I. Berlin Tag 1
„Er kommt wieder zu sich.“
Oaaahhh...mein Kopf…Was für ein Abflug…hoffentlich habe ich mir nichts gebrochen. Wie war das nochmal zu Fahrschulzeiten? „Morgens und abends ist mit verstärktem Wildwechsel zu rechnen.“
Immerhin…Glück im Unglück, dass um diese Zeit noch jemand unterwegs ist. Wahrscheinlich auch Radfahrer oder Wanderer. Nachts alleine im Wald…keine angenehme Vorstellung. Es ist heute zwar schon fast vorfrühlingshaft warm, aber nachts wird es Anfang Februar eben doch unlieblich frisch auf den lieblichen Schwarzwaldhöhen. Die Kollegen hätten sich zwar bestimmt irgendwann Sorgen gemacht und angerufen, falls ich nachher nicht zum Stammtisch gekommen wäre und vielleicht sogar die Polizei informiert…die würde aber nur irgendwann vor einem herrenlosen Handy irgendwo in meiner Wohnung stehen. Hmmm…ich sollte gleich mal Jürgen oder Stefan anrufen. Hoffentlich hat jemand eins dabei und lässt mich kurz telef…
Eine Männerstimme, sehr bestimmt: „Meine Damen und Herren, bitte treten Sie zurück, damit ich den Führer untersuchen kann.“
…?
„Mein Führer, können Sie mich hören?“
Mein…Führer? Oh mein Gott…ich muss jemanden verletzt haben. Aber da war doch nur diese besch… Wildschweinrotte, oder? Führer…hmmm…ein Bergführer vielleicht? Andererseits…im Schwarzwald?
Eine zweite Männerstimme, besorgt: „Mein Führer, sagt doch etwas.“
Ich öffne die Augen und erkenne eine Stuckdecke. Ein Krankenhaus? Das würde Männerstimme Eins erklären…aber wer ist dieser Führer?
Ein Gesicht nähert sich. Hmmm…kommt mir irgendwie bekannt vor…
„Aaaaaaaaaaaaahhhhhhh“
Männerstimme Zwei, tief besorgt: „Der Führer muss fürchterliche Schmerzen haben. Was für ein markerschütternder Schrei. Und jetzt wird er bleich wie ein Leintuch.“
Männerstimme Eins, beruhigend: „Das ist der Schock nach dem Sturz.“
Der Diagnose kann ich nur zustimmen. Allerdings nicht aufgrund des abrupten, schwarzwaldfaunainduzierten Endes meines rauschenden Downhills, sondern wegen Männerstimme Zwei, alias Hermann Göring, der vollmondgleich über meinem Sichtfeld aufgegangen ist.
Von meinen Augenlidern abgesehen, die dieses Bild umgehend von der Netzhaut verbannen, bin ich vollkommen gelähmt und versuche verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen: Tot und in der Hölle? Die abgefahrensten Halluzinationen aller Zeiten? Dagegen spricht, dass mein Kopf schier am Explodieren ist, ich aber seltsamerweise keine weiteren Schmerzen…huuuaaahhhh…jetzt wird meine Stirn abgetastet, ich spüre es ganz deutlich…Das ist keine Halluzination…und dann noch Göring…Führer…meinen die etwa…mich?
Nach dieser Frage entschließt sich mein Verstand, den Dienst zu quittieren und eine unbekannte Stimme ertönt:
„Hannes, nicht erschrecken...ich bin’s, dein Überlebensinstinkt. Bisher hatten wir noch nie das Vergnügen miteinander, aber jetzt ist es gut, dass der Kollege mal kurz in der Parkbucht ist und ich übernehme. Denn nur mal angenommen, das Undenkbare wäre Realität und du bist in den GröFaZ eingefahren, dann halte ich es offen gesagt für unklug, wenn du dich mit ‚Guten Abend meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Hilfe. Mein Name ist Hannes Resle, wohnhaft in Baden-Baden, Leiter Forschung & Entwicklung im Geschäftsbereich erneuerbare Energien des Bienle-Konzerns und, wie Sie sehen, passionierter Mountainbiker.’ vorstellst, denn dann hast du ein sehr, sehr ernstes Problem. Und damit meine ich nicht, dass im Dritten Reich keiner versteht, was zum Teufel ein Mountainbike ist. Hör mal, wie wäre es stattdessen mit einer Frage? Da kann doch eigentlich nichts schiefgehen, oder? Pass auf, du sagst jetzt einfach
„Wassssissspassssiert?“
Ach so, die Augen sollten du wieder öffnen. Sieht sonst komisch aus.“
Nur eine bedingt gute Idee, da das unmittelbar folgende Jubelgebrüll „Hurraaaaaaaahhh…der Führer spricht“ meine aktuelle Dezibeltoleranzschwelle massiv überschreitet. Daher presse ich mühsam ein „Nichhssoolauut“ heraus und ernte die erhoffte „Psssssssstttttt“ Replik.
Göring, Flüstermodus: „Mein Führer, Sie sind gestolpert und mit dem Kopf gegen die Wand geprallt.“
Männerstimme Eins: „Der Führer benötigt Ruhe. Männer, hebt ihn vorsichtig auf die Trage und bringt ihn in seine Räumlichkeiten. Linge, bitte besorgen Sie einen Eisbeutel zur Schmerzlinderung, dito Aspirin.“
Ein vielstimmiges „Jawohl, Herr Morell.“, dann packen kräftige Hände zu, Stuckmuster wechseln und nach kurzer Zeit stoppen wir vor einer gewaltigen Tür. Ich hebe den Kopf etwas an - scheiße, tut das weh… - und erkenne vier gewaltige Hakenkreuze.
„Lasst mich vorbei, damit ich die Vorhänge schließen kann.“
„Jawohl, Herr Morell“.
„Behutsam ins Bett legen, Schuhe aus und den Eisbeutel vorsichtig auf den Kopf.“
„Jawohl, Herr Morell.“
„Mein Führer, Sie sollten jetzt ruhen. Ihnen war ein geradezu unglaubliches Glück beschieden, denn außer einer gewaltigen Beule konnte ich keine äußeren Verletzungen feststellen. Falls Sie Hilfe benötigen: Ich stelle Ihnen die Klingelapparatur direkt neben Ihr Bett, dito auch Aspirin und einen Krug mit erquickendem Quellwasser.“
Wir ferngesteuert lasse ich mich mit einem zustimmenden Handzeichen ächzend in das Kopfkissen sinken.
Fast geräuschlos weichen alle aus dem Zimmer. Dann Stille. Äußerlich.
In mir das ganze Gegenteil. Jetzt, da die unmittelbare Lebensgefahr gebannt ist, meldet sich mein Verstand zurück. Zuerst zaghaft, dann immer schneller, rotieren Gedanken, um schließlich mit einem weiteren Vorschlag aufzuwarten: Bin ich Hauptdarsteller im neuen kranken TV-Format ‚Deutschland sucht den Superführer‘ und habe durch einen Unfall mein Gedächtnis verloren? Den Privaten ist alles zuzutrauen. Es gibt nur einen Weg, um es herauszufinden: Ein Spiegel muss her. Mühsam wälze ich mich aus dem Bett und gehe vorsichtig durch den halbdunklen Raum…da, das sieht doch nach einem Bad aus. Neben der Toilette eine Dusche, ein Waschbecken und - ein Spiegelschrank. Ich taste nach dem Lichtschalter, finde ihn. Nochmal durchatmen, drei, zwei, eins…und der größte Massenmörder der Geschichte starrt mich an.
Irgendwann beginnt die rechte Hand vorsichtig das Gesicht zu betasten…was für eine Beule…ahhhhh…die ist definitiv echt…und ein letzter, verzweifelter Hilferuf meines Verstands dringt zu mir durch: Vielleicht nur eine sehr gute Arbeit der Maskenbildner? Die Finger machen sich auf den Weg zum ultimativen Test, nähern sich zitternd dem wohl bekanntesten Schnurrbart der Geschichte, packen zu, ziehen…der Schmerz gibt mir Gewissheit und auch wenn es allen Naturgesetzen widerspricht: Echt. Er ist es. Ich bin in Hitlers Körper.
„Hannes, ich schon wieder. Mit deinem Verstand musst du dich wirklich mal ernsthaft unterhalten…nicht gerade der Belastbarste. Also, gut…zuerst einmal gaaanz langsam zum Bett zurück…jaaa, genau so, einen Fuß vor den andern…dann ein Aspirin in die Hand, rein in den Mund, runter damit und jetzt das Glas umfassen, an die Lippen führen und einen kleinen Schluck trinken. Seeeehr schön…Das kühle Wasser tut doch gut, oder? Spürst du, wie du allmählich ruhiger wirst? Pass auf: Stell dir vor, du bist gar nicht du, sondern dein bester Freund. Du analysierst die Lage und gehst mögliche Optionen für ihn durch. Also, er könnte sich zu erkennen geben, aber dann folgen höchstwahrscheinlich so unschöne Dinge wie geschlossene Psychiatrie, eventuell aber auch Folter, Gefängnis oder Hinrichtung. Flucht ist dank seines Bekanntheits- und vor allem im Ausland Gehasstheitsgrades auszuschließen. Selbstmord ist nicht so sein Ding, zudem bleibt ihm dieser allerletzte Ausweg immer noch. Ich denke, wir beide stimmen darin überein, dass ich richtig liege, oder? Falls du zustimmst, bleibt nämlich nur noch ein Ausweg: Er findet sich mit der Situation ab und macht das Beste draus. Dafür ist dann aber sein Verstand zuständig.“
Hmmm…klingt schlüssig. Ich spüre, wie ich, dank der geschickten Ansprache meines Überlebensinstinkts, tatsächlich ruhiger werde und sich auch mein eben gescholtener Verstand wieder zurückmeldet. Mal überlegen: Was könnte mir nutzen? Natürlich, ich komme aus dem Jahr 2026 und in meiner jetzigen Situation war Geschichte anstelle Biologie als zweiter Leistungskurs neben Physik definitiv die bessere Wahl und die ganzen Dokus im Fernsehen zum Thema Drittes Reich gut investierte Zeit. Als zweites mein Maschinenbau- und Informatikstudium sowie mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung. Selbst wenn ich nicht mehr in allen Bereichen auf dem aktuellsten Stand der Technik bin, ist mein Wissen der Zeit locker 80 Jahre voraus. Was noch: Grundwehrdienst, ein gutes Namensgedächtnis und, als wahrscheinlich Wichtigstes, Mitglied in einer Laienschauspielgruppe. Tja, das wird dann wohl die Rolle meines Lebens, oder besser gesagt: Meines Überlebens.
Ok, was als Nächstes? Das, was ich immer mache, wenn ich nicht weiß, wie es weitergeht: Die Lage sondieren und Informationen sammeln.
Vorsichtig taste ich mich in Richtung Vorhang und ziehe ihn kurz zur Seite. Die Sonne scheint und in einiger Entfernung grüßt die Siegessäule. Ich bin also in Berlin und dann höchstwahrscheinlich in der Reichskanzlei. ([1]) Auf dem Nachttisch steht ein Wecker, es ist kurz vor zehn. Knapp oberhalb ein Kippschalter. Ich lege ihn um und ein gewaltiger Kronleuchter taucht den Raum in gelbliches Licht. Mein Blick fällt auf eine Schrankwand. Ich öffne alle Türen und erkenne neben Trophäen und irgendwelchem Krimskrams mehrere Reihen grauer Aktenordner, zähle diese ab und komme auf 81. Mal sehen, was haben wir hier unter „G“: Goebbels, Josef und Goebbels, Magda, direkt dahinter Göring, Hermann und Göring, Emmy. Überall das gleiche Bild: Auf dem Deckblatt ein Porträtfoto, danach ein ausführlicher Lebenslauf. Werde ich mir später genauer ansehen, jetzt aber weiter in den nächsten Raum.
Im Halbdunkel ist ein riesiger Schreibtisch zu erkennen, auf der rechten Seite eine schwenkbare Lampe. Licht an. Neben einem Stapel von Protokollen liegen mehrere Karten. Die größte zeigt die Front um Kiew, ist datiert auf den 20. September 1941 und zeigt das Vorrücken der deutschen Einheiten. Interessant…nachdem mein Verstand mittlerweile akzeptiert hat, dass ich in Hitlers Körper bin, nimmt er den papiernen Beweis für den Zeitsprung fast schon achselzuckend zur Kenntnis und konzentriert sich auf die Veränderung des Frontverlaufs der letzten beiden Wochen. Man muss kein Militärstratege sein um zu erkennen, dass die Verteidiger auf verlorenem Posten stehen und es sich nur noch um wenige Tage handeln kann, bevor die Stadt fällt. Kiew, Kiew…Resle, streng dich an, versuch dich zu erinnern…Ja, jetzt: Kesselschlacht um Kiew. Sieg der Wehrmacht und Gefangennahme von mehr als einer halben Million russischer Soldaten.
Aber…das war nicht alles…verdammt, irgendetwas passierte danach…Ich sehe mir die Karte genauer an. Und dann erkenne ich es, gar nicht weit entfernt vom Stadtzentrum - und höre die Stimme meines Geschichtslehrers Dr. Riehle, als ob es gestern wäre:
„Einige Tage nach dem Ende der Schlacht um Kiew wurden in einer konzertierten Aktion von Einheiten der SS und Wehrmacht mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder in der nahen Schlucht Babyn Jar ermordet. Bis dato das größte Verbrechen des zweiten Weltkriegs und ein weiterer schrecklicher Schritt in Richtung der fabrikmäßigen Tötung von mehr als sechs Millionen Menschen.“
Reglos starre ich auf die Karte. Bis eben hat es nur mich betroffen. Und ich habe begonnen, mich damit zu arrangieren, begonnen, irgendwie zu überleben. Aber jetzt ist es größer, viel größer… und ich befürchte, zu groß für mich...Ich stehe und stehe und stehe - bis sich irgendwann irgendetwas in mir regt und aus einer Schicht, viel tiefer noch als Verstand und Überlebensinstinkt, zu mir spricht:
„Nein, Resle, falsch: nicht wurden - sondern würden. Spätestens jetzt muss dir doch klar sein, dass du nicht zufällig in diesem Körper und in dieser Zeit bist. Du kennst die Geschichte und als Hitler hast du die Macht, sie zu verändern. Du musst es zumindest versuchen. Er hat es begonnen - und du kannst es beenden. Dein Wissen und dein Verstand werden dir dabei helfen und bevor ich noch vollends ins Pathetische abdrifte: Die Zeit drängt, also steh nicht länger rum.“
Es schiebt mich in den dritten und letzten Raum. Hmmm…eine eigenartig geformte Stehlampe. Sieht aus wie eine Filmrequisite aus diesem Film von Fritz Lang…genau, Metropolis. Könnte sogar stimmen, denn offensichtlich bin ich in Hitlers Heimkino. Auf einem Sockel thront ein gewaltiger Projektor und in den Kisten an der Wand finden sich Dutzende von Filmrollen. Neben „Best of GröFaZ“ gibt es bemerkenswerterweise auch einige US-Western. Hinter einem Vorhang entdecke ich eine Leinwand und im Raum verteilt stehen mehrere große Spiegel. Offensichtlich das GröFaZ‘sche Posingstudio. Sofort erwacht der Schauspieler in mir: Perfekt, um Hitlers Sprache, Gestik und Mimik einzustudieren. ([2])
Nach Erkundung aller drei Räume kehre ich zurück ins Schlafzimmer. Mittlerweile ist es bereits kurz nach elf. Wie viel Zeit werden sie mir wohl zugestehen? Ich würde auf maximal sechs bis sieben Stunden tippen. Hmmm…verdammt wenig, um das Material zu sichten und Hitler zu werden.
Also nichts wie zurück in den ersten Raum und ran an die Akten. Vorher aber nochmal ein Aspirin. Auf dem Weg zurück verspüre ich ein menschliches Bedürfnis, sehe zufällig in den Badspiegel und für einen Moment ist es, als ob er mir sagt: Verpiss dich, lass mich zurück in meinen Körper.
Hmmm…was wohl mit ihm passiert ist? Bodyswitch? Bekommt Bernd Höcke bald einen kongenialen Partner? Da kann man nur auf das allesfressende Wildschwein hoffen…
Seine Blase holt mich zurück in die Realität, indem sie mir mehr als eindringlich den Wunsch nach Entleerung mitteilt. Als aufgeklärter Mann des Jahres 2026 setze ich mich wie selbstverständlich auf die Klobrille und im selben Moment wird mir klar: Zum ersten und zum letzten Mal. Macht 1941 bestimmt keiner. Ich sehe schon die Schlagzeile im Völkischen Beobachter ([3]) vor mir: ‚Wachsame Putzfrau enttarnt falschen Führer: Fehlende Urinspuren verrieten ihn.’ Als ich wieder aufstehen will fällt mir ein, dass zahlreiche alliierte Schmähgesänge von Hitlers angeblicher Einhodigkeit ([4]) handeln, mal sehen…ja, stimmt.
Und da der Anfang der Eigenleibesvisitation getan ist, mache ich gleich weiter und ziehe mich komplett aus. Das Spiegelbild ist ernüchternd: Das soll der GröFaZ sein? Wohl eher der DürrFaz, denn vor mir steht ein schmächtiges Männchen mit einer riesigen Beule und für die geschätzt 1,75 Meter Körpergröße gewaltigen Füßen ([5]). Mal sehen, wie es um Kraft und Kondition bestellt ist…Definitiv DürrFaZ, denn bereits nach zehn Kniebeugen und fünf auf Knien ausgeführten Liegestützen schwitze ich wie nach einer Mountainbiketour auf den Obersalzberg. Also eine kurze kalte Dusche und Fazit: Dieser Körper ist kein Tempel.
Wieder angezogen mache ich mich an die Akten. Neben Lebenslauf-blabla und Lobhudeleien stoße ich aber auch auf wirklich Interessantes, gut erkennbar an den roten Einschüben mit der Aufschrift „Zweifelhafte Loyalität zu Führer und Vaterland“. 17 der 81 sind solchermaßen gekennzeichnet. Vor allem ein Name bleibt mir haften: Wilhelm Canaris, Chef des Nachrichtendienstes und, um meinen Geschichtslehrer wieder zu zitieren:
„Eine widersprüchliche Persönlichkeit, hin- und hergerissen zwischen Gefolgschaft und Widerstand. Von 1938 bis 1940 war er zwar an Plänen zum Sturz Hitlers beteiligt, konnte sich aber ebenso wie die anderen Verschwörer nicht zum Handeln durchringen. Andererseits rettete er mehreren hundert Juden das Leben, indem er sie als angebliche Agenten ins Ausland entsandte. Aufgrund seines Tagebuchs, in dem er die Umsturzplanungen minutiös beschrieben hatte und das 1944 in die Hände der Gestapo fiel, wurde er verhaftet und kurz vor Kriegsende hingerichtet.“
Ich blättere alle Akten durch und versuche mir Namen und Gesichter derjenigen einzuprägen, die ich nicht vom Geschichtsunterricht oder den Dokus her kenne. Alles durchzulesen wäre schon zeitlich nicht möglich, daher: Mut zur Lücke - notfalls kann ich mich ja auf eine kleine retrograde Amnesie berufen. Mittlerweile lässt meine Konzentration nach, Zeit für eine Trink- und Aspirinpause. Inzwischen ist es 14 Uhr - das heißt, mir bleiben bestenfalls noch vier Stunden. Jetzt nehme ich den Wecker besser mit.
Auf dem Weg zurück ist mir, als ob irgendetwas nicht stimmt, oder besser, fehlt. Im selben Moment: Ein Gesicht und ein Name. Martin Bormann, persönlicher Adjutant des Führers. Ich gehe zur Schrankwand, sehe unter „B“ nach und tatsächlich: Kein Bormann. Womit wohl auch geklärt wäre, wer dieses Archiv erstellt hat.
Als nächstes und fast schon entspannend: Hitlers Unterschrift einüben. Vorlagen gibt es ja zur Genüge auf den Protokollen. Hierbei muss ich zu meiner Schande gestehen, dass einige Jahre meiner schulischen Laufbahn durch ein gestörtes Verhältnis zu Disziplin und Lernbereitschaft geprägt waren, sodass ich mich hier und da veranlasst sah, mit der notwendigen schriftlichen Kenntnisnahme suboptimaler Arbeitsergebnisse und Verhaltensauffälligkeiten nicht unnötig meine Eltern zu belasten, sondern dies selbst in die Hand zu nehmen. Oder, um es kurz zu machen: Ich bin ein versierter Unterschriftenfälscher. Nach etwas mehr als einer Viertelstunde ist das Original nicht mehr von meiner Kopie zu unterscheiden und die Schreibversuche harren in kleinen Schnipseln meiner nächsten, dann aber zeitkonformen Blasenentleerung.
Zurück am Schreibtisch fällt mir eine etwas versteckte Schublade ins Auge, ich ziehe diese auf und entdecke mehrere Mappen mit der Aufschrift „Waffenentwicklungen“. Hmmm…mal sehen, ob tatsächlich an dieser Superwaffe, die angeblich die Wende im Krieg herbeiführen sollte, geforscht wurde. Kann sich ja nur um die Atombombe handeln und tatsächlich gibt es eine mit dem Aufdruck ‚Atomforschung‘. Da wir in Physik den Aufbau und die Funktionsweise von Kernwaffen besprochen hatten, erkenne sogar ich, dass die Ausführungen sehr oberflächlich und unvollständig sind. Dagegen gibt es umfangreiches Material zu Chemiewaffen. Pervers, hier wurde eine Entwicklung namens X-7 mit folgender Begründung eingestellt:
‚Das farb-und geruchslose Gas wirkt zuverlässig und schnell, aber die Versuchspersonen wurden nur betäubt.’ Ein Blick auf den Wecker: Bereits kurz nach drei. Mist, später als gedacht. Nichts wie ins Heimkino.
Nach kurzer Durchsicht entscheide ich mich für drei Filme: Hitlers letzte Rede anlässlich des Jahrestags des Bürgerbräu-Putsches ([6]), Hitler im Kreis seiner Generäle und Hitler privat auf dem Obersalzberg.
Als erstes die Spule mit der Bürgerbräu-Putsch-Rede. Nach einer Viertelstunde stoppe ich den Film und stelle mich vor den Spiegel. Doch schon nach kurzer Zeit muss ich selbstkritisch feststellen: Das Ergebnis ist jämmerlich. Der Sprachduktus mag noch akzeptabel sein, aber Gestik und Mimik sind unterirdisch. Hmmm…ich habe mir offensichtlich für den Anfang zu viel vorgenommen.
Also die Schwierigkeitsstufe runternehmen und den dritten Film einlegen: Hitler privat. Kenne ich bisher nur aus kurzen Ausschnitten und nach einer knappen Viertelstunde bin ich einigermaßen erstaunt, denn Hitler ist charmant, zuvorkommend, humorvoll - ein komplett anderer Mensch. Mr. Hyde wird zu Dr. Jekyll. Ich stelle mich wieder vor den Spiegel und nach nicht einmal zehn Minuten habe ich diesen Hitler intus.
So, jetzt Level zwei: Hitler im Kreis seiner Generäle. Nach 20 Minuten schalte ich den Projektor aus und mir wird klar, warum ich vorhin gescheitert bin: Den netten Hitler kann ich imitieren, genau wie für ihn ist es auch für mich lediglich eine Rolle. Aber um den anderen, den wirklichen Hitler zu spielen, muss ich wie er denken.
Also: Ich bin der größte Österreicher - äähhh…Deutsche - aller Zeiten, habe ein 1000-jähriges Reich gegründet, bin unfehlbarer als der Papst und überstrahle Ludwig den Sonnenkönig. Nur dank meiner brillanten strategischen Entscheidungen, denen meine inkompetente und mit der intellektuellen Trennschärfe einer überreifen Fleischtomate gesegnete Generalität nur in Ausnahmefällen folgen kann, haben wir alle unsere Feinde überrollt. Ich stelle mich vor den Spiegel, beginne und…ER steht vor mir. Ich erschrecke richtiggehend, so täuschend echt wirkt es.
Keine Zeit um nachzudenken, ob ich darüber nachdenken sollte…denn es geht auf halb fünf zu, also nur eine kurze Trinkpause. Mein Kopfweh ist übrigens wie weggeblasen, das Aspirin hat Wunder gewirkt.
Also nichts wie ran an die Königsdisziplin: Die Bürgerbräu-Putsch-Rede. Nochmal die ersten zehn Minuten inhalieren und dann die GröFaZ-Turbine hochfahren. Nach einem langsam-beschwörenden Start nehme ich Fahrt auf, überhöhe, verhöhne, variiere Tempo und Lautstärke, komme in den Flow, gehe in der Rolle auf, nichts kann mich mehr stop…
„Mein Führer, Sie sollten sich doch schonen und nichts destotrotz habe ich Sie schon von weitem gehört. Auch muss ich gestehen, Ihnen die letzten Minuten zugesehen zu haben, und, mein Führer, selten habe ich Sie so kraftvoll, so voller Energie erlebt. Wie froh und dankbar sind wir alle ob Ihrer schnellen Genesung.“
Vor mir steht ein sichtlich ergriffener Bormann. Ich erstarre und höre, wie mein Schweiß auf den Boden tropft. Nach einigen tiefen Atemzügen habe ich mich wieder im Griff und registriere dankbar, dass mein Magen knurrt. Ein unverdächtiges Thema für ein Gespräch.
„Vielen Dank, mein lieber Bormann. Es geht mir deutlich besser und ich verspüre sogar einen leichten Appetit. Könnten Sie dafür sorgen, dass mein Abendessen serviert wird?“
„Selbstverständlich, mein Führer. Ich werde Linge sofort informieren. Eine Frage: Bleibt es bei unserer morgigen Lagebesprechung um 7 Uhr? Ich würde Sie dann um 6 Uhr 55 abholen.“
„Selbstverständlich. Mein lieber Bormann, was würde ich nur ohne Sie machen.“
„Mein Führer, Sie sind zu gütig.“.
Eine Träne verdrückend zieht er sich zurück.
Puuhhhh...das hätte auch schiefgehen können. Aber ich bin ruhig geblieben und konnte offensichtlich sogar meinen persönlichen Adjutanten überzeugen. In ihm darf ich mich nicht täuschen: Er könnte als hilfsbereiter Nachbar durchgehen, ist aber ein fanatischer Judenhasser und eine der treibenden Kräfte des Holocaust. Nebenbei bemerkt ist mein Abendprogramm angesichts der für morgen früh anberaumten Lagebesprechung auch geklärt: Zurück an den Schreibtisch, Protokolle und Frontverläufe büffeln.
Jetzt aber zuerst einmal raus aus den verschwitzten Klamotten. Nach Durchsicht des Kleiderschrankes - nicht überraschend ist braun die Trendfarbe dieses Herbstes - nochmals eine kurze Dusche, anziehen und schon klopft es an der Tür. Ein groß gewachsener Mann rollt das Abendessen auf einem Servierwagen ins Zimmer und deckt ein.
„Mein Führer, wenn ich mir erlauben darf: Wir alle sind unsagbar froh, dass Sie Ihren Unfall so gut überstanden haben. Ich selbst stand nur einige Meter entfernt und habe schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Soll ich nachher wiederkommen oder morgen nach dem Frühstück abräumen?“
„Linge, vielen Dank. Ihre Anteilnahme rührt mich. Bitte tragen Sie morgen früh ab. Da ich einige Stunden geschlafen habe, muss ich noch arbeiten.“
„Selbstverständlich, mein Führer. Wie immer opfern Sie sich für unser Vaterland auf und schonen sich nicht. Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit und angenehme Nachtruhe.“
Da haben wir wohl etwas gemeinsam: Beides Workaholics.
„Danke und auch Ihnen eine gute Nacht.“
Hungrig und voll froher Erwartung lüfte ich die auf Hochglanz polierten Speiseglocken - um sie sofort danach ernüchtert auf den Tisch sinken zu lassen. Ich weiß zwar, dass Hitler Vegetarier ist und bin beileibe kein Fleischfanatiker, aber das Zeug erinnert mich verdammt an die Uni-Mensa und - wie ich nach wenigen Sekunden feststelle - schmeckt auch so. Der einzige Lichtblick sind die Kartoffeln. Letztlich zwingt mich mein Magen aber zur Nahrungszufuhr, knurrt fröhlich weiter und drückt den Klingelknopf. Nach gefühlt weniger als zehn Sekunden steht Linge neben mir.
„Könnte ich nochmals einen Nachschlag Kartoffeln bekommen? Ich muss sagen, die Aufregung des heutigen Tages hat mich doch sehr hungrig gemacht.“
„Selbstverständlich, mein Führer. Wird sofort erledigt.“
Nachdem ich mir die Kartoffeln einverleibt habe und der letzte Schluck Kräutertee getrunken ist, mache ich mich wieder an die Arbeit. Zwei Dinge sind noch zu erledigen: Zum einen für die Lagebesprechung gewappnet sein, zum anderen benötige ich einen Plan, wie es weitergehen soll.
Also zurück an den Schreibtisch und die Protokolle der letzten Monate sichten. An der Westfront herrscht relative Ruhe, nachdem die Luftschlacht um England ja granatenmäßig in die Hose gegangen ist. Dafür umso mehr Aktivität in Nordafrika unter General Rommel. Die mit Abstand meisten Einträge gibt es zu Unternehmen Barbarossa, dem Einmarsch in die Sowjetunion. Eine lapidare Notiz zur gerade begonnenen Belagerung Leningrads fällt mir ins Auge. Wahnsinn, alleine dort sind - ich korrigiere: wären - mehr als eine Million Menschen verhungert…und hier stehen lediglich einige dürre Zeilen.
Nach einiger Zeit fällt mir auf, dass die Protokolle ganz offensichtlich nicht objektiv und vollständig verfasst wurden. Hier, Jelnja - ich kann mich noch gut an eine Geschichtsstunde erinnern:
„Bei Jelnja gelang der Sowjetarmee nach einer Reihe von verheerenden Niederlagen die erste erfolgreiche Gegenoffensive. Dies war für die Moral der kämpfenden Truppe wie auch der Zivilbevölkerung von enormer Bedeutung.“
Hier ist lediglich von ‚der Feind wurde gestoppt‘ die Rede, aber kein Sterbenswörtchen von Rückzug der Wehrmacht. Wurden Hitler wichtige Informationen vorenthalten, nach dem Motto: Was nicht sein kann, darf nicht sein? Weiterhin auch keinerlei Hinweise zu unzureichender Ausrüstung, stattdessen ausnahmslos Vermerke wie ‚Die Truppe ist in ausgezeichneter Verfassung‘, ‚Der Nachschub an Waffen, Munition und Ersatzteilen ist sichergestellt‘ und ‚Hohe Gefechtsbereitschaft der motorisierten Einheiten‘. Friede, Freude, Eierkuchen - ein krasser Gegensatz zur Realität:
„Die deutsche Offensive auf Moskau, die am 2. Oktober 1941 begann, blieb buchstäblich im Schlamm stecken und der frühe Wintereinbruch brachte sie endgültig zum Erliegen. Zusätzlich rächte sich, dass aufgrund des schnellen Vormarschs und früher Erfolge die Nachschublogistik sträflich vernachlässigt wurde. Ein Großteil der Fahrzeuge war schlicht nicht oder nur bedingt einsatzfähig und viele Soldaten erlitten Erfrierungen aufgrund unzureichender Winterausrüstung. Am 5. Dezember startete die russische Armee eine großangelegte Gegenoffensive. Trotz einiger Erfolge auch in den nächsten Monaten war dies der Anfang vom Ende des Russlandfeldzugs und mündete schließlich in die Katastrophe von Stalingrad und einem Rückzug auf breiter Front.“
Nach einiger Zeit lässt meine Konzentration erneut nach und mein Blick beginnt durch den Raum zu schweifen, bis er schließlich an einem flachen Etwas auf der Fensterbank verharrt. Ich komme wieder zu mir, als meine Hände die Verpackung von einer Tafel Schokolade reißen, ein großes Stück abbrechen und…Stopp! Was geht hier ab? Allmählich setzt mein Verstand wieder ein. Wow…die berühmt-berüchtigte Panzerschokolade. Jetzt weiß ich, was diesen Körper hierher bewegt hat: Pervitin, das Crystal Meth des zweiten Weltkriegs. Hält die Truppe und den Führer wach. Äußerst widerstrebend folgt die Hand meinem Willen und legt die Schokolade zurück.
Nach Heer und Luftwaffe abschließend noch die Marine, jede Menge Berichte zu U-Boot Angriffen auf Konvois inklusive der versenkten Tonnage. Eine perverse Statistik reiht sich an die nächste bis auf einmal meine Aufmerksamkeit wieder geweckt ist: Am 4. September, also vor ungefähr drei Wochen, hat ein amerikanischer Zerstörer ein deutsches U-Boot nicht nur verfolgt, sondern auch Wasserbomben abgeworfen. Es ist nur knapp der Versenkung ergangen. Und tatsächlich meine ich mich erinnern zu können, dass es Angriffe von US-Kriegsschiffen noch vor der offiziellen deutschen Kriegserklärung an die Amerikaner am 11. Dezember 1941 gegeben hat. Noch so eine IrrFaZ-Nummer: Zu denken, durch den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember seien die Amerikaner so geschwächt - das kann man sich doch gleich zunutze machen.
Ich arbeite mich weiter durch die Protokolle. Komisch, irgendwann sehe ich eine Kolonne Panzer, dann ein Geschwader Messerschmitt ([7]) über einem abtauchenden U-Boot; Bormann und Canaris streiten sich um ein Stück Panzerschokolade; meine Ex-Frau und ich auf Hochzeitsreise in Hawaii: Wie selbstverständlich treffen wir an Bord eines brennenden US-Schlachtschiffs Churchill, de Gaulle und Roosevelt auf einen Drink während Stalin schmollend abseits steht; Entsetzen in den Gesichtern der Deutschen als sie nach Kriegsende durch die KZs geführt werden; alles dreht sich schneller und schneller, wie in einer Waschmaschine…