Drei Wochen in Camogli

All Rights Reserved ©

Summary

Drei Wochen Ligurien. Eine Frau, die ins Meer geht und ihren Körper wiederfindet. Irgendwann riecht der Kaffee anders. Irgendwann berührt jemand ihren Arm.

Status
Complete
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

Ankommen

Der Zug schob sich die Küste entlang wie etwas, das keine Eile kannte, und Giulia Ferreira lehnte die Stirn ans Fenster und ließ das Licht über ihre olivfarbene Haut wandern. Sie war sechsunddreißig und hatte seit Hamburg keinen Gedanken mehr zu Ende gedacht, und das war gut so. Ihr Körper füllte den Sitzplatz auf eine Art, die sie mochte – die weichen Hüften, die sich gegen die Armlehne drückten, die vollen Brüste unter dem Leinentop, das schon nach Schweiß und Zugluft roch. Ihre dunkelbraunen Locken, schulterlang und vom offenen Fenster im Korridor leicht verweht, klebten am Hals, genau dort, wo der kleine Leberfleck saß, den ihre Mutter sinal de beleza nannte – Schönheitszeichen. Ihre Mutter sagte das auf Portugiesisch, weil manche Dinge nur in der Sprache stimmen, in der man sie zum ersten Mal gehört hat.

Genua war zwanzig Minuten her. Die Küste wurde steiler, die Häuser bunter, und Giulia sah, wie sich die Farben veränderten: vom Industriegrau der Hafenstadt zu etwas, das nach Postkarte aussah, aber nicht so gemeint war. Ocker, Terrakotta, ein Rosa, das in Deutschland niemand an eine Hauswand streichen würde. Die Felsen fielen ins Meer wie abgebrochene Sätze, und das Wasser darunter war so türkis, dass es beinahe übertrieben wirkte.

Sie hatte drei Wochen. Einundzwanzig Tage, um im Mittelmeer zu schwimmen, Focaccia zu essen und Bücher zu lesen, deren Seiten wellig wurden vom Salz. Kein Plan darüber hinaus. Keine Absicht, sich selbst zu finden – sie wusste, wo sie war. In einem Zug an der ligurischen Küste, mit einem Koffer voller Sommerkleider und einer Tube Sonnencreme, die schon im Kulturbeutel aufgegangen war. Ihr Leben in Hamburg funktionierte. Sie übersetzte technische Handbücher aus dem Portugiesischen und Italienischen, ihre Eltern waren noch zusammen, ihre letzte Beziehung war zu Ende gegangen wie ein Lied, das einfach aufhört – kein Crescendo, kein Absturz, nur Stille, und dann etwas Neues im Radio. Sie war nicht auf der Flucht. Sie war auf dem Weg ans Meer.

Camogli. Der Name klang wie etwas, das man mit vollem Mund sagt.

Der Bahnhof war winzig, ein Durchgang zwischen Fels und Wasser, und als Giulia auf den Vorplatz trat, schlug ihr die Hitze ins Gesicht wie ein warmes Handtuch. Juni, später Nachmittag, die Luft roch nach Pinie und heißem Asphalt und etwas Süßem und Würzigem, das sie nicht zuordnen konnte – Jasmin vielleicht, oder Feige. Sie zog den Koffer über Kopfsteinpflaster, das unter den Rädern vibrierte, und folgte der Straße, die sich zum Hafen hinunterschlängelte.

Die Häuser standen in den Klippen wie Zuschauer, die sich gegenseitig über die Schulter schauen. Fünf, sechs Stockwerke hoch, Fassaden in Apricot und Salbeigrün und einem Gelb, das an reife Zitronen erinnerte. Wäsche hing über den Balkonen. Fensterläden standen offen. Irgendwo spielte ein Radio, italienischer Pop aus einem anderen Jahrzehnt, und Giulia dachte: Ja. Genau das.

Die Pension lag in einer Seitengasse, drei Minuten vom Hafen, hinter einer Tür mit abblätterndem Lack, über der ein Schild hing: Pensione Bianchi. Giulia klingelte. Nichts passierte. Sie klingelte noch einmal. Dann Schritte auf Fliesen, langsam und bestimmt, und die Tür ging auf.

Signora Bianchi war siebzig, fünfundsiebzig oder zeitlos, eine kleine Frau mit weißem Haar, das sie hochgesteckt trug, und Augen, die alles gleichzeitig sahen – den Koffer, die verschwitzten Locken, das Leinentop, die Hüften, die Sandalen.

»Ferreira«, sagte sie, als sei das eine Diagnose.

»Ja«, sagte Giulia.

»Du bist größer als am Telefon.«

Das ergab keinen Sinn, aber Giulia lächelte, weil es auch keinen ergeben musste. Signora Bianchi nahm den Koffer – nahm ihn, mit einer Kraft, die nicht zu ihrem Körper passte – und trug ihn die Treppe hinauf, drei Stockwerke, ohne Aufzug, ohne außer Atem zu geraten. Giulia folgte. Die Treppe roch nach Bohnerwachs und Rosmarin.

Das Zimmer war klein und weiß und perfekt. Ein Bett mit Eisengestell, breit genug für zwei, Laken aus Baumwolle, die so oft gewaschen waren, dass sie sich anfühlten wie Haut. Ein Nachttisch mit einer Lampe, deren Schirm kleine Brandflecken hatte. Ein Stuhl. Ein Schrank. Und die Fensterläden, die Signora Bianchi jetzt aufstieß, als führe sie eine Vorstellung vor.

Das Meer.

Es lag da wie etwas, das schon immer dagewesen war und keine Zustimmung brauchte. Türkis und blau und an der Stelle, wo die Fischerboote lagen, ein Fleck von tieferem Grün. Der Hafen mit seiner gebogenen Mole, die bunten Häuser darüber wie aufgeschichtete Bauklötze, und am Horizont, wo das Wasser den Himmel berührte, eine Linie von Gold, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie Licht oder Farbe war.

»Colazione um acht«, sagte Signora Bianchi. »Kaffee ist immer.«

Dann ging sie, und Giulia stand am Fenster und atmete ein, und die Luft schmeckte nach Salz und warmem Stein und dem Basilikum, der in Tontöpfen auf dem Fensterbrett der Nachbarwohnung wuchs.

Sie duschte mit kaltem Wasser, weil das warme drei Minuten brauchte und sie nicht warten wollte. Zog ein Kleid an, baumwollblau, das an ihren Hüften saß, als sei es dafür gemacht. Ging hinunter und hinaus und zum Hafen, barfuß in Sandalen, das nasse Haar tropfend auf den Stoff.

Camogli am Abend war ein Aquarell, das jemand mit nassen Fingern verwischt hatte. Die Sonne stand tief und verwandelte die Hausfassaden in etwas, das zwischen Rosa und Gold schwankte. Fischer zogen Netze ein, langsam, rhythmisch, als übten sie eine Choreografie. Touristen saßen an den Tischen der Hafenbar und tranken Aperol Spritz aus Gläsern, in denen das Eis schon geschmolzen war. Kinder rannten über die Mole, ihre Stimmen hell und schneidend wie Möwenschreie.

Giulia setzte sich an einen Tisch am Wasser und bestellte ein Glas Vermentino. Er kam strohgelb und kühl, und als sie trank, schmeckte sie Zitrone und Salz und etwas Mineralisches, als hätte jemand das Meer in Trauben verwandelt. Sie bestellte Focaccia, die warm kam und glänzend vor Olivenöl, mit grobem Meersalz und Rosmarin, und sie aß sie mit den Fingern und leckte sich das Öl von den Handballen, und niemand schaute, und das war das Beste daran.

Die erste Nacht schlief sie mit offenen Fensterläden. Das Meer rauschte, nicht laut, nicht leise, sondern in einer Frequenz, die genau unter dem Bewusstsein lag. Der Wind kam vom Wasser und trug die Wärme des Tages mit sich, und Giulia lag nackt auf den Baumwolllaken und spürte, wie die Luft über ihre Haut strich – Bauch, Brüste, die Innenseiten der Oberschenkel. Nicht erotisch. Oder doch. Oder etwas dazwischen, das keinen Namen brauchte.

Sie schlief ein wie jemand, der ins Wasser fällt: plötzlich, tief, ohne Übergang.

Die Tage fanden ihren Rhythmus, ohne dass Giulia ihn suchte.

Morgens, kurz nach sieben, bevor die Hitze ernst wurde, ging sie schwimmen. Die kleine Bucht östlich des Hafens, wo die Felsen ins Wasser abfielen und das Meer so klar war, dass sie den Grund sehen konnte – Sand, Steine, ein Schwarm kleiner Fische, die silbern blitzten, wenn sie sich drehten. Sie schwamm zwanzig, dreißig Minuten, ohne Ziel, ohne Tempo, und das Salzwasser lag auf ihrer Haut wie eine zweite Schicht, die alles weicher machte.

Danach: Kaffee am Hafen, bei der Bar, die kein Schild hatte und die alle nur da Piero nannten. Der Kaffee war stark und bitter und kam in einer Tasse, die so klein war, dass Giulias Finger kaum um den Henkel passten. Signora Bianchis Colazione um acht war Kaffee, dazu Fette Biscottate mit Butter und Orangenmarmelade, die sie selbst einkochte, und manchmal ein weiches Ei. Ernst gemeint und nicht verhandelbar. Aber Giulia brauchte danach noch einen zweiten Kaffee, draußen, mit Blick aufs Wasser. Also setzte sie sich zu Piero, und der zweite Kaffee war der eigentliche, und dazu kam ein Cornetto, warm, mit Crema gefüllt, und der Zucker rieselte auf den Tisch und klebte an ihren Fingerspitzen.

Vormittags las sie. Oder versuchte es.

Auf der kleinen Terrasse der Pension, in dem Streifen Schatten unter der Markise, die Beine hochgelegt, das Buch aufgeschlagen auf den Knien – alles war richtig. Nur das Buch war falsch.

Es war kein schlechtes Buch. Das war das Problem. Es war ein gutes schlechtes Buch, präzise in seiner Absicht, solide in der Ausführung, es tat genau, was es tun sollte: Spannung aufbauen, Figuren in Position bringen, dann die Szene liefern, auf die fünfzig Seiten hinausgelaufen waren. Er und sie. Die Nacht. Sein Körper, der auf sie zudrückte. Ihre Haut, die brannte. Seine Hände, die sie überall berührten.

Giulia wartete.

Sie wartete auf etwas in ihrem Körper, das der Text ihr versprochen hatte – ein Kribbeln, ein Wärmer-Werden, das Gefühl, das Bücher manchmal auslösten und das einen weiterlesen ließ, weil die Alternative war, aufzuhören, und das wollte man nicht. Sie wartete, und es kam nicht. Sie las die Passage noch einmal, von vorne. Seine Hände auf ihrer Haut. Ihre Hüften, die sich ihm entgegenbogen. Der Atem, den sie verlor.

Nichts.

Das Buch hatte ihr einen Körper versprochen und eine Beschreibung geliefert.

Sie legte es weg. Die Sonne stand hoch, die Markise warf Schatten über ihren Bauch, und ihre Füße lagen im Licht. In der Gasse rief eine Frau einen Namen, eine andere antwortete – nur Ton, keine Wörter.

Giulia sah über die Ziegeldächer auf das Blau dahinter. Das Meer. Das wirkliche.

Er berührte sie, und sie spürte es überall, hatte das Buch geschrieben. Überall. Giulia hätte gern gewusst, wo das war. Die Innenseite der Oberschenkel, wo schon die Luft zu einer Berührung werden konnte? Die Stelle unter dem Schlüsselbein, die man vergaß und an die man sich erinnerte, wenn jemand sie fand? Den Bauch, der sich anzog, wenn Hände näher kamen? Nirgends davon. Überall war nirgends.

Sie dachte nicht weiter darüber nach. Das Buch hatte sie nicht erwischt, so wie manche Abende nicht erwischten, manche Gespräche, manche Abende, in denen man das Richtige trank am richtigen Ort und trotzdem nichts fühlte. Der Körper simulierte nicht, was nicht da war. Das war vielleicht seine einzige Ehrlichkeit.

Sie nahm das Buch vom Tisch und legte es in den Schatten. Dann holte sie das andere – das italienische Taschenbuch, die mittelmäßige Prosa, die schönen Wörter –, und las, und das Lesen war wieder das, was es sein sollte: Dasitzen, atmen, da sein.

Signora Bianchi brachte Kaffee, ungefragt, immer zur selben Zeit, und blieb stehen und kommentierte, was sie sah.

»Du wirst braun.«

»Ja.«

»Gut. Du warst blass wie eine Deutsche.«

»Ich bin eine Deutsche.«

»Zur Hälfte. Die andere Hälfte sieht man jetzt.«

Signora Bianchi hatte recht. Die Sonne holte die portugiesische Seite aus Giulias Haut, das Olivfarbene wurde dunkler, wärmer, und nach vier Tagen sah sie aus wie jemand, der hierhergehörte. Die Locken wurden wilder vom Salzwasser, und sie hörte auf, sie zu bändigen. Sie hörte auf, vieles zu tun: die Uhr zu tragen, Schuhe anzuziehen, wenn sie nur zum Hafen ging, den Bauch einzuziehen, wenn sie im Bikini über den Strand lief. Ihr Körper war hier nicht zur Verhandlung. Er war einfach da, kurvig und warm und salzig, und das Meer nahm ihn jeden Morgen auf wie etwas, das selbstverständlich war.

Mittags Pasta. In der Trattoria an der Piazza, die nach Knoblauch roch und nach dem Holzofen, der seit fünfzig Jahren brannte. Trofie al pesto, so grün, dass es fast leuchtete. Oder Pansoti in Nusssauce, die Teigtaschen prall gefüllt mit Ricotta und Borretsch. Oder einfach Spaghetti mit Muscheln, die nach Meer schmeckten und nach dem weißen Wein, in dem sie gekocht worden waren. Giulia aß langsam und trank dazu Wasser mit Kohlensäure, und das Eis in ihrem Glas klirrte jedes Mal, wenn jemand an ihrem Tisch vorbeiging.

Nachmittags schlief sie. In der Hängematte auf der Dachterrasse, die Signora Bianchi ihr am dritten Tag gezeigt hatte – »Nur für Gäste, die wissen, was Ruhe ist« –, und der Schlaf am Nachmittag war etwas anderes als der in der Nacht: flacher, durchsichtiger, durchzogen von Geräuschen, die sie nicht ganz erreichten. Möwen. Ein Motorboot. Das Klappern von Geschirr in der Küche unter ihr. Die Stimme einer Frau, die etwas rief, das klang wie Dai, dai, andiamo, und Giulia dachte an nichts und wachte auf mit dem Abdruck des Hängemattennetzes auf ihrer Wange und einem trockenen Mund, der nach Nachmittag schmeckte.

Abends das Licht auf dem Wasser.

Giulia ging auf den Kai hinaus, der sich wie ein Arm ins Meer streckte, und setzte sich an die Kante, die Füße baumelnd über dem Wasser. Von hier aus sah sie die Sonne untergehen, langsam und golden und so selbstverständlich, als hätte sie das schon millionenfach getan. Das Licht auf dem Wasser war keine Reflexion – es war, als würde das Meer selbst leuchten, von innen, ein tiefes, sattes Gold, das sich in Kupfer verwandelte und dann in etwas, das kein Wort beschreiben konnte, und dann war es dunkel, und die Lichter der Häuser gingen an, eins nach dem anderen, und hinter ihr spiegelte sich die Häuserfront im Hafenbecken wie eine Stadt, die es zweimal gab.

Am fünften Tag kaufte sie Fisch.

Nicht weil sie kochen wollte – die Pension hatte keine Küche, und Signora Bianchi hätte ihr eine fremde Pfanne ohnehin nicht verziehen –, sondern weil Signora Bianchi sie darum gebeten hatte. Geh zu Marco am Hafen, sag, ich brauche Branzino, zwei Stück, er weiß schon. Also ging Giulia am späten Vormittag zum Hafen, als die Fischer ihren Fang sortierten und die Luft nach Meer und Fisch und Diesel roch.

Sie fand den Stand am Ende der Mole, einen zusammenklappbaren Tisch unter einem Sonnenschirm, dahinter Kisten mit Eis und Fisch und ein Mann, der Sardinen in Zeitungspapier wickelte.

Er war kleiner, als sie erwartet hatte. Das war das Erste, was ihr auffiel, und sie ärgerte sich kurz darüber, dass sie etwas erwartet hatte. Drahtig, sehnig, das T-Shirt hing an seinem Körper, als hätte es einmal jemandem mit mehr Gewicht gehört. Schmale Hüften in einer Arbeitshose, die von einem Gürtel gehalten wurde, der zwei Löcher zu weit war. Sonnenverbrannt, nicht gleichmäßig, sondern in Schichten – die Unterarme dunkler als die Schultern, der Hals dunkler als das Gesicht, als hätte die Sonne ihn über Jahre Stück für Stück angemalt. Er war mager. Nicht auf eine Art, die nach Verzicht aussah, sondern auf eine, die nach einem Körper aussah, der jeden Tag arbeitete und genau so viel aß, wie er brauchte.

»Branzino«, sagte Giulia. »Zwei Stück. Für Signora Bianchi.«

Er sah auf. Vierzig vielleicht, oder knapp darüber, schwer zu sagen bei einem Gesicht, das mehr draußen gelebt hatte als drinnen. Dunkle Augen unter Brauen, die dicht zusammenstanden, eine Nase, die einmal gebrochen gewesen sein musste – ein leichter Knick nach links, nichts Dramatisches, aber man sah es. Das Haar kurz, schwarz, an den Schläfen schon etwas heller, und nicht gekämmt, sondern nur vom Wind sortiert. Fältchen um die Augen, tief und fein, nicht vom Lachen, nicht von der Sorge, sondern von der Sonne, die sich in die Haut gegraben hatte wie ein Fluss in Stein. Kein Gesicht, das man schön nannte. Aber eines, das man zu lange ansah.

»Bianchi«, sagte er und nickte, als sei das genug.

Er griff in die Kiste und holte zwei Fische heraus, silbrig und steif und noch nass vom Eis, und legte sie auf das Papier und begann sie einzuwickeln, und Giulia sah seine Hände.

Sie waren rau, natürlich waren sie rau, Schnitte und Schwielen und Nägel, die kurz abgebrochen waren statt geschnitten. Aber sie bewegten sich anders, als sie erwartet hätte. Schnell und leicht, die Finger griffen das Papier an den richtigen Stellen, falteten, drehten, und der Fisch war eingewickelt, bevor Giulia den Vorgang richtig verfolgt hatte. Keine Kraft, nur Routine. Hände, die das zehntausendmal taten und längst nicht mehr daran dachten.

Was sie nicht erwartet hatte: dass sie hinsah. Dass ihre Augen an seinen Händen blieben, statt auf den Fisch zu schauen oder auf sein Gesicht oder irgendwohin sonst, wo man normalerweise hinsah, wenn man an einem Fischstand stand und Branzino kaufte.

Er schob ihr das Paket hin. Sie griff danach. Ihre Finger berührten sich über dem Papier, eine Sekunde, vielleicht weniger, und es war nichts. Eine Transaktion. Geld gegen Fisch. Ihre Fingerspitzen auf seinen, kühl vom Eis, und dann war der Kontakt vorbei, und sie nahm das Paket und sagte »Grazie« und ging.

Auf dem Weg zurück zur Pension dachte sie an seine Hände.

Nicht auf eine bestimmte Art. Nicht mit einer Absicht. So, wie man an etwas denkt, das man gesehen hat und das sich anders anfühlte als erwartet – ein Wort in einer fremden Sprache, das etwas anderes bedeutet, als es klingt. Seine Hände hatten etwas Glattes gehabt, etwas Glattes, und sie wusste nicht, warum sie sich das merkte.

Signora Bianchi nahm den Fisch entgegen und inspizierte ihn, als müsste sie ein Urteil sprechen.

»Bene«, sagte sie. »Marco kennt meinen Fisch.«

»Marco«, wiederholte Giulia, und der Name lag in ihrem Mund wie eine Olive – rund und fest.

»Marco Conti«, sagte Signora Bianchi. »Fischer. Hat eine Tochter. Elisa. Acht Jahre. Die Mutter ist in Genua, arbeitet bei einer Bank. Freitags holt sie das Kind. Sonntags bringt sie es zurück. So geht das.«

Giulia hatte nicht gefragt, aber Signora Bianchi gab Informationen nicht nach Bedarf, sondern nach Verfügbarkeit.

»Sein Fisch ist der beste in Camogli«, fügte sie hinzu. »Das ist keine Meinung. Das ist eine Tatsache.«