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Jaci Brookes-Lyon schritt mit erhobenem Kopf durch die Lobby des Forrester-Grantham Hotels in New York. Sie steuerte auf die Aufzüge zu. Neben den Aufzügen standen lebensgroße Statuen von Tänzerinnen. Jaci berührte kurz eine kühle Marmorschulter. Ihr Blick wanderte zu ihrem Spiegelbild in der glänzenden Aufzugstür. Ihr Kurzhaarschnitt lag im Trend, ihr Cocktailkleid war elegant. Zusammen mit ihren High Heels und dem perfekten Make-up sah sie aus wie eine selbstbewusste, weltgewandte Frau. „Ich sehe gut aus“, entschied sie. Sie wirkte etwas ernst, doch das konnte sie ändern.
Wichtig war, dass niemand hinter ihre Maske schauen konnte. Hier in New York fühlte sie sich wie eine bessere, stärkere Version der englischen Jaci. Niemand würde daran zweifeln, dass sie ihr Ziel erreichen würde. Schade nur, dass das Bild trog.
Als sie im ersten Stock ausstieg, straffte Jaci die Schultern und ging auf die Doppeltür zum Ballsaal zu. „Lächle“, befahl sie sich. Im Saal drängten sich Männer im Frack oder Smoking und Frauen in Designer-Kleidung. Niemand sollte ahnen, dass diese Menschenmenge die Hölle für sie war. „Lieber würde ich nackt über den Piccadilly Circus spazieren“, dachte sie. Sie beschloss, gleich wieder zu gehen, falls sie ihre Kollegen von Starfish nicht finden würde.
Mit Wes und Shona, die ebenfalls als Drehbuchautoren arbeiteten, hatte sie sich angefreundet. Sie hatte mit ihnen am Nachmittag die lange Preisverleihung überstanden. Jetzt sollte das Ganze mit einer Party enden. Jaci mochte solche Partys nicht, aber sie musste so tun, als amüsiere sie sich.
Sie schaute sich um. Da stand die Schauspielerin Candice Bloom. Im echten Leben sah sie älter und nicht so schlank aus wie im Film. Ein Kellner drängte sich vorbei, Jaci nahm ein Glas Champagner. Sie nippte daran und bahnte sich einen Weg zum Rand des Saals, um nach ihren Kollegen Ausschau zu halten. Sie gab sich noch zwanzig Minuten. Sie wollte nie wieder das Mauerblümchen sein.
„Das sieht aus wie ein gelungenes Stück georgianischer Handwerkskunst“, sagte eine Stimme neben ihr.
Jaci wandte sich um. Ihr Gegenüber trug einen smaragdgrünen Smoking und erinnerte sie an einen Frosch. Sein Haar war dünn und fettig zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sein Bärtchen gab seinem Gesicht einen grausamen Zug. „Warum gerate immer ich an solche Typen?“, dachte sie. Mr. Frosch griff nach ihrer Hand, um ihren Ring zu betrachten. Er hatte erstaunlich viel Kraft. „Ah“, sagte er, „ein außergewöhnlicher Stein, ein Amethyst. Aus dem achtzehnten Jahrhundert, nicht wahr?“
Jaci wollte nicht mit ihm über ihren Ring sprechen. Sie entzog ihm die Hand und wollte sich die Finger abwischen. Der Frosch verursachte ihr Gänsehaut. „Wie sind Sie zu dem Ring gekommen?“, fragte er und zeigte hässliche gelbe Zähne.
„Ein Familienerbstück“, antwortete sie. Sie war zu gut erzogen, um den Mann einfach stehen zu lassen.
„Ihr Akzent ist bezaubernd. Sie sind Engländerin?“ – „Ja.“ – „Ich besitze eine Villa in den Cotswolds. Kennen Sie den Ort Arlingham?“
Sie kannte den Ort, doch ihre Geduld war am Ende. „Nein“, sagte sie. „Wenn Sie mich entschuldigen würden…“
„Ich besitze einen sehr hübschen Diamantanhänger, der sich wunderbar auf Ihrem Dekolleté machen würde“, unterbrach er sie und kam näher. „Ich stelle mir gerade vor, wie umwerfend Sie aussehen würden, wenn Sie nur diesen Schmuck und ein paar goldene High Heels trügen.“
Ein kalter Schauer überlief Jaci. Als er mit der Zunge über die Zähne fuhr, wurde ihr übel. Sie schob seine Hand von ihrer Hüfte. Sie wollte ihm sagen, was sie von ihm dachte, doch man hatte ihr beigebracht, stets höflich zu bleiben. Sie beherrschte die Kunst der diplomatischen Abfuhr. Wenn sie ihn nicht loswurde, musste sie abhauen.
„Ich begleite Sie, wenn Sie aufbrechen“, verkündete er.
„Sparen Sie sich die Mühe“, stieß sie hervor. „Ich bin nicht interessiert.“
„Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich einen großen Film finanziere. Ich besitze ein Schloss in Deutschland und …“
Jaci kochte vor Zorn. Er konnte nicht ahnen, dass sie auf einem herrschaftlichen Landgut aufgewachsen war. „Ich muss gehen“, murmelte sie, tauchte unter seinem Arm durch und eilte zum Ausgang.
Sie hatte die Aufzüge fast erreicht, als sie hörte, wie der Frosch hinter ihr jemandem den Weg befahl. Wenn er in denselben Aufzug stieg, war sie mit ihm eingesperrt. Die Vorstellung bereitete ihr Bauchschmerzen. Wahrscheinlich würde er versuchen, sie zu küssen. Lieber würde sie mit einem Laternenpfahl knutschen! Sie drehte sich Richtung Notausgang.
Bevor sie die Tür öffnen konnte, sagte eine Stimme hinter ihr: „Meine Limousine wartet vor dem Hotel.“
Mr. Aufdringlich war ihr dicht auf den Fersen. Er sah hungrig aus, und sie hatte Angst. In diesem Moment öffneten sich die Aufzugstüren, und ein hochgewachsener Mann im Smoking trat heraus. Breite Schultern, schmale Hüften, dunkles Haar, das zerzaust wirkte.
„Ich kenne ihn“, dachte Jaci. „Ist das Ryan?“
Ja, es war Ryan! Er wirkte erwachsener und beeindruckender als früher. Er war durchsetzungsfähig, sexy, stark. Ein Mann im wahrsten Sinne des Wortes. Jacis Herz machte einen Sprung und ihre Knie wurden weich, als ein elektrischer Schlag sie durchfuhr. Sie fühlte sich heftig zu ihm hingezogen.
„Ryan!“, rief sie.
„Meine Limousine wartet draußen“, sagte der Frosch hinter ihr.
Jaci wusste, dass der Frosch sie nicht in Ruhe lassen würde, bis er sein Ziel erreicht hatte. Dazu würde es nicht kommen. Sie brauchte eine Lösung.
„Ryan, Schatz!“, rief sie, eilte zu ihm und schlang ihre Arme um seinen Nacken. Ryan weitete die Augen vor Erstaunen. Ehe er etwas sagen konnte, verschloss Jaci seinen Mund mit ihrem. Sie schickte ein Gebet zum Himmel: Bitte lass ihn mich nicht wegstoßen!
Seine Lippen waren warm und fest. Als Jaci mit den Fingern seinen Nacken liebkoste, spürte sie, wie Ryan erschauerte. Er löste seinen Mund von ihrem und sah sie tief in die Augen. Doch dann zog er sie wieder zu sich heran und küsste sie drängend und leidenschaftlich. Jaci öffnete die Lippen. Ein Arm um ihre Taille ließ ihren Körper mit seinem verschmelzen, sodass ihre Brüste gegen Ryans muskulösen Oberkörper und ihr Bauch gegen - huch! - seine harte Erektion gepresst wurden.
Jaci hätte nicht sagen können, ob der Kuss Sekunden oder Minuten dauerte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, ihr Atem ging viel zu schnell. Als Ryan ihren Mund schließlich freigab, hielt er sie noch immer umschlungen. Sie barg den Kopf an seiner Schulter. Das alles war so unwirklich. Nie zuvor hatte sie so leidenschaftlich für jemanden empfunden.
„Leroy, wie schön dich zu sehen“, sagte Ryan ruhig. „Ich hatte gehofft, dich hier zu treffen.“
Da sie nicht ewig so stehen bleiben konnte, wollte sie sich umdrehen. Doch Ryan hielt sie fest. „Wie ich sehe, hast du mein Mädchen schon kennengelernt.“
Sie biss sich auf die Unterlippe. Offenbar erinnerte er sich nicht an ihren Namen. „Verflixt, er hat keine Ahnung, wer ich bin!“, dachte sie.
Mr. Gruselig zog eine Zigarre aus seiner Tasche. „Ihr seid ein Paar?“
Jaci wollte eine böse Erwiderung bringen, doch als Ryan sie leicht kniff, schwieg sie.
„Ja“, sagte Ryan, „sie ist meine Freundin. Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen, weil ich außerhalb der Stadt zu tun hatte.“
Auch Leroy war skeptisch. „Ich dachte, sie sei im Begriff zu gehen.“
„Wir wollten uns unten in der Lobby treffen“, sagte Ryan, während sein Kinn auf Jacis Scheitel lag. Ein gutes Gefühl! „Hast du meine Nachricht, dass ich auf dem Weg nach oben bin, gar nicht bekommen, Schatz?“
Schatz? Er wusste tatsächlich nicht, wer sie war. Das gute Gefühl verschwand.
„Wollen wir nicht in den Ballsaal gehen?“, schlug Ryan vor.
„Ich nicht“, stellte Leroy fest.
Ryan streckte dem Frosch die Hand hin. „Dann bis bald, Leroy. Ich freue mich auf unser nächstes Treffen, um unseren Vertrag unter Dach und Fach zu kriegen.“
Mr. Gruselig ignorierte die Hand. „Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich noch Interesse an dem Projekt habe.“
Jaci verstand nicht, worüber sie sprachen. Sie spürte, dass Ryan verärgert war, doch seine Miene verriet nichts.
„Da du etwas von mir willst“, sagte Leroy, „erwarte ich, dass du tust, was ich von dir verlange. Wenn ich dich also auffordere zu springen, dann fragst du: ‚Wie hoch?‘“
Jaci stieg das Blut in die Wangen. Ryans Muskeln spannten sich an.
„Hör zu, Ryan“, meinte Leroy. „Du willst Geld von mir. Deshalb möchte ich in den nächsten Tagen gern mehr Zeit mit dir verbringen. Mit dir und deiner süßen Freundin. Weiterhin wäre es gut, wenn ich ein paar deiner wichtigsten Mitarbeiter kennenlernen würde.“ Er schob sich die Zigarre wieder zwischen die Lippen. „Mein Sekretär wird dich anrufen.“
Damit ging er zum Aufzug. Als sich die Tür schloss, entzog Jaci Ryan ihre Hand. „Zur Hölle mit diesem manipulativen Idioten!“, stieß Ryan hervor.
Jaci trat zurück. „Glaub mir, ich bin dir sehr dankbar. Aber dir ist schon klar, dass ich das nicht mitmachen kann, oder?“
Stirnrunzelnd betrachtete er sie. „Du meinst, du kannst nicht meine Freundin sein?“ – „Ja.“ – „Natürlich nicht. Es würde niemals funktionieren.“
Jaci musste an seine Härte denken, die sie beim Kuss so deutlich gespürt hatte. Er schien nicht uninteressiert.
„Leroy war nur sauer“, fuhr Ryan fort. „In ein paar Tagen sage ich ihm einfach, dass wir einen riesigen Streit hatten.“
„Tu, was du für richtig hältst“, sagte sie und schenkte ihm ein kühles Lächeln. „Also … tschüss.“
„Leroy ist vielleicht noch in der Lobby“, sagte Ryan. „Warte noch ein paar Minuten und nimm dann einen Seitenausgang.“
„Ich habe nicht vor, schon zu gehen“, erklärte sie. „Ich glaube, ich mische mich noch einmal unters Volk.“
Überraschung blitzte in seinen Augen auf. „Ich hatte nicht erwartet, dich hier wiederzusehen, Ryan.“
Er runzelte die Stirn. „Wie wär’s: Sollen wir bei einer Tasse Kaffee die letzten Neuigkeiten austauschen?“
„Nein, Schatz“, gab sie kühl zurück. „Das wäre wohl sinnlos, da du ja noch nicht einmal weißt, wer ich bin. Leb wohl, Ryan.“
„Okay, du hast mich erwischt. Wer bist du? Ich weiß, dass ich dich kenne …“
„Es wird dir wieder einfallen.“ Damit wandte sie sich ab und ging. Sie hörte, wie Ryan leise fluchte.
„Vielleicht kannst du meinem Gedächtnis mit einem weiteren Kuss auf die Sprünge helfen?“, hörte sie Ryans Stimme.
Sie wandte sich um. „Wohl eher nicht“, sagte sie und verschwand durch die Tür. Tatsächlich aber war die Vorstellung, noch einmal in seinen Armen zu liegen, verlockend.