Prolog – Das unsichtbare Mädchen
Die sardische Sonne brannte heiß auf das alte Kopfsteinpflaster, als Giulia Falco durch die schmale Gasse schlich. Ihr Haar war zu einem einfachen Zopf gebunden, ihr Kleid schlicht, unauffällig – wie immer versuchte sie, unsichtbar zu bleiben. Doch heute konnte sie es nicht ignorieren: Rafael Serra war zurück im Dorf.
Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Nicht aus Angst – nein – aus der stillen Verliebtheit, die sie Jahre lang verborgen hatte.
Rafael trat aus dem Schatten eines alten Hauses. Sein Blick streifte die Gasse, scharf, beherrschend. Das schwarze Hemd auf der breiten Brust, die dunklen Augen, die selbst die Sonne zu verschlucken schienen…
Giulia schluckte schwer. Heute war er wie immer: perfekt, unnahbar, unerreichbar.
„Falco“, hörte sie eine raue Stimme hinter sich – ihr Herz stolperte. Aber es war nur ihr Bruder. Sie nickte stumm und versuchte, sich wieder in den Hintergrund zu drücken.
Rafael Serra bemerkte sie nicht. Nicht wirklich. Ein flüchtiger Blick, ein fast belustigtes Lächeln, dann wandte er sich ab. Wie immer, dachte Giulia bitter. Er hatte sie nie gesehen – nie wirklich.
Doch an diesem Tag geschah etwas, das sie nie vergessen würde. Rafael lachte, eine helle, gefährliche Note, und jemand stolperte, fiel beinahe – Giulia, das unscheinbare Mädchen, half ihm unauffällig auf.
„Danke“, murmelte er, ohne sie anzusehen. Und dann verschwand er zwischen den Gassen, wie ein Schatten, der niemandem gehörte.
Giulia senkte den Kopf. Niemand wusste, dass sie in diesem Moment eine Entscheidung traf: Eines Tages würde er sie sehen. Eines Tages würde er merken, wer sie wirklich war. Und bis dahin würde sie stärker werden, gefährlicher, unerreichbar für ihn – aber nicht unbeeindruckt.
Die Sonne brannte weiter, doch Giulia spürte nur den Funken, der sie ein Leben lang verfolgen würde. Den Funken von verpasster Chance, von unerkannter Macht und verbotener Leidenschaft.








