1. Morgen würde er verschwinden
Triggerwarung: Explizite Darstellung von Suizidgedanken und Depressionen!!!
Er weiß nicht genau wann dieses Gefühl angefangen hat.
Vielleicht ist es schon immer da gewesen. So ein leiser Druck irgendwo hinter den Rippen, nicht stark genug, um zu schreien, aber hartnäckig genug, um nie zu verschwinden.
Die Lehrerin sagt irgendwas über Gedichtinterpretationen, doch ihre Worte klingen, als kommen sie durch Wasser zu ihm. Er starrt auf sein Heft und fragt sich, wie lange man ein Leben führen kann, das sich nicht wie eines anfühlt.
Die Luft ist stickig. Ein Husten erklingt. Die Neonlampen surren pausenlos. Sein Bein zappelt unruhig. Der Stift schwingt hastig in seiner Hand hin und her. Er stützt den Kopf auf seiner anderen Hand ab. Das harte Holz des Tisches drückt fast schmerzhaft in seinen Knochen.
Würde es jemanden auffallen, wenn er morgen nicht hier sitzen würde?
Sein Herz stockt. Der Stift fällt ihm aus der Hand. Die starren Augen der Lehrerin kleben sich an ihm fest.
"Theo, lies bitte das Gedicht einmal vor.", fordert sie ihn mit viel zu süßer Stimme auf.
Theo hasst es.
Er räuspert sich, drückt seinen Rücken durch und schaut auf die schlechte Kopie vor ihm, ehe er anfängt zu lesen.
Theo versucht erst gar nicht sich Mühe zu geben.
Kein Ausdruck, kein Gefühl.
Nur pure Gleichgültigkeit.
Als er fertig ist, lehnt er sich wieder zurück und ignoriert den leicht entsetzten Blick seiner Lehrerin.
Ohne weiter auf sie zu achten, wendet Theo sich dem Fenster zu.
Die Altbauten mit ihren kitschigen Verzierungen haben schon immer eine märchenhafte Wirkung auf ihn.
Sie sehen aus wie aus einer anderen Zeit. Als würden sie nicht in diese passen - ebenso wie er.
Im Hintergrund hört Theo wie seine Mitschüler - insbesondere die Mädchen - angeregt über verschiedene Interpretationsansätze diskutieren, doch es ist nicht mehr als ein nerviges Rauschen.
Nachdem es geklingelt hat, verlässt er als erster den Raum. Bloß weg von den Heuchlern.
Doch heute führt ihn der Weg nicht in den Oberstufenraum. Stattdessen verbringt Theo die Pause lieber allein, sodass er sich auf der harten Holzbank nahe des Kellers niederlässt. Es ist zwar etwas kälter hier, aber er braucht jetzt Ruhe.
Doch leider ist ihm diese anscheinend nicht vergönnt.
"Hier bist du.", sagt Lio.
Der große blonde Junge, der glatt als Unterwäschemodel durchgehen könnte, kommt langsam auf Theo zu und lässt sich seufzend neben ihm sinken.
"Bio war ja mal extrem langweilig... Immer dieses sozusagen. Ich kann es nicht mehr hören!", beschwert Lio sich bei ihm und äfft seine Lehrerin genervt nach.
Theo nickt langsam. "Deutsch war auch nicht sonderlich spannend. Gedichtinterpretation...".
Lio schmunzelt, da er genau wie weiß, was Theo davon hält. Doch dann fällt ihm auf wie gedrückt er dasitzt. Es ist ihm schon ein paar Mal aufgefallen. Diese Leere in seinen Augen, das Zurückziehen.
"Keine Lust auf den Oberstufenraum? Oder meidest du die anderen?".
Theo schaut nach unten und tut so, als wenn er schwer damit beschäftigt wäre sein Brot aus der Alufolie zu befreien.
Wieder ein Seufzen - diesmal tiefer, besorgter.
"Theo, ich mache mir Sorgen um dich. Du bist nicht mehr du selbst. Du vernachlässigst deine Freunde, sogar mich, du hängst lieber allein herum und lässt niemanden an dich heran. Was ist los?".
Lio's Stimme nimmt einen flehenden Unterton an. Theo sieht seinen besten Freund noch immer nicht an.
Er sollte erleichtert sein. Er hat es doch gemerkt. Er hat doch gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Aber er ist es nicht. Im Gegenteil, Theo fühlt sich schlecht. Schuldgefühle steigen in ihm auf. Lio soll sich keine Sorgen machen müssen. Schon gar nicht um ihn.
"Es ist nichts. Ich habe nur Kopfschmerzen und wollte kurz allein sein. Da drinnen ist es immer so laut. Mach dir keine Sorgen.", versucht Theo ihn zu beruhigen.
Lio mustert ihn abschätzend.
Weißt du, ich würde mir an deiner Stelle auch nicht vertrauen, Lio.
Seine Augen huschen hin und her, als wenn er die Lüge finden und zerquetschen will.
Doch das wird er nicht. Theo trägt diese Maske schon viel zu lange, viel zu perfekt.
"Theo, wenn irgendetwas ist kannst du immer zu mir kommen. Das weißt du, oder?". Lio legt seine Hand auf seine Schulter und drückt sie sanft.
Noch mehr Schuldgefühle ziehen wie Nebelschwaden durch Theo's Gedanken. Er soll nicht so traurig lächeln.
Er richtet sich auf und schenkt ihm ein aufgesetztes Grinsen.
"Werden wir jetzt sentimental? Mir kommen die Tränen, Lio.", ruft er und schlägt ihm freundschaftlich gegen den Arm.
Der besorgte Ausdruck in Lio's Gesicht bleibt noch einen Moment unsicher hängen, bevor er schließlich auch grinsen muss.
"Natürlich nicht. Aber morgen sitzt du nicht wieder allein hier.", meint er und klaut eine Tomate aus Theo's Brotdose.
"Hey, was soll das denn jetzt? Vom Sentimentalen zum Dieb. Erfolgreiche Karriere!".
Kurz danach klingelt es und sie laufen zum nächsten Unterricht.
Ist ja nochmal gut gegangen...
Als Theo schließlich nach Hause kommt, steht seine Tante Almina in der Küche und wäscht das dreckige Geschirr ab. So wie es riecht stand sie wohl wieder ein paar Stunden in der Küche.
Theo verdreht die Augen. Wie oft hat er ihr schon gesagt, sie brauche sich nicht so viel Mühe machen und ihm würde ein einfaches Gericht wie Nudeln mit Tomatensauce vollkommen reichen?
Wie oft hat Tante Almina nur mit dem Kopf geschüttelt und ihm klar gemacht, er könne nicht nur von Nudeln leben? Sie würde sich gerne die Mühe machen, solange sie von zu Hause aus arbeiten kann.
Damit ist die Diskussion jedes Mal vorbei, doch sie kommt immer wieder auf.
"Hey, wie war dein Tag?", will Tante Almina auch sogleich wissen, als sie ihren Neffen einbeinig beim Schuhe ausziehen entdeckt.
"Hey, war okay.", erwidert Theo einsilbig. Dann muss er jedoch leicht schmunzeln. „Tantchen, du tropfst.".
Alarmiert sieht Almina auf den Topf, welchen sie gerade abtrocknet. Von diesem fallen kleine Platscher direkt auf den weißen Parkettboden.
"O nein!". Almina bückt sich um die nassen Stellen aufzuwischen. Dabei kräuselt sich ihre beige Strickjacke, die sie fast immer trägt, und ihre langen, welligen Haare flattern ihr ins Gesicht. Mit einer eleganten Kopfbewegung, hat sie das allerdings schnell wieder im Griff.
Theo lacht noch kurz, ehe er seinen Rucksack auf der Treppe abstellt und den Tisch für sie beide deckt.
Wenig später findet Theo sich in seinem Zimmer wieder. Die schweren Vorhänge sind zugezogen. Nur die LED Lichter spenden ein wenig Licht. Doch es fühlt sich nicht wärmend an, sondern zu grell.
Theo liegt auf seinem großen Bett und starrt an die kahle, weiße Wand. Die Matratze fühlt sich steif an – kalt. Die tiefe Müdigkeit hält ihn fest umklammert. Seine Augen brennen.
In seinem Kopf wirbeln die Gedanken:
Ich muss noch Hausaufgaben machen.
Ich sollte mein Zimmer aufräumen.
Ich sollte Tante Almina mehr helfen.
Ich bin ein schlechter Neffe.
Lio sollte sich keine Sorgen um mich machen.
Ich bin ein schlechter Freund.
Ich bekomme nichts hin.
Mich mag sowieso niemand.
Vielleicht sollte ich wirklich verschwinden.
Vielleicht...
Ich...
Und so vergehen Sekunden, Minuten, Stunden.
Theo liegt da, von seinen eigenen Gedanken erdrückt, bis er keine Luft mehr bekommt.
Er weiß, dass es so nicht weiter gehen kann. Doch wer soll ihm helfen? Er will niemanden eine Last sein.
Ja, das ist es... Aber vielleicht hat er auch einfach nur Angst nicht verstanden oder mit Ach, das wird schon wieder abgestempelt zu werden.
Ein Therapeut? Was soll das bringen?
Dass man ihn wieder in ein System eingliedern kann, in welchem er kaputt gegangen ist?
Nein.
Wahrscheinlich sollte er es einfach tun.
Dann hört alles auf.
Der Druck, die vielen Gedanken, die Hoffnung, die Wut und die stille Trauer.
Und wenn er sich doch nicht traut, stellt er sich einfach eine bessere Welt vor.
Frieden, Sonnenuntergänge, Musik, das Meer, Spaziergänge, schöne Orte und seine Mutter, die er nie kennenlernen durfte.
Dann ist es leichter.
Ja, er würde seine Mutter endlich sehen.
Diese Welt ist grausam.
Ein System, dass zum Scheitern verurteilt ist.
Theo will kein Teil davon sein.
Er will eine Pause. Und wenn die ihm nur der Tod geben kann, dann ist das so.
Plötzlich klopft es.
Nicht laut oder hart, aber dennoch so, dass Theo zusammenzuckt. Hastig sieht er sich um. Auf seinem Nachttisch liegen seine Kopfhörer und ein paar alte Lernzettel. Schnell schnappt er sie, ehe er sich die Kopfhörer aufsetzt.
Die Tür geht auf. Ein warmer Lichtschein durchschneidet das kühle Blau der LED's.
Theo's Herz schlägt kräftiger, als würde er etwas Verbotenes tun. Hoffentlich hat sie nichts bemerkt.
Almina tritt in den Raum ein und hat wie immer dieses freundliche Lächeln auf den Lippen, welches es für Theo nur schmerzhafter macht. Sie hat ihr Leben für ihn geopfert und er macht nur alles kaputt.
"Na, was machst du?". Theo nimmt die Kopfhörer langsam wieder ab und sieht zu seiner Tante.
Sie riecht wie immer nach Lavendel - ihr Lieblingsduft.
Er zuckt mit den Schultern. "Nichts besonderes. Nur lernen.", erklärt er und hebt die Lernzettel an, die er vor ein paar Monaten geschrieben hat.
Seine Tante nickt und meint: "Du siehst blass aus. Ist alles okay?".
„Klar, bin nur etwas müde.", erwidert Theo sofort und vielleicht etwas zu schnell.
"Okay... Dann schlaf jetzt lieber. Schule kann warten.", schluckt Almina die halbe Lüge und wendet sich zum gehen.
"Ach, und hast du mal wieder Lust etwas zu unternehmen? Du gehst ja kaum noch raus.".
Sie sieht ihren Neffen vorwurfsvoll an. Dieser zwingt sich zu einem kleinen Lächeln und nickt.
"Wir können mal wieder wandern gehen. Früher hast du das geliebt.", schlägt sie vor, während sie eine ihrer Strähnen zurückstreicht.
"Ja, klingt gut.".
"Bis morgen. Hab dich lieb, Großer.".
Damit fällt die Tür wieder ins Schloss und die Stille kehrt zurück, wie schwerer Nebel.
Bis morgen...
Theo schüttelt den Kopf.
Er legt die Lernkarten wieder weg. Dabei fällt ihm auf, dass er sie falsch herum gehalten hat.
Er fährt sich durch die Haare und setzt sich an seinen Schreibtisch.
Zitternd nimmt er sich ein Stück Papier sowie einen Stift zur Hand.
Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Sein Bauch verkrampft sich.
Es tut weh. Doch er muss es tun.
Ohne ihn ist sie besser dran.
Bebend lässt er den Kugelschreiber auf das Blatt sinken:
Liebe Almina,
es tut mir Leid...
Theo's Entschluss steht fest. Morgen würde er diese Welt verlassen und in eine bessere verschwinden. Er hält es nicht mehr aus.