Comma 1999

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Summary

Am College wollte Odera eigentlich nur neu anfangen. Doch dann tauchen anonyme Botschaften auf, ein altes Geheimnis kommt zurück und ein Name, den niemand mehr ausspricht: Anubis. Während Gerüchte, Lügen und gefährliche Wahrheiten immer näher rücken, gerät sie zwischen die Fronten einer Clique, die mehr weiß, als sie zugibt. Und ausgerechnet René, der einzige, dem sie vielleicht vertrauen könnte, scheint selbst Teil der Wahrheit zu sein. Manche Geheimnisse sind nicht begraben. Sie warten nur darauf, wieder ans Licht zu kommen.

Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
16+

Chapter 1

Take me Home - Goldishack

Sonntag

Hier sitze ich wohl. Um fünf Uhr am Hauptbahnhof von Corvallis. Mit einem Koffer und einer Zigarette in der Hand. Befreit atme ich den Rauch aus. Endlich weg da.

Bittersüß eigentlich, dass ich mich freue, von meinen Eltern weg zu sein. Ich wünschte, ich müsste mich nicht freuen. Ich wünschte, ich würde jetzt weinen, aber ich verspüre nicht den leisesten Drang dazu. Nur das Gefühl, eine Schlacht gewonnen zu haben.

Tja, und was mache ich in Corvallis? Studieren natürlich. Regie an der Oregon State University, kurz OSU. Die Entscheidung kam eher von meinen Eltern als von mir. Geschadet hat es nicht. Durch ihre Kontakte habe ich mein eigenes Zimmer in einem Verbindungshaus. Genau wie mein Bruder Hugo. Er wollte nicht, dass ich an die OSU gehe. Die Uni sei schlecht, meinte er, ich solle mir etwas Besseres suchen. Seinen Worten war es egal, dass unsere Eltern wahrscheinlich Zeitung lasen oder teuren Champagner tranken, während er sich mit ihnen stritt.

Der Bus hält mit einem Zischen. Die Zigarette fliegt auf den Boden, dann steige ich ein. Nachdem ich meinen Platz gefunden habe, schalte ich zum nächsten Lied. Als wir am Campus ankommen, steigt die Aufregung doch ein wenig. Die Karte entfaltet sich in meinen Händen, während ich nach dem Verbindungshaus suche. Ohne sie würde ich mich hier wohl hoffnungslos verlaufen, denn das Gelände ist riesig.

Ein- oder zweimal habe ich meinen Bruder schon besucht, aber sein Verbindungshaus kenne ich noch nicht. Heute kann er mich auch nicht herumführen. Mit seinem Football-Team ist er bei einem Spiel und kommt erst am Abend zurück.

Die Gebäude bestehen aus Backstein, überall stehen Bäume. Das macht den Campus gemütlich. In der Dämmerung wirkt alles jedoch etwas düster.Vor dem Verbindungshaus bleibe ich stehen und klopfe. Einer der Bewohner sollte Bescheid wissen und mir alles zeigen. Die Tür öffnet sich. Ein schlanker, dunkelhäutiger Junge mit Dreadlocks steht vor mir. „Hey, du musst Hugos kleine Schwester Odera sein, stimmt's?" Seine Lippen ziehen sich zu einem sonnigen Lächeln. Ich nicke und lächle. „Na dann, komm rein. Ich bin Jesse."

Das Haus wirkt sofort gemütlich. Dunkles Holz bedeckt den Boden, an den Wänden hängen Bilder und Gemälde. Pflanzen hängen von der Decke, schlängeln sich über Regale oder stehen auf dem Boden. Alles wirkt kreativ und ein bisschen chaotisch. „Hier links ist die Küche", erklärt Jesse. „Du kannst Sachen einkaufen, aber beschrifte sie besser, wenn du willst, dass sie dir gehören bleiben. Abwasch macht jeder selbst, gekocht wird meistens auch alleine. Manchmal kochen wir aber zusammen. Die Kaffeemaschine haben wir angeschafft, damit wir nicht ständig Geld für To-go ausgeben." Die Küche ist modern. Der Esstisch besteht aus massivem Holz, übersät mit Wasserflecken. Vermutlich Überreste von Verbindungspartys. „Rechts ist das Wohnzimmer. Eigentlich eher ein Aufenthaltsraum. Deshalb der Tischkicker. Wenn jemand eine Videokassette kauft, treffen wir uns hier und schauen sie zusammen. Du wirst merken, dass das hier nicht nur ein Wohnort ist, sondern ein Zuhause. Hoffe ich zumindest. Du musst bei nichts mitmachen, aber meistens macht es Spaß. Die Leute hier sind lieb und schräg zugleich."

Jesse schwärmt weiter, doch überzeugt hat er mich längst. Der Blick wandert durchs Wohnzimmer. Ein dunkelgrünes Sofa steht an der Wand, bedeckt mit Kissen und Decken. Der Fernseher ist ein kleiner Kasten. Viel Zeit werde ich davor ohnehin nicht verbringen. „Also? Was sagst du?"

„Wunderschön hier. Wirklich."

„Gut, aber wir sind noch nicht fertig. Oben geht's weiter." Die Treppe knarrt leicht. „Links ist das Badezimmer. Ganz hinten Hugos Zimmer. Und hier ist deins." Ein alter Schlüssel erscheint in seiner Hand. Das Schloss klickt, die Tür schwingt auf. „Da wären wir."

Das Zimmer ist bereits mit meinen Möbeln eingerichtet. „Größer, als ich dachte", rutscht es mir heraus. „Nicht schlecht, oder? Das ist der Vorteil der Verbindungshäuser. Keine nervigen Mitbewohner und keine winzigen Zimmer." Sein Blick fällt auf meinen Bass, der noch verpackt in der Ecke steht. „Du spielst Bass?"

„Ja. Du etwa auch?" Jesse lacht. „Nein. Ich spiele Schlagzeug. In einer Band. Uns fehlt noch ein Bassist. Wenn du willst, frage ich die anderen, ob du mal vorbeikommen kannst." In der Highschool habe ich in einer Band gespielt. Bass ist meine Leidenschaft. „Das wäre schön. Danke."

„Kein Problem. Ich bräuchte nur noch deine Nummer. Mein Zimmer ist Nummer 14. Wenn du etwas brauchst, klopf einfach." Ein Zettel wandert aus meiner Hand in seine. Dann lässt er mich allein. Gegenüber der Tür liegen zwei große Fenster. Das Bett steht direkt darunter. Langsam füllt sich das Zimmer mit meinen Sachen. Bücher, Kleidung, der Bass, alles findet seinen Platz. Bald fühlt sich der Raum vertraut an. Freundlicher als mein altes Zimmer zuhause.

Der restliche Sonntag vergeht damit, Kartons auszupacken. Als alles verstaut ist, sinke ich erschöpft aufs Bett. Einen Moment lang starre ich an die Decke. College. Der Gedanke fühlt sich seltsam an. Ein Traum war das nie. Große Vorfreude gab es auch nicht. Meine Eltern wollten es, und weil ich keine besseren Pläne hatte, ließ ich mich wie so oft treiben. Weit weg von Salem, von meinen Eltern und den alten Freunden. Der Abschied war nicht schwer, nur hektisch. In einem Monat haben sie mich wahrscheinlich vergessen.

Die Bücher für die kommenden Kurse liegen bereits bereit. Konzentrieren kann ich mich trotzdem nicht. Also wandert der Bass in meine Hände. Stunden vergehen. Erst später fällt mir ein, dass ich noch duschen muss. Das Bad ist leer. Nach der Dusche ziehe ich mich in einer Toilettenkabine um, putze anschließend am Waschbecken meine Zähne und betrachte mich im Spiegel. Lange, blonden Wellen hängen noch nass über meine Schultern. Der Schlafanzug besteht aus einem engen Oberteil und einer viel zu großen rot-grau karierten Hose. Auf dem Flur ist es ruhig.

Ein Junge kommt mir entgegen. Der sieht riesig aus , bestimmt einer von den Basketball Spielern. Schwarze, längere Wellen fallen ihm ins Gesicht. Unter seinen Augen liegen tiefe Schatten. Eine frische Narbe zieht sich über seine Haut. Tattoos bedecken Hals und Hände. Der Kapuzenpulli verbirgt den Rest. Der sieht nach Ärger aus. Mein Blick rutscht auf den Boden, als sich unsere Augen kurz treffen.

„Odera?" Diese Stimme erkenne ich überall. „Hugo!" Am Ende des Flurs steht mein Bruder. Der tätowierte Junge schaut irritiert, während ich an ihm vorbeilaufe und Hugo umarme. „Ich bin so froh, dich wiederzusehen", sagt er. Dann tritt er einen Schritt zurück und mustert mich, als hätten wir uns jahrelang nicht gesehen. „Hast du dich schon eingelebt?"

„Ja. Mein Zimmer ist da vorne. Jesse hat mir vorher gezeigt, wo deins ist."

„Jesse hat dich herumgeführt? Gut. Jesse gehört zu den Guten."

„Von den Guten?" Hugo grinst. „Er ist kein Arsch." Er lacht so herzlich wie immer. Mein Lieblingslachen.

Wir sind die Art von Geschwistern, die sich verstehen. Früher haben wir uns ständig geprügelt und gestritten weil unsere Eltern uns zu Rivalen erzogen haben. Letztes Jahr begannen wir jedoch, uns gemeinsam gegen unsere Eltern zu verschwören. Danach wurde vieles einfacher. Nur als Hugo aufs College ging, blieb ich allein zurück. Natürlich wahr ich traurig aber ich gönnte ihm jede Minute in Freiheit.