Kapitel 1
Ich öffnete die Augen. Das erste was ich sah, war eine Tapete mit Rennautos. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, das ich mit 23 Jahren wieder bei meinem Stiefvater Victor eingezogen war. Warum? Ich hatte mich von meinem ersten Freund getrennt. Rückblickend betrachtet ein Psychopath mit großem Aggressionsproblem. Wie dem auch sei, hier liege ich nun in dem alten Kinderzimmer meines Bruders. Victor ist ein toller Mensch, im Gegensatz zu meiner Mutter. Der Grund weshalb ich nun auch hier bin und nicht bei ihr.
Ich hatte ein geregeltes Leben. Meine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten hatte ich bestanden und arbeiten würde ich dort auch weiterhin. Das einzige was nicht geregelt war, war meine Wohnungssituation aber auch dies würde ich in Zukunft regeln. Ich hatte auch schon den Mietvertrag unterschrieben. Am Wochenende könnte ich dort einziehen.
Mein Leben startete leider von Anfang an nicht so toll, eine Mutter die Alkoholabhängig war, ein Vater der in ein anderes Land abgeschoben wurde und Ich, Aliya Özdemir, die sehr früh auf sich alleine gestellt war. Mir machte das aber nichts aus, ich kannte es nicht anders und bin immer alleine sehr gut klar gekommen.
Mein Plan war es für 1 Jahr in ein anderes Land zu gehen. Um genau zu sein, in die Türkei, denn da stammt mein Vater Mehmet her. Die Wohnung die ich anmietete war also nur übergangsweise. Warum ich dort hin wollte? Mich hielt hier nichts mehr und ich wollte gerne die Kultur aus der ich stammte besser kennenlernen und verstehen. Wie es dann geendet hat, werde ich euch noch erzählen. Eins kann ich euch jedoch sagen, dieses Buch handelt vom Leben und der Liebe, von Situationen und Wendungen, die ich nur aus Filmen kenne und was soll ich sagen? All das ist passiert und ich weiß, das ich damit nicht alleine bin. Es ist die ungefilterte Wahrheit von Leid, Wut und trauer. So wie ich es erlebt habe.
Ich schreibe dieses Buch, um damit abzuschließen und nach vorne zu blicken.
Zurück zum Text.
Es war Freitag und ich packte meine Klamotten zusammen und all die paar Dinge, die ich aus meiner alten Wohnung mitgenommen hatte in mein Auto. Ich verabschiedete mich bei meinem Stiefvater und fuhr los Richtung Stadt. 20 Minuten später war ich auch schon angekommen. Es war eine Dachgeschoss Wohnung, mit 3 anderen Wohnungen. Diese standen allerdings leer und ich war alleine in diesem großen Haus. Es war eine schöne Wohnung. Weisse Wände, eine Holzdecke und viele Fenster. Ich packte meine Sachen aus und fing sofort an mich wohlzufühlen. Schade eigentlich das ich nicht lange vorhatte hier zu bleiben. Meine beste Freundin Selin war auch jeden Tag bei mir, wir waren ein Herz und eine Seele. Wir zogen immer zusammen um die Häuser, und gingen oft in den Club der Stadt.
Ich hatte ein paar Monate ein tolles Leben, ich hatte keine Sorgen und war einfach glücklich. Wie auch diesen Abend an dem wir wieder in den Club gingen. Es war alles wie immer, wir tranken und hatten eine gute Zeit.
Ich sah die Barkeeperin an und zeigte zwei Finger in die Luft, um ihr zu signalisieren, das ich zwei neue Drinks bestellen wollte. Aus dem Augenwinkel sah ich einen jungen Mann in meinem Alter, der wie wild winkte und mich anlächelte. Meine Sehkraft hatte leider schon etwas nachgelassen und durch die ganzen verschiedenen Lichter des Clubs erkannte ich Ihn nicht auf Anhieb.
Ich ging ein paar Schritte näher in die Richtung des Mannes, er musste mich kennen, sonst hätte er nicht so doll gewunken. Als ich nur noch ein paar Meter von ihm entfernt war, machte es plötzlich „klick“. Es war Mert. Ich kannte ihn von früher, wir gingen zusammen in die Oberschule. Fünf Jahre lang. Allerdings sind es mittlerweile auch schon über 5 Jahre, als ich ihn das letzte mal sah. Ich freute mich mal wieder jemanden aus meiner alten Schule wieder zu treffen. Er fragte mich, was ich hier machte und allgemein wie das Leben so läuft. Wir Unterhielten und kurz. Neben ihm saß ein anderer junger Mann, es sah so aus als wäre es sein bester Freund. Sein Gesicht kam mir bekannt vor aber ich verschwendete keinen Gedanken daran, zu überlegen wer er war. Nach ein paar Minuten, fragte mich Mert jedoch ob ich seinen Freund nicht erkennen würde. Ich sagte nein, nicht wirklich. Mert half mir auf die Sprünge und fing an davon zu erzählen als wir Kinder waren, so ca. 12 – 14 müssten wir gewesen sein und da war er wieder, dieser „Klick“ Moment. Es war Yusuf. Auch ihn kannte ich von früher. Wir waren eine Clique mit 10 anderen und er war Teil davon.
Mittlerweile liegt das über 10 Jahre zurück, ich hab seine Existenz komplett vergessen. Er sah gut aus, dunkle Haare, dunkel blaue Augen. Ein gepflegten Bart, frisch geschnittene Haare. Ich unterhielt mich weiter mit Mert und schenkte Yusuf wenig Beachtung, Ich kannte ihn damals auch nicht ganz so gut wie die anderen.
Nach ungefähr 10 Minuten, verabschiedeten wir uns und ich ging zurück zu meiner Selin, die schon wieder dabei war, sich ein Date für die Nacht zu organisieren. Was das angeht, waren wir komplett unterschiedlich, ich hatte kein Interesse jemanden kennenzulernen, geschweige denn irgendwie Intim mit jemanden zu werden den ich nicht kannte. Sie war da jedoch sehr offen. Das machte unsere Freundschaft wahrscheinlich aus. Das wir so unterschiedlich waren und trotzdem in gewissen Sachen aber gleich dachten.
Der Abend nahm sein lauf und ich hatte so langsam keine Lust mehr. Ich suchte Selin und verabschiedete mich von ihr, da sie mit ihrer neuen Flamme nachhause gehen würde.
Es war schon halb 3, als ich in einer kalten Frühlingsnacht durch die Stadt lief, auf dem Weg zu meiner Wohnung. An den Autos bildeten sich Eisblumen. Ein Zeichen dafür, das ich definitiv zu viel Alkohol getrunken hatte, denn von dieser kälte merkte ich kein bisschen. Ganz im Gegenteil, mir war sehr warm, obwohl ich nur ein Cocktail-Kleid und Highheels trug. Der Absatz an den Schuhen machte mir nichts aus, ich konnte gut auf hohen Schuhen laufen.
Zuhause angekommen, zog ich mich aus, und sprang unter die Dusche. Meine Haare und Klamotten rochen sehr stark nach Rauch. Die Vorstellung, ungeduscht ins Bett zu gehen, ekelte mich an.
Frisch geduscht, im frisch bezogenen Bett zu liegen, war für mich das beste nach so einer aufregenden Nacht. Ich scrollte noch ein bisschen durch die sozialen Medien und schlief dann auch relativ schnell ein.
Am nächsten Morgen wachte ich gegen 8 Uhr auf. Ich war ein Frühaufsteher und brauchte allgemein nicht viel schlaf. Morgens ging ich gerne Joggen, dadurch hatte ich den Tag über immer mehr Energie und fühlte mich allgemein wohler. Beim Zähneputzen sah ich das Selin mir geschrieben hatte, das sie sich verliebt hatte. Ich musste grinsen und verdrehte die Augen,denn diese Nachricht bekam ich alle 2 Wochen. Es ist wie ein Muster bei ihr, sobald sie mit jemanden schlief und der Mann ihr sagte, wie toll sie sei, verlor sie jegliche Kontrolle und sah sich mit ihm schon vor dem Altar stehen. Da waren wir übrigens auch unterschiedlich. Ich hatte noch nie eine tiefe Verbindung zu jemanden aufgebaut, geschweige denn das richtige „ ich bin verliebt“ Gefühl. Manchmal dachte ich auch, das es an meiner verkorksten Kindheit gelegen hatte, aber wie gesagt, ich kam damit gut klar. Meine erste Beziehung ging ich mit dem Gedanken ein „ ja so langsam muss ich auch mal“. Alle meine Freundinnen hatten schon mehrere Beziehungen, nur ich nicht. Dementsprechend endete Sie dann auch nach 3 Jahren.
Ich zog mir mein Sportoutfit an und lief etwa 6 Kilometer in einer halben Stunde. Wieder Zuhause sprang ich unter die Duschen und setzte mich anschließend aufs Sofa. Nach ungefähr zwei Sekunden klingelte es an meiner Tür. Es war Selin. Ich öffnete die Tür, sie kam rein und erzählte mir alles was vergangene Nacht passiert war. Sie sagte, es sei diesmal anders als die anderen male. Ich versuchte, ihr nicht ihre Gefühle abzusprechen aber sagte ihr auch klar meine Meinung.
Sie hingegen löcherte mich, wer dieser gutaussehende junge Mann war, mit dem ich mich an der Bar unterhalten hatte. Ich sagte ihr das er Mert hieße und woher wir uns kannten. Sie unterbrach mich jedoch recht schnell „ Doch nicht der, du Idiot, der andere“ ich fragte sie: „ du meinst Yusuf?, wir kannten uns von ganz früher aber ich hab keine Verbindung zu ihm, man kannte sich halt“
Sie erwiderte „ Dafür das ihr keine Verbindung habt, hat er dich aber von oben bis unten gemustert“
Ich spürte wie meine Wangen anfingen rot zu werden und sagte ihr deutlich das sie spinnen würde und versuchte das Thema zu wechseln. Manchmal tat sie diese dinge, Sie versuchte mir irgendwelche Typen schmackhaft zu machen, das war das einzige Thema weshalb wir stritten. Ich versuchte deshalb diesen Anmerkungen aus dem Weg zu gehen.
Nachdem wir sehr Detailreich über ihre Nacht gesprochen hatten, beschlossen wir Frühstücken zu gehen. Es war ein kleines nettes Café, wo es bis 11 Uhr frische Crossaints gab. Es waren die besten der Stadt und ich hatte das Glück, das es nur 5 Minuten von mir entfernt lag. Eine alleinerziehende Frau Namens Leyla, deren Mann sie einfach verlassen hatte, führt das Café. Sie brachte ihre Tochter an den Wochenenden immer mit. Sie war das blühende Leben. Ich hatte mich schon des öfteren mir ihr Unterhalten. Leyla erzählte mir wie sie dazu gekommen ist, das sie das Café eröffnet hatte. Bevor ihr Mann sie verlassen hatte, hatte sie ihm jeden Morgen einen Latte Machiatto gezaubert. Durch ihre kleinen Bemerkungen, hatte ich oft das Gefühl, das sie ihren Kummer dahinter versteckt. Sie sagte oft Dinge wie „ Scheinbar hat jemand besseren Kaffee als ich gekocht“ oder „ich hätte vielleicht öfter mal Salz statt Zucker nehmen sollen“. Je öfter ich mit ihr gesprochen habe, umso mehr bemerkte ich, das diese Frau ein gebrochenes Herz hat. Sie lernte ihren Mann kennen als sie 14 und er 16 waren. Mit 28 hat er ihr einen Antrag gemacht und mit 30 haben sie geheiratet. Ein Jahr später kam ihre Tochter auf die Welt und als sie 4 war, verließ ihr Mann die Familie.
An schlechten Tagen sagte sie mir oft, das sich ihr Herz von diesen Verlust wahrscheinlich nie erholen wird. Für mich ist das alles unvorstellbar, ich hatte noch nie das Gefühl, das ich mit dem Verlust eines Menschen nicht umgehen könnte.
Ich biss mit vollem Genuss in mein leckeres Crossaint, welches ich mir Morgens vor der Arbeit aus meinem Lieblings Café geholt hatte. Ich hab nicht mal richtig auf gekaut, da platzte meine Kollegin in den Personalraum rein und schrie völlig Hysterisch „ Zehra, du musst unbedingt hoch kommen, da ist ein Vertreter für Dental – Geräte am Telefon für dich!“. Ich verdrehte die Augen und schluckte den viel zu großen, unzerkauten, biss Croissant herunter, packte alles wieder in die Papiertüte und ging mit Jessi hoch. Das war leider mein Alltag in der Praxis. Zehra hier, Zehra da. Ich liebte meinen Beruf und auch meine Praxis, aber manchmal war ich froh, wenn Wochenende war.
Nach meiner hektischen Arbeitstag, packte ich Zuhause meine Sachen, denn ich wollte das Wochenende bei meinem Stiefvater verbringen.
Dort angekommen, begrüßte mich unser kleiner Malteser Mischling Knut herzallerliebst. Ich liebte es zuhause. Mein kleiner Bruder war auch immer da, wir lachten viel zusammen und genossen die Zeit mit der Familie. Mittlerweile wurde das Zimmer mit den Rennautos auch renoviert und umgebaut zu einem Gästezimmer. Dort würde ich das Wochenende leben.
Wir grillten und saßen draußen auf der Terrasse. Plötzlich bellte der kleine Knut ganz aufgeregt, denn am Tor stand ein Mann. Er müsste so um die 30 sein. Er war sehr attraktiv und sah sehr nett aus. Die Frau meines Stiefvaters begrüßte ihn und lud ihn ein, sich zu uns zu setzen. Er bedankte sich herzlich aber lehnte ab, denn er müsse bald zu Arbeit. Es ist ein kleines Dorf, wo jeder, jeden kennt. Dort ist es normal, das man sich begrüßt, wenn man sich im Garten sieht. Für mich persönlich grenzt das schon als Ruhestörung. Ich meine, man müsse sich mal vorstellen, ich liege im Bikini im Garten und die halbe Nachbarschaft kommt vorbei um „Hallo“ zu sagen.
Die Frau meines Stiefvaters, Ihr Name lautet übrigens Camilla, machte jetzt genau das selbe wie Selin. „ Zehra, das ist Christian, er ist neu eingezogen und offensichtlich Single, denn es ist keine Frau mit im Haus, wäre das nicht dein Typ?“. „Nein, wäre es nicht.Ich bin nicht interessiert, jemanden kennenzulernen.“ Da war dieses Gespräch auch schon beendet, sie merkte das ich offensichtlich genervt von ihrer Anmerkung war.
Wir gingen rein und sie sagte zu mir „ oh, Mist, ich hab ganz vergessen das Bett im Gästezimmer zu beziehen. Ich werde das sofort erledigen!“. „ Schon gut Camilla, ich mach das schon. Sag mal, habt ihr was dagegen, wenn ich vielleicht Heute Abend noch mit Selin ausgehe?“ Fragte ich sie.
„ Nein, mach ruhig, was habt ihr denn vor?“ wollte sie Wissen.
„Ich weiß noch nicht, vielleicht hat Selin auch keine Zeit,ich muss sie mal fragen“. Antwortete ich ihr.
Ich schmiss mich mit Klamotten auf mein neu bezogenes Bett und schnappte mir mein Handy, um Selin zu Fragen, ob wir Heute noch um die Häuser ziehen wollen. Als ich die Nachricht abgeschickte hatte, nahm ich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Ich scrollte durch die Programme bis mein Handy aufleuchtete. „ Das muss Selin sein, dachte ich sofort“. Als ich mein Handy jedoch nahm, sah ich das Mert mir über einen Messanger geschrieben hatte, was ich mache und ob ich Lust hätte mit in den Club zu kommen.
Noch bevor ich überhaupt nachdenken konnte was ich schreiben, geschweige denn machen wollte, schrieb Selin mir Zeitgleich. „ Hey süße, es tut mir leid, aber ich verbringe Heute den Abend mit Danilo. Wir sehen uns Sonntag, versprochen!“.
Gut, da hatte ich meine Antwort. An einem Samstag Abend im Sommer zuhause sitzen und um 10 Uhr ins Bett zu gehen, war überhaupt nicht meins.
Ich ging auf die Nachricht von Mert und antwortete ihm „ Hey, ja gerne, holst du mich ab?“
„Ja, wo soll ich dich abholen? Bei deinen Eltern? Ich wäre in einer halben Stunde so weit.“ schrieb er sofort.
„Genau, bei meinen Eltern. Gut, dann bis in einer halben Stunde.“
Ich ging ins Bad und frischte mein Make up etwas auf, Stylte meine Haare noch etwas, und dann war ich auch schon so weit.
„Wartet nicht auf mich, ich komme später, ich geh mit Freunden aus!“ schrie ich über den Flur und ging durch die Haustür.
Noch bevor Sie zu war rief Victor „ Pass bitte auf dich auf, ich hab dich lieb!“.
Eine Hand am Geländer, eine Hand an der Wand und immer zwei stufen auf einmal die Treppe runter springen, das hab ich als Kind immer schon gemacht. Der unterschied zu Heute sind ungefähr 13 cm Absatz von meinen Highheels. Im Kopf dachte ich mir immer „ Eine Falsche Bewegung, und ich breche mir die Füße.“
Ich ging über Straße, dort stand schon ein schwarzer BMW Coupé, wo Mert auf mich wartete. Die Scheiben waren getönt, ich konnte nicht ins Auto schauen.
Als ich an der Beifahrertür stand ging, das Fenster runter und ich war leicht schockiert. Denn der Mann der auf dem Beifahrersitz saß, war Yusuf.
„Hey“ sagte ich. Leicht verwundert, denn ich hatte ihn nicht erwartet.
Er sagte ebenfalls „ Hey, steig ein, du kannst dir aussuchen wo du sitzen möchtest.“
Ich öffnete die Tür, hinter dem Beifahrersitz und rutschte durch. Für mich ist es immer angenehmer hinter dem Fahrer zu sitzen. Keine Ahnung weshalb das so ist.
„ schönes Auto, aber ist es nicht komisch, das du einen BMW fährst, und bei Mercedes arbeitest?“ fragte ich ihn mit einem kleinen grinsen.
Er fing laut an zu lachen und antwortete „ Ja, du bist nicht die erste die das fragt, ich werde mir als nächstes einen Mercedes holen, einfach nur, das die Leute nicht mehr nachfragen. Hast du auch ein Traum Auto?“
„ Ja, ich hätte gerne einen Audi A5.“ Das war wirklich ein schönes Auto, aber mit dem Job in der Zahnarztpraxis wird das wohl oder übel erst mal nur ein Traum bleiben.
„ Echt“? Antwortete Mert. „Yusuf hat einen, sollen wir umdrehen und mit seinem Auto fahren? Fügte er hinzu.
„Nein, Nein, nur keine Umstände, das können wir ja ein andermal machen.“ antwortete ich. Das passte zu mir. Niemals irgendwelche Umstände machen und so wenig aufsehen wie möglich erregen. Wobei mein äußeres was komplett anderes ausstrahlt. Ich bin immer zurecht gemacht, haare, Make up, Fingernägel, tolle Outfits. Aber ansprechen soll mich bloß keiner.
Im Auto unterhielten wir 3 uns noch nett. Ca 20 Minuten später sind wir dann auch am Club angekommen „Naavaa“ hieß der Laden. Eigentlich echt eine herunter gekommene Bude, aber leider die einzige hier in der nähe.
Als wir drinnen waren, haben wir uns an die Bar gesetzt und erstmal ein paar Getränke bestellt. Ich saß in der Mitte, Mert und Yusuf rechts und links neben mir. Es waren schon viele Menschen dort und plötzlich kam ein Mann und drängte sich neben mich und Mert, sodass ich und Yusuf abseits von ihm standen.
So sind wir ins Gespräch gekommen, wir haben über alles mögliche geredet, Ausbildung, Job, Studium. Er hat eine abgeschlossene Ausbildung in Elektrotechnik absolviert und Studiert jetzt. Von meinem Plan ins Ausland zu gehen, erzählte ich ihm nichts, ich hatte es einfach vergessen in dem Moment. Nach einer Weile fragte er mich dann nach meiner Nummer und ich gab sie ihm. Einen Hintergedanken hatte ich nicht, ich war ja sowieso an nichts interessiert und schon gar nicht an ihm. Er sah sehr gut aus, und das nutzte er sicherlich auch aus. Das war noch ein weiterer Grund, die Finger von ihm zu lassen. Die Barkeeperin war witzigerweise auch eine ehemalige Klassenkameradin von mir und Mert. Sie wurde schon mit 15 schwanger. Irgendwie traurig, das sie dann Nachts hier im Club arbeiten musste. Mir kam es jedoch zu gute, denn ich konnte den ganzen Abend umsonst trinken.
Nach ein paar Stunden,bin ich dann auch auf Wasser umgestiegen, ich mochte es nicht verkatert zu sein am nächsten Tag und wenn ich zum Schluss genug Wasser trinken würde, konnte ich dem gut umgehen.
Der Abend nahm seinem Lauf und wir kamen langsam zum Ende. Wir haben alle viel geredet, die betrunkenen Menschen ausgelacht und hatten alle viel Spaß. Um ca. 3 Uhr machten wir uns dann auf dem Weg Nachhause.
Wir 3 stiegen in Mert seinen schwarzen BMW und fuhren los. Die Rückfahrt war sehr ruhig, wir waren alle ziemlich kaputt durch das feiern und die laute Musik.
Zuhause angekommen schloss ich so leise wie möglich die Tür auf, in der Hoffnung Knut würde nicht bellen. Vergeblich. Er bellte und ich versuchte ihn zu beruhigen, damit ich das Haus nicht aufwecke. Ich nahm ihn auf den Arm und ging ins Gästezimmer. Er Sprung direkt aufs Bett und kuschelte sich ein. Ich im Gegensatz roch wie eine Kneipe und zog mich bis auf die Unterwäsche aus und schlich leise ins Bad um duschen zu gehen.
Als ich mich Bett fertig gemacht hatte, ließ ich den Abend Revue passieren und dachte über alle nach und schlief mit ruhigen Gewissen ein.
Am nächsten Morgen wachte ich zum Glück ohne Kater auf, das liegt sicher an meiner Wasser – Technik. Ich roch aus dem Bett schon die frischen Brötchen, die Camilla vom Bäcker holte.
„Aylin, bist du wach?“ hörte ich die leise Stimme meines Stiefvaters.
Ich blickte eingerollt in meiner Decke Richtung Tür.
„Ja, bin grade erwacht.“ murmelte ich.
„Geht es dir gut, brauchst du was?, du warst sehr spät zuhause, soll ich dir eine Aspirin holen?“ Fragte Victor besorgt.
„Nein, Nein, alles gut, mir geht es gut!“ antwortete ich, während ich mich aus meinem Decken – Wrap befreite.
„Es gibt frische Brötchen, Camilla hat alles vorbereitet, fürs Frühstück.“
„Ja, ist gut, ich komme“ antwortete ich ihm freundlich.
„Und, wie war dein Abend?“ fragte mein kleiner Bruder, der schon sein zweites Brötchen Aß, während ich nicht mal mit meinem ersten angefangen hatte.
„Gut,gut, wir waren im Naavaa.“ Eigentlich das selbe wie jedes Wochenende,wenn ich drüber nachdenke.
„Und, mit wem warst du dort?“ Fragte Victor mich neugierig.
„Mit Mert und seinem Freund, du wirst ihn sicher nicht kennen. Er ging in meine Klasse.“
In meiner Jugend konnte ich machen, was ich wollte, keine Grenzen, keiner der Fragt wo ich bin und was ich machte. Meine Mutter war Alkoholabhängig und sie interessierte sich für nichts außer Alkohol und ihre Katzen. Victor war immer Arbeiten, der bekam vieles nicht mit. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis alles aus einander brach. Für mich war das von Vorteil, ich war immer bei meinen Freundinnen und rief nur an, wenn ich irgendwo abgeholt werden musste. Aufpassen musste ich nur, das es noch recht früh morgens ist, da hatte meine Mutter vorerst noch nicht getrunken. Das sollte sich im laufe der Jahre aber dann auch ändern. Mein kleiner Bruder Fynn und meine kleine Schwester Paulina waren in einem alter, wo sie all das noch nicht mit bekamen. Ich war die einzige die wusste was eigentlich los war.
Nach dem Frühstück räumte ich den Tisch mit ab und ging wieder in das Gästezimmer, wo ich Anfing mich herzurichten.
Der Display meines Handys leuchtete auf, mit dem Namen „Selin“.
„Hey, wo bist du? ich stehe vor deiner Tür und dein Auto ist weg, hast du etwa noch andere Freunde? Bist du sauer, weil ich gestern keine Zeit hatte?“ bombardierte sie mich mit Fragen.
„Ich bin bei meinen Eltern, nein ich bin nicht sauer und ich bin alleine, ausser du hast jetzt Angst, das ein Glätteisen deinen Platz einnehmen könnte.“
Sie lachte und seufzte laut. „ Es ist ist schönes Wetter, kommst du zu mir, holst mich ab und wir fahren an den See? Fragte sie mich.
Ich stimmte ihr zu, packte meine Tasche und verabschiedete mich von meinen Eltern.
In meinem Auto angekommen, drehte ich die Musik laut und fuhr los. Es gab für mich nichts schöneres, als in meinem Auto mit lauter Musik zu fahren. Dabei die Fenster runter und der Fahrtwind in meinem langen dunkel braunen Haar.
Nach einer halben Stunde erreichte ich Selin ihre Wohnung. Sie lebte dort mit ihrer Mutter alleine. Sie hat noch zwei Brüder. Der eine ist körperlich und geistig eingeschränkt und lebt sein leben lang in einem Betreuten Wohnen. Der andere Bruder hatte bis vor 2 Jahren ein nahezu perfektes Leben. Seine Frau lernte er in seiner Kindheit kennen und sie heirateten später. Eine kleine Tochter namens „Maria“ erblickte vor einem Jahr das Licht der Welt. Auf einmal kam aber alles anders. Martin, der Name ihres Bruders, klagte immerzu über Schwindel. Es begann so ziemlich kurz nach der Geburt von Maria. Heutzutage sitzt er im Rollstuhl und ist bei allem auf Hilfe angewiesen. Er kann weder laufen noch sprechen. Sein Geist, ist das einzige was ihm geblieben ist. Manchmal frage ich mich, wie es ist, in seinem eigenen Körper gefangen zu sein.
Selin hatte vor einem Jahr ebenfalls einen schlimmen Schicksalsschlag. Sie hatte an ihrem Geburtstag einen schweren Autounfall. Ihre beiden Beine waren mehrfach gebrochen. Es ist ein Wunder, das sie überhaupt noch lebt. Ich war jeden Tag bei ihr im Krankenhaus, ich wollte diese schlimme Zeit mit ihr zusammen durchstehen.Seitdem lebt sie ihr Leben in vollen Zügen und wir sind unzertrennlich.
Ich parkte in der Parkbucht neben dem Haus Eingang und drückte auf die Hupe meines Autos. Am Küchenfenster, welches direkt neben der Parkbucht war, stand Selin mit ihrer Sonnenbrille und signalisierte mir, das sie kommen würde. Sie war optisch das komplette Gegenteil von mir, sie trug wenig Make up und hatte immer zottelige Haare. Ihre Arme waren geschmückt von vielen Tattoos. Sie öffnete die Tür meines Autos, schmiss ihre Tasche auf die Rücksitzbank und nahm mich in den Arm.
„ Man, ist das ein tolles Wetter, ich kann es kaum erwarten in den See zu springen. Was hast du gestern eigentlich getrieben? Spiele Abend mit der Familie?“
Ich überlegte erst, ob ich ihr einfach zustimmen sollte. Ich hatte keine Lust wieder mit Fragen durchlöchert zu werden.
„ Nein, ich war im Naava.“
„Waaas? Mit Wem? Du bist ja wohl nicht alleine gegangen oder?“ Fragte sie ganz schockiert, als wäre es verboten, das ich noch andere Freunde habe.
„ Mert und Yusuf haben mich spontan gefragt, ob ich mitkommen will. Da ich sowieso nichts vor hatte und einen Samstag Abend nicht alleine verbringen wollte, hab ich zugestimmt.“ ich versuchte die Situation runter zu spielen, denn ich wusste genau, was gleich passieren würde.
„ Oh wow, ich hoffe du hattest Spaß ohne mich“ Selin konnte ihre Emotionen nie gut verstecken. Sie war enttäuscht, das ich ohne sie Spaß hatte. Dabei machte sie es andersrum ständig. Immer wenn sie einen neuen Typen kennengelernt hatte, war ich für kurze Zeit zweitrangig. Für mich war das aber in Ordnung, ich genoss auch mal die ruhe.
„ Bitte mach jetzt kein Drama, du machst doch auch ständig was ohne mich, erzähl mir mal lieber wie es mit Daniel war.“
„Sein Name ist Danilo! Und wir haben Schluss gemacht.“ entgegnete sie mir.
Ihre Stimme wurde immer leiser, das kannte ich so nicht von ihr.
„ Wart ihr denn überhaupt zusammen?“
„Nein aber wir haben Schluss gemacht damit, das wir darauf hinaus arbeiten zusammen zu kommen.“ erklärte sie.
Die gesamte Autofahrt über, erzählte sie mir von ihren Gesprächen mit Danilo und woran es gescheitert war. Ich persönlich würde sagen, es liegt einfach daran, das Selin sich wieder zu viel eingebildet hat. Das Gefühl ließ mich aber nicht los, das es sie diesmal wirklich traf. Ihre Beine waren durch den Unfall total vernarbt. Sie hatte dadurch viel mit ihrem Selbstbewusstsein zu kämpfen. Noch dazu kommt, das sie ihr leben lang Hip Hop getanzt hatte. Seit ihrem Unfall hat sie es jedoch nicht mehr versucht.
Am See angekommen, luden wir mein Auto aus und suchten uns ein nettes Plätzchen in der Sonne. Durch meinen türkischen Vater, wurde ich besonders schnell braun. Selin legte sich immer auf den Bauch weil ihre Waden nicht so vernarbt waren. Ihr Rücken war geziert von einem riesigen Tattoo aus römischen Zeichen und Kirschblüten.
Wir genossen den Tag in vollen Zügen. Morgen sollte der ernst des Lebens, die Arbeit wieder los gehen. Uns war es deshalb wichtig, den Sonntag immer zum abschalten zu nutzen. Die Tage wurden wieder kürzer und der Sommer ging langsam zu ende. Es gab nicht mehr viele schöne Tage, bis der Herbst wieder seinen lauf finden sollte.
Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee lag im Raum. Draußen regnete es. Ich saß auf einem alt rosa Sessel. Vor mir mein Laptop und eine Tasse Kräuter Tee. Meinen Tag verbrachte ich im Café „Coeur de Village“. So nannte es die Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde. Ich tippte konzentriert auf die Tastatur meines Laptop mit den Gesprächen der anderen Café Besucher im Hintergrund. Jedes mal wenn ein neuer Gast hinein kam, klingelte eine kleine Glocke, die an der Tür befestigt war. Im Augenwinkel sah ich mein Handy aufleuchten, ich bekam eine Nachricht, von einer Nummer, die ich nicht in meinem Handy eingespeichert hatte. Ich überlegte kurz wer es sein könnte. Als erstes kam mir ein Vertreter für Zahnmedizin Produkte in den Kopf. Wenn etwas eiliges war, hatte ich meine Private Nummer angegeben. Ich war dauerhaft für alles und jeden erreichbar. Nach ein paar Sekunden nahm ich es jedoch in die Hand, ich wollte wissen,wer mir geschrieben hat. „Hey, was geht?“ lautete die Nachricht. Auf den Profilbild war ein junger Mann, mit einem kleinen Mädchen auf den Schultern, ich grübelte 2 Sekunden, bis ich ihn erkannte. Es war Yusuf.
Ich hatte schon wieder ganz vergessen,das ich ihm meine Nummer gegeben hatte. Es war so belanglos für mich, das ich nicht mal seine eingespeichert hatte. Ahnungslos und völlig ohne Hintergedanken schrieb ich „ Hey, nichts besonderes, ich sitze in einem Café und bei dir?
„ Auch nichts besonderes, vielleicht hast du ja Lust ein Eis essen zu gehen?“ Er antwortete sehr schnell, gefühlt so, als würde es auf meine Antwort warten. Da ich Heute keine Lust hatte und an meinem Buch weiter schreiben wollte lehnte ich dankend ab, mit der Aussage, das wir es ein andermal machen könnten. Er nahm dies gut auf und versuchte im Gespräch mit mir zu bleiben. Wir schrieben den ganzen Tag hin und her. Das letzte mal das wir uns gesehen haben, lag schon mehrere Wochen zurück. Ich hatte ihn schon völlig vergessen. Er war immer sehr nett zu mir, deshalb ließ ich mich auch auf die Nachrichten ein. Über den ganzen Tag verteilt hielt er das Gespräch aufrecht, bis zum Abend, als ich mich für die Nacht verabschiedete.
Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker um 5:00. Ich hatte Freitags immer Frühschicht. Ich stellte den Wecker sofort aus, denn ich hasste es, wenn er mehr als 3 mal Klingelte. Dieser Ton machte mir schlechte Laune. Bevor ich aufstand, swipte ich noch ein paar Minuten durch die sozialen Medien und laß Nachrichten, die mir meine Freundinnen geschrieben hatten. Ich schob die Decke zur Seite und rollte mich über die linke Schulter aus dem Bett, Richtung Küche, denn das erste was ich Morgens machte, war die Kaffeemaschine anzuschalten. Während mein Kaffee durchlief, ging ich ins Badezimmer, putzte meine Zähne und fing an mich herzurichten. Auch wenn es nur für die Arbeit war, ich musste immer gut zurecht gemacht aussehen. Morgens brauchte ich über eine Stunde für Haare und Make up. Mein Schminktisch war voller teurer Make up Produkte. Ich hatte eine komplette Routine für Gesicht und Haare. Nebenbei trank ich immer meinen Kaffee und bevor ich das Haus verließ, bereitete ich mir immer noch einen für die Autofahrt zu Praxis vor, den ich dann auf dem Weg dahin trank.
Auf der Arbeit war jeder Tag gleich, und trotzdem immer anders. Heute ging er besonders schnell um und es hieß Wochenende. Ich hatte mir noch gar keinen Plan gemacht, was ich tun sollte, vielleicht etwas mit Selin unternehmen oder mit einen meiner anderen Freunde. Das Problem mit der Freundschaft zwischen mir und Selin war, das sie auch eine Kindheitsfreundin meines Ex Freundes war, von dem ich mich vor langer Zeit getrennt hatte, sie war jedoch noch mit ihm befreundet. Es war Okay, ich wollte nur nicht, das sie ihm von mir erzählt, wie schon einmal erwähnt, er war ein Psychopath und es hatte lange gedauert, eh ich mich trennen konnte. Ich wollte mit diesem Menschen nie wieder nur ein Wort wechseln. Bisher klappte dies auch. Selin war mir gegenüber immer sehr loyal, das war mir das wichtigste an Menschen. Ich ließ nie viele in mein Leben, aus Schutz. Auf andere wirkte ich sicher oft arrogant, das hielt mir Kontakt zu anderen vom Leib. Bei ihr war es jedoch anders, sie merkte, das ich sehr unsicher war und schaffte es, hinter die Fassade zu blicken. Durch den Unfall, hat sie auch gesehen, wie verletzlich ich sein kann, denn sie so hilflos zu sehen, war schrecklich für mich.
Als ich auf dem Weg nachhause war, rief ich über die Freisprechanlage meines Autos Selin an und wollte mich für Abends verabreden. „ Sehen wir uns Heute Abend?“ fragte ich sie und sie antwortete sofort „ yes Girl, lass uns in eine Bar und Heute mal einen entspannten Abend machen!“. Immer, wirklich immer, wenn sie sagte, das sie einen entspannten Abend machen will, passierte genau dass Gegenteil und wir beide wachen Morgens mit dem größten Kater der Welt auf. Ich stimmte ihr zu und wir verabredeten und für Abends 18:3 N0 Uhr.
Mein Arbeitsweg war je nach Verkehrslage 15 – 20 Minuten. Zuhause angekommen, musste ich unbedingt was essen, mir war schon leicht schlecht, ich hatte es mal wieder nicht geschafft auf der Arbeit was zu essen. Ich war total der Pasta – Freak. Es war mein Lieblingsessen, natürlich immer mit verschiedenen Saucen. Nebenbei stellte ich mein Handy auf die Küchenzeile, angelehnt an einer vollen Wasserflasche, denn ich wollte via Facetime meinen Vater anrufen. Leider sah ich ihn nicht oft, er lebte in einem anderen Land und durch die Arbeit seiner und meinerseits, war es immer schwierig, sich öfter zu sehen. Ich denke ein schwerer Start ins Leben, ist auch irgendwie vererbbar. Mein Vater hatte es auch nie leicht, zu dem hat er mich 17 Jahre nicht gesehen, denn meine Mutter tat alles dafür, das kein Kontakt entsteht. Ungefähr 3 Jahre, nachdem ich den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, hab ich mich getraut und einen Schritt auf ihn zu gemacht und nach mehreren Monaten des Schreibens und Telefonierens, bin ich letzendlich zu ihm, in ein anderes Land gefahren. Es tut mir sehr leid, das er wegen mir so gelitten hat, ich wünschte mir oft, das ich ihm sein Schmerz abnehmen konnte. Ich denke es ist das schlimmste, wenn du Sehnsucht nach einem Menschen hast, der dein eigen Fleisch und Blut ist. Ich versuchte immer, das beste aus der Situation zu machen und die Vergangenheit ruhen zu lassen, trotzdem fragte ich mich oft „ was wäre wenn?“. Wenn ich in einer heilen Familie aufgewachsen wäre, wenn ich mit beiden Elternteilen aufgewachsen wäre, wenn ich nicht immer auf mich selbst gestellt sein müsste, wäre ich dann Heute ein ganz anderer Mensch? Was wäre aus mir geworden? Hätte ich studiert? Wäre ich deutlich besser in der Schule gewesen? Wie hätte sich mein Blick auf Menschen und das Leben verändert? Hätte ich noch ein so gestörtes Bild von Liebe? Das sind alles Fragen, worauf ich niemals eine Antwort bekommen würde. Ich musste mit dieser Ungewissheit leben, ich musste mit der Last leben, das ich der Grund bin, weshalb ein anderer Mensch Jahrelang gelitten hat. Auch wenn ich weiß, das ich dafür nichts kann, denn ich war ja selber noch ein Kind, sind das alles Gedanken die irgendwo in meinem Unterbewusstsein tief verankert sind. Die Liebe die auf den Sozialen Medien überall gezeigt wird, existiert in meiner Welt nicht. Für mich ist Liebe eine tickende Zeitbombe. Alles ist gut, bis sie Schluss endlich explodiert und alles vernichtet, was ihr zu nahe ist. Ich behielt lieber die Kontrolle. Immer.
Die Gespräche mit meinem Vater waren immer sehr lustig, sein deutsch war mangelhaft und ich musste oft überlegen, was er grade gesagt hatte, manches mal ergab es überhaupt keinen Sinn und wir lachten einfach nur durch die Kamera. Er machte sich auch immer darüber lustig, das ich so oft Pasta aß.
Gegen 17:00 Uhr fing ich an, mich Fertig zu machen für meine Verabredung mit Selin. Ich zauberte mir Locken, mit einem Glätteisen. Das sah bei mir am besten aus. Auf meinem Handy lief im Hintergrund immer Musik während ich mich zurecht gemacht hatte.
Kurze Zeit später, war ich fertig und schnappte mir meine dünne Jacke und begab mich auf den Weg in die Bar, wo wir uns treffen wollten. Ich wartete vor der Tür und war wie immer pünktlich. Dadurch das ich mich sehr gut kannte, wusste ich genau wie lange ich für alles brauchte. Selin kam immer zu spät, deshalb wunderte ich mich auch nicht, als fünf Minuten vergangen waren. Nach jedoch zehn Minuten wurde ich langsam ungeduldig und rief sie an, jedoch ohne Erfolg. Das war untypisch für sie, denn ihr Handy war immer auf laut und sie war auch immer erreichbar. Ich drückte auf meinem Handy Wahlwiederholung und versuchte es erneut, diesmal sollte Erfolg haben, denn sie ging ran.
„ Sag mal wo bist du?, ich warte jetzt schon 20 Minuten und so langsam verliere ich die Geduld.“ Ich ließ sie spüren, das ich etwas genervt war.
„ Hey, ähm sorry ..“ stotterte sie leise durchs Telefon.
„Ich schaffe es leider nicht, mir ist etwas dazwischen gekommen, es tut mir so, so leid, ich hoffe, du bist mir nicht böse, ich werde dir Morgen alles erzählen“ sprach sie kleinlaut.
Ich war sauer, ich hatte mich extra stundenlang fertig gemacht, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir etwas anderes vorgenommen.
„ Das ist jetzt nicht dein ernst oder? Ist dir wieder irgendein Typ dazwischen gekommen oder was ist der Grund dafür, das du mich hängen lässt? Es ist Freitag Abend, was soll ich denn jetzt bitte noch so kurzfristig planen?“ fragte ich sie.
Ich merkte das sie versuchte mich so schnell wie möglich los zu werden, deshalb machte ich es ihr einfach und beendete das Gespräch.
Enttäuscht und sauer blickte ich durch das Fenster in die Bar hinter mir. Die Menschen lachten dort und hatten Spaß. Eigentlich sollte ich Teil dieser Freude sein, diese blieb mir jedoch verwährt für Heute. Meine Arme verschränkt vor meiner Brust und meine Handtasche über die Schulter geworfen, machte ich mich wieder auf den Weg nachhause. Dort angekommen,schmiss ich meine halb Stiefel in die Ecke und war mich samt Klamotten aufs Bett. Mein blick an meine weiße Decke gerichtet, starrte ich ins Leere. Plötzlich vibrierte etwas auf meinem Bauch. Es war mein Handy. Ich nahm es in die Hand.Eine Nachricht von Yusuf. Ich schmiss mein Handy zu Seite und war genervt. „ Was will der denn jetzt?“ dachte ich mir. Ein paar Sekunden später, nahm ich es dann doch in die Hand. Er schrieb wieder „ Hey, was geht?“ genau das selbe wie letztes mal als er mich angeschrieben hatte.
„Hey, nichts und bei dir?“ antwortete ich und bekam auch sofort eine Nachricht zurück.
„ Wollen wir Chillen?“ fragte er.
„ Ja Okay, hast du Alkohol da?“ Ich brauchte das jetzt, ich war so enttäuscht von Selin.
„ Klar, ich hol dich gleich ab, gib mir deine Adresse.“ entgegnete er mir.
Während wir alles weitere ausmachten, ging ich ins Badezimmer und blickte in den Spiegel, um zu schauen, ob ich noch gut aussah. Ich puderte mein Gesicht noch einmal ab und schaute in meine Handtasche ob ich auch alles nötige dabei hatte.
Ich zog die Haustür hinter mir zu und da stand er auch schon. Ein schwarzer Audi A5. Mein Traumauto.
Wenn ich gewusst hätte, wo das alles endet, wäre ich niemals in dieses Auto gestiegen. Es war der Anfang von etwas, welches mir Jahre später noch Tränen in die Augen verpassen würde.
Ich wollte grade die Beifahrertür öffnen, vorher öffnete sich jedoch die Fahrertür und Yusuf stieg aus. „Na, wie geht’s dir?“ kam sofort.
Wir begrüßten uns und redeten kurz, bis er mich dann aufforderte zu fahren.Ich zögerte und wollte auch nicht fahren,ich hatte Angst, das ich das Auto kaputt machen würde. Das wäre ein Alptraum. Er nahm mir diese Entscheidung jedoch ab und setzte mich gefühlt hinters Steuer. Es war ein Automatik Getriebe, welches ich noch nie zuvor gefahren bin, ich war total erschrocken darüber, das dass Auto selbstständig losfuhr, wenn ich nicht auf der Bremse stand und das sagte ich auch laut. Yusuf fand das lustig und süß und musste lachen. Das nahm mir etwas meine Angst. Wir fuhren einfach ein bisschen durch die Stadt bis er mir sagte, ich solle zu ihm fahren. Das tat ich dann auch. Dort angekommen, musste ich in der kleinsten Parklücke der Welt einparken, mit einem Auto, was ich nicht kannte und dazu auch noch im dunkeln. Wie durch ein Wunder ist es mir gelungen, das Auto nicht kaputt zu fahren allerdings habe ich so dicht an der Mauer rechts neben dem Auto geparkt, das er kaum aussteigen konnte und selbst das fand er lustig und lachte.
Ich war eigentlich eine starke selbstbewusste Frau, Ich hab immer alles alleine hinbekommen. In seiner Gegenwart fühlte ich mich sehr klein. Nicht im schlechten Sinne aber irgendwie anders.
Er schloss die Haustür auf und wir gingen rein. In einem kleinen Flur angekommen, mussten wir dann rechts eine Treppe hoch und dort war sein „reich“. Es war eine Wohnung, im Haus seiner Mutter.
Ich legte meine Handtasche auf seinen Büro Stuhl und schmiss mich aufs Sofa. Ich war nervlich am Ende von dieser Autofahrt. Yusuf bereitete mir meinen Drink zu „ Skinny Bitch“. Einfach nur Wodka mit Wasser und einer Zitrone. Ich stand auf und lief durch den Raum schaute mir alles ganz genau an, mit verschränkten Armen vor der Brust und meinem Drink in der rechten Hand. Er blickte mir hinterher und beobachtete genau jeden Schritt den ich machte. Er musterte mich von oben bis unten, ich war nicht dumm, ich merkte das ganz genau, ließ ihn aber in dem glauben, das es mir nicht auffiel. Wir unterhielten uns nett und der Alkohol lockerte die Stimmung. Er saß auf dem Sofa und forderte mich auf zu ihm zu kommen, denn ich saß am anderen Ende. Ich wusste genau, was er vorhatte und zögerte. Ich stand jedoch auf und setzte mich auf seinen Schoß, seine Hände legten sich auf meine Hüften und er blickte mir tief in die Augen. Er trug ein schwarzes Tank- Top, wo seine Oberarme sehr zur Geltung kamen. Ich hatte immer leichte locken, dadurch das meine Haare etwas kürzer vorne waren, fielen mir immer einzelne Strähnen ins Gesicht. Yusuf löste seine Hand von meiner Hüfte und strich mir sanft meine Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sein blick ließ nicht ab von mir.
Sein Oberkörper begann sich nach vorne zu bewegen und seine Brust kam immer näher an meine. Sein Kopf kam immer näher an meinen, ich wusste was gleich passieren sollte und bewegte mich nicht. Kurz vor meinem Gesicht, drehte ich meinen Kopf zur Seite und sprang von seinem Schoß. „ Das kannst du vergessen“ flüsterte ich frech und leise zu ihm. Er fing an zu grinsen,während er sich auf die Unterlippe biss. Ich flüchtete zum Fenster und stellte mich vor die Fensterbank und lehnte mich mit meinen Rücken an. Meine Flucht hielt nicht lange an, denn Yusuf stand auf und kam sofort zu mir, er nahm meine Hände und zog sie hinter seinen Rücken, so das meine Brust wieder auf seiner aufliegte. Ich schaute ihm in die Augen, sie waren tief blau, der Kontrast zu seinen dunklen Haaren war sehr stark, sodass sie noch besser zu geltung kamen. Ich grinste ihn frech an und kam immer näher, bis mir ein „ ist scheiße, wenn man etwas haben will was man nicht kriegen kann, mh?“ Raus rutschte. Während er anfing zu lachen, rannte ich vor ihm weg, er jagte mich durchs ganze Zimmer und Schnitt mir den Weg ab. Wir haben sehr viel gelacht dabei und es war mittlerweile schon halb zwei. Durch das ganze gerenne waren wir beide aus der Puste. Er setzte sich auf seinen großen Büro Stuhl und forderte mich wieder auf zu ihm zu kommen. Ich verweigerte es und Plötzlich griff er nach meinem Arm und zog mich zu ihm. Das war ich nicht gewohnt, sonst hatte ich immer meinen eigenen Kopf und konnte mich durchsetzen. Ich gab auf und setzte mich wieder auf seinen Schoß. Die Lehne des Stuhles war Ergonomisch, wenn man sich nach hinten lehnt, ging sie Automatisch nach hinten. Ich machte die Anmerkung, das das eine schlechte Idee sein würde, denn wenn unser beider Gewicht auf der Stuhl Lehne liegt, würde der Stuhl sicher umkippen. Bevor ich es jedoch ausgesprochen hatte, fielen wir beide zusammen mit dem Stuhl volle Wucht nach hinten und lagen auf dem Boden. Wir haben beide so gelacht, das uns Tränen kamen. Er fragte mich lachend, ob alles Okay sei, oder ob ich mir weh getan habe, ich verneinte dies , so gut ich konnte, denn ich bekam kaum ein Wort raus vor lachen. Plötzlich erklang ein Klingelton, es war sein Handy und ich fragte mich, wer ihn um diese Uhrzeit anrufen würde. Er ging ran und ich hörte eine Weibliche Stimme. „ Was zur Hölle treibst du da?“ Es war seine Mutter.
Er versuchte nicht zu lachen und sagte ihr „ Ich kann nicht schlafen“. Ich denke, sie nahm es mit Humor, sie wusste ja nicht, das er Besuch hatte und ganz ehrlich, so etwas kam sicherlich öfters vor, das sie von lauten Geräuschen von ihm geweckt wurde.
Nach vielen Stunden voller Spaß, entschieden wir uns, in Bett zu gehen. Ich musste dort übernachten, wir hatten ja beide einiges an Alkohol getrunken. Es wäre Fahrlässig jetzt noch zu fahren, geschweige denn, hatte ich sowieso kein Auto da.
Yusuf gab mir ein T- Shirt von sich, welches ich mir überwarf. Den Rest zog ich aus.
Ich legte mich in sein Bett und war verwundert, denn er schlief immer ohne Kopfkissen. Es würde wohl die unbequemste Nacht meines Lebens werden. Ich versuchte mit meiner Decke mir ein kleines Kopfkissen zu formen. Was war er bitte für ein komischer Mensch, wer schläft ohne Kopfkissen, dachte ich mir. Er legte sich neben mich und streckte seinen Arm aus, denn er wollte das ich mit ihm Arm in Arm einschlafe. Mir war das in dem Moment völlig egal, ich wollte einfach nur schlafen und legte meinen Kopf auf seine Brust. Erstaunlicherweise war es sogar sehr bequem. War sicherlich eine Masche, kein Kopfkissen, damit die Frau auf seiner Brust einschläft.
Am nächsten Morgen wachte ich auf und musste erst einmal realisieren wo ich überhaupt war. Ich hatte auch keine Ahnung, wie spät er war, denn er hatte Jalousien und es war total dunkel. Ich hasste es, ich wurde Morgens gerne durch die Sonne wach, denn so konnte der Körper besser Cortisol und Melatonin ausschütten. Ich hatte einfach das Gefühl, das ich so besser wach wurde. Fast Zeitgleich wachte Yusuf auch auf und wünschte mir einen guten Morgen. Er nahm direkt sein Handy um die Uhrzeit zu checken. Es war bereits halb Elf. So lange schlafe ich normalerweise nie aber durch den Alkohol kann das schon mal vorkommen. Yusuf stand auf und ging Richtung Fenster, um die Jalousien hoch zu fahren. Nach und Nach öffneten sich kleine Spalte wo das Sonnenlicht durch kam. Man konnte erahnen, das schönes Wetter werden würde und dies sollte sich auch bestätigen.
Ich stand aus dem Bett auf und zog mir meine Klamotten wieder an, suchte meine Sachen zusammen und schaute in den Spiegel. Naja für ungeduscht und nicht abgeschminkt, geht es noch. Meine Locken waren so gut wie draußen.
„So sagte ich, Zeit, das du mich Nach hause fährst“. Er war etwas erschrocken, das ich gleich los wollte. Ich dachte mir, das wohl keine Frau freiwillig so schnell nachhause wollte. Er zog sich ebenfalls an und wir machten uns auf dem Weg, zum schlecht eingeparkten Auto.