~1. Zurück in New York~
~Bella~
Als mein Wecker um 05:00 Uhr klingelt, fühlt es sich an, als hätte ich die Augen nur für einen Moment geschlossen. Ich bleibe noch liegen, starre an die Decke und lausche der Stille. In New York ist sie selten – und nie von Dauer.
Vier Wochen.
Vier Wochen sind wir zurück. Und selbst jetzt fühlt es sich noch fremd an, wieder hier zu sein. In der Stadt, in der ich meine große Liebe zurücklassen musste, weil mein Vater beschlossen hat, dass wir nicht mehr dazugehören.
Zehn Jahre sind seit jener Nacht vergangen.
Seit der Nacht, in der mein Herz aufgehört hat zu schlagen.
Wer sagt, Zeit heilt alle Wunden, der hat nie wirklich geliebt.
Der Schmerz ist nicht verschwunden. Er ist nur leiser geworden. Kontrollierbar. Ich habe gelernt, ihn dort zu halten, wo er niemanden stört. Tief vergraben. Sicher verschlossen.
Auch meine Gefühle für Jace.
Sie sind nicht weg. Ich habe sie nur eingesperrt.
Ich stehe auf, gehe in die Küche, schalte Musik an und gieße mir einen starken Kaffee ein. Der erste Schluck ist bitter. Genau richtig.
Ein Job bei der Northbridge Group hat uns zurück nach New York gebracht. Kommunikationswissenschaften und Mediengestaltung – endlich zahlt sich das alles aus. Der Vertrag ist gut, das Gehalt besser. Und jedes zweite Wochenende arbeite ich zusätzlich im Black Point. Sicherheit ist kein Luxus, wenn man allein verantwortlich ist.
Ich stelle die leere Tasse in die Spüle und gehe in Lillys Zimmer.
„Aufwachen, mein Schatz. Schule.“
Ein leises Knurren unter der Decke. Dann verschwindet sie komplett darunter.
Ich grinse und beuge mich vor. „Wenn du nicht sofort—“
„Aaah! Mum! Hör auf! Ich steh ja auf!“, lenkt sie ein, als ich andeute, sie zu kitzeln
„Gut. Ich warte im Bad.“
Sie ist mein kleiner Morgenmuffel. Zumindest die ersten fünf Minuten des Tages.
Im Bad ziehe ich meine Businesskleidung an. Blazer. Bleistiftrock. Seriös. Manchmal erkenne ich mich selbst kaum wieder.
Lilly kommt mit ihren Sachen herein und mustert mich im Spiegel.
„Du siehst komisch aus, Mum.“
„So läuft man nun mal im Büro rum.“
„Spießig.“
„Ich weiß, Miss Cool Girl.“
Sie grinst. Ihr Blick frech und hellwach.
Ihre Augen, eisblau.
Jedes Mal trifft es mich unvorbereitet. Nicht nur wegen der Farbe. Sondern wegen dem Ausdruck dahinter. Wach. Klug. Beobachtend.
Wie er.
In der Küche tanzt sie später zu einem Popsong aus dem Radio, während ich ihr Froot Loops hinstelle. Als „Sweet but Psycho“ läuft, singen wir beide lauthals mit. Für einen Moment fühlt sich alles leicht an.
Für sie funktioniert alles.
Für sie bin ich stark genug.
Und das muss reichen.
„Holst du mich um eins?“, fragt sie auf dem Weg zur Schule.
„Ja. Ich hab Mittagspause. Ich bring dich dann zum Softball.“
„Perfekt.“
„Nach der Arbeit hol ich dich dann wieder ab.“
Lilly nickt, dann steigt sie aus.
„Hab dich lieb, Mum.“
„Ich dich auch, Schatz.“
Ich sehe Lilly noch, wie sie mit zwei anderen Mädchen im Schulgebäude verschwindet. Erst als die Türen hinter ihr zufallen, starte ich den Motor und fahre Richtung Manhattan.
Die Tiefgarage der Northbridge Group ist kühl und anonym. Beton, Neonlicht, das Echo von Absätzen auf glattem Boden. Ich atme noch einmal durch, bevor ich in den Aufzug steige.
Erdgeschoss.
Am Empfang lächelt mich eine blonde junge Frau an. Auf ihrem Blazer steht L. Parker.
„Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich hoffe es“, sage ich höflich.
„Ich soll mich bei Mr. Simons melden.“
„Ah, richtig. 42. Etage. Am Ende des Open Space. Ich kündige Sie kurz an. Ihr Name?“
„Isabella De Santis.“
Sie nickt, greift zum Telefon, und ich gehe zu den Aufzügen.
42. Etage.
Die Türen öffnen sich in eine offene Bürofläche aus Glas, Bildschirmen und gedämpften Stimmen. Ich laufe den Gang entlang, bis ich vor der Tür mit Mr. Simons stehen bleibe. Drei Klopfzeichen. Ein kurzes „Herein“.
„Miss De Santis, nehme ich an?“
„Ja.“
„Setzen Sie sich.“
Er erklärt sachlich meine Aufgaben, geht das Projekt durch und erwähnt beiläufig, dass ich eng mit einem Kollegen zusammenarbeiten werde.
„Noah?“, ruft er wenig später über die Trennwand.
Ein großer Mann mit braunen, leicht zerzausten Haaren taucht auf. Wache braune Augen, selbstbewusstes Lächeln.
„Das ist Ihre neue Kollegin. Ich denke, Sie kommen klar.“
„Klar“, sagt er und mustert mich offen.
Mr. Simons verschwindet wieder in seinem Büro.
Noah kommt näher und reicht mir die Hand. „Noah Miller.“
„Isabella. Aber Bella reicht.“
Er hält meine Hand einen Tick länger als nötig. „Bella passt gut.“
Ich ziehe meine Hand zurück. „Spar dir das Flirten.“
Er grinst. „Keine Chance?“
„Keine.“
„Schade.“ Er mustert mich kurz, ohne aufdringlich zu wirken. „Hübsch bist du trotzdem.“
„Danke.“
Ich stelle meine Tasche ab. „Der Ordner hier?“
„Genau. Fang an. Wenn du Fragen hast, ich bin da.“
Ich nicke und tauche in die Arbeit ein. Marketingstrategien, Konzepte, Zielgruppenanalysen. Es ist simpel genug, um schnell reinzukommen – komplex genug, um den Kopf beschäftigt zu halten.
Zeit vergeht schneller, als ich erwartet habe.
Plötzlich lehnt Noah an meinem Schreibtisch. „Mittagspause. Willst du mit zu Bob? Ein Kumpel von mir kommt auch.“
„Tut mir leid, keine Zeit.“
„In der Mittagspause?“
Ich sehe nicht einmal auf. „Montags, Mittwochs und Donnerstags bin ich unterwegs.“
„Regelmäßig unterwegs“, wiederholt er neugierig. „Klingt geheimnisvoll.“
„Ist es nicht.“
„Okay.“ Er hebt die Hände. „Dann sehen wir uns später.“
Er geht Richtung Aufzug, ich schalte meinen Rechner in Standby und schnappe mir meine Tasche.
Zwanzig Minuten später sitze ich wieder im Auto – diesmal vor Lillys Schule.
Sie steigt ein, erzählt schon, bevor sie angeschnallt ist. Ich bringe sie zum Softball, bekomme einen schnellen Kuss auf die Wange und sehe ihr nach, bis sie mit ihrer Tasche über den Platz läuft.
Eine Stunde bleibt mir.
Ich esse unterwegs etwas im Auto, checke kurz meine Mails und fahre rechtzeitig zurück ins Büro.
Wieder 42. Etage. Wieder Bildschirm. Wieder Fokus.
Ich muss pünktlich gehen. Lilly wartet sonst.
„Und? Alles erledigt?“ Noah schiebt sich neben meinen Tisch.
„Jap.“
Er zieht seinen Stuhl heran und setzt sich mir gegenüber. Das Grinsen ist zurück.
„Darf ich dich was fragen?“
Ich sehe ihn an. „Schieß los.“
„Bist du neu in der Stadt?“
„Nein. Ich habe vor zehn Jahren schon mal hier gelebt.“
„Und wo warst du seitdem?“
„South Dakota.“
„Großer Tapetenwechsel.“ Er lehnt sich zurück. „Hast du einen Freund?“
„Nein.“
„Mann?“
„Nein.“
„Also bist du allein?“
„Nein.“
Er legt den Kopf schief. „Freundin?“
Ich muss lachen. „Tochter.“
Er blinzelt. Kurz überrascht. Dann hellt sich sein Gesicht auf. „Okay. Damit hab ich nicht gerechnet.“
„Tun die wenigsten.“
„Und wo ist ihr Vater?“
Ich halte seinem Blick stand. „Gute Frage. Wenn ich es weiß, sag ich dir Bescheid.“
Er mustert mich einen Moment länger. „Schlechtes Thema?“
Ich nicke.
Er nickt ebenfalls. Kein Mitleid, kein Druck. Nur Feststellung.
„Du bist neugierig“, sage ich.
„Nur so lernt man Leute kennen.“ Er lächelt schief. „Prinzessin.“
Ich verziehe das Gesicht. „Lass das.“
„Okay.“ Er hebt die Hände. „Morgen in der Mittagspause löcher ich dich weiter.“
„Wenn du willst. Aber jetzt muss ich arbeiten. Und pünktlich Feierabend machen.“
„Alles klar.“ Er steht auf. „Ich merk mir das.“
Kurz vor vier speichere ich meine Arbeit, sammle meine Sachen zusammen und gehe Richtung Aufzug.
Im Auto piept mein Handy.
Lilly.
Ich lächle, noch bevor ich die Nachricht öffne.
Ich schreibe ihr, dass ich unterwegs bin.
Dann stecke ich das Handy zurück in meine Tasche und fahre los.
Am Sportplatz sitzt Lilly auf dem Treppengeländer neben der alten Eiche. Sie balanciert wie selbstverständlich darauf, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Ich hupe kurz. Sie dreht sich um, lächelt – dieses helle, offene Lächeln – und springt herunter.
Wieder diese Augen.
Sie steigt ins Auto und redet sofort los.
„Wie war die Schule?“, frage ich, während ich vom Parkplatz rolle.
„Ganz gut. Im Sport haben wir Korbball gespielt. Mädchen gegen Jungs.“
„Und?“
„Na wir haben gewonnen. Die Jungs werfen wie kleine Mädchen.“
Ich schmunzle und halte an einer roten Ampel.
„Hausaufgaben?“
„Mathe hab ich schon fertig. War ein Klacks. In Englisch muss ich nur ein Kapitel lesen und Fragen beantworten.“
Natürlich war Mathe ein Klacks.
Sie hat seinen Kopf.
Sein schnelles Denken.
Seine Art, Zahlen zu sehen wie andere Farben.
„Gut“, sage ich ruhig. „Dann kannst du dich später gleich dransetzen.“
„Wenn’s sein muss.“
„Na und ob.“
Ich fahre auf die Schnellstraße Richtung Queens.
„Und Training?“
„Absolut genial. Ich hab dreimal getroffen.“
„Triffst du nicht immer den Ball?“
Sie grinst breit. „Ich meinte nicht den Ball. Ich hab Mikel, John und Louis mit dem Ball getroffen. Die haben so rumgejammert.“
„Du sollst die Jungs nicht abschießen.“
„Was kann ich dafür, dass die zu doof zum Fangen sind?“
Ich schüttle den Kopf, aber innerlich muss ich lachen.
Lilly dreht das Radio lauter und summt mit.
Und dann läuft es.
You and Me.
Für einen Moment vergesse ich zu atmen.
Homecoming.
Lichterketten.
Seine Hand an meiner Hüfte.
Sein Blick, als gäbe es nur uns.
Mein Griff um das Lenkrad wird fester.
Ich merke nicht einmal, dass mir Tränen über die Wangen laufen, bis Lillys Stimme leiser wird.
„Mum? Alles okay? So schlimm ist das Lied doch gar nicht.“
Ich blinzle schnell, wische mir mit dem Handrücken über die Augen.
„Alles gut. Es hat mich nur an etwas erinnert.“
Sie sieht mich einen Moment länger an.
Zu klug.
Zu aufmerksam.
Dann nickt sie und dreht das Radio leiser.
Ich parke vor unserem Haus. Sie rennt sofort hinein, ruft ein „Bin in meinem Zimmer!“ über die Schulter.
Ich bleibe noch einen Moment im Auto sitzen.
Zehn Jahre.
Und ein Lied reicht.
Drinnen gehe ich die Post durch, stelle Wasser auf, schneide Gemüse, rolle Wraps. Routine hilft. Routine ist leise.
„Hausaufgaben fertig?“, frage ich, als Lilly in die Küche kommt.
„Jep.“
„Essen fertig.“
Sie setzt sich und verzieht bei meinem „danach duschen und ins Bett“ das Gesicht, aber widerspricht nicht.
Wir essen in Ruhe. Ich höre ihr zu, während sie von irgendeinem Streit auf dem Schulhof erzählt, von einem geplanten Test, von einer Idee für ein eigenes Lied.
Musik liegt ihr im Blut.
Nach dem Essen verschwindet sie im Bad. Ich spüle ab, wische die Arbeitsfläche, atme durch.
Als ich ins Bad komme, steht sie im Bademantel vor dem Waschbecken und putzt sich die Zähne. Ich greife nach ihrer Bürste und zwei Haargummis, stelle mich hinter sie und beginne, ihr langes schwarzes Haar zu flechten.
„Mum?“
„Hm?“
„War das Lied wirklich nur ein Lied?“
Ich halte kurz inne. Dann flechte ich weiter.
„Manche Lieder sind mehr als nur Musik.“
Sie nickt leicht. Als würde sie es verstehen.
In ihrem Zimmer ziehe ich die Vorhänge zu und lege das rosa Plüschkätzchen auf ihr Kissen.
Sie greift sofort danach und drückt es an sich.
„Er hat gut gezielt damals“, murmelt sie mit einem kleinen Lächeln.
Ich muss schmunzeln. „Hat er.“
Jahrmarkt. Sommerabend. Ein schiefes Grinsen, als hätte er gerade einen Krieg gewonnen.
Ich schalte die CD ein. Die ersten Gitarrenklänge erfüllen leise den Raum.
„Magst du den Song heute wieder hören?“, frage ich.
„Immer“, sagt sie selbstverständlich. „Er hat ihn doch für dich geschrieben.“
Ich nicke nur.
Lilly kennt die Geschichte.
Dass wir uns geliebt haben.
Dass wir uns aus den Augen verloren haben.
Mehr nicht.
Ich habe nie schlecht über ihn gesprochen.
Nie gesagt, dass er nicht wollte.
Nie ihre Hoffnung zerbrochen.
Sie kuschelt sich unter die Decke, das Kätzchen fest an sich gedrückt.
„Glaubst du, er hört das Lied auch manchmal?“, fragt sie leise.
Mein Herz stolpert, aber meine Stimme bleibt ruhig.
„Vielleicht.“
Das reicht ihr.
Ich lege mich hinter sie, ziehe sie an mich und streiche ihr über das Haar, bis ihr Atem gleichmäßig wird.
Sie schläft ein zu seiner Stimme.
Und ich bleibe noch einen Moment wach.
Hoffnung ist ein seltsames Ding.
Manchmal hält man sie am Leben, selbst wenn man selbst längst gelernt hat, ohne sie auszukommen.