitte ein riesiges weißes Sofa, mit einem Glastisch, auf dem ein Ordner lag, und einem Fernseher, der an der gegenüberliegenden Wand hing.
In dem Ordner waren wahrscheinlich die erwähnten Events und Termine.
Große altmodische Fenster mit weißen, aber eleganten Gardinen.
Rechts war das Schlafzimmer mit einem übergroßen braunen King-Size-Bett. Gleichfarbend war der langgezogene Kiefernkleiderschrank. Am Ende des Bettes standen bereits unsere Koffer.
Die Nachtische waren in derselben Farbe.
Das Schlafzimmer war jedoch ohne Fenster.
Rechts von der Wohnstube war das Bad mit einem Whirlpool, einem befüllten Handtuchschrank, einem Kosmetikregal und einem Spiegel über dem Waschbecken.
Neben der Toilette war ein separater Schrank, der leer war.
Alles war in Weiß, was mich etwas irritierte.
Miquel und Lionel machten es sich auf dem Sofa bequem.
Lamia wollte heraus und das konnte ich ihr nicht verdenken, auch sie wollte sich umsehen.
Sobald sie draußen war, schien sie alles systematisch zu überprüfen, was auch Mamoru neugierig machte und ihn sagen ließ: „Ich sehe mich mal im Schloss und draußen um.“
Ich nickte knapp und setzte mich auch auf das Sofa zwischen den Jungs.
Miquel legte seinen Arm um meine Schulter, während Lionel seine Hand auf meinen rechten Oberschenkel legte und leise sagte: „Ich habe so ein komisches Bauchgefühl.“
Dem konnte ich nur beipflichten.
Etwas war hier an diesem Ort merkwürdig, doch was mich genau störte, konnte ich noch nicht sagen.
Nachdem Lamia sich genauestens in den Räumen umgesehen hatte, hüpfte sie auf das Fensterbrett und sah nach draußen.
Nach einigen Minuten spannte sich ihr kleiner Körper an.
Ihre Ohren waren gespitzt, ihre Rute kerzengerade aufgerichtet und ihre Augen waren auf etwas fixiert, wobei sie leise Knurrgeräusche von sich gab, was mich die Stirn runzeln und aufstehen ließ.
Irgendetwas oder irgendjemand schien sie zu beunruhigen.
Ich ging zu ihr herüber und folgte ihrem fixierten Blick über den weit angelegten Garten, der zu einem Weg in einen offenen Wald führte.
Ein Mann etwa tausend Meter entfernt weckte meine Wachsamkeit.
Er war etwa 1,90 m groß, trug ebenfalls eine Maske, die allerdings sein ganzes Gesicht verbarg, und war breit gebaut, fast schon dick. Der schwarze Anzug, den er trug, machte ihn nur unheimlicher.
Ich sah ihn jedoch nur kurz von der Seite, bevor er uns den Rücken zukehrte, während der Wald ihn langsam verschluckte.
Lamia knurrte immer noch leise, was mich umso mehr beunruhigte, sie aber dennoch beruhigend streicheln ließ.
Feststand jedoch, dass ich herausfinden musste, wer das war.
So wie Lamia auf ihn reagiert hatte, konnte das nichts Gutes bedeuten.
„Stimmt etwas nicht?“ Fragte Miquel, der hinter mir stand und seine Arme um meine Taille legte.
Ich erklärte ihm und Lionel, was ich gesehen hatte und dass ich ein ungutes Gefühl bei dem Mann hatte.
Lionel gab daraufhin zurück: „Wir müssen auf jeden Fall die Augen offenhalten. Ich habe jetzt erst recht ein schlechtes Gefühl.“
Er trat vor mich, zog mich beschützend in seine Arme und gab mir einen Kuss auf meinen Kopf, wobei Miquel sich ebenso schützend an meinen Rücken lehnte.
Zwischen den beiden fühlte ich mich, als könnte uns nichts und niemand aufhalten, und das war nicht nur tröstend, sondern auch bestärkend.
Es war, als wären die zwei meine Energiequelle.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach uns jedoch.
Dennoch war ich nicht böse, denn ich konnte Jeroms Anwesenheit direkt spüren.
Miquel ging zur Tür und ließ ihn rein.
Er hatte kurz ein Lächeln auf den Lippen. Sobald er Lionell und mich jedoch erblickte, zog er die Augenbrauen zusammen und fragte: „Ist etwas passiert? Ihr seht so ernst aus.“
Ich seufzte und erklärte kurz und knapp, was uns beunruhigte.
Nach einigen Sekunden gab er ebenfalls angespannt zurück: „Ich kam her, weil ich ein komisches Gefühl hatte. Seitdem wir dieses Schloss betreten haben, spüre ich Gefahr. Ich wollte euch nicht beunruhigen. Da es mir aber keine Ruhe gelassen hat, kam ich jetzt hierher.“
Ich zog die Augenbraue hoch.
Er spürt Gefahr?
Wieso nehmen wir anderen das nicht wahr?
Aber vielleicht legt es sich bei uns auch anders aus.
Wir drei haben schließlich alle ein schlechtes Bauchgefühl.
Nach kurzer Überlegung stellte ich klar: „Wir sollten nur gemeinsam die Räume verlassen. Zumindest fürs Erste.“
Alle nickten zustimmend, wobei ihnen die Sorge und der Ernst der Lage ins Gesicht geschrieben standen.
Wahrscheinlich sah ich im Moment genauso aus.
Als wir vor einigen Wochen die Einladungen erhalten hatten, hätte ich nie gedacht, dass unser Aufenthalt hier so beginnen würde.
Mir war zwar klar, dass wir aufpassen mussten, aber dass uns direkt am Anfang so etwas beunruhigen würde, hatte ich nicht kommen sehen.
Mamoru, der plötzlich neben uns auftauchte, sprach ohne Umschweife: „Das Schloss und alles, was außen dazugehört, ist sehr weitläufig. Bisher sind 250 von 300 Gästen eingetroffen. Ich habe bereits so einige starke Auren spüren können, ihr müsst vorsichtig sein.“
Im Gedanken bedankte ich mich für seine Information und klärte ihn über das eben Geschehene auf, was ihn sich noch mal umsehen ließ.
Da niemand Mamoru weder sehen noch hören konnte, bemerkte niemand unser kurzes Gedankengespräch.
Jerome hatte sich währenddessen mit Miquel über den Ordner hergemacht und verkündete: „Um 20:00 Uhr ist die offizielle Eröffnung des Bankettes. Wir haben noch 30 Minuten, um zum richtigen Saal zu kommen.“
„Gut, dann sollten wir uns wohl langsam umziehen und uns auf den Weg machen.“ Merkte ich an, was die anderen zustimmend absegneten.
Ich konnte es ehrlich gesagt kaum erwarten. Vielleicht würde ich ja dort auf den Mann treffen und mir ein besseres Bild machen können.