Drei Promille und ein Dickhäuter

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Summary

Nach einer komplett eskalierten Nacht wachen Lukas, Marco und Tobi ohne Erinnerung in einer abgelegenen Hütte auf – und stellen fest, dass sie im Vollrausch einen Elefanten gekauft haben. Was als absurder Fehler beginnt, wird schnell zum Albtraum: Der Elefant ist Teil eines kriminellen Plans, und plötzlich werden die drei von einem gefährlichen Syndikat gejagt. Mit null Plan, viel zu viel Chaos und einem Dickhäuter im Schlepptau stolpern sie von einer Katastrophe in die nächste – Verfolgungsjagden, Explosionen und völlig verrückte Ideen inklusive. Doch am Ende müssen sie beweisen, dass selbst die größten Idioten zu Helden werden können.

Genre
Humor
Author
LisaDalton
Status
Complete
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
13+

Günther, der Keiler und das Erwachen der Totgeglaubten


Lukas’ Bewusstsein kehrte nicht langsam zurück; es schlug ihm mit der Wucht eines nassen Vorschlaghammers mitten ins Gesicht. Sein erster Gedanke war: Warum schmeckt mein Mund, als hätte eine Gruppe Waschbären darin eine mehrtägige Techno-Party gefeiert? Sein zweiter Gedanke galt dem Gewicht auf seiner Brust. Es war schwer, borstig und stank nach altem Dachboden, Mottenkugeln und tiefer, existenzieller Verzweiflung.

Er öffnete ein Auge. Dann das andere. Das Erste, was er sah, war eine feuchte, schwarze Schnauze. Direkt vor seiner Nase. Ein Paar kleine, starre Glasaugen blickten ihn vorwurfsvoll an.

„Oh Gott“, krächzte Lukas. Seine Stimme klang wie Schleifpapier auf trockenem Beton. „Ich bin gestorben und als Trüffel wiedergeboren worden. Und das ist mein Ende.“

Er versuchte sich aufzurichten, doch das borstige Ungetüm drückte ihn zurück in die speckige, nach abgestandenem Bier riechende Couch der Jagdhütte. Mit zitternden Händen tastete er nach dem Hindernis. Seine Finger glitten über hartes, drahtiges Fell und stießen schließlich auf zwei riesige, gelbliche Hauer, die bedrohlich in die Höhe ragten.

„Bitte sag mir, dass das ein Traum ist“, flüsterte er in die staubige Stille des Raums. „Bitte sag mir, dass ich nicht gerade mit einem echten Keiler löffele. Und bitte sag mir, dass ich gestern Abend keine Versprechen abgegeben habe, die eine standesamtliche Trauung mit einem Paarhufer beinhalten.“

„Es ist kein echter Keiler, du Drama-Queen“, ertönte eine Stimme vom anderen Ende des Raums. Sie klang trocken, hohl und so leblos, als käme sie direkt aus einer Gruft. „Er ist ausgestopft. Und sein Name ist übrigens Günther. Das hat er mir zumindest erzählt, bevor du angefangen hast, im Schlaf an seinem linken Ohr zu knabbern und ihm zu versprechen, dass ihr gemeinsam ein Bistro in der Provence eröffnet.“

Lukas schaffte es endlich, den massiven Wildschweinkopf von sich zu rollen. Das Ding schlug mit einem dumpfen, hohlen Geräusch auf dem Dielenboden auf und blieb dort liegen, wobei es Lukas immer noch aus seinen Glasaugen fixierte. Lukas setzte sich mühsam auf und hielt sich den Schädel, der sich anfühlte, als würde darin jemand mit einer Schlagbohrmaschine nach Öl suchen – und dabei ständig gegen die Innenwand seines Stirnlappens hämmern.

Er sah auf. Marco saß am massiven Eichentisch der Hütte. Das Bild, das er abgab, war die Definition von „gesellschaftlichem Totalschaden“. Marco trug nichts außer seinen Boxershorts mit kleinen, gelben Entchen-Aufdrucken und einer neonorangefarbenen Warnweste, die so hell leuchtete, dass Lukas die Augen schmerzhaft zusammenkneifen musste. Vor ihm lag ein Haufen kalter, trauriger Fischstäbchen, die er mit der Präzision eines Neurochirurgen nach Größe und Bräunungsgrad sortierte.

„Marco“, sagte Lukas langsam, während er versuchte, die Übelkeit wegzustreichen. „Warum trägst du die volle Schutzausrüstung eines Autobahn-Pannendienstes? Und warum...“, er hielt inne und starrte auf Marcos Gesicht, „...hast du eine anatomisch korrekte Zeichnung eines männlichen Geschlechtsorgans auf der Stirn? In knallschwarzem Permanent-Marker?“

Marco hielt mitten in der Sortierung eines besonders krummen Fischstäbchens inne. Er sah Lukas nicht direkt an, sein Blick war auf einen fernen Punkt an der Wand gerichtet, an dem wahrscheinlich gerade seine letzte verbliebene Gehirnzelle Selbstmord beging.

„Die Weste ist für meine Sicherheit, Lukas. Ich habe heute Morgen, nach einem kurzen und sehr schmerzhaften Versuch aufzustehen, festgestellt, dass mein Orientierungssinn durch den Restalkohol auf das Niveau eines betrunkenen Goldfisches gesunken ist. Wenn ich hier drin oder im Wald verloren gehe, finden sie mich wenigstens per Satellit. Ich bin quasi ein menschliches Leuchtfeuer der Schande.“

Er nahm ein Fischstäbchen und biss hinein, als wäre es eine edle Cohiba-Zigarre. „Und was das Kunstwerk auf meinem Kopf angeht... Tobi sagt, es sei eine ‚spirituelle Markierung‘. Er behauptete gestern Nacht, er sei ein Schamane und müsse mein ‚drittes Auge‘ öffnen. Scheinbar sieht mein drittes Auge aus wie etwas, das man normalerweise an Autobahnbrücken sprüht.“

„Eine spirituelle Markierung?“, wiederholte Lukas fassungslos. „Marco, du hast einen Penis auf der Stirn! Du kannst so nicht mal zum Briefkasten gehen, ohne dass die Nachbarn den Exorzisten rufen!“

„Details“, murmelte Marco. „Völlig nebensächlich. Wir haben viel größere Probleme. Zum Beispiel die Tatsache, dass ich in der Tasche dieser Warnweste einen Zettel gefunden habe, auf dem steht: ‚Danke für die Niere, wir sehen uns in der Hölle‘. Und ich bin mir zu siebzig Prozent sicher, dass es nicht meine Handschrift ist.“

Lukas starrte ihn mit offenem Mund an. Er tastete panisch seinen eigenen Rücken ab. „Hast du noch beide? Sag mir, dass du noch beide Nieren hast!“

„Ich hab nachgezählt, Lukas. Soweit man das von außen beurteilen kann, ist alles noch da, wo es hingehört. Es zieht ein bisschen im Lendenbereich, aber das kann auch an der Tatsache liegen, dass wir gestern versucht haben, den Esstisch als Bobbahn zu benutzen. Ich erinnere mich dunkel an sehr viel Gleitgel und einen Besenstiel als Lenker.“

In diesem Moment flog die schwere Holztür der Hütte mit einem Krachen auf, das Lukas’ Kopf fast in zwei Hälften spaltete. Tobi stürmte herein. Wenn Marco ein Totalschaden war, dann war Tobi eine nukleare Katastrophe in Menschengestalt. Er trug eine leuchtend rosa Federboa wie einen Schal, seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab, als hätte er gerade einen Blitz abgeleitet, und er war von oben bis unten mit buntem Glitzer bedeckt, der im einfallenden Sonnenlicht triumphierend funkelte.

„Jungs!“, schrie Tobi mit einer Energie, die in diesem Raum eigentlich unter die Genfer Konventionen fallen müsste. „Gute Nachrichten und schlechte Nachrichten! Was wollt ihr zuerst? Ich empfehle die guten, die sind... nun ja, bunter!“

Lukas ließ den Kopf in die Hände fallen und spürte, wie der kalte Schweiß seinen Nacken hinunterlief. „Die gute, Tobi. Bitte sag mir einfach nur die gute Nachricht. Sag mir, dass wir im Lotto gewonnen haben und uns neue Identitäten in Chile kaufen können.“

Tobi strahlte und wirbelte einmal im Kreis, wobei eine Wolke aus rosa Federn und Glitzer wie giftiger Schnee durch die Hütte segelte. „Die gute Nachricht ist: Ich habe herausgefunden, wo das ganze Konfetti herkommt! Ich habe gestern scheinbar im Rausch eine strategische Allianz mit dem örtlichen Karnevalsverein ‚Die lustigen Lurche‘ gegründet. Wir sind jetzt offizielle Ehrenmitglieder und ich habe versprochen, dass wir den Festwagen für die nächste Saison sponsern. Ich glaube, ich habe dafür mit deinem Auto gebürgt, Lukas.“

Lukas hob den Kopf. Sein Blick war so leer wie seine Versprechen für ein gesundes Leben. „Mein Auto? Mein nagelneuer Leasing-Wagen? Der, für den ich noch 36 Raten zahlen muss?“

„Ja, genau der! Aber hey, wir kriegen dafür lebenslang freien Eintritt zur Prunksitzung und einen Orden in Form eines vergoldeten Salamanders!“, rief Tobi begeistert.

Marco sah von seinen Fischstäbchen auf. Sein Blick war eiskalt. „Und die schlechte Nachricht, Tobi? Lass mich raten: Der Salamander ist nur aus Plastik?“

Tobis Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Das Strahlen erlosch und wurde durch eine Miene ersetzt, die man normalerweise bei Kapitänen von sinkenden Schiffen sieht, die gerade feststellen, dass die Rettungsboote aus Knäckebrot bestehen. Er schluckte schwer, wobei sein Adamsapfel gefährlich unter der Federboa tanzte.

„Die schlechte Nachricht ist... der Typ draußen in der Einfahrt“, flüsterte Tobi.

„Welcher Typ?“, fragte Lukas, wobei seine Stimme eine Oktave nach oben rutschte.

„Der Typ mit dem 40-Tonnen-Tieflader“, sagte Tobi leise. „Er ist seit einer Stunde da. Er sagt, er liefert die Bestellung von gestern Nacht aus. Und er wird langsam ungeduldig, weil er noch einen Termin beim Zoll hat. Er will wissen, wo er den afrikanischen Steppenelefanten abladen soll, den ich scheinbar bei einer Online-Auktion für ‚Gebrauchtwaren mit Charakter‘ ersteigert habe.“

Stille breitete sich in der Hütte aus. Eine Stille, die so schwer war, dass man sie in Scheiben hätte schneiden und als Schalldämmung verkaufen können. Man hörte nur das rhythmische Ticken einer alten Kuckucksuhr an der Wand. Genau in diesem Moment schnellte der mechanische Vogel heraus und gab ein heiseres, krächzendes Kuckuck von sich, das klang wie der letzte Atemzug einer sterbenden Krähe.

„Einen Elefanten“, sagte Marco schließlich. Er klang fast bewundernd. Er nahm das nächste Fischstäbchen und hielt es hoch wie eine Monstranz. „Tobi, ich dachte, nach der Sache mit den dreiundzwanzig Pizzen und der Hüpfburg letztes Jahr hättest du dein Limit erreicht. Aber ein Elefant? Das ist... das ist Kunst. Das ist die Sixtinische Kapelle der Fehlentscheidungen.“

„Er war im Angebot!“, verteidigte sich Tobi und fuchtelte wild mit den Armen. „Es war eine ‚Alles-muss-raus‘-Aktion! ‚Elefant, leicht gebraucht, versteht einfache Kommandos, muss weg wegen Platzmangel im Streichelzoo‘. Er sah auf dem Foto so traurig aus, Lukas! Er hatte diese großen, feuchten Augen, die sagten: ‚Tobi, rett mich vor dem Schredder!’“

Lukas sprang auf. Die Übelkeit war kurzzeitig der reinen, unverfälschten Panik gewichen. „Tobi, wir sind in einer gemieteten Jagdhütte im Sauerland! Wir haben hier keinen Platz für einen Dickhäuter! Ich bin mir zu einhundert Prozent sicher, dass mein Vermieter – ein Mann, der schon ausrastet, wenn man den Müll nicht trennt – eine sehr spezifische Klausel im Vertrag hat, die die Haltung von Rüsseltieren in Innenräumen untersagt!“

„Er steht ja auch nicht drinnen! Er steht draußen auf dem Laster!“, quiekte Tobi. „Aber der Fahrer sagt, wenn wir nicht sofort die zehntausend Euro bar bezahlen, lässt er die Rampe runter, schneidet die Leinen durch und verschwindet. Und er meinte, das Tier hätte seit drei Tagen eine sehr ballaststoffreiche Diät hinter sich und müsse... nun ja... dringend mal.“

Lukas massierte sich die Schläfen. „Zehntausend Euro? Tobi, ich habe noch genau siebenundvierzig Euro auf dem Konto und einen Gutschein für eine Fußpflege, den mir meine Mutter zu Weihnachten geschenkt hat!“

„Ich dachte, ich hätte einen Gutscheincode benutzt!“, rief Tobi verzweifelt. „‚TRÖÖÖT15‘! Ich dachte, das macht es billiger!“

„Marco“, sagte Lukas und drehte sich zu seinem Freund mit der Warnweste um. „Du bist der mit dem BWL-Studium, das du nach zwei Semestern abgebrochen hast, weil dir die Schriftart in den Lehrbüchern nicht gefiel. Sag mir, wie wir aus dieser Nummer rauskommen.“

Marco stand auf, schwankte kurz und rückte sich die Warnweste zurecht. Er sah in den Spiegel, betrachtete den schwarzen Permanent-Marker-Penis auf seiner Stirn und nickte sich selbst ernsthaft zu. „Die Lage ist kritisch, Lukas. Aber als offizieller Gott der Baustellen und Träger des dritten Auges sage ich: Wir brauchen eine Strategie. Erstens: Wir gehen raus. Zweitens: Wir tun so, als wären wir professionelle Elefanten-Inspektoren. Drittens: Wir hoffen, dass der Fahrer dümmer ist als Tobi – was statistisch gesehen eigentlich unmöglich sein sollte.“

Das Grauen hat einen Rüssel

Lukas trat als Erster auf die morsche Holzveranda. Die kühle Morgenluft des Sauerlands biss ihm in die Lungen, doch das war nichts gegen den Anblick, der sich ihm in der Einfahrt bot. Da stand er: ein stählernes Ungetüm von einem Lastwagen, dessen Motor im Leerlauf vor sich hin rülpste und dabei dicke, schwarze Dieselwolken in den ansonsten idyllischen Nadelwald hustete.

Der Fahrer lehnte mit verschränkten Armen gegen die Fahrertür. Er trug ein Unterhemd, das so viele Flecken hatte, dass es fast als moderne Kunst durchgegangen wäre, und kaute auf einem Zahnstocher, als wolle er ihn zu Mehl verarbeiten.

„Na endlich“, dröhnte der Mann. Seine Stimme klang wie eine Lawine, die über ein Blechdach rutscht. „Ich dachte schon, ihr seid da drin an eurem eigenen Dunst krepiert. Wer von euch ist der Chef von diesem Zirkus?“

Lukas wollte gerade den Mund aufmachen, um die Situation diplomatisch zu klären, als Marco an ihm vorbeistürmte. Seine Warnweste leuchtete im Sonnenlicht wie eine Supernova der Inkompetenz. Er baute sich vor dem Fahrer auf, die Brust herausgestreckt, den Edding-Penis auf der Stirn stolz dem Wind entgegenhaltend.

„Hören Sie mal zu, guter Mann“, begann Marco und fuchtelte mit seinem letzten Fischstäbchen herum. „Ich bin der amtlich bestellte Bauleiter für dieses Grundstück. Wir haben hier eine strikte Lärmschutzzone und ich sehe in meinen Unterlagen absolut keine Genehmigung für den Import von schwergewichtigen Rüsseltieren. Wo ist Ihr Frachtbrief? Wo ist die tierärztliche Bescheinigung? Und vor allem: Warum riecht Ihr Laster nach altem Käsefondue?“

Der Fahrer sah Marco an. Er starrte auf die Warnweste. Dann wanderte sein Blick langsam nach oben zur Stirn. Er nahm den Zahnstocher aus dem Mund. „Hör mal, Kleiner. Ich weiß nicht, was du dir gestern Abend alles eingeworfen hast, aber du hast da was im Gesicht. Sieht aus wie eine missglückte Tätowierung von einem Dreijährigen. Und was den Geruch angeht: Das ist kein Käse. Das ist Elefantenschweiß. Und glaub mir, nach acht Stunden auf der Autobahn riecht das Schätzchen hinten drauf nicht mehr nach Rosenblättern.“

In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Tröten vom Anhänger. Es war kein majestätisches Geräusch, wie man es aus Naturdokus kennt. Es klang eher wie eine Posaune, die in einen Mixer gefallen ist. Der ganze LKW schwankte bedrohlich, als das Tier auf der Ladefläche ungeduldig wurde.

Tobi kam hinter Lukas hervor, die rosa Federboa flatterte im Wind wie ein verzweifeltes Kapitulationssignal. „Ist er das? Ist das mein kleiner Dumbo?“

Der Fahrer lachte, ein kurzes, bellendes Geräusch. „Kleiner Dumbo? Das Vieh wiegt fünf Tonnen und hat gestern beim Verladen fast einen Gabelstapler gefressen. Er heißt übrigens ‚General Griesgram‘, aber laut dem Papierkram hat dein Kumpel hier“, er deutete auf Tobi, „ihn gestern Abend um drei Uhr morgens per Klick auf ‚The Hoff‘ umgetauft.“

„The Hoff!“, rief Marco begeistert und vergaß kurz seine Rolle als Bauleiter. „Ich wusste es! Tobi, das ist ein Zeichen! Er ist der Retter der Meere... oder zumindest des Gartenteichs!“

„Ruhe!“, brüllte Lukas und hielt sich die Schläfen. „Herr Fahrer, wir können diesen Elefanten nicht annehmen. Mein Kumpel hier ist... nun ja, er ist ein Idiot. Er hat keine zehntausend Euro. Er hat nicht mal zehntausend Cent, die er nicht schon für glitzerndes Konfetti ausgegeben hat. Nehmen Sie das Tier wieder mit. Wir zahlen Ihnen das Benzin und geben Ihnen... äh... Marcos Warnweste als Entschädigung.“

„Vergiss es“, sagte der Fahrer und klappte ein Klemmbrett auf. „Der Vertrag ist rechtsgültig. Gekauft wie gesehen. Hier steht: ‚Kein Rückgaberecht bei Spontankäufen unter Alkoholeinfluss‘. Das Kleingedruckte ist auf dieser Seite sehr deutlich. Entweder ich kriege jetzt die Kohle, oder ich öffne die Rampe, schneide die Bolzen durch und General Griesgram wird euer neuer Mitbewohner. Und ich sag’s euch: Er hat Hunger. Er hat seit heute Morgen zwei Packungen Zwieback und einen halben Besen vertilgt.“

Lukas spürte, wie sein linkes Auge anfing, unkontrolliert zu zucken. Das war der Moment, in dem sein Leben offiziell in eine Komödie der untersten Schublade abrutschte. „Woher sollen wir zehntausend Euro nehmen? Sollen wir sie aus dem Wildschwein schütteln, das drinnen auf der Couch liegt?“

Tobi trat vor, seine Augen glänzten vor Aufregung. „Vielleicht können wir eine Show machen! Wir verlangen Eintritt von den Nachbarn! ‚Der einzige Elefant des Sauerlands! Reiten Sie auf The Hoff für nur fünfzig Euro!’“

„Tobi“, sagte Lukas mit einer Stimme, die gefährlich ruhig war. „Die nächsten Nachbarn wohnen drei Kilometer entfernt und sind achtzigjährige Förster, die uns beim ersten Anblick eines Elefanten mit Schrotflinten vom Hof jagen. Das ist kein Geschäftsmodell, das ist ein Todesurteil.“

Plötzlich gab es ein metallisches Quietschen. Alle wirbelten herum. Der Elefant hatte es geschafft, seinen Rüssel durch einen Spalt in der Plane zu schieben. Mit einer erschreckenden Zielgenauigkeit suchte er die Umgebung ab und fand – natürlich – Tobis aufblasbares Einhorn, das noch vom Vorabend im hohen Gras lag.

Der Rüssel umschlang das quietschbunte Plastiktier. Es gab ein kurzes, trockenes Plopp, als das Einhorn unter dem Druck nachgab. Dann schleuderte der Elefant die zerfetzten Überreste mit einer lässigen Bewegung über das Dach der Jagdhütte.

„Mein Einhorn!“, schrie Tobi entsetzt. „Er hat Sparkles getötet!“

„Das war kein Mord, Tobi, das war eine Gnadenentlassung“, murmelte Marco. „Aber seht euch diesen Rüssel an! Das ist Präzision! Der Typ könnte wahrscheinlich eine Flasche Bier öffnen, ohne den Kronkorken zu verbiegen.“

Der Fahrer verlor nun endgültig die Geduld. „Schluss mit dem Kasperletheater! Ich zähle bis drei. Entweder ich sehe lila Scheine, oder der General geht auf Patrouille.“

„Eins!“

„Warten Sie!“, rief Lukas. „Wir haben... wir haben Wertsachen! Marco, gib ihm deine Uhr!“

„Meine Uhr? Die hab ich gestern gegen ein Sixpack und ein signiertes Foto von einem Alpaka getauscht!“, rief Marco verzweifelt.

„Zwei!“

„Tobi, deine Playstation!“, schrie Lukas.

„Die steht in der Stadt! Und außerdem bin ich gerade mitten in einem Level!“, heulte Tobi.

„Drei! Pech gehabt, Jungs. Willkommen in der Welt der Großwildbesitzer.“

Mit einem hämischen Grinsen betätigte der Fahrer einen Hebel am Heck des Lastwagens. Die schwere Eisenrampe knallte auf den Boden, dass der Matsch nur so spritzte. Die Ketten rasselten, die Plane flog beiseite, und da stand er in seiner vollen, grauen Pracht.

General Griesgram, alias The Hoff, blinzelte in die Morgensonne. Er sah sich um, sah die drei zitternden Gestalten auf der Veranda und stieß ein tiefes, grollendes Geräusch aus, das Lukas’ Eingeweide wie einen Milchshake durchschüttelte. Dann setzte der Elefant einen massiven Fuß auf die Rampe.

„Oh nein“, flüsterte Lukas. „Das passiert wirklich.“

„Er ist wunderschön“, schniefte Tobi und rückte seine rosa Federboa zurecht. „Seht euch nur diese Ohren an. Die sehen aus wie riesige, graue Pfannkuchen.“

„Pfannkuchen, die uns gleich zerquetschen werden“, ergänzte Marco trocken. „Leute, ich glaube, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um über das Thema ‚Fluchtreflex‘ zu sprechen. Wer ist dafür, dass wir uns im Keller einsperren und so tun, als wären wir Möbelstücke?“

Der Elefant machte einen weiteren Schritt. Er war jetzt komplett auf dem Boden. Er war größer, als er auf den Fotos gewirkt hatte. Viel größer. Und er schien einen sehr spezifischen Plan zu haben: Er steuerte geradewegs auf den gemieteten Grill zu, auf dem noch die Reste der gestrigen (verbrannten) Grillparty lagen.

„Nicht der Grill!“, schrie Lukas und stürzte die Treppen hinunter. „Das ist Edelstahl! Der kostet dreihundert Euro Pfand!“

Es war zu spät. Mit einer fast schon arroganten Beiläufigkeit hob der Elefant den Rüssel, schlang ihn um das Gestell des Grills und hob ihn hoch, als wäre er aus Pappmaschee. Dann ließ er ihn einfach fallen. Das Geräusch von berstendem Metall hallte durch den Wald.

Der Fahrer schwang sich lachend zurück in seine Kabine. „Viel Spaß mit dem Dicken! Er mag übrigens keine laute Musik und keine Warnwesten. Nur so als Tipp!“

Mit durchdrehenden Reifen und einer weiteren Rußwolke raste der Laster davon und ließ die drei Freunde mit einem fünf Tonnen schweren Problem allein, das gerade anfing, die Dachrinne der Hütte als Kauspielzeug zu testen.

Lukas starrte auf das Chaos. „Marco?“

„Ja, Lukas?“

„Wenn wir das überleben... bring ich Tobi um. Ganz langsam.“

„Verständlich“, sagte Marco und rückte seine Weste zurecht. „Aber erst mal müssen wir verhindern, dass The Hoff die Hütte in ein Cabrio verwandelt. Tobi! Hol die Fischstäbchen! Wir müssen ihn bestechen!“