Flügel der Endzeit (Valhalla Fallen Band 1)

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Summary

Valhalla ist gefallen. Die Götter sind tot. Die Einherjer haben sie verraten. Talon, Hauptmann des Schwarzen Flügels, führt seine Krieger durch eine Welt aus Blut, Verrat und zerfallender Magie. Einst waren sie die Auserwählten Odins. Jetzt sind sie Söldner, Gejagte – und von der Welt verachtet. Als Talon eine junge Telepathin entführt, beginnt ein gefährliches Spiel aus Manipulation, Geheimnissen und uralten Mächten. Mit ihrer Hilfe will er den schlafenden Himmelsdrachen Jölfafnir wecken, um die Kontrolle über die Himmelstadt Myrkvangar an sich zu reißen. Doch seine Feinde planen bereits, wie sie den ambitionierten Einherjer loswerden können. Und seine Sehnsucht nach Rache scheint genau das Mittel zu sein, um ihn in eine tödliche Falle zu locken. Valhalla Fallen – Flügel der Endzeit Eine düstere Military-Fantasy über gefallene Helden, verlorene Götter und den letzten Krieg am Rand der Welt.

Status
Ongoing
Chapters
14
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Eins

„Einerseits wünschte ich, ich wäre an jenem Tag gestorben. Ein Teil von mir ist es wohl auch. Andererseits sagte mir Njorik später, dass das Schicksal unvermeidlich ist. Und wenn das wahr ist, dann weiß ich nicht was grausamer ist: Der Pfad, der vor mir lag oder die Gewissheit, dass ich daran nichts hätte ändern können.“

Kalissa dachte immer, es wäre bereits an schönen Tagen schrecklich die Gedanken ihrer Mitmenschen zu lesen. Von daher brauchte sie als angehende Telepathin keine brennenden Wolken, um zu begreifen, dass das Ende gekommen war. Die Menschen um sie herum schrien es einfach in ihren Verstand. Sie kreischten und brüllten und fluchten. Sie fluteten ihr Bewusstsein. Dennoch, als würde das Universum ganz sicher gehen wollen, dass Kalissa auch begriff, was als nächstes passieren würde, waren auch die brennenden Wolken da.

Sie rannte den Hügel zum Turm ihres Meisters hinauf, während die Alarmsirenen aus Jönstadt hinter ihr plärrten. Der Himmel war dunkelrot und ihr Geist war nicht nur von ihrer eigenen Todesangst erfüllt, sondern von der Panik hunderter Menschen angetrieben, deren Gedanken von alltäglichen Problemen zu existenzieller Furcht gewechselt hatten.

Kalissa fiel es schwer, die Stimmen auszublenden, da sie auch nicht mochte, was ihre anderen Sinne ihr zu sagen hatten. Sie hörte das Zischen von Luftabwehrraketen und das ferne Geknatter der Maschinenkanonen. Sie sah einen Schatten vom Himmel herabfallen und spürte das Beben der Erde.

All das musste sie ertragen, während sie gleichzeitig darauf achtete, nicht von der Steintreppe zu fallen, die sie in Sicherheit bringen würde.

Zumindest hoffte sie das.

Unten in der Stadt schrien die Menschen noch lauter. Etwas explodierte. Dann noch etwas.

Kalissa wollte sich nicht umdrehen, denn sie fürchtete, dass sie nicht die Kraft aufbringen würde, sich wieder auf den steilen Pfad vor sich zu konzentrieren, wenn sie auch noch sah, was vor sich ging.

Die Erde bebte erneut, stärker noch, als wäre ein Komet in der Nähe eingeschlagen. Kalissa taumelte und konnte nur dadurch einen Sturz verhindern, indem sie das schwere Buch fallen ließ, dass sie die ganze Zeit um ihre Brust geschlungen hatte. Sie bemerkte erst jetzt, dass sie es noch getragen hatte, als es die Treppe hinabstürzte. Wenn sie daran dachte, wieviel Angst sie davor hatte, eine einzige Seite zu beschmutzen, musste sie fast lachen. Jetzt fiel ihr nicht einmal mehr der Titel ein, als der braune Wälzer die ganzen Stufen wieder hinunterrollte.

„Adepta!“, schrie eine Stimme vor ihr.

Es war Maxwell, der ein Automatikgewehr um die Schulter geschlungen hatte und nun zu ihr hinab rannte. Seine Augen schienen vor Panik so groß wie Tassen zu sein. Er ergriff ihre Hand und half ihr auf die Beine.

Andere Wachhabende näherten sich aus der Richtung des Turms. Als sie näher kamen, wurde die Todesangst in ihren unausgesprochenen Gedanken stärker, sodass Kalissa ihren eigenen Geist abschirmte, um nicht auch noch von der Welle fremder Panik überrollt zu werden.

Es donnerte über ihnen. Es donnerte hinter ihnen. Irgendetwas zischte durch die Luft und krachte in den Bereich hinter dem Hügel.

„Wo ist Meister Bofithratus?“, fragte Kalissa atemlos.

„Er ist im Turm! Beeilt Euch Adepta, es ist hier nicht sicher!“

War es denn hier oben sicher? Kalissa bezweifelte es. Maxwell und die anderen Soldaten hatten vermutlich noch nie in ihrem Leben kämpfen müssen. Sie alle waren nicht älter als sie selbst, höchstens zwanzig Jahre, und ihre Gesichter glänzten vor Schweiß. Auch ihre grauen Uniformen waren dunkel unter den Armen und am Kragen.

Sie zitterten vor Angst. Und Kalissa ging es nicht besser.

Irgendetwas dröhnte über ihren Köpfen. Es war wie der Schrei eines Raubtieres, oder sogar das Brüllen eines Ungetüms aus grauer Vorzeit. Die Schreie der Menschen in Jönstadt hallten zu ihnen hinauf.

„Schnell!“, sagte Maxwell.

Sie ließ seine schwitzige Hand los und rannte wieder die Treppe hinauf. Es half nichts. Sie musste zu Meister Bofithratus. Nur der hohe Magier würde wissen, was hier zu tun war. Es würde alles in Ordnung kommen. Er würde sie retten. Sie alle.

Daran musste Kalissa einfach glauben.

Sie rannte an den anderen zitternden Soldaten vorbei, die ihre Gewehre wie Ertrinkende ein Stück Holz umklammerten.

Das Dröhnen über ihnen wiederholte sich, lauter noch als eben gerade. Kalissa stürzte zu Boden und hielt sich die Ohren zu. Es wurde noch lauter und Kalissa schrie vor Schmerzen. Auch die anderen fielen, wie vom Blitz getroffen, als die Schallwelle über sie hinwegwalzte.

Dann war es ganz still. Die Sirenen, die Explosionen, das Geschrei. Es war alles verschwunden.

Kalissa schlug die Augen auf und sah sie die schreienden Gesichter der Soldaten, aus deren aufgerissene Münder keine Töne mehr zu dringen schienen. Sie bluteten aus den Ohren und ihre Augen waren voller Entsetzen auf etwas anderes gerichtet. Etwas, dass sich ihnen von unterhalb des Hügels Schritten näherte, die Kalissa in der Erde dröhnen spürte.

Kalissa kam auf die Beine, doch ihr Gleichgewichtssinn war dahin, und der ganze Hügel mit dem Magierturm von Bofithratus kippte zur Seite. Ihr Gesicht stürzte erneut ins Gras.

Dann spritzte ihr etwas Warmes ins Gesicht. Sie riss die Augen auf und sah, dass Maxwells aufgerissener Körper neben ihr auf den Boden aufschlug. Sein Gesicht war bleich und sein Körper von der Leiste bis zur Kehle aufgerissen. Kalissa schrie. Zumindest glaubte sie das, denn sie hörte ihre eigene Stimme nicht.

Sie kämpfte sich wieder auf die Beine. Sie sah die Soldaten, die ihre Gewehre abfeuerten und die Mündungsfeuer, doch sie hörte das Knallen der Salven nicht.

Dann platzten die Soldaten wie fallengelassene Wassermelonen auseinander. Ihre Glieder purzelten einfach davon und ihre Innereien und das Blut spritze wild in alle Richtungen.

Kalissa wollte erneut schreien und tat es vermutlich auch, wenn sie das Brennen in ihrem Hals richtig deutete.

Dann spürte sie etwas, das sie am Nacken packte. Es war ein Schraubstock. Kalt und eisern. So fühlte es sich jedenfalls an.

Jemand oder etwas hatte sie erwischt. Sie wurde in die Höhe gezogen und spürte, wie zuerst ihre Hände und dann auch ihre Füße den Boden verließen. Sie griff nach ihrem Hals und spürte Finger aus Stahl, die sie umschlossen hielten. Sie bekam keine Luft mehr und trat nach hinten. Ihre Füße prallten gegen Stahl.

Ich ersticke, dachte sie. Ich werde sterben.

Bei dem Gedanken daran, löste sich ein eigenartiges Gefühl aus ihrem Bewusstsein. Ein Gefühl, dass nichts mit der Angst oder dem Entsetzen zu tun hatte, dass sie ansonsten ganz und gar ausfüllte.

Es war Zorn. Zorn darüber, dass das hier ihr Ende sein sollte.

Nein, dachte sie. Nicht so. Nicht hier. Ich will das nicht.

Konzentriere dich!, forderte sie sich selbst auf.

LASS MICH LOS!

Der Gedanke raste wie ein Pfeil aus ihrem Bewusstsein und bohrte sich in den Verstand hinter ihr. Der Schraubstock öffnete sich und sie stürzte zu Boden. Sie saugte Luft in ihren Hals und Lunge, atmete um ihr Leben. Ihre Beine waren Wachs, doch sie kämpfte sich hoch.

In ihren Augenwinkeln sah sie Gestalten den Hügel hinaufstürmen. Sie waren schwarz gepanzert, klobig und mit dampfenden Runen darauf, die aussahen, als hätte man glühendes Eisen aus der Esse einer Schmiede gezogen und sie auf die Rüstungen gehämmert. Die Krieger waren schnell, obwohl sie so schwer gepanzert waren und blieben schemenhaft als würde die Luft um sie herum vor Hitze flirren.

Kalissa wusste nicht, was sie tun sollte. Sie konnte nicht mehr zurück. Jeden Moment konnten die Eisenfinger sie wieder ergreifen. All ihre Gedanken kreisten um Bofithratus, den hohen Magier. Wenn es jemanden gab, der diesen Wahnsinn beenden konnte, dann er.

Also musste auch sie den Turm hinaufstürmen. Sie wusste, dass derjenige, der sie gepackt hatte, ihr folgte. Sie spürte seine Schritte auf dem Boden. Gleich, dachte sie, gleich würde sie ebenfalls von einer Waffe getroffen werden, die ihre Innereien über den Hügel verteilten.

Dann sah sie ihren Meister. Bofithratus stand auf der Spitze der Treppe. Seine dunkle Haut bildete einen starken Kontrast zu seiner vom Wind aufgeblasenen Robe, die im Funkenregen der brennenden Stadt unter ihm wie ein Segeltuch flatterte.

Bofithratus hob die Hände.

GENUG!

Der mentale Befehl traf Kalissa wie ein Hammerschlag und schickte sie schon wieder mit dem Gesicht voran zu Boden. Bofithratus hatte sie voll erwischt. Doch das war gut, denn es bedeutete, dass er imstande war, auch diese Höllenkrieger aufzuhalten.

Er würde sie stoppen. Egal, was für Monster das waren. Gegen einen Magier wie ihn hatten auch sie keine Chance. Er war eine Legende. Jeder kannte seinen Namen. Er war ein Held. Und Kalissa war stolz, ihn ihren Meister nennen zu dürfen.

Hinter ihr bebte die Erde erneut und Kalissa bemerkte ein Klingeln in den Ohren. Ihr Gehör kehrte zurück. Langsam, als würde sie aus einem Traum erwachen oder aus einem tiefen See auftauchen.

Das Erste, das sie wieder hören konnte, waren die plärrenden Sirenen von Jönstadt.

Das Zweite, war das Kreischen von Bofithratus, als eine Axt von hinten durch seinen Brustkorb brach.

Kalissa schrie voller Entsetzen, als sie sah, wie die weiße Robe in einem Sprühregen aus Blut besudelte wurde und das Blatt der Axt vor und zurück sägte, bevor es sich mit einem Schmatzen aus seinem gespaltenen Rücken befreite. Der Mörder schlug erneut zu und halbierte den Schädel des Magiers mit einem einzigen Streich. Eines von Bofithratus Augen landete direkt vor Kalissa und starrte sie anklagend an.

Kalissa spürte, wie sich ihr der Magen umdrehte und sie rollte sich zur Seite, um sich zu übergeben. Ihre Kehle brannte, als sich ihr Frühstück seinen Weg hinaus kämpfte und über das Gras ergoss.

Kalissa spürte eine weitere Erschütterung und rollte sich wieder zurück, weg von ihrem Erbrochenen und auf den Rücken.

Sie starrte nach oben und sah das Monster, das über ihr aufragte. Es war ein Riese aus schwarzem Stahl, mit brennenden Runen darauf, die beständig rauchten. Sein Helm war von einer Schädelmaske verziert, aus deren Höhlen ihn zwei dunkle Augen anstarrten.

Er hob sein Schwert – eine riesige Klinge mit grün schimmernder Oberfläche, die wirkte, als würde ein öliger Film darauf liegen. Das Heft der Waffe war mit abgeplatztem Gold verziert, unter dem stumpfes Eisen blitzte.

Das war es also, dachte sie. Das war ihr Ende.

Die Klinge sauste heran und prallte gegen eine Axt, die wenige Zentimeter vor Kalissas Gesicht stoppte. Der Aufprall der beiden Waffen löste einen Funkenschlag aus und Blut tropfte auf ihre Stirn hinab. Blut, das noch immer an dem Blatt der Axt klebte und einst ihrem Meister gehört hatte. Sie starrte auf die beiden Waffen, die vor ihren Augen verharrten.

„Was soll das?“, dröhnte die Stimme des Axtschwingers hinter ihr.

Der Krieger mit der Schädelmaske drückte die Axt mit seinem grünen Schwert beiseite. Der andere grunzte vor Anstrengung, doch konnte es scheinbar nicht verhindern.

„Du hast den Magier getötet!“, sagte der Schwertträger.

„Er hat uns angegriffen!“, entgegnete der andere und Kalissa hörte das blecherne Dröhnen einer durch einen Helm gedämpften Stimme.

„Wir brauchen einen Telepathen!“, sagte der Krieger mit der Schädelmaske.

Weitere Dämonenkrieger näherten sich. Ihre Schritte ließen die Erde erzittern und stampften tiefe Spuren in die Grasnarbe des Hügels.

Glühende Blicke richteten sich auf Kalissa.

Das grüne Schwert schwang wieder in ihre Richtung.

„Sie ist auch eine Telepathin!“, sagte sein Besitzer.

Der Axtschwinger grunzte, doch widersprach nicht. Eine andere Stimme dröhnte unter einem Helm.

„Heißt das, du beanspruchst diese da?“

Zögern.

Die Augen hinter der Schädelmaske richteten sich auf Kalissa und sie konnte nichts anderes tun, als sie anzustarren. Die Dunkelheit, die von ihnen ausging, drückte sie förmlich nieder.

„Das tue ich!“, sagte er. „Will jemand hier, mir dieses Recht abspenstig machen?“

Er ließ seine Klinge kreisen.

Keiner der anderen Dämonenkrieger widersprach ihm.

„Dann ist es geklärt“, sagte er und packte Kalissa an ihrer Tunika. Der Stoff zerriss nicht, aber knirschte, als er sie mit einer Hand daran auf die Beine zog.

Hinter ihr trat ein anderer und löste etwas von seinem Gürtel. Kalissa wagte nicht, sich umzudrehen. Dann schnappte etwas Kaltes um ihren Hals.

Das eiserne Halsband gab einen piependen Ton von sich, als es aktiviert wurde.

„Wohin bringt ihr mich?“, fragte Kalissa, unsicher, ob sie die Antwort überhaupt hören wollte.

Der Mann hinter der Schädelmaske streckte seinen eisernen Finger gen Himmel.

Sie drehte sich langsam um und blickte aufwärts. Aus den brennenden Wolken schob sich ein gewaltiges Ungetüm. Ihr Verstand begriff nicht, was sie sah, und ihre Augen wussten nicht, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten sollten: Das riesige Maul, die baumlangen Tatzen oder die Stadt, die auf dem weißen Pelz des Titanen thronte?

„Der schlafende Drache!“, dröhnte die Stimme hinter ihr und eine eiserne Hand packte ihre Schulter, um ihr den Weg zu zeigen.